Archiv der Kategorie: Tägliches

Pop-Stenogramm

„Take me to Church“ (Eine Übung)

Buchstaben A bis I nacheinander anklicken

A Lena Meyer-Landrut (Cover-Version)

B Hozier (Original)

C Englischer Text

D Deutsche Übersetzung

E Hozier-Biographie

F Hozier-Interview (+ Live-Version „Church“)

G Ed Sheeran (Cover „Church“)

H Kiesza (Cover „Church“)

I Zur Interpretation Text & Video

Zurück zu A ? (Nein!)

Diese Übung wird gelöscht, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat.

(Aber zunächst soll noch eine Notenskizze folgen. Und danach kann ich mich vermutlich nicht mehr trennen. Zumal erst damit der analytische Vergleich zwischen den verschiedenen Versionen auf festeren Füßen steht.) Was den überwältigenden Erfolg des Stückes ausmacht, wird natürlich durch keine musikalische Analyse verdeutlicht; der entscheidende Punkt war wohl das Video: die Botschaft, Homosexualität betreffend. Zu dieser persuasiven Haltung passt der fast leiernde Parlando-Ton der Melodie, das Auf- und Abwogen, das erst allmählich eine rein melodische, fast hymnische Wirkung entfaltet; aus dieser ökonomischen Anordnung weniger Töne entsteht Hozier’s Glaubwürdigkeit. Der Text – oder jedenfalls die Explikation des Inhalts – scheint mir völlig zweitrangig. Das „Amen“ sogar albern. Ein Manko im Fall Lena ist vielleicht die unverkennbare Blasiertheit, im Fall Kiesza trotz allen Engagements das allzu hoch gesteckte „Kunst“-Ziel.

Hozier Noten aa

Hozier Noten b''

Dank an Eos!

Neues von der Bestenliste!

Noch einmal zum Preis der Deutschen Schallplattenkritik

Africa Kenya Music Ogoya Nengo bitte anklicken!

Selbstverständlich: diese CD ist nicht die einzige, die auf der Liste steht. Und einiges, was ich dort sehe, wird sich früher oder später in meinem Regal einfinden. Schauen Sie selbst HIER. Aber diese hier wird vielleicht am seltensten in den Berichten hervorgehoben. Ich habe mich, nachdem ich sie dort sah, immer wieder aufs neue gehört: jetzt auf einer Autofahrt nach Bonn (-Hardtberg) und zurück, das bedeutet 2 mal 50 Minuten, CD-Dauer 40’34“, ich kannte schon alles, aber was heißt kennen? Gar nichts!!! Ich kann in Ruhe Einzelstücke doppelt und dreimal hören  (zugegeben, ich habe mich auf der Rückfahrt zwischendurch in WDR2 über den Stand BVB : FCB informiert), allerdings ohne die spärlichen Infos des Booklets nacharbeiten zu können. Aber ich kann Vorsätze fassen und Übungen einschalten. Als erstes werde ich zu Hause die Stücke nummerieren, das Booklet ist künstlerisch wertvoll, auch der Spannungsablauf der Musikfolge ist gut disponiert, aber nicht fürs ernsthafte Studium. Meine erste Übung betraf den Rhythmus Tr. 9: immer wieder von vorn starten und jeden wiederkehrenden Kleinrhythmus identifizieren und den Wechsel wahrnehmen, so, wie den Wechsel des Musters bei der Umdrehung eines Kaleidoskopes. Aber – so mahne ich mich – reduziere Afrika nicht auf die Trommeln. Der Kontinent steckt noch mehr in den Gesängen. Und greife nicht so hoch: dies ist nicht „Afrika“, sondern ein Punkt Afrikas. Das genügt für Stunden und Tage. Wo genau liegt eigentlich Kenya? Und wo Siaya County?

Wie wär’s, wenn Du zuhaus bist (ich duze mich): an dieser Stelle fortzufahren?

Nachtrag 12.05.2015

Die weiteren Ansätze: Hier und hier.

Geläufigkeit – wozu?

Op. 135 – das klingt nach Beethovenscher Produktivität. Carl Czerny, der Liszt-Lehrer und Beethoven-Schüler, der das Zeitalter der pianistischen Mechanisierung einläutete, ging allen voran in der angeblich leeren, lehrenden Produktivität; sein op.740 – „Die Kunst der Fingerfertigkeit“ – wird heute noch im Unterricht verwendet, ein frühes Werk, op. 299, hieß „Schule der Geläufigkeit“. Von Nietzsche, der mittelmäßig Klavier spielte, stammt der böse Spruch „Liszt: oder die Schule der Geläufigkeit – nach Weibern“ (in: Götzen-Dämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemässen). Die Geiger standen nicht zurück, der unvermeidliche Otakar Ševčík allerdings schrieb kein Werk des geläufigen Titels. Wer seiner zahllosen Übungen überdrüssig war, mochte sich aufs neue an dem Büchlein „Wie übt man Ševčíks Meisterwerke“ von Prof. A. Mingotti orientieren.

