Nachdem mir kürzlich die Wörter „fade“ und „Fadheit“ mit positiver Konnotation nahegebracht wurden, bemerke ich, dass mir das „fade Licht“, das man offenbar gern im Dezember beobachtet und fotografiert, immer schon etwas bedeutet hat. Aber was? Wirkte es „unheilschwanger“ oder „glückverheißend“? Oder hatte ich einfach ein fahles Licht gemeint?
In Bayern sagt man „fad“, wenn langweilig oder gehaltlos gemeint ist. Ich käme nicht auf die Idee, den „Faden“ damit zu assoziieren, denn er bedeutet gerade Zusammenhang, er verläuft nicht im zufälligen Außenbereich, sondern verbindet die Kernpunkte zu einer im Prinzip unendlichen Linie. Was ist mit „fadenscheinig“? Die Fäden scheinen durch, der Stoff ist mürbe, er will zerfallen. Trotzdem keine unästhetische Vorstellung, man denkt schon fast an „licht“. Oder Licht. Nur in der Logik gilt die Fadenscheinigkeit als Täuschungsmanöver. Ein fadenscheiniger Vorwand kann nicht als positiv gewertet werden. Es sei denn, er hebt die Verlegenheit um so deutlicher ans Licht. Das englische „fading“ hat nicht nur einen ganz anderen Klang, es hat auch von Natur einen Hauch Poetik. Ich finde es ungehörig, das deutsche „fade“ mit dem englischen „fade“ assoziativ zu vermengen. Da könnte ich doch gleich Gegensatzpaare zusammenstellen und behaupten, es handle sich nur um Schattierungen. Oder ist es so?
Nehmen wir die Fadheit. Das Synonymenlexikon sagt, sie habe mit Langeweile und Geschmacklosigkeit zu tun, des weiteren werden genannt: Monotonie, Alltäglichkeit, Einerlei, Einförmigkeit, Gleichförmigkeit, Tristesse, Trostlosigkeit, Öde, Einfallslosigkeit, Mangel an Abwechslung.
Damit wäre der Fall für mich erledigt, ich muss dieses Wort nicht anwenden, wenn es sogleich in einem sehr engen Sinn – nämlich aufs Chinesische bezogen – verstanden werden soll. Oder soll ich zur Eingewöhnung in den Gebrauch eines bestimmten Wortes ein ganzes Buch lesen?
François Jullien: Über das Fade – eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China, Berlin 1999.
„Läßt man die unzulässigen, weil unhistorischen und undifferenzierten Generalisierungen unbeachtet, so ermöglicht Julliens erstes in deutscher Sprache vorliegendes Buch eine ungewöhnliche Perspektive auf ein zentrales Thema der chinesischen Elitekultur: die Feier des Neutralen und Geschmacklosen als des höchsten Werts ästhetischer Empfindung“ (Michael Lackner FAZ 26.07.1999)
„Indem Siemons mit Laotse und Konfuzius die Psychoanalyse neu und subversiver lesen möchte, werden dem Rezensenten die Fährnisse der Vorgehensweise erst deutlich. Abstraktion der Denkmuster führt hier zu einer merkwürdigen Schwerelosigkeit, durch die das behandelte Material seine Lebendigkeit verliert, meint Siemons.“ (Perlentaucher über die Rezension eines anderen Buches von Juillien, 5.10.2013 FAZ.)
Ein Kind schrieb ins Gästebuch des Kolumba-Museums Köln (wohl nach Betrachtung eines Kuh-Portraits):
Die Kuh kaut sich ihre Gedanken schön.
Der Philosoph Byung-Chul Han sagt: „Im kontemplativen Zustand tritt man gleichsam aus sich heraus und versenkt sich in die Dinge.“ Er zitiert Merleau-Ponty, der Cézannes kontemplative Betrachtung der Landschaft als eine Entäußerung oder Entinnerlichung beschreibt:
Zunächst versucht er sich Klarheit über die geologischen Schichten zu verschaffen. Dann bewegte er sich noch mehr von der Stelle und schaute nur noch, bis ihm die Augen, wie Madame Cézanne sagte, aus dem Kopf heraustraten. (…) Die Landschaft, sagte er, denkt sich in mir, ich bin ihr Bewusstsein.
Quelle Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft – Matthes & Seitz Berlin 2010 (Seite 30f) und: Maurice Merleau-Ponty: Das Auge und der Geist – Philosophische Betrachtungen Hamburg 1984 (Seite 16)
Friedrich Nietzsche:
Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich darob verwunderte.
Er wunderte sich aber auch über sich selbst, das Vergessen nicht lernen zu können und immerfort am Vergangenen zu hängen: mag er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette läuft mit. Es ist ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch »ich erinnere mich« und beneidet das Tier, welches sofort vergißt und jeden Augenblick wirklich sterben, in Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer verlöschen sieht. So lebt das Tierunhistorisch: denn es geht auf in der Gegenwart, wie eine Zahl, ohne daß ein wunderlicher Bruch übrigbleibt, es weiß sich nicht zu verstellen, verbirgt nichts und erscheint in jedem Momente ganz und gar als das, was es ist, kann also gar nicht anders sein als ehrlich. Der Mensch hingegen stemmt sich gegen die große und immer größere Last des Vergangenen: diese drückt ihn nieder oder beugt ihn seitwärts, diese beschwert seinen Gang als eine unsichtbare und dunkle Bürde, welche er zum Scheine einmal verleugnen kann, und welche er im Umgange mit seinesgleichen gar zu gern verleugnet: um ihren Neid zu wecken. Deshalb ergreift es ihn, als ob er eines verlorenen Paradieses gedächte, die weidende Herde oder, in vertrauterer Nähe, das Kind zu sehen, das noch nichts Vergangenes zu verleugnen hat und zwischen den Zäunen der Vergangenheit und der Zukunft in überseliger Blindheit spielt. Und doch muß ihm sein Spiel gestört werden: nur zu zeitig wird es aus der Vergessenheit heraufgerufen. Dann lernt es das Wort »es war« zu verstehen, jenes Losungswort, mit dem Kampf, Leiden und Überdruß an den Menschen herankommen, ihn zu erinnern, was sein Dasein im Grunde ist – ein nie zu vollendendes Imperfektum. Bringt endlich der Tod das ersehnte Vergessen, so unterschlägt er doch zugleich dabei die Gegenwart und das Dasein und drückt damit das Siegel auf jene Erkenntnis – daß Dasein nur ein ununterbrochenes Gewesensein ist, ein Ding, das davon lebt, sich selbst zu verneinen und zu verzehren, sich selbst zu widersprechen.
Wenn ein Glück, wenn ein Haschen nach neuem Glück in irgendeinem Sinne das ist, was den Lebenden im Leben festhält und zum Leben fortdrängt, so hat vielleicht kein Philosoph mehr Recht als der Zyniker: denn das Glück des Tieres, als des vollendeten Zynikers, ist der lebendige Beweis für das Recht des Zynismus. Das kleinste Glück, wenn es nur ununterbrochen da ist und glücklich macht, ist ohne Vergleich mehr Glück als das größte, das nur als Episode, gleichsam als Laune, als toller Einfall, zwischen lauter Unlust, Begierde und Entbehrung kommt. Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andre glücklich macht. Denkt euch das äußerste Beispiel, einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinanderfließen und verliert sich in diesem Strome des Werdens: er wird wie der rechte Schüler Heraklits zuletzt kaum mehr wagen, den Finger zu heben. Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen leben sollte. Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur.
Quelle Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Anfang Kapitel 1.
Das unruhige Tier (1:49)
Der unruhige Mensch (2:25)
Neue Information 24.12. 2014 Frankfurter Allgemeine Zeitung (19.12.2014)
Kommunikation bei Kühen„Muh“ ist nicht gleich „Muh“ Keine stumme Kreatur – und dumm schon gar nicht: Forscher belegen mit spezieller Technik, dass Kühe und ihre Kälber sich differenziert mit unterschiedlichen Lauten verständigen. Von Christina Hucklenbroich. (s.a. hier)
Ich will nicht verhehlen, dass ich an die tiefere Bedeutung von Koinzidenzen nicht glaube. Es soll ja Leute gegeben haben, denen aus solchen Zufällen – wie aus der Erfahrung eines Déjà vue – die Ahnung erwuchs, sie seien zu hohen Dingen berufen. Vermutlich reagiere ich aber immer wieder nur auf bestimmte Reflexe und ordne sie einander zu. Das heißt zum Beispiel: ich fahre zu einem Vortrag ganz in der Nähe, Haus Graven, weil dort ein Vortrag über Geschichte, Eigenart und Vielfalt der Kartoffel (mit nachfolgender Speisung und Tränkung der Gäste) stattfinden sollte. Ausschlaggebend: ich kenne die Referenten Herbert Ferres und Olaf Link, – den einen als Anbieter einer hervorragenden Auswahl von frischen Lebensmitteln auf dem Ohligser Wochenmarkt, den andern als Autor von heimatbezogenen Büchern sowie durch Berichte im Solinger Tageblatt. Ich kaufe eines von den ausgelegten Büchern, zufällig (?) das über die Hexenprozesse im Bergischen Land. Wahrscheinlich, weil ich hineingeschaut hatte und zufällig (?) auf ein Argument zum Hexenwahn gestoßen bin, das ich bisher nicht bedacht hatte. Es deutete auf „echten“ Glauben. Zudem erinnerte ich mich an ein Denkmal des Schreckens in Völs am Schlern (Südtirol). „Viel Spaß und Gruselstunden!“ hieß es da.
Foto E. Reichow 2012
Hier und heute aber gab es ausschließlich Informationen rund um die Kartoffel, die weiß Gott nichts mit den Hexen ihrer Zeit zu tun hatten. Mein Glaube an die Kraft der Kartoffel ist gefestigt! (Hochinteressant: die vorübergehende „Verteufelung“ der Linda in unserem Jahrhundert… s.a. unter Big-Brother-Awards.)
Das oben erwähnte Argument:
Die beschriebenen Torturen galten in den Hexenprozessen als „probatio probatissimi“, als „Beweis aller Beweise“. Die Folterungen sollten ermöglichen, dass die Angeklagten auch gegen den Willen des Teufels ihre Taten gestehen können. Allgemein vertraute man darauf, dass Gott die Verurteilung Unschuldiger nicht zulassen würde. Hieraus leiteten die Menschen die Gewissheit ab, dass, wer verurteilt wurde, auch schuldig war. (Seite 27)
ISBN 978-3-86680-319-0
Heute morgen schlage ich die Zeitung auf und sehe die folgenden großangelegten Berichte: über drei Seiten der mit farbigen Bildern versehene Artikel über die bösen Geister in Papua-Neuguinea und die taktvollerweise angehängte Rekapitulation unserer 400 Jahre unterm Zeichen des „Hexenhammers“: Die Hölle, das sind nicht nur die Anderen…
Quelle Süddeutsche Zeitung Samstag/Sonntag 29./30. November 2014 Seite 13 ff BUCH ZWEI. Autoren: Arne Perras und Matthias Dobrinski.
Gesetzt: Ich suche einen Grund nachzudenken. Einen roten Faden. Das Thema hat sich von selbst gestellt (um 8.30 Uhr). Nicht beginnen mit der Poesie der Pflaumenblüte. Oder Kirschblüte. Etwa weil es vielleicht Winter wird und man ihm etwas entgegensetzen möchte. Kein Haiku zitieren und auch nicht nachdenklich in die Ferne schauen.
Winterregen. / Eine Maus läuft über die Saiten / der Mandoline. (Buson)
ZITAT
Nach Leibniz setzt das Sein des jeweiligen Dinges einen Grund voraus: „Setzt man ferner voraus, daß es Dinge geben muß, so muß man einen Grund dafür angeben können, weshalb sie so existieren müssen wie sie sind und nicht anders.“ Diese Frage nach dem Grund führt notwendig zum letzten Grund, der >Gott< genannt wird: „So muß also der letzte Grund der Dinge in einer notwendigen Substanz liegen, in der die Eigenart der Veränderungen nur in eminenter Weise, wie in ihrer Quelle enthalten ist: und diese Substanz nennen wir Gott.“ An diesem „letzten Grund der Dinge“ käme das Denken, das nach dem Warum fragt, zur Ruhe. Im Zen-Buddhismus wird eine andere Ruhe angestrebt. Diese wird erreicht gerade durch die Aufhebung der Warum-Frage, der Frage nach dem Grund.
Zwei Fragen nach dem Grund
Dies ist keine Pflaumenblüte
Dies ist keine Blüte
Jenem Gott der Metaphysik als letztem Grund wird eine blühende Grundlosigkeit entgegengesetzt: „Rote Blumen blühen in herrlicher Wirrnis.“ Auf eine singuläre Ruhe verweist das Zen-Wort: „Gestern, heute ist es so, wie es ist. Am Himmel geht die Sonne auf und der Mond unter. Vor dem Fenster ragt fern der Berg und fließt der Fluß.“
Auch Heideggersches Denken verzichtet bekanntlich auf jene metaphysische Vorstellung des Grundes, in der die Frage nach dem Warum zur Ruhe käme, eines Erklärungsgrundes, worauf das Sein jedes Seienden zurückzuführen wäre. Heidegger zitiert Silesius: „Die Rose ist ohne Warum, sie blüht, weil sie blüht.“ Dieses Ohne-Warum setzt Heidegger dem >Satz vom Grund<: Nihil est sine ratione (>Nichts ist ohne Grund<) entgegen. Es ist gewiß nicht leicht, im Grundlosen zu verweilen oder zu wohnen. Wird man also doch Gott anrufen müssen? Heidegger zitiert noch einmal Silesius: „Ein Herz, das zu Grund Gott still ist, wie er will, wird gern von ihm berührt: es ist sein Lautenspiel.“
Ohne Gott bliebe das Herz also ohne >Musik<. Solange Gott nicht spielt, tönt die Welt nicht. Braucht die Welt also einen Gott? Die Welt des Zen-Buddhismus ist nicht nur ohne >Warum<, sondern auch ohne jede göttliche >Musik<. Auch das Haiku ist, hört man genauer hin, nicht >musikalisch<. Es hat kein Begehren, ist frei von der Anrufung oder Sehnsucht. So wirkt es fade*. Diese intensive Fadheit macht seine Tiefe aus.
Quelle Byung-Chul Han: Philosophie des Zen-Buddhismus RECLAM 2002 ISBN 978-3-15-018185-0 (Seite 21f) Die Quellenangaben der Zitate im ZITAT wurden in dieser Abschrift weggelassen. *Zum Gebrauch des Wortes fade bedarf es aber wohl einer Erläuterung; Han bezieht sich auf François Jullien: Über das Fade – eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China, Berlin 1999. (s.a. ein Gespräch über „das Fade“ zw. Stefan Fricke und Johannes S.Sistermanns hier.)
Die Bilder oben sind meine Zutat (Quelle Wikipedia) und haben mit dem zitierten Text, den ich mir einzuprägen suchte, nicht unmittelbar zu tun. Das Buson-Gedicht allerdings steht dort an Ort und Stelle, ohne als Abschluss gedacht zu sein.
Es ist 11:37, und die Sonne scheint.
Ein weiteres ZITAT:
Der Zen-Buddhismus ließe diese strikte Trennung zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen dem Erscheinenden und dem Verborgenen nicht zu. Alles, was zwischen Himmel und Erde glänzt und blüht, tönt und duftet, steigt und kommt, geht und fällt, klagt und schweigt, erbleicht und dunkelt, wäre schon maß-gebend. Es wird nicht nach etwas Verborgenem hinter der Erscheinung gesucht. Das Geheimnis wäre das Offenbare. Es gibt keine höhere Seinsebene, die der Erscheinung, der Phänomenalität vorgelagert wäre. Jenes Nichts bewohnt dieselbe Seinsebene wie die erscheinenden Dinge. Die Welt ist ganz da in einer Pflaumenblüte. Es gäbe nichts außerhalb der Offenbarkeit von Himmel und Erde, von Pflaumenblüte und Mond, nichts außerhalb der in ihrem eigenen Licht erscheinenden Dinge.
A’Marina! Nach dem italienischen Mittagsmahl (mit Blick auf eine Burgruine am leuchtenden Mittelmeer und auf ein Abendmahl – frei nach Leonardo – an den Wänden) gemächliche Wanderung durch den Schlosspark. Um 15.OO Uhr steht die Sonne tief hinter den Bäumen, hier und dort sehr hell, aber doch schon ganz dem Abend zugewandt. (Bilder durch Anklicken vergrößern.)
Von oben nach unten: 1) Etüde von Rodolphe Kreutzer, 2) Streichquartett op. 20, 2 von Joseph Haydn, 3) Streichquartett op. 74 von Ludwig van Beethoven
Das Merkwürdige ist die Selbstverständlichkeit, dass die auffälligste Figur in den Streichquartetten, in denen fast jede Figur hinsichtlich ihrer musikalischen Bedeutung abgeleitet werden kann, hier keiner motivischen Begründung bedarf, obwohl sie für den Charakter der Stelle entscheidend ist. Sie gehört zum normalen, technisch verfügbaren Repertoire der Streicher, und zwar nicht erst seit Kreutzer, sondern mindestens seit Bach (E-dur-Partita u.a.). Es ist aber nicht einfach eine Begleitfigur, sondern sie stiehlt der Motivik „die Show“. Sie signalisiert höchste Aktivität (künstliche Aufregung!), während das, was zählt, in anderen Stimmen passiert: das Wechselspiel zwischen Cello und erster Geige bei Haydn, die Pizzicato-Dreiklänge und das aus dem Hauptthema übernommene, hier „transzendierende“ Motiv der zweiten Geige bei Beethoven.
Joh. Seb. Bach Suite I G-dur BWV 1007 (Handschrift Anna Magdalena B.)
Man beachte auch, wie die indische Geigerin Kala Ramnath in ihrer Interpretation des Ragas Madhuvanti ab 51:33 eine ganz ähnliche Technik anwendet, gerade dort, wo sie einige bogentechnische „Spezialitäten“ aneinanderreiht (z.B. auch Staccato).
Was für eine Meldung! Also kann man Planetenmusik vielleicht auch real hören? Nada Brahma! Den Kindern wird folgendes erzählt (Wissen macht Ah!)
Im Weltraum ist es nicht nur ziemlich intergalaktisch, sondern auch vollkommen still. Würdet ihr ins All fliegen, dann könnte euch niemand lachen hören. Warum? Das liegt daran, dass es im Weltraum keine Luft gibt.
Ungefähr 200 km über unserer Erde beginnt der Weltraum. Die Luftschicht, die unseren Planeten umgibt, endet dort. Der Weltraum ist ein luftleerer Raum, und so einen leeren Raum nennt man Vakuum. Weil sich Schall ohne Luft nicht fortbewegt, kann man im Vakuum nichts hören.
Wie ist dieses Problem zu lösen? Selbst hören, 2 Sekunden – HIER!
Es ist ein kurzer, aber bedeutender „Rumms“, den das Instrument CASSE bei der ersten Landung von Philae auf dem Kometen Churyumov-Gerasimenko aufzeichnete – das Zwei-Sekunden-Stück aus dem All dokumentiert nicht weniger als den allerersten Bodenkontakt eines menschengemachten Objekts mit einem Kometen.
Sind wir dem Kometen mit dem Ohr so nah, dass wir „den Dreiklang“ des Landers Philae hören können? Ja, und man kann dort sogar die Kinder auf der Erde lachen hören!
Diese Bilder sind nebst vielen anderen im Internet zu finden, wenn Sie dem Namen Gottfried Lindauer folgen. Von selbst werden Sie auf eine Fundgrube von Informationen stoßen, wollen sich aber vielleicht zunächst einen Überblick verschaffen, wer die Maori sind und was man über ihre Geschichte weiß: bitte HIER bei Wikipedia. Ein weiterer Link (mit den Geschichten zum Bild) HIER.
Der entscheidende Punkt ist aber der, dass es zur Zeit in Berlin eine Ausstellung gibt, die alle flüchtigen Eindrücke vertieft und konkretisiert. Ich zitiere aus dem Prospekt der Veranstalter:
Die Ausstellung Gottfried Lindauer. Die Māori Portraitsfordert dazu auf, gewohnte Denkrahmen zu überschreiten. Bisher wurden in der Alten Nationalgalerie Werke europäischer Künstler ausgestellt, nun werden dort die Bilder eines Malers ins Licht gerückt, dessen Identität und Werk sich eindeutigen Zuordnungen entziehen. War Lindauer Künstler, war er Ethnograph? Warum hat er hauptsächlich die indigene Bevölkerung Neuseelands dargestellt? Sind seine Werke strategische Inszenierungen des Fremden oder standen sie im Dienst kolonialer Zwecke?
Im Zentrum des Vermittlungsprogramms stehen Dialoge und der Wechsel von Perspektiven. Dabei soll nicht nur das was wir sehen eine Rolle spielen, sondern auch die Frage, was den Blick lenkt und unsere Wahrnehmungsweisen prägt. Mehrfach gibt es Gelegenheit die Stimmen derjenigen zu hören, die Lindauers Porträts zu ihrem kulturellen Erbe zählen. Wöchentlich besteht die Möglichkeit vor den Werken mit Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Disziplinen ins Gespräch zu kommen.
Alles weitere unter dem folgenden Link: HIER. Oder Sie wählen den wunderschönen Flyer als pdf HIER.
Für mich ist bei der Betrachtung aller Traditionen in Mikronesien und Polynesien der Stand der Musik ein entscheidendes Indiz. Ich zitiere aus dem Artikel Ozeanien im Sachteil (Band 7) des neuen MGG-Lexikons (Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Verlage Bärenreiter und Metzler, 1997. Autoren: Barbara Smith bzw. Richard M. Moyle (Übers. Thomas M. Höpfner):
ZITAT
Seit der Entdeckung Guams durch Fernão de Magalhães (span. Magallanes) 1521 wurde Mikronesien durch Forscher, Handeltreibende, Kolonial- und Militärpersonal u.a. aus allen Kontinenten bereist und besiedelt, die viele verschiedene Musikstile einführten, die z.T. von den Eingeborenen übernommen, z.T. imitiert und phantasievoll angepaßt wurden (….). Vor dem Zweiten Weltkrieg übten die christlichen Missionare den stärksten Einfluß aus; einheimische Musik und Tanz wurden massiv unterdrückt und die Gesänge der Religionsgemeinschaften eingeführt. Im östlichen Mikronesien übersetzten die Protestanten Kirchenlieder in die dortigen Sprachen, veröffentlichten Gesangbücher und lehrten an ihren Schulen auch Singen und Notenlesen.
(…)
Die Missionierung im 19. Jahrhundert gab den stärksten Anstoß zum kulturellen wie auch musikalischen Wandel in Polynesien in historischer Zeit. Französische katholische Priester tolerierten vorhandene Gesangs- und Tanzgattungen, britische protestantische Missionare dagegen untersagten, sobald sie örtlich Einfluß gewonnen hatten, systematisch die Darbietungen in vielen Gebieten, so daß landesweit ganze Gattungen verschwanden. In Samoa und Tonga wurden bald neue zulässige Gattungen geschaffen, um das kulturelle Vakuum auszufüllen. (…).
Weiter verstärkt wurde der Einfluß der Missionare durch die Einführung vierstimmiger Kirchenlieder für gemischten Chor; obwohl neu in den meisten Gegenden, ist dieses Medium schließlich in ganz Polynesien angenommen worden. Bei den protestantischen Denominationen in den Zentralgebieten Ostpolynesiens bildete sich eine vergleichbare Tradition des Kirchenliedgesangs mit mehrstimmigen Chören, die Verse aus lokalen Bibelübersetzungen singen. (…)
Der Massentourismus hat den Interpretengruppen etliche fundamentale Veränderungen beschert. Die Identität des ausübenden Künstlers und der Kulturbesitzbegriff sind über ihre Stammes- oder Dorfbasis hinaus zu einer nationalen Basis gelangt; Gesänge und Tänze werden einem ausländischen Publikum als nationales Gut präsentiert und stellen Kennzeichen des nationalen Selbstverständnisses dar. In einem solchen Zusammenhang sollen Gesang und Tanz ein Gesamtbild entwerfen, nicht nur den Gehalt der Gesangstexte schildern. Tatsächlich wird jetzt nicht mehr das geäußerte Wort einem aktiven, denkenden Publikum dargeboten, sondern ein größtenteils passives Publikum, für dessen Gegenwart der sprachliche Inhalt des Gesangs unerheblich ist, bekommt eine visuelle Schau vorgesetzt. Als Primärkriterien für die Auswahl der Darbietenden haben physische Erscheinung und Leistungsfähigkeit die persönlich soziale Identität abgelöst, und aus eine Vielzahl von Aufführungsfunktionen sind lediglich die Faktoren Unterhaltung und die Widerspiegelung der Identität mit der eigenen Kultur übrig geblieben. Daß diese Projektion zweihundert Jahre europäischer Präsenz und Einflußnahme überlebt hat, beweist ihre zentrale kulturelle Bedeutung. (ZITATENDE und Ende des oben näher bezeichneten MGG-Kapitels)
Der Grund für diese Fahrt war das Konzert zur Eröffnung des Semesters an der Musikhochschule Münster durch das Abeggtrio, mit dem ich seit Jahrzehnten verbunden bin. Der Geiger Ulrich Beetz begann in den 60er Jahren beim gleichen Professor zu studieren, bei dem ich gerade das Studium abschloss: Franzjosef Maier, der vor wenigen Wochen verstorben ist. Wir begegneten uns im Collegium Aureum.
Hier eine typische Abhörsituation bei Schallplattenaufnahmen 1971. Hinten (von links): Rolf Schlegel, Reichow, Beetz, sitzend: Prof. Franz Beyer, Konzertmeister Prof. Franzjosef Maier.
Das Trio-Programm im Detail (bitte anklicken).
Über die Geschichte des Abegg-Trios kann man hier einiges lesen. Für mich wurde es richtig interessant, als man mich beauftragte, die Begleittexte zu schreiben – parallel dazu wurden später alle Cover von Horst Janssen gestaltet, Kunstwerke für sich. Soweit ich mich erinnere, schrieb ich den allerersten Text für die Harmonia-Mundi-LP mit dem op.8 von Brahms und dem „Brahms-Bildnis (1976)“ von Wilhelm Killmayer. Später kam der Glücksfall bei Intercord: die Texte durften eine ernstzunehmende Länge erreichen, zudem wurden Notenbeispiele möglich; ebenso bei der nächsten Schutzpatronin, der hochkreativen Firma TACET. Schumann, Mozart, Beethoven, Haydn, Schubert, Brahms, Dvorak, Smetana, Janacek. Manches von den Texten ist auf meiner Website nachzulesen. Z.B. hier ein ganzes Booklet, oder hier zu Smetana/Janacek, oder zuletzt (2009) zu Schostakowitsch.
Hier wird bis an die Grenzen dessen heran musiziert, was die Instrumente hergeben können. Das freilich ist deshalb so unmittelbar zu erleben, weil der Klang exzellent geraten ist. Die Instrumente befinden sich in einer guten klanglichen Balance. Nicht vergessen werden darf der Booklettext von Jan Reichow, der in seinen minutiösen Fingerzeigen auf Details der kompositorischen Faktur in der (heutigen) Landschaft der Begleithefttexte alleine dasteht. Er rundet diese spannende Einspielung bestens ab. (Tobias Pfleger 14.09.2011)
So anlässlich der Haydn-CDs in Klassik.com September 2011 – Ähnliches gab es gar nicht so selten, hier ein frühes Beispiel aus dem FonoForum Juli 1988:
Der oft rauhbeinige, immer aber sehr vielseitige Tonfall gerade der frühen Trios von Beethoven gibt den drei Musikern viele Möglichkeiten, individuelle Gestaltungen auch gegeneinander auszureizen, ohne jedoch die Gesamtkontur aufs Spiel zu setzen.Bei einem so klaren und eindeutig erfrischenden Eindruck ist es erfreulich, wenn auch die Präsentation dieser Schallplatten-Edition nicht nur stimmt, sondern geradezu verwöhnt. Das ist eine Seltenheit angesichts so vieler halbherzig-liebloser Kurz-Texte, die man sonst gerade einer CD beigefügt findet. Gäbe es einen »Grand Prix« für einen ebenso originellen wie informativen Plattentext, so müßte er umgehend an Jan Reichow verliehen werden, dessen Begleittext mit der Emphase der Abeggs wetteifert. Und nicht zuletzt ist auch das von Horst Janssen eigens verfertigte Cover ein Pluspunkt. (Hans-Christian von Dadelsen)
Oder noch eine Stimme zur Brahms-CD IV in Klassik heute März 2006
Letztlich ist an dieser Produktion alles auf die unanfechtbare Meisterschaft von Brahms ausgerichtet, künstlerisch und editorisch. Der Autor des in Gehalt und Vielschichtigkeit hervorragenden Einführungstextes – Jan Reichow – nutzt die ihm gegebenen neun Seiten und führt hintergründig und ansprechend den von Liebesleid geprägten jungen Komponisten und die davon beeinflussten Trios zusammen. Wer zu Brahms’ wegweisender Kammermusik bislang (noch) keinen Zugang gefunden hat, sollte spätestens jetzt die Sinfonien und das Deutsche Requiem einmal kurz beiseite legen – mit dieser Aufnahme könnte die Überraschung nicht größer sein. (Tobias Gebauer)
Höchste Zeit, das kompilierte Eigenlob zu beenden, – zuweilen brauche ich halt die Ermutigung von außen, ehe ich versuche, mich meiner selbst anhand uralter Texte zu versichern.
Anlässlich des Abegg-Konzertes in Münster bilde ich hier also einen Brahms-Text aus der LP-Zeit vollständig ab. (Inzwischen CD II, auffindbar unter dem oben angezeigten Brahms-Link). Bitte die Spalten zur besseren Lesbarkeit einzeln anklicken, die Notenbeispiele möglichst auf einer zweiten Seite bereitlegen.