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Höchste Zeit für Spielverderber

Daniel Kehlmann in „DIE ZEIT“

Solange das Großereignis in der Hand einer mafiösen Organisation ist, solange die Weltmeisterschaften in Ländern stattfinden, die diese mit Bestechung eingekauft haben, solange dort Stadien unter Bedingungen gebaut werden, die an Sklaverei gemahnen, solange in ihnen und um sie nationale Rechtsprechung, Redefreiheit und Freiheit des Handelns ausgesetzt sind und solange der Verein, der von alledem profitiert, fast keine Steuern an die Gesellschaft zurückgeben muss – sind nicht alle, die trotzdem zuschauen, Komplizen eines skandalösen Unrechts?

„Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten“, schreiben Zeyringer und Trojanow. Ja, in einer vernünftigen Welt würde keiner unter solchen Bedingungen ins Stadion gehen. Politiker würden nicht nach Russland reisen und im Namen des Fußballs Putins Hand schütteln, während der Dissident Oleg Senzow in einem sibirischen Gefängnis dem Tod entgegenhungert, und kein Bürger daheim würde Übertragungen ansehen, bis die Fifa sich reformiert hat und Spiele nicht mehr unter unakzeptablen Bedingungen stattfinden.

Aber wir wissen alle, dass wir nicht in einer vernünftigen Welt leben. Und so wird alles bleiben wie bisher.

Quelle DIE ZEIT 14. Juni 2018 Seite 44 Sollen wir die WM boykottieren? Wer das Buch „Das wunde Leder“ von Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer liest, kann kein Spiel der Fifa-Großveranstaltung mehr unbefangen schauen.  Von Daniel Kehlmann.

Das Buch bei Perlentaucher: hier.

Der Dissident Oleg Senzow im DLF: hier.

Das „Spiel der Zahlen“ in der FAZ: hier.

Der ZEIT-Artikel online (mit 70 Kommentaren): hier.

Lese-Probe aus dem Buch „Das wunde Leder“: hier.

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Ganz abgesehen davon –

ZITAT aus der ZDF Lanz-Sendung 20.Juni 2018 HIER  Dr.Uwe Westphal:

Alle sprechen vom Fußball. Aus meiner Sicht ist das alles ver-rückt. Ich will nur mal eine Zahl nennen: Zwischen 1998 und 2009, das sind 12 Jahre, haben wir in Deutschland knapp 13 Millionen – 12,7 Millionen genau – Vogel-Brutpaare verloren. In Europa insgesamt, in der EU, innerhalb von 30 Jahren 430 Millionen Vögel (Lanz: das ist unvorstellbar!) – das sind eigentlich die Themen, die uns interessieren müssten, weil… alles andere … ist interessant … also nur mal Fußball – wir unterhalten und über ein 0:1, weil nun mal komischerweise die deutsche Mannschaft  kein Tor geschossen hat, Mexico nur ein Tor geschossen – aber die DingE, die werden vollkommen unterschätzt, WIR SIND MITTENDRIN IM GRÖSSTEN ARTENSTERBEN SEIT ENDE DER DINOSAURIER; und schuld ist der Mensch! Wir sollen nicht so tun, als ginge uns das nichts an, das ist da draußen die Natur. Das ist ja das Problem, dass wir denken, da haben wir nichts mit zu tun… (Finde ich genau richtig etc.etc. Was müssen wir tun, um das zu ändern?)  Ja also ich beobachte ja seit einem halben Jahrhundert die Vogelwelt (weiter ab 1:04:00)

Nachtrag vor dem Endspiel 14.07.2018

Gianni Infantino kann sich auf seine Helferlein verlassen, ehemalige Spitzenfußballer, die mal sportliche Giganten waren, aber sich, was Weisheit angeht, als Wichtel entpuppt haben, so federleicht, dass Infantino sie wie Sternenstaub hinter sich herziehen kann. Bei Putin im Kreml war nicht nur der plappernde Matthäus dabei, auch Zvonimir aus Kroatien, Alexandra Scott aus England, Jorge Campos aus Mexiko, Peter Schmeichel aus Dänemark, und ein wesentlich älterer Mann, der sich womöglich vom WM-Turnier 1930 in Uruguay in die Gegenwart rübergerettet hat. Man sah es in den Nachrichten: Infantino war angetreten, Vorgänger Blatter zu widerlegen. Glück für jedermann ist möglich, jedenfalls bei der WM in Russland. Scheiß doch auf Krieg und Inhaftierte.

Der Fifa-Chef ist vielsprachig, die Bedeutung des schönen deutschen Begriffs „willfährig“ scheint er nicht zu kennen. Laut Duden: „Würdelos den Absichten anderer dienend“. Infantino suchte seine Begeisterung in Metaphern zu gießen und strandete dabei im medizinischen Bereich, es hörte sich geradezu ungesund an. „The virus of football has entered into the bodies of each and every russian citizen.“ Schließlich japste er: „Ich fühle mich wie ein Kind im Spielzeugladen.“ Die Szene erinnerte an die Kabinettssitzung von Donald Trump, bei der jeder erstmal sagen sollte und auch sagte, wie großartig Trump sei. Der Unterschied: Trump sah man die Genuftuung an, der Sabber der Selbstliebe lief ihm zu beiden Hosenbeinen raus. Putin schien die vorsätzliche Arschkriecherei seiner Gäste unangenehm zu sein.

Die Weltmeisterschaft geht zu Ende, ein Spektakel, das allerdings zu viele Unerträglichkeiten enthält, um als Zeitvertreib konsumierbar zu sein. Im Finale stehen die Franzosen und Šukers Kroaten. Aber gewonnen hat längst Putin, das Drehbuch hat sich am Ende selbst geschrieben. Und in der Nachspielzeit am Montag trifft Wladimir Putin sich mit Donald Trump, der für ihn kein Gegner ist.

Quelle Süddeutsche Zeitung 14./ 15. Juli 2018 Seite 3 Senk ju Präsident Vergesst das Finale, diese Fußball-Weltmeisterschaft hat nur einen Sieger: Wladimir Putin. Über das Turnier eines Autokraten und seiner infantilen Bewunderer aus dem internationalen Betrieb / Von Holger Gertz.

Randbemerkung JR zu „Šukers Kroaten“ (nach Wikipedia): „Während seiner Zeit bei Real Madrid hatte Šuker 1996 vor dem Grab von Ustascha-Führer Ante Pavelić posiert, einem beliebten Wallfahrtsort kroatischer Faschisten und sich anschließend ablichten lassen.“