Natürlich klingen schon die Worte Fingerfertigkeit und Geläufigkeit nach Czerny-Serienproduktion und ideologisierter Oberflächlichkeit, Grete Wehmeyer hatte mit ihrer Polemik ein leichtes Spiel (1983). Und trotzdem wird kein Musiker sagen: auf all dies kommt es nicht an, entscheidend ist die „Aussage“. Wie will man denn etwas aussagen, wenn man stockt und stolpert?

GeläufigkeitSitt Stark beanspruchte Geigennoten.

Mein Geigenlehrer Prof. Hans Raderschatt (ab 1956) eröffnete mir damit etwas Neues: die Finger der linken Hand sollen aufs Griffbrett „klopfen“, locker sehr wohl, aber nicht lasch landen oder quasi nur tangieren. Man muss dies gut unterscheiden von dem, was die Finger auf dem Klavier tun (s.u.).

CD Geläufigkeit CD 1990 www.brilliantclassics.com

CD Geläufigkeit TEXT Czerny CD Text von Clemens Romijn

Igor Strawinsky:

Zunächst galt es nun, meine Finger und Gelenke gelenkig zu machen; ich spielte daher eine Reihe Etüden von Czerny. Das half mir sehr, und außerdem bereitete es mir einen wahren musikalischen Genuß. Ich habe an Czerny immer den blutvollen Musiker noch höher geschätzt als den bedeutenden Pädagogen.

Quelle Igor Strawinsky: leben und werk von ihm selbst Atlantis-Verlag Zürich und B. Schott’s Söhne Mainz 1957 (Seite 109)

Mein Anlass zum Thema:

Chopin Prélude G-dur

Ich weiß, in welcher irrwitzigen Geschwindigkeit die Sechzehntel der linken Hand gespielt werden: das ist keineswegs ein Anreiz für mich, es nun auch zu versuchen. Schwer zu erklären, wodurch dieses Stück unwiderstehlich wird, aber leicht zu zeigen: der übernächste Takt ist es, der in mir die Lust weckt, an diesem Stück, das wie eine Schwalbe vorüberhuscht, nun auch die Aufgabe der Geläufigkeit anzugehen. (Bei Bach, sagen wir dem Choralvorspiel „Nun freut euch, liebe Christeng’mein“ ,  hätte es keiner Überredung bedurft.) Hier der eigentliche Lust-Faktor:

Chopin Prélude G-dur f

Warum? In der Balance, – der zweite Takt hier ist „zuviel“: man könnte die Melodie in der zweiten Hälfte des ersten Taktes (es ist der 10. des Préludes) auf Fis“ wechseln lassen und den nächsten Takt überspringen (bzw. das Auftaktsechzehntel noch einfügen), – die Reprise käme „korrekt“ und die Balance wäre gewahrt. Der Lust-Faktor jedoch (Verzeihung!) besteht genau in diesem „Zuviel“ des Taktes 11 und in der Terz c“/e“, die natürlich einfach erklärt ist: Bestandteil des Dominantseptnonakkordes. Aber nichts ist erklärt, es ist ein hinreißendes, lebensprühendes Intervall, Motiv genug, mich an den Sechzehntelketten abzuarbeiten, bis sie leichter sind. (Was ist schwer daran? Sie liegen doch gut in der Hand. Schwer sind die Sprünge des kleinen Fingers in die wechselnden Lagen.)

Ein weiterer Lust-Faktor (in der zweiten Hälfte): nach 6 Takten G-dur-Girlanden in der linken Hand folgen 6 Takte auf der Basis C, ABER: im 5. Takt tritt an die Stelle des F in der C-dur-Figur ein Fis, eine lydische Färbung, die eine ungemein elektrisierende Wirkung hat, bevor der Wechsel zum dominantischen Basiston D folgt. (Die strukturelle Dehnung des Harmonieganges bedürfte einer speziellen Analyse.) Hier stecken auch die beiden schwierigsten Figuren der linken Hand (die beiden Takte auf D also), ein spezielle Übeaufgabe.

Eine Anregung zur Melodie-Analyse

Chopin Prélude G Melodie

*****

Die folgende Chopin-Etüde trägt nicht die Spuren meines Übens (ich hätte mich früher nicht herangetraut). Die nützlichen Übungen, die Godowsky in seiner Bearbeitung der Chopin-Etüden gibt, findet man übrigens auch in dem wunderbaren Buch von Heinrich Neuhaus: „Die Kunst des Klavierspiels“ edition gerig Köln 1967/1977 (Seite 67).

Aber wer wirklich kuriose Finger-Experimente anhand dieser Etüde studieren will, sollte sich einmal vertiefen in das Video,  das Paul Barton in der Reihe seiner Tutorials anbietet. (Siehe unter dem Notenbeispiel.)

Chopin Etude gis Terzen üben

Faszinierend ist die Erklärung, die Paul Barton in einem anderen Beitrag für die rätselhafte Beobachtung eines Pianisten namens Abram Chasins gibt, der Rachmaninov beim Üben dieser Etüde belauscht hat: 

I could not believe my ears. Rachmaninov was practicing Chopin’s Etude in Thirds, but at such a snail’s pace that it took a while to recognize it because so much time elapsed between each finger stroke. Fascinated, I clocked this remarkable exhibition; twenty seconds per bar was his pace for almost an hour while I waited riveted to the spot, quite unable to ring the bell.

Langsames Üben ist gut, – aber warum so langsam??? Die Lösung finden Sie HIER.

Es sei erlaubt, eine kleine Zusatzübung von mir anzuschließen (und viele andere, die sich von selbst ergeben). Wichtig erscheint mir dabei, mit dem Anschlagspunkt der Taste zu experimentieren: sie nicht bis ganz oben zurückschnellen zu lassen (das verliert Zeit und Geschwindigkeit), sondern schon ganz kurz über dem Anschlagspunkt (an dem Punkt, den sie innehat, wenn die Saite gerade angerührt wird) wieder nach unten zu schicken. Das heißt: den Triller abzuflachen, vielleicht am Rande der Hörbarkeit („sotto voce“), ohne die leiseste Anspannung in der Hand (oder gar im Arm). Geradezu gelangweilt beobachten, wie die Finger sich quasi von selbst regen. Nach einer gewissen Zeit immer wieder zurückkehren zur „Rachmaninov-Übung“.

Triller Terzen Übung

Und diese für den besonderen Fingersatz Takt 3 ff (und später ähnlich):

Chopin gis Etüde Übung

Eine zusätzliche Übung würde ich empfehlen, hauptsächlich pianissimo (aber in Erinnerung an Marek auch fortissimo), die ausgehaltenen Töne unmittelbar nach dem Anschlag absolut ohne Druck.

Chopin Etüde gis Triller

Nachtrag 4. Juli

Fortsetzung siehe hier.

Vertrauen

Vom Vertrauen ist nun oft die Rede: mal ist eine Art „Weltvertrauen“ gemeint (Natur!), mal das Vertrauen oder der Mangel an Vertrauen in die politischen Verhältnisse, in die Sicherheitslage, in Putin, fern- oder nahestehende Menschen (jeder könnte sich in einen Täter verwandeln!).

Zu den Eigenschaften des Menschen gehört, dass er ohne Vertrauen kaum lebensfähig wäre, und außerdem, dass er für alles eine Erklärung haben möchte, aber sofort. Man muss darauf vertrauen können, dass das Dach hält, unter dem man schläft und das ein anderer gezimmert hat; dass im Flugzeugbauch kein Schraubenschlüssel an einer Stelle vergessen wurde, wo er unterwegs auf gar keinen Fall hingehört. Vertrauen ist unverzichtbar, und man denkt auch nicht darüber nach: Es gehört ja so selbstverständlich dazu. Wer hätte bis Donnerstag dieser Woche erwogen, ob ein Germanwings-Pilot auf die Idee kommen könnte, 150 Menschen in eine Felswand zu jagen?

Niklas Luhmann, der große Soziologe, hat das Vertrauen als „wirksamere Form der Reduktion von Komplexität“ bezeichnet – unsoziologisch gesagt: Wer alles bedenkt, verwirft und wieder bedenkt, der würde zu nichts mehr kommen. Tausend Mal am Tag bleibt einem kaum etwas übrig, als sich auf andere zu verlassen. Seit Donnerstag übrigens auch auf einen Staatsanwalt aus Marseille – nicht auszumalen, falls sich doch noch ein ganz anderer Absturzgrund herausstellen würde.

Quelle Süddeutsche Zeitung am Wochenende 28./29. März 2015 Seite 4 Flugreisen Vertrauens-Bruch  Von Detlef Esslinger.

Leben ist immer Ausgeliefertsein. Es geht nicht ohne blindes Vertrauen. Jeden Tag ist das so. Auf der Landstraße vertrauen wir darauf, dass der Fahrer des entgegenkommenden Autos nicht schläfrig ist, dass er keine SMS schreibt und nicht plant, sich mittels einer Karambolage ums Leben zu bringen. Wir vertrauen dem Heizungsmonteur, dem Arzt, dem Piloten. Unser Leben liegt oft in den Händen von Menschen, die wir nicht kennen, von Fremden, die Wahnsinnige sein könnten. Wir halten das aus.

(…)

„Die Hölle, das sind die anderen“, hat Jean-Paul Sartre geschrieben. Manchmal sind sie die Hölle, manchmal das Paradies, und fast immer ist es schlicht in Ordnung, ihnen ausgeliefert zu sein. Es lässt sich ohnehin nicht vermeiden. Nach der Katastrophe kommt zuerst das Innehalten im Schock, dann die Trauer, und dann leben die nicht unmittelbar Betroffenen weiter wie bisher. Anders geht es nicht.

Quelle Der Spiegel Nr. 14 / 28.3.2015 Seite 14 Leitartikel Ohne festen Boden Das Flugzeugunglück beendet den Mythos von deutscher Sicherheit. Von Dