Kategorie-Archiv: Evolution

Schimpansen und ihr „Tanz“

Ehrfurcht oder Aufbegehren?

Ich bin jetzt auf den Originaltext über einen „Religionsansatz“ bei den Schimpansen gestoßen, den ich neulich erwähnte, nämlich hier. Dort habe ich hervorgehoben, was Susanne K. Langer über den symbolischen Gebrauch der Sprache beim Menschen gesagt hat. Auch Jane Goodall beginnt damit, ohne allerdings den gravierenden Unterschied weiter begründen zu wollen. Sehr interessant:

Also sind vermutlich die Klugen am Leben geblieben und haben ihre Gene weitervererbt. Sie haben nach und nach immer feinere Werkzeuge entwickelt und sich die Natur immer mehr untertan gemacht. Irgendwann im weiteren Verlauf dann müssen unsere Ahnen eine Sprache entwickelt haben, ein echter Meilenstein auf dem Weg zur Einzigartigkeit des Menschen.

Die Sprache war es, die unsere Vorfahren erstmals in die Lage versetzte, anderen, auch Kindern, etwas über die Gegenstände und Ereignisse mitzuteilen, die nicht unmittelbar da waren oder gerade stattfanden. Das können andere intelligente Tiere nicht, soweit wir bisher wissen, auch wenn sie zum Teil über komplexe Gehirne und ausgeklügelte Informationssysteme verfügen. Schimpansen und andere Affen können viele Zeichen der amerikanischen Fingersprache ASL erlernen. Einige kennen inzwischen 300 Zeichen und mehr und können sie in neuen Zusammenhängen gebrauchen, sowohl untereinander als auch gegenüber ihrem Trainer. Aber sie haben im Laufe ihrer evolutionären Entwicklung nicht die einzigartige menschliche Fähigkeit erlangt, über etwas zu sprechen, das nicht gegenwärtig ist, einander Ereignisse aus ferner Vergangenheit zu erzählen, für eine ferne Zukunft vorauszuplanen oder, was das Wichtigste ist, sich über Ideen zu unterhalten und diese gemeinsam hin und her zu wenden, um von der gesammelten Weisheit aller zu profitieren. Die gesprochene Sprache hat unsere Vorfahren dazu befähigt, Gefühle der Ehrfurcht auszudrücken, die zu religiösen Überzeugungen und schließlich zu organisierter Gottesverehrung führten.

Ich glaube, auch die Schimpansen kennen so etwas wie Ehrfurcht. Im Kakombetal gibt es einen herrlichen Wasserfall. Das Wasser stürzt mit donnerndem Getöse vom etwa 25 Meter höher gelegenen Flußbett durch die grünliche Luft in die Tiefe. In zahllosen Äonen hat das Wasser eine senkrechte Rinne in den nackten Fels gehöhlt. Farne rascheln unablässig in dem Luftstrom, den das herabstürzenden Wasser erzeugt, und zu beiden Seiten hängen Schlingpflanzen herunter. Für mich besitzt dieser Ort etwas Magisches, Spirituelles. Und wenn die Schimpansen sich am Ufer des Flußbettes entlang nähern, verfallen sie manchmal in langsame, rhythmische Bewegungen. Sie heben große Steine und Äste auf und werfen sie hinab. Oder sie springen an die Schlingpflanzen und schwingen sich damit durch die gischterfüllte Luft weit über den Wasserstrom, bis man meint, die dünnen Ranken müßten sich aus ihren hohen Verankerungen lösen oder reißen.

Zehn Minuten und länger widmen sie sich bisweilen diesem herrlichen „Tanz“. Warum? Wäre es nicht möglich, daß Schimpansen so etwas wie ehrfürchtiges Staunen empfinden? Ein Gefühl, das durch das Geheimnisvolle des Wassers ausgelöst wird, des Wassers, das lebendig zu sein scheint, das immer vorbeirauscht und doch nie aufhört, immer gleich und doch immer anders. War es vielleicht ein ähnliches Gefühl ehrfürchtigen Staunens, das die ersten animistischen Religionen begründete, die Verehrung der Elemente und der Mysterien der Natur, die nicht zu beherrsc hen waren? Letztendlich konnten unsere Vorfahren erst, als sie eine Sprache entwickelt hatten, über solche tiefgreifende Gefühle miteinander reden und eine gemeinsame Religion schaffen.

Die Sprache dürfte es unseren Steinzeitahnen auch ermöglicht haben, einen gemeinsamen Verhaltenskodex zu entwickeln. (…)

Quelle Jane Goodall / Phillip Berman: Grund zur Hoffnung / Autobiographie / Aus dem Englischen von Erika Ifang / Riemann Verlag / C. Bertelsmann Verlag München 1999/2006

P.S. Die Unterstellung des ehrfürchtigen Staunens klingt doch reichlich anthropomorph; näher an der Instinktlage scheint mir der Zorn der Mächtigen zu liegen, etwas noch Mächtigeres kampflos hinnehmen zu müssen; deshalb lasse ich lieber ein Zitat aus dem oben schon verlinkten SZ-Artikel von Markus C. Schulte von Drach folgen:

Vielleicht geht die Interpretation der Forscher zu weit. Allerdings haben Wissenschaftler bei Schimpansen schon früher Verhalten beschrieben, das zumindest ganz am Anfang der Entwicklung einer Form von Religiosität stehen könnte.

So haben de Waal und andere wiederholt eine Art „Regentanz“ beobachtet, bei dem Schimpansenmännchen mit Machtdemonstrationen auf Wolkenbrüche reagierten – gerade so, als würden sie versuchen, die Naturgewalten zu beeinflussen.

Ja, das befürchte ich auch und sehe den „Wolkenbruchtanz“ daher anders: Schon damals gab es Alphamännchen mit dem dringenden Wunsch, nicht nur mächtig zu sein, sondern absolut allmächtig!

Und wenn vorhin von „einem Gefühl ehrfürchtigen Staunens“ die Rede war, muss man halt bedenken, dass diese Interpretation von einer wohlmeinenden Frau stammte.

Zu meiner Entlastung füge ich dennoch hinzu, dass ich zur Zeit fast ausschließlich Bücher von Frauen lese, an erster Stelle Susanne K. Langer. Und der nächste Blogbeitrag wird sich auch irgendwie mit Frauen beschäftigen, was wiederum nicht mein Verdienst ist, sondern Verdienst der Autorin. Selbst die Berge ringsum erinnern mich (bitte, das ist eher privat) an Mutter Erde. Schlern, was für ein lässiger Name, sehr alt, aus einer Zeit, als man über geschlechtsspezifische Artikel noch nicht diskutierte! Nur links am Rande der realen Bergin (Sie verstehen: der Berg, die Bergin) sehe ich zwei sonderbare Appendices… immerhin 2, jawohl – mindestens.

Foto: E.Reichow

P.P.S. Zugegeben, „Schlern“ ist nicht weiblich. Die Etymologie sagt anderes, aber mich interessieren momentan sowieso nur noch die Geschichten von den Schlernhexen. Insbesondere die gutmütigste unter ihnen hat es mir angetan, sie heißt Martha und kann uns jederzeit als Eichhörnchen erscheinen. Weiteres und leider nicht nur Erfreuliches lesen Sie bitte unter dem Stichwort Schlernhexen hier. Vergessen Sie nur nicht: das meiste davon haben ängstliche Männer erfunden.

Libellen aus der Nähe

Mit einem Blick auf Metamorphose und Evolution

Ausgangspunkt war ein Artikel in der Zeitschrift NATUR, dann die Kontaktaufnahme mit dem Fotografen der eindrucksvollen Libellen-Fotos. Zu seiner Website geht es hier.

Was ist eine Libelle? Siehe bei Wikipedia hier.

Die Frage: wie ist überhaupt eine solche Metamorphose möglich, dass sich ein Wurm oder eine Larve gewissermaßen in ein völlig anderes Tier verwandelt? Werden Märchen wahr oder gilt auch hier Darwins Evolutionslehre? Dazu ein kurzer Text, der nicht direkt die Libelle betrifft, aber für sie genauso gilt. Ansonsten Bilder von Dr. Ferry Böhme ©, mit Dank für die freundliche Erlaubnis, sie hier wiederzugeben.

ZITAT

Jungtiere stellen wir uns gern als kleinere Varianten der ausgewachsenen Tiere vor, zu denen sei einmal werden, aber das ist bei weitem nicht die Regel. Die Tiere, deren Lebensgeschichte ganz anders abläuft, sind vermutlich sogar in der Mehrheit. Viele Jungtiere führen ein ganz eigenes Leben und sind auf eine andere Lebensweise spezialisiert als ihre Eltern. Plankton besteht zu einem beträchtlichen Teil aus schwimmenden Larven, und ihr Erwachsenenleben wird – falls sie überleben, was statistisch unwahrscheinlich ist – ganz anders aussehen. Die Larven vieler Insekten übernehmen einen großen Teil der Nahrungsaufnahme und bauen einen Körper auf, während sich die erwachsenen Tiere, die schließlich durch Metamorphose aus ihnen hervorgehen, allein der Weiterverbreitung und der Fortpflanzung widmen. In Extremfällen wie der Stubenfliege frisst das ausgewachsene Tier überhaupt nicht mehr, und entsprechend besitzt es weder Darm noch andere aufwendige Verdauungsorgane – die Natur ist stets knickerig.

Eine Raupe ist eine Fressmaschine. Wenn sie mit Hilfe ihrer pflanzlichen Nahrung zur rechten Größe herangewachsen ist, „recycelt“ sie ihren Körper und wird Schmetterling, der fliegt, Nektar als Flugbenzin saugt und sich fortpflanzt. Auch erwachsene Bienen nutzen Blütennektar als Treibstoff für ihre Flugmuskulatur, während sie den Pollen (eine völlig andere Nahrung) für ihre wurmförmigen Larven sammeln.

(Fortsetzung s.u.)

 Alle Fotos: ©Ferry Böhme

ZITAT (Fortsetzung)

Viele Insektenlarven leben unter Wasser, bevor sie als erwachsene Tiere schlüpfen, durch die Luft fliegen und ihre Gene auf andere Gewässer verteilen. Ganz unterschiedliche wirbellose Meeresbewohner leben im Erwachsenenstadium am Meeresboden und heften sich dort manchmal auf Dauer an einer einzigen Stelle fest; die ganz anders aussehenden Larven dagegen verbreiten ihre Gene, indem sie im Plankton schwimmen. Zu diesen Tieren gehören Weichtiere, Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken, Schlangensterne), Seescheiden, viele Arten von Würmern, Krebse, Hummer und Rankenfüßer. Parasiten machen in der Regel mehrere Larvenstadien durch, von denen jedes seine charakteristische Lebens- und Ernährungsweise hat. Häufig sind die verschiedenen Stadien ebenfalls Parasiten, die sich aber verschiedener Wirtsorganismen bedienen. Manche parasitischen Würmer durchleben nicht weniger als fünf getrennte Jugendstadien, und in jedem davon leben sie anders als in allen übrigen.

Das alles bedeutet, dass jedes Individuum die vollständigen genetischen Anweisungen für alle Larvenstadien und ihre unterschiedlichen Lebensweisen in sich tragen muss. Die Gene einer Raupe „wissen“, wie man einen Schmetterling aufbaut, und die Gene des Schmetterlings wissen, wie man eine Raupe entstehen lässt. Zweifellos sind an der Entstehung dieser beiden grundverschiedenen Körper in vielen Fällen genau dieselben Gene auf unterschiedliche Weise beteiligt. Andere Gene liegen ruhend in der Raupe und werden erst im Schmetterling aktiviert. Wieder andere sind in der Raupe aktiv und geraten in Vergessenheit, wenn der Schmetterling entsteht. Aber die Gesamtausstattung mit Genen ist in beiden Organismen vorhanden und wird an die nächste Generation weitergegeben. Was wir daraus lernen können: Wir sollten uns nicht allzusehr wundern, wenn Tiere gelegentlich so unterschiedlich sind wie Raupen und Schmetterlinge, obwohl sich das eine aus dem anderen entwickelt hat. Was ich damit meine, möchte ich genauer erklären.

Märchen sind voller Verwandlungen: Aus Fröschen werden Prinzen, und ein Kürbis verwandelt sich in eine Kutsche, gezogen von weißen Pferden, die zuvor weiße Mäuse waren. Solche Phantasien widersprechen dem Evolutionsgedanken zutiefst. Sie können sich in Wirklichkeit nicht ereignen, und das nicht nur aus biologischen, sondern auch aus mathematischen Gründen. Solche Verwandlungen wären aus sich heraus genau so unwahrscheinlich wie ein vollkommenes Blatt beim Bridge, das heißt, unter allen praktischen Gesichtspunkten können wir sie ausschließen. Dass sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt, ist dagegen kein Problem: es geschieht ständig, und die Regeln dafür wurden im Laufe der Erdzeitalter von der natürlichen Selektion aufgestellt. Und obwohl man noch nie gesehen hat, wie sich ein Schmetterling in eine Raupe verwandelt, sollten wir uns darüber nicht so wundern wie über die Verwandlung eines Froschs in einen Prinzen. Frösche enthalten keine Gene für die Produktionen von Prinzen. Aber sie enthalten die Gene für die Herstellung von Kaulquappen.

Quelle des zitierten Textes : Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens / Eine Zeitreise auf Darwins Spuren / Unter Mitarbeit von Yan Wong / Aus dem Englischen von Sebastian Vogel / S.448 f / ISBN 978-3-550-08748-6 Ullstein Buchverlage GmbH Berlin 2008 /

Zur Metamorphose in der Zoologie bei Wikipedia hier

Ein weiteres Buch zur Ergänzung?

Oder noch viel mehr Libellen? Erwidern Sie doch den Blick!

Tecklenborg Verlag ISBN 978-3-844327-63-1

Magisches Musikdenken

Vorläufige Notiz nach Kurt Blaukopf, Sigmund Freud, Curt Sachs

https://de.wikipedia.org/wiki/Magisches_Denken hier

ZITAT

Wenn ein primitiver Mensch in ein Rohr bläst oder ein Schwirrholz schwingt, gehorcht er nicht einem rhythmischen Impuls, noch ist seine Vitalität durch irgendeine rhythmische Reaktion erregt. Das nackte Faktum ist in beiden Fällen identisch; die Handlung eines Menschen wird durch Schall beantwortet. Doch besteht ein Unterschied (im Vergleich zum Schlagen oder Stampfen). Es ist für jeden Menschen offenkundig, daß das Stampfen, Hämmern und Schlagen einen hörbaren Effekt haben. Es ist aber im Gegensatz dazu nicht selbstverständlich, daß das Schwingen einer kleinen hölzernen Platte rollendes Dröhnen erzeugt oder daß durch das Anblasen eines Knochens ein schriller Pfeifton entsteht. In jedem Fall gibt es eine hörbare Reaktion; doch beim Stampfen und Schlagen scheint der Ton vom Instrument auszugehen, im anderen Fall aber von irgendeiner seltsamen Kraft, die dem Instrument innewohnt. In einem Fall also gelangte der motorische Impuls zu einem erwarteten hörbaren Resultat; im anderen Fall ist eine Handlung, von der kaum ein hörbares Resultat erwartet wird, unerwarteterweise von einem Schallereignis gefolgt, das daher einen unerklärten und furchterregenden Charakter hat, der aggressiv und feindlich erscheint. Etwas Lebendiges, ein Geist oder ein Dämon, muß hier geantwortet haben. (Sachs 1940,37)

Weiter mit Vogelstimmen

Constance Scharff und Hollis Taylor

Vogelstimmen Bonn Scharff

Siehe dazu auch die neuen Einträge HIER

Weiteres als Anregung:

http://www.hollistaylor.com/compositions.html Hier

Groove Theory, Concerto for Violin, Strings, Harpsichord, and Percussion (2001, commissioned by Monica Huggett and the Portland Baroque Orchestra; funded by major grants from the American Composers Forum and Meet the Composer)

Übrigens hat das kompositorische Werk aus meiner Sicht nichts mit der Einschätzung der ornithologischen Arbeit zu tun, die für mich vorrangig ist. Und darüber sage ich erst etwas, wenn mir das Buch „Is Birdsong Music?“ vorliegt (voraussichtlich Juli 2017).

Ich weiß, dass die Forscherin Constance Scharff sehr respektvoll von Hollis Taylor spricht; sie verdankt ihr viel, wurde von ihr mit dem „musikalischsten“ Vogel der Welt bekannt gemacht, dem australischen Butcherbird. Ich habe diesen wirklich verblüffenden und begeisternden Vogel durch Terra Nova 1997 „nature & culture“ kennengelernt, herausgegeben und mit einer CD ausgestattet von David Rothenberg. Tr. 1 „Dawn Solo from Pied Butcherbirds of Spirey Creek“, recorded by David Lumsdaine. Neue Anregungen! Frau Scharff erzählte in Bonn, dass solch ein Vogel, der stundenlang singt und auf den Gesang der Artgenossen reagiert, irgendwann – wirklich nach Stunden – plötzlich eine ganze Serie fremder Laute, Rufe oder Strophen anderer Vogelarten aneinanderreiht, so als ob er nach soviel Eigenproduktion sagen wollte: „Das kann ich auch noch.“ Zu Beginn des Gesprächs ging Rüsenberg einen Fragebogen durch, der mit der Frage begann: „Lieben Sie Zebrafinken?“ (Es ist ihr Forschungsgebiet, wobei die Zebrafinken in dieser Forschung, die auch Gehirnforschung ist, in etwa die Rolle der weißen Mäuse in den anderen Forschungsrichtungen einnehmen.) Die Antwort war komplex und betraf auch die Rechtfertigung der Arbeit, die mit dem Tod der Tiere verbunden ist. Ich wage nicht, diesen Gedankengang zu rekapitulieren und erst recht nicht, ihn ethisch zu beurteilen. Auf eine andere Frage („welches Buch möchten Sie keinesfalls lesen“) antwortete sie, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: „Eins mit dem Titel: Why Birds sing“ . Ich ahnte warum: sie ist fern von jeder Vermenschlichung ihrer Tiere, deren sorgfältige Pflege in ihrem Institut zu den täglichen Aufgaben des Teams gehört, andererseits rücken die Tiere mit allen Fähigkeiten und Anlagen ganz in die Nähe des Menschen. Gerade wenn wir berücksichtigen, was uns wirklich trennt. Constance Scharff zitierte den Philosophen Wittgenstein mit seinem wunderbaren Ausspruch: „Wenn ein Löwe sprechen könnte, würden wir ihn nicht verstehen.“ – Bei dem Titel „Why Birds sing“ fiel mir das Buch ein, das ich mir einst besorgt habe, als ich über Messiaen und seine Vogelstimmen-Verwertung gearbeitet habe: „Warum die Vögel singen“ (1929) von Jacques Delamain, dem Fachberater und Freund des Komponisten, der nun – nach meiner Meinung – ein gnadenloser Anthropomorphist war in seiner ganzen Vogelverehrung. – Und nun etwas ganz anderes: David Rothenberg, wie er leibt und lebt. Und … wie heißt sein Beitrag?

Also: die Frage ist, ob das, was mit diesen Ausführungen angedeutet werden soll, auch seriös im Sinne der Wissenschaft ist. Um das entscheiden zu können, haben wir Gottseidank Vorträge wie den, um den es in diesem Beitrag und im Fortgang unserer Aufarbeitung gehen soll…

Hochinteressant in Constance Scharffs Forschung ist die sorgfältige Beachtung der Pause im Gesang der Vögel. Wenn man den Zebrafinken eine Aufnahme ihres Gesanges vorspielt, der aus 5 Tönchen besteht und uns nicht unbedingt wie Gesang erscheint, und dabei z.B. kontinuierlich die Geschwindigkeit verändert, stellt man fest, dass die Tiere empfindlicher auf die Veränderungen der Pausen reagieren, als auf die der Töne. Was u.a. auch bedeutet, dass für die Tiere unter Umständen ganz andere Parameter eine Rolle spielen als wir denken.

Wenn einem singenden Männchen ein Rivale ins Wort fällt (man kann das bei Schwarzdrosseln beobachten, jedenfalls, dass sie aufeinander reagieren, oft in derselben Tonhöhe, auch mit ähnlichen Motiven). Mit einer Aufnahme kann man diesen Fall simulieren und dafür sorgen, dass der konkurrierende Sänger nicht nur lauter, sondern vor allem vorlauter antwortet. Frage: wem wendet sich das Weibchen zu? Dem, der dem anderen immer wieder erfolgreich das Wort abschneidet.

Nicht vergessen (da in dem Gespräch Rüsenberg/Scharff neben Messiaen auch Mozart erwähnt wurde), – es geht da um Mozarts geliebten Vogel Star, sein Gedicht auf dessen Tod und die Melodie des G-dur-Klavierkonzertes, vielleicht auch den „Musikalischen Spaß“ betreffend: siehe SPIEGEL 1990 hier.

Einiges an Grundwissen der Vogelstimmen-Forschung gab es schon vor einigen Jahren bei Rüsenberg (Gespräch mit Donna Maney, Atlanta), nachzulesen hier.

Eine Abschrift des Vortrags von Constance Scharff in Bonn wird für diesen Blog vorbereitet. Gefilmte Auszüge hat Michael Rüsenberg in seiner Web-Präsenz Gedankensprünge.de erstellt: HIER.

Zur katastrophalen Situation der Vögel in Deutschland siehe ZDF Markus Lanz 9.5.2017 HIER ab 53:00 der Ornithologe Prof. Peter Berthold (die Betitelung der Sendung – „Zu Gast sind…“ etc. – wird wahrscheinlich noch korrigiert!) Video verfügbar bis 10.08.2017, 00:30 

Beginnt mit Bezug auf folgendes Buch: Rachel Carson Der stumme Frühling (1962).

Noch einmal zu Hollis Taylor: ich beginne mit dem Studium einiger Abhandlungen, die per Internet abzurufen sind, z.B. „Decoding the song of the pied butcherbird: an initial survey“ HIER .

It is concluded that their elaborate song culture seems to overreach biological necessity, indicating an aesthetic appreciation of sound is present in the pied butcherbird. (aus: Abstract)

This panoply of recombining, varying, and inventing mechanisms causes me to believe that aesthetic statements are being delivered and that the birds appreciate this in their way. (aus: Conclusion)

Es wäre natürlich befriedigender, wenn am Ende Folgerungen stünden, die ohne „seems“ und „causes me to believe“ auskämen.

Wieviel Hirn darfs denn sein?

Kurzfassung eines langen Artikels

Schnell stellte sie fest, dass nicht einmal Gewissheit bestand, aus wie vielen Neuronen das menschliche Gehirn überhaupt besteht. Dieses Unwissen schien ihr unerträglich. Sie beschloss die Hirnzellen auszuzählen.

Das Ergebnis bestätigte ihren Verdacht, dass der Mensch Rekordhalter bei der Neuronenzahl ist. In seinem Großhirn sind 16 Milliarden Nervenzellen miteinander verdrahtet – rund dreimal so viele wie beim Elefanten. Nicht im bloßen Hirnvolumen, sondern in der Zahl der grauen Zellen schien also das Geheimnis menschlicher Intelligenz zu liegen. Dicht an dicht drängeln sie sich offenbar in seiner Großhirnrinde.

Wie aber schaffte es Homo sapiens – anders als seine tierischen Vettern -, die vielen Milliarden Neuronen in seinem Gehirn zu ernähren? Auch darauf hat Herculano-Houzel eine Antwort: das Kochen habe den entscheidenden Unterschied ausgemacht. Erst das Feuer habe die Menschwerdung ermöglicht.

Durch das Kochen steigerte der Urmensch den Kalorienertrag seiner Nahrung, er ersparte sich mühselige Kauarbeit und verringerte die Kosten der Verdauung.

Und so trat Homo sapiens die Herrschaft über den Planeten Erde an.

Quelle: DER SPIEGEL 29/2016 (Seite 121) Johann Große: Die Lehren der Hirnsuppe / Evolution / Eine brasilianische Neurobiologin hat die Nervenzellen von Mensch, Affe und Elefant gezählt – und glaubt, so das Erfolgsrezept des Homo sapiens gefunden zu haben.

Mir scheint die Sache mit dem Kochen und dem Ersparen mühseliger Kauarbeit allzu einfach. Ich habe schon des öfteren über drastische Veränderungen in der Lebensweise der Menschen gelesen (Sesshaftwerdung, Ackerbau etc.), auch über den Gebrauch des Feuers etc., konsultiere jedoch zunächst den bewährten Richard Dawkins, der sich ausführlich und mit der Evolution des Gehirns (und mit dessen Volumen im Verhältnis zum Körper) beschäftigt, merkwürdigerweise aber nur ein paar Seiten dem Feuer (bei den „Ergasten“, Vorfahren des Homo sapiens) widmet. Ihm ist die Differenzierung der Software des Gehirns offenbar wichtiger als deren Energieversorgung.

Nachtrag 1. September 2016

Heute können wir endlich die Frage klären, ob jeder Vollrausch tatsächlich 10.000 Hirnzellen abtötet. Aber im Moment … kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, wo ich die Auflösung gelesen habe. Jedenfalls stammt meine Verunsicherung (mal wieder) vom Anfang der 60er Jahre, als ich meiner Freundin die Wohltaten der Weines verbal zu vermitteln suchte.

Scherz beiseite: Christoph Drösser hat dazu in seiner Rubrik „Stimmt’s?“ in der ZEIT eine schöne Rechnung präsentiert:

Abgesehen davon, dass unser Gehirn sehr üppig mit Nervenzellen ausgestattet ist (geht man von 100 Milliarden Hirnzellen aus, würde das rein rechnerisch für zehn Millionen Räusche reichen): Diese Warnung, die wohl aus der Zeit der Prohibition in den USA stammt, ist völlig aus der Luft gegriffen.

Danke, das genügt. Selbst wenn es nur 16 Milliarden wären, wie oben erwähnt, gäbe es keinen Anlass zur akuten Beunruhigung. Drösser zählt die Symptome auf, die uns allen bekannt sind, – betreffend Gleichgewichtssinn, sprachliche Artikulation und Erinnerungslücken -, und bemerkt:

Aber all diese Symptome weisen nicht auf den Tod von Gehirnzellen hin, sondern auf eine gestörte Kommunikation zwischen ihnen. Tatsächlich mindert Alkohol die Signalübertragung in den Dendriten, den „Kabeln“ unseres Denkapparats – aber nicht auf Dauer. Ist der Kater überwunden, ist auch das Gehirn wieder einsatzfähig.

Quelle DIE ZEIT 1. September 2016 Seite 32 „Stimmt’s?“ von Christoph Drösser.