Kategorie-Archiv: Afrika

Neues aus Madagaskar

Erick Manana & Dama: VAONALA

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Ich nehme dieses wunderbare Dokument lebendiger madegassischer „Weltmusik“ zum Anlass, die Grundlagen der eigenartigen Harmonik zu thematisieren, die – soweit ich weiß – kaum zum Gegenstand der Forschung gemacht wurden.

Die frappierende Originalität der Musik Madagaskars, die einen selbstverständlichen Umgang mit den postkolonial gezeichneten Traditionen umfasst und ausbaut, lässt uns doch fragen, was wohl schon in der frühen Zeit des Kolonialismus und der Missionierung dort implantiert wurde, und weshalb man darüber in der wissenschaftlichen Literatur wenig erfährt.

Im Lexikon MGG (Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil, Band 5, Sp. 1531 ff, Madagaskar 1996) schreibt August Schmidhofer (s.a. hier) im Abschnitt Stilregionen:

Die Musik der Hochlandvölker, vor allem der Merina und Bersileo, wurde am stärksten durch europäische Leitbilder geprägt. Von 1820 an konzentrierten sich die Missions-, Handels- und diplomatischen Beziehungen auf diesen Teil der Insel. Mit großer Effizienz wurde die Missionierung vorangetrieben, insbesondere durch die LondonMissionary Society und die Norske Misjonsselskap (Norwegische Missionsgesellschaft), nach der französischen Okkupation des Landes verstärkt durch Katholiken. Die Ausrottung zahlreicher Erscheinungsfomen traditioneller Kultur ging Hand in Hand mit der Verbreitung liturgischer Musik. Die Einrichtung einer Militärmusik im Heer der Merina und die Gründung von Musikschulen nach europäischem Vorbild schon im 19. Jahrhundert verstärkten und festigten den Einfluß abendländischer Musikkultur.

Der Übernahme folgte die Adaption und Umformung. Schon König Radama II. (1861-63) hatte Klavierstücke, die eine Hinwendung zu madagassischen Idiomen zeigen, komponiert. Diese ‚Malgaschisierung‘ erfaßte bald auch die Kirchenmusik – vornehmlich die katholische – und ließ in der Folge eine Zahl bis in die Gegenwart lebendiger synkretistischer Traditionen entstehen, die heute freilich als Produkte der eigenen Kultur betrachtet werden.

Dieser letzte Halbsatz scheint mir ein Schlüssel zum Verständnis der besonderen geschichtlichen Situation und sollte nicht als Versuch einer neuen kulturellen Vereinnahmung im Nachhinein gesehen werden. Eine Bewertung der verschiedenen Elemente, die in eine Kultur eingegangen sind, und dass es überhaupt solche „fremder“ Herkunft sind, hat auf jeden Fall zu unterbleiben. Nach hundertjährigem Gebrauch gibt es keine fremden Elemente mehr.

Um es deutlich zu machen: Dieser Text ist die Klärung eines persönlichen Defizits und bezieht sich nicht klärend auf die CD, die mich berührte. Ich sehe nur bei diesem besonderen Anlass, dass mein Defizit schon jahrelang leicht zu beheben gewesen wäre.

Hier folgt der Anfang des letzten Kapitels im Garland-Africa-Band, wo auf die Wirkungen der Missionarstätigkeit näher eingegangen wird:

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Quelle Mireille Rakotomalala: Performance in Madagascar / in: Africa – The Garland Encyclopedia of World Music / Editor: Ruth M. Stone / Garland Publishing New York and London 1998 (Seite 781- 792)

Zu dem in diesem Text im Zusammenhang mit Marc Bloch genannten Wort Deme, bei dem wir nicht grundlos aufhorchen, finde ich eine Auflösung HIER.

***

Deme? Ja, heute, auf der Nachhausefahrt von Bonn fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Dama & Erick Manana“ – natürlich, Erick ist mir seit einigen Jahren gut bekannt, (seit einigen Jahren!), aber Dama – habe ich ihn vielleicht vor Jahrzehnten kennengelernt??? MAHALEO. Schauen Sie HIER unter 1983! Und schauen Sie im Jahr davor: „Tsialonina“, dies war mein Schlüsselerlebnis mit Madagaskar. Vermittelt wurde es damals durch Armin Kerker. Das Lied, das mir damals die Tränen in die Augen trieb und das für mich bis heute zu den ergreifendsten gehört die ich kenne, hat die Sängerin Mireille gesungen, der ich nie wieder begegnet bin. Ebensowenig habe ich je die große Ballade von Dama [Zafi]Mahaleo vergessen: „LENDREMA“. (Siehe auch hier.) 1991 wurde aus der WDR-Aufnahme die folgende CD für eine französische Freundschafts-Initiative hergestellt.

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Ich bin nicht ganz sicher, wer von den oben abgebildeten Interpreten der Sänger Dama war. Das wird also noch herauszufinden sein. Was mich aber elektrisiert, ist die Tatsache, dass eins der Stücke von damals auch auf der neuen CD mit Dama & Erick Manama enthalten ist, nämlich „Madirovalo“, damals Track 12. Nichts ist interessanter als zwei derart authentische Aufnahmen, die im Abstand von 33 Jahren stattgefunden haben. Hier sind die entsprechenden Seiten des Booklets der neuen CD.

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Burundi 1967

OCORA ermöglicht eine Wiederbegegnung mit den alten Königstrommeln

Man kann Einzeltitel anspielen HIER (beginnen mit Tr.12) Aber Tr.1 u.a. nicht vergessen: Flüstergesang zur INANGA-Zither!

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Wie ist die Lage in Burundi heute? Zur Einführung siehe Wikipedia hier. Auch separat zur Geschichte Burundis.

Wann habe ich die Musik kennengelernt? Ich war immer wieder elektrisiert durch diese präzisen, aber unberechenbaren Rhythmen und hatte ein solches Ensemble für den WDR einladen wollen (fürs Festival auf dem Domplatz). Wenn ich recht erinnere, kam damals das schreckliche Gemetzel dazwischen, mit dem ich mich jetzt nicht beschäftigen will. Sonst sagt man leicht: wer sich für diese kraftstrotzenden Trommeln begeistert, steht ohnehin auf der falschen Seite. Falsch! (Nachzulesen hier.) Es muss also wohl 1994 gewesen sein.

Die Aufnahmen dieser CD stammen aus dem Jahr 1967. Wer heute Vergleichbares auf youtube sucht, bekommt anhand der Laien-Filme eine ungefähre Vorstellung von dem, was sich visuell und physisch abspielt, wie also die Wechsel zwischen Solisten und Gesamtgruppe verlaufen, welche Bewegungen man sich bei den Tänzern vorzustellen hat und dass die Stimmen und Gesänge von den Mikros kaum zu erfassen sind, vor allem fällt aber noch folgendes auf: eine solche Wucht der Rhythmen, eine solche Genauigkeit in ihrer Unregelmäßigkeit wie damals findet man – soweit ich sehe – in keiner neueren Dokumentation wieder. Ich spreche nicht vom Show-Charakter, der bei Vorführungen in westlichem Umfeld unvermeidlich ist, – das könnte allenfalls zu einer Übertreibung des Circensischen führen -, aber was mich stört, ist gerade der Charakter einer Verharmlosung des Kraftaktes in den Trommeln. (Ich spreche nicht von den Sprungleistungen der Athleten. Und ohnehin: ich kann mich in der Beurteilung vollständig irren!)

Einen gut informierten und informierenden Text von Ulli Langenbrinck über die Burundi-Trommler, die tatsächlich im Mai 2013 auch in Köln waren (im Gegensatz zu mir), liest man im Programmheft der Kölner Philharmonie HIER. Für mich wäre ein weiterer Schritt der Versuch, jetzt die Regel der unregelmäßigen Rhythmen zu erkunden.

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Gesagt, getan. Eine erste, sehr provisorische Skizze liegt vor, ich glaube, dass ich der Sache so näher komme: die Vierergruppen sind rein heuristisch gedacht, nicht um eine divisive Auffassung der Zeit festzuschreiben. Vermutlich kommt man zu einer anderen, pausibleren Lösung, wenn man den additiven Vorgang darzustellen sucht. Die Skizze wird im Laufe der Arbeit mindestens einmal ausgetauscht. Es wäre mir lieber, ein  anderer Forscher hätte diese Notation für mich erledigt, so wie Johannes Behr im Fall der Malinke-Trommeln, die ich nicht genug rühmen kann!!! (WERGO-CD). Brauchbare Idee: ab demnächst stelle ich mir die Vorlage der Skizze mit Hilfe des Buchstabens o her. Folgendermaßen: oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo oooo

Ganz anders liegt der Fall beim Chant à voix chuchotée, dem Flüstergesang Tr.1 u.a., dazu gibt es eine Riesenhilfe, mehr als 40 großformatige Seiten einer musikethnologischen Analyse: Issues of Timbre: The Inanga Chuchotée von Cornelia Fales.

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Man ahnt, wohin die Reise geht. Es lohnt sich…

Am interessantesten fand ich den Hinweis, dass zuweilen auch dazu getanzt wird. Ein subtiler und graziöser Tanz, eher von fließendem als von scharf rhythmischem Charakter. Möglichst von Frauen getanzt, mit gewundenen, geschmeidigen Armbewegungen und gebogenem Nacken, dazu kleinen, eigenständigen Bein- und Fußbewegungen – ein Tanz, der von Murundi-Beobachtern als katzenhaft beschrieben wird.

Ausblick 27. Dezember 2016 dpa-Meldung betr. Nigeria

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Afrika sehen und hören

Mauretanien – Mali – Malawi

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Durch die Jahrhunderte war / Chinguetti das Ziel aller Karawanen / Für all jene, die das Wissen / und den Austausch suchen

Chinguetti ist die Mutter all / jener, die aus allen Himmelsrichtungen / der Welt gekommen sind.

Die gekommen sind, hier zu leben und zu sterben / Und die ihre Geschichte geteilt haben / Oh! Seht diese Häuser in Trümmern! / Seht wie die Dünen sie versandet haben!

Diese Häuser gewährten / Menschen Unterkünfte, / die die Größe Chinguettis / geschaffen und geschützt haben.

Wieder zu Wüste geworden, / wohnt hier der Atem des Windes, / wächst keine Pflanze hier, / keine Wolke, um sie zu bedecken.

Bis zur Ankunft einer Gruppe / Araber, die sie bewohnt haben, / die sie erweckt haben /

Und heute scheint Chinguetti / müde, müde vom Kampf / um ihre Existenz / Ihre Palmen! Ihre Dünen!

Kommt und gebt ihr das Grün zurück, / kommt und gebt ihr das Lächeln zurück/ gebt ihr das Leben, das sie beansprucht, / zurück, denn sie träumt es zu haben / seit Jahrhunderten.

(Ausschnitt aus einem Gedicht von Leila Mint Chigali Ahmed Mahmoudi, vorgetragen in Nouakchott 18.4.2015. Sie bittet darin den Präsidenten, die Menschen von Chinguetti zu unterstützen. Übertragung: Edda Brandes.)

 

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(Text folgt)

Menschenzoos

Menschenzoo vorn Menschenzoo rück s.a. HIER

Warum habe ich dies Buch gekauft? Der angegebene Link war schuld. Kurzer Entschluss, vor zwei Tagen bestellt, schon ist es da. Aber habe ich nicht schon genug ähnliche Sachen? (Jetzt erst werde ich aufs neue hineinschauen.) Das Besondere ist: diese bezeugen nicht nur das schon Bekannte über „Menschenzoos“, sondern auch, was man in unserer Zeit, da die Fremden und auch die Fremdesten in greifbarer Ferne zu erleben sind (Tourismus) oder sogar in unmittelbarer Nähe (Flüchtlinge), von Film und Fern-Sehen zu schweigen. (Ich gestehe: auch ein Film ist unterwegs, nur weil Matthias Brandt die richtigen Worte dafür gefunden hat: „Die Dinge des Lebens“. Die Motivation war nicht gering. Aber spielte nicht auch eine Rolle, dass ich ein Buch von Hans Peter Dürr mit dem Titel „Die Tatsachen des Lebens“ greifbar nahe im Bücherschrank stehen habe, so dass der Mythos vom Zivilisationsprozess unwillkürlich assoziiert bleibt? Und dieses mir wieder in der Sinn kam, als ich Anlass hatte, ein Bild der Limburger Brüder genauer anzusehen. Warum das? Weil ich gestern die FAZ gelesen habe. Ist es nicht auch ein Menschenzoo, den wir sehen, wenn wir die Welt der Limburger Brüder aus dem 14. Jahrhundert revue passieren lassen? Ein „Othering“? Oder sogar „Bachs Welt“ in Volker Hagedorns – nicht nur ein Verlebendigungsversuch sondern zugleich eine Verfremdungsarbeit? Es ist alles „ganz anders“. Oder auch der riesige Kosmos der Bachschen Violinsoli „Sei Solo“, der sich uns im gleichen Maß entzieht, wie wir uns ihm nähern? Oder ist gerade dieser Eindruck der Ausdruck des digitalen Wahnsinns, der damit beginnt, dass man sich am Computer wie der Allmächtige fühlt, den gerade heute die Süddeutsche Zeitung im Altertum beschreibt, Assurbanipal mit der größten Bibliothek der Welt im biblischen Ninive, berühmt als Sündenbabel? Und er habe alles gelesen, ALLES. (SZ 27./28. Aug. 2016 Seite 33 von Hubert Filser. Siehe auch British Museum HIER).

Also: WARUM? Weil ich auch hier wieder zwei Bücher (oder mehr) nebeneinanderlegen wollte, um mich zu vergewissern, dass das Thema noch lange nicht erschöpft ist.

Menschen in Kolonien Geraubter Schatten Darin auf Seite 103 das Thema „Völkerschauen“.

Geraubter Schatten Inhalt

Nebenbei auch ein Kompendium der Fotografie. La condition humaine – im Bilderbuch. Oder noch einmal anders: die größte Anmaßung, – schrankenlose Information, die virtuelle Verfügbarkeit aller Dinge, Menschen und Weltregionen. Oder die älteste? Und in Zukunft friedlichste, freieste?

ZITAT

Das Gedächtnis des Großkönigs war umfassend und sein Einfluß global. Es gab keine Krise an irgendeiner weit entfernten Grenze, über die er nicht ständig informiert wurde. Die Entfernungen in seinem Reich waren zwar immens, doch immens war auch die Virtuosität, mit der seine Knechte an der Überwindung dieser Entfernung arbeiteten. Die Geschwindigkeit, mit der persische Nachrichten übermittelt wurden, erregte allgemeines Erstaunen. Leuchtfeuer, die von einem Aussichts-Wachpunkt zum nächsten übersprangen, konnten den Großkönig von jedem beunruhigenden Zwischenfall, praktisch unmittelbar nachdem er sich zugetragen hatte, in Kenntnis setzen. In den Gebirgsregionen des Reiches und vor allem in Persien selbst mit seinen Tälern und deren exzellenter Akustik konnten detailliertere Informationen durch mündliche Weitergabe übermittelt werden. Die Perser, geübt „in der Kunst der Atemkontrolle und im effektiven Einsatz ihrer Lunge“, hatten bekanntermaßen die lautesten Stimmen in der Welt; so manche Botschaft, die von felsigen Abhängen und über Schluchten hinweg weitergegeben wurde, durchquerte innerhalb eines Tages eine Entfernung, die ein Mann zu Fuß in einem Monat nicht hätte durchqueren können. Die Perser hatten in einem bislang nicht dagewesenen Ausmaß begriffen, daß Information gleichbedeutend ist mit Herrschaft. Wer die Informationsübermittlung im Griff hat, hat die Welt im Griff.

So war also die eigentliche Grundlage der Größe Persiens nicht seine Bürokratie und auch nicht sein Heer, sondern seine Straßen. Diese kostbaren Sträne aus Staub und festgetretener Erde bildeten das Nervensystem des riesig ausgedehnten Reichskörpers, in dem ununterbrochen Neuigkeiten unterwegs waren, von Synapse zu Synapse, zum Gehirn hin und von diesem weg. Die Entfernungen, die Kliomenes in so großen Schrecken versetzt hatten, wurden durch die königlichen Kuriere Tat für Tag zunichte gemacht. Allabendlich erreichte ein solcher Bote nach den Strapazen eines Tages im Sattel eine Poststation, die ihn erwartete, wo ein Bett für ihn bereitstand, Verpflegung und für den nächsten Tag ein anderes, ausgeruhtes Pferd. Eine sehr dringende Nachricht, die in ununterbrochenem Galopp, auch nachts und durch Unwetter hindurch, transportiert wurde, konnte Persepolis von der Ägäis aus durchaus in weniger als zwei Wochen erreichen. Das war unglaublich schnell und grenzte schon fast an Magie. Nie zuvor hatte es dergleichen gegeben. Es war kein Wunder, daß ein solches Instrument – die Urform aller Daten-Autobahnen – in der Hand des Großkönigs seine Untertanen einschüchterte und für sie den repräsentativen Maßstab, die nachdrücklichste Manifestation persischer Macht darstellte.

Der Zugang zu diesem Instrument war strengstens begrenzt. Keiner durfte die Straßen des Königs ohne einen Paß, ein viyataka betreten. Da jedes dieser Reisedokumente entweder direkt in Persepolis oder durch das Büro einer Satrapie ausgegeben wurde, bedeutete schon allein sein Besitz einen Zugewinn an Prestige.

Quelle Tom Holland: Persisches Feuer / Das erste Weltreich und der Kampf um den Westen / Klett-Kotta Stuttgart 2008 / ISBN 978-3-608-94463-1 / Seite 207 f

Ob meine „Tatsachen des Lebens“ allzuweit hergeholt sind und zum verzichtbaren Überbau unserer Kultur gehören, 1 Konzert, 1 Mitwirkender, 1 Uhr mittags,  kombiniert mit Hin- und Rückfahrt im ICE, das ist nicht jedem Mit- oder Weltbürger erklärbar. Immerhin ist eine menschlich verbindende Komponente zu erkennen: es handelt sich um 2 Karten. Und die 2. ist fast ausschlaggebend.

Bach Stuttgart Eintrittskarten

Und selbst mit Bach, dem fünften Evangelisten, wie manche meinen, stehen wir mitten in einer Weltproblematik, wenn wir nur den ZEIT-Artikel berücksichtigen, der seit dem 14. Juli 2016 zu lesen war:

Bach ZEIT Blut 160714 Als Ganzes nachlesbar HIER.

Nachtrag 18. September

Ich kann mir den mit inzwischen fremd gewordenen assoziativen Ansatz von damals nur dann nachvollziehbar machen, wenn ich mich langwierig distanziere, was wiederum albern oder eitel wäre. Nach einer Zeit intensiveren Lesens, des Eintauchens in den Stoff der Menschenzoos ändert sich die Einschätzung der eigenen Aktivität vollständig. Ich fühle mich veranlasst auch die versteckte Sensationslust in der eigenen Neugier mit mehr Wohlwollen zu betrachten. Die „Realitätsfresserei“ – man betrachte die Haltung der Wissenschaft in früheren Zeiten, das sinnlose Vermessen der Menschen, und nun die Selbsteinschätzung während des Vorgangs der „Einverleibung“, das gute Gewissen beim Nachvollziehen der unmenschlichen Aktivität der Besitzergreifung. Wie es sich verbindet mit dem Misstrauen gegenüber der eigenen Realitätsfresserei: die „Neu-Gier“ als immer wieder gerühmte, dem Selbstverständnis nach „harmlose“ Journalisteneigenschaft tatsächlich probeweise hinzunehmen – als Einstieg in die Tatsachen des Lebens. Statt Realitätsfresserei wählt man das Wort Anverwandlung. Empathie. Mitleid mit dieser Welt, wie sie war (und ist). Wilhelm von Humboldt schrieb kurz vor seinem Tode:

Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: ‚Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfaßt und in meine Menschheit verwandelt‘ – der hat sein Ziel erreicht.

Aktuelles aus der Kultur (?)

Das Fragezeichen…

…habe ich hinter das Wörtchen Kultur in die Überschrift gesetzt, wenn auch in Klammern, weil ich die Fragen vorausahne, die mich treffen sollen und die ich zurückweise. Mit der Kultur habe ich nie zu schaffen gehabt. – Mit welcher? wird zurückgefragt. – Mit der, die ihr meint. – Welche denn? – Eben!

Der große Bericht steht auf Seite 7 unseres Tageblatts, neben der Zahl 7 lese ich: „KULTUR“.

ST Kendrick Lamar Und in Spiegel online Kultur war gestern zu lesen:

Zumindest zeigte Lamar selbst mit seiner Performance eindrucksvoll, dass jeder Preis dann egal wird, wenn die Show über die Unterhaltung hinausweist: Seinen Song „The Blacker the Berry“ performte der Rapper in Häftlingskleidung, vor Gefängniskulisse und mit Handschellen; am Ende blieb seine Silhouette im Dunkeln vor dem Grundriss Afrikas, über den „Compton“ geschrieben war; der Name des sozial gebeutelten Stadtteils in Los Angeles also, aus dem Lamar und andere Rapgrößen stammen. Es folgten Standing Ovations.

Und am Ende bekam der Künstler sogar, als er sich mit seinem Auftritt so schon längst selbst zum Sieger des Abends gekürt hatte, gar doch noch die Anerkennung, die ihn über den Poprahmen hinaus würdigte: Auf Twitter gratulierte ihm das Weiße Haus. Verpackt waren die Worte in eine Eigenwerbung für Obamas Mentorenprogramm, ja. Aber sie wirkten trotzdem: „Shoutout to @KendrickLamar and all the artists at the #Grammys working to build a brighter future“ schrieb die US-Regierung. Word.

Ich erinnere mich und gebe in das Suchkästchen rechts oben ein, was ich im eigenen Blog nachlesen will, – war das nicht im Zusammenhang mit dem Kultur-Shooting-Star-Pianisten? Moment, HIER,  das sollte in der Tat eine weiterhin interessante Aufgabe bleiben.

Den oben genannten Song aber müssen Sie selber eingeben und – auf eigene Gefahr – hören und sehen wollen.

In den Rahmen der Kultur-Debatte könnte die über die sogenannte „Klassik“ gehören. Aber gerade dort lauern die dümmsten Vorurteile, wie man dem Bericht der Süddeutschen Zeitung über die Grammy-Verleihung entnehmen kann:

Für hiesige Klassikfreunde, die ihre Musik ja immer für die wichtigste auf dieser Welt halten, ist ein Blick in die Grammy-Gewinnerliste durchaus heilsam. Da wurden zwar Grammys in 83 verschiedenen Kategorien vergeben, doch nur zehn davon entfielen auf die Klassik. Das ernüchtert.

Quelle Süddeutsche Zeitung 17. Februar 2016 Seite 9 / Gesprengte Ketten Grammys 2016: In einem wütenden, überwältigenden Auftritt präsentiert Kendrick Lamar den USA schwarze Selbstermächtigung zur besten Sendezeit. von Julian Dörr, Jan Kedves, Reinhard Brembeck.

Das ernüchtert nicht, sondern bestätigt: Die Grammys sagen über „Klassik“ rein gar nichts aus. Über Klassik wird auch nicht abgestimmt. Nie und nirgendwo. So wenig wie über Kant und Nietzsche.

Aktualisierte Agenda mit Neuem aus der Kultur

Es gibt einen mentalen Motor, der durch komplementäre Lektüre angetrieben wird. 

Daoud & Klang

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung / Kiepenheuer & Witsch Köln 2016 ZITAT (Seite 11):

Wie alle anderen wirst auch du diese Geschichte genauso gelesen haben, wie sie von dem Mann aufgeschrieben wurde, der sie erzählt hat. Er schreibt so gut, dass seine Worte so genau passen wie von Hand behauene Steine. Er war so detailbesessen, dein Held, dass er die Worte förmlich dazu zwang, zu Mathematik zu werden. Endlose Berschnungen auf der Basis von Steinen und Mineralien. Hast du bemerkt, wie er schreibt? Er benutzt die Kunst des Dichtens, um den Schuss aus seiner Waffe zu beschreiben! Seine Welt ist sauber, wie erfüllt von der Klarheit des Morgens, präzise, eindeutig, durchdrungen von Aromen und durchzogen von neuen Horizonten.

Nur die „Araber“ werfen Schatten, er macht sie zu undeutlichen und nicht in die Landschaft passenden Wesen, die aus einem „Damals“ stammen. Damit werden sie in allen Sprachen der Welt zu Gespenstern, selbst wenn sie nur einen Flötenton von sich abgeben.

Rückblende 1963

Albert Camus: L’étranger / zum französischen Text hier. Tonaufnahme des Anfangs, gelesen von Camus selbst hier.

Camus Der Fremde

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Zeltner-Neukomm Text zu Camus

Nachtrag 20.02.16

ZITAT:

Was meinen Sie, warum der Faschismus, – und der „Islamische Staat“ ist ein Faschismus -, sich immer erst an der Kultur vergreift, warum man Kulturstätten zerstört, Wissenschaftler und Intellektuelle tötet? Genau deshalb: Weil dann nichts als die Wüste zurückbleibt. Und was hört man in der Wüste? Man hört Gott. Wissen Sie, ich war selbst einmal sehr religiös, und ich denke, dass mich unter anderem die Bücher gerettet haben. Ich sage oft: Der Mann vieler Bücher ist tolerant, der Mann eines Buches ist intolerant. Es bedarf vieler Bücher, um frei zu sein.

FAZ 17.02.16 Im Gespräch: Kamel Daoud Keiner wird als Islamist geboren / Der algerische Autor Kamel Daoud hat Camus’ Roman „Der Fremde“ noch einmal geschrieben hat – aus der Sicht der Araber. Ein Gespräch über die Entfremdung zwischen arabischer und westlicher Kultur / von ANNABELLE HIRSCH / online HIER

ZITAT:

Man denkt beim Flüchtling an dessen Status und nicht an seine Kultur. Er ist ein Opfer, das die Projektionen der Europäer auf sich zieht, die Pflicht zur Menschlichkeit oder Schuldgefühle. Man sieht den Überlebenden und vergisst, dass der Flüchtling in einer Kultur gefangen ist, in der das Verhältnis zu Gott und zur Frau eine wichtige Rolle spielt. Im Westen angelangt, hat der Flüchtling oder Migrant sein Leben gerettet, aber man übersieht nur zu gern, dass er seine Kultur nicht so leicht aufgeben wird. Seine Kultur ist das, was ihm angesichts seiner Entwurzelung und des Schocks der neuen Umgebung bleibt.

FAZ 18.02.16 Islam und Körper Das sexuelle Elend der arabischen Welt / In den Ländern Allahs herrscht ein krankes Verhältnis zur Frau und zum Begehren. Das muss wissen, wer bei der Bewertung der Kölner Silvesternacht der Naivität entkommen will. / Von KAMEL DAOUD online HIER 

Nachtrag 25.02.2016

DIE ZEIT Seite 39 Das Tribunal der Pariser Mandarine / Der algerische Autor Kamel Daoud soll den Islam nicht kritisieren / Von Iris Radisch

(…) Die Wissenschaftler befanden den Autor in Le Monde für schuldig, von der „Überlegenheit westlicher Werte“ überzeugt zu sein und einer fremden Kultur den „Respekt vor der Frau“ in unerträglich paternalistischer Weise „aufzwingen“ zu wollen.

Kamel Daoud, der seit Jahrzehnten beim Quotidien d’Oran arbeitet und wegen seiner couragierten Kommentare sogar mit einer Fatwa belegt wurde, verlässt nach diesem Pariser Unsinn der Mut. Er hat angekündigt, sich aus dem Journalismus zurückzuziehen. Noch immer, schreibt er, sei es im Land Voltaires nicht möglich, den Islam zu kritisieren, ohne stigmatisiert zu werden. (…)

***

Musik in Uganda

Den Tag mit einer Schnell-Recherche beginnen

Uganda ZEIT

Ich muss das ganz lesen, weil ichs nicht verstehe: „Und sie so…“ Was soll das? Fehlt da ein Wort? „…singt…“ oder : „…antwortet…“?

Im Artikel steht es anders (zuviel Pedanterie? Als kleine Übung aber doch wohl brauchbar):

Als Deena im Nationaltheater anfängt zu singen, werden die 400 Leute im Publikum totenstill, dann fangen sie an zu lachen – ungläubig, überzeugt davon, das sei Playback.

Aber dann kommt Deena zum A-Cappella-Teil, den sie extra für diesen Fall eingebaut hat. Sie singt: Omutima gunuma nga simulabye. „Mein Herz zerbricht, wenn er nicht bei mir ist.“ Das Publikum fängt an zu jubeln. Deena singt und singt. Mumulete! bringt ihn zu mir! Und das Publikum jubelt lauter. Mumulete“

Sie stellen den Song ins Netz und kriegen 10 000 Abrufe in 24 Stunden. Am selben Tag ruft das ugandische Fernsehen, will Deena ins Studio haben. Sie gibt an diesem Tag drei Interviews.

Quelle DIE ZEIT 12. November 2015 Seite 87 (Chancen) Und sie so:Omutima gunuma nga simulabye“#  Wie es ist, in Uganda Popstar zu werden – als weiße Frau. Von Bastian Berner.

Ich finde den Titel auf youtube: 58.095 Abrufe , 342 likes, 25 dislikes. Die Kommentare  sind aufschlussreich. Ich denke: wozu die Gewaltszenen? absatzfördernd? Damals: als wir im WDR Musik aus Uganda produzierten, faszinierte das rhythmische Moment und das „Gewebe“ der Strukturen. Aber soll ich hier den Meckerer auf Außenposten abgeben? (Die einzige Kritik dieser Art kommt offenbar – aus Germany)

ZITAT aus den Kommentaren bei youtube:

I thought africa is the home of rythmical music genius, how can the people like such a crappy and dull beat? Not even the people here in germany would like it.

ZITAT aus DIE ZEIT (Quelle wie oben)

Es gibt keine KritiK?

„Ein paar Leute haben auf You Tube gesschrieben: ‚Yeah, ich bin weiß und singe auf Luganda, ich bin so cool!‘ Aber das kommt immer nur von Weißen. Immer! Ich kann dann nur fragen: Wer gibt euch das Recht, für die Ugander zu entscheiden? Niemand! Ihr könnte eure Meinung äußern, aber ich nehme das nicht ernst. Wenn die Ugander irgendwann sagen, wir haben keinen Bock mehr auf dich, dann lasse ich es bleiben.“

Aber die Ugander lieben sie.

Überblick zur Musik in Uganda: HIER (https://en.wikipedia.org/wiki/Music_of_Uganda)

Die Erinnerungen gehen weit zurück, die ersten Begegnungen mit Evaristo Muyinda im WDR Köln gab es vor 1990, für die wissenschaftliche Begleitarbeit zuständig: Barbara Wrenger. (Hochinteressant das von Tiago de Oliveira Pinto aufgezeichnete Gespräch mit Gerhard Kubik über seine Lehrzeit bei Evaristo Muyinda HIER) – ZITAT:

Der erste Schock, als Muyinda mich auf dem 12stäbigen amadinda-Xylophon zu unterrichten begann, war daß er von mir verlangte, eine sich ständig wiederholende Reihe völlig gleichbleibender Schlagabstände zu spielen, von der er sagte, das nenne man „okunaga“. Ich hatte das nicht erwartet. Ich hatte das erwartet, wovon in den Büchern immer die Rede gewesen war: Formeln und komplizierte Rhythmen. Ich errinnere mich noch, daß ich bei diesem Anfang des Unterrichts zu zweifeln begann, ob Muyinda mir „the real thing“ zeigte. Der okunaga-Part erschien mir als solcher zu einfach, ja noch einfacher als die Rhythmen in der europäischen Musik. Das sollte Afrika sein? Dennoch lernte ich diese Reihe gewissenhaft und schlug sie mit den zwei parallel gehaltenen Schlegeln auf dem Xylophon in einem Intervall an, zu dem mir einfiel, dass dies Oktaven seien. Muyinda hatte auch dafür einen Ausdruck. Er sagte dafür: „miyanjo“.

Uganda Evaristo a Uganda Evaristo b

Uganda Acholi CDUganda Acholi b

Uganda Oppermann  Uganda wirkt weiter…

Eine völlig andere Sache:  Geoffrey Oryema war 2001 zu Gast in der Matinee der Liedersänger.

Thomas Daun, seit 1982 freier Mitarbeiter im WDR, machte mich zum erstenmal aufmerksam auf die Arbeit von Peter Cooke, dessen Uganda-Aufnahmen (seit 1966) jetzt im Netz zugänglich sind. Ein unglaubliche Fundgrube!

Nachtrag (Selbstversuch gestern 16.11.2015)

Fahrt nach Bonn (ab 15.30 – Staus – an 16.45, Rückfahrt 22.00 bis 23.00) mit Musik auschließlich CD „Evalisto Muyinda“ (s.o.), auf der Rückfahrt hatten sich die Lieblingstitel „eingependelt“: Tr. 7 und 8.

(Fortsetzung folgt)

Nachtrag 10. Juni 2016

Gestern bei Markus Lanz: Hier ab 64:34 – der Eindruck, den Deena im Gespräch macht, bestätigt die Skepsis angesichts des ZEIT-Artikels damals. Dass der MUMULETE-Beitrag auf youtube nicht mehr abrufbar ist, vielleicht kein Verlust. Man kann auch bei Lanz kurz hineinhören (bei 69:27), der Mann mit der Flaschenpost sitzt übrigens hier im Publikum. Deena: „Das Große an mir ist, glaube ich, dass ich das ganze ernst nehme…“ Absolut, total! Und Lanz: „… eine unfassbare Lebensgeschichte! Ein wahnsinnig schöner Flecken Erde … war selber mal da…es gibt wenig Landschaften, die einen so berühren wie Ostafrika, das geht einem wirklich unter die Haut…“ Ende 72:52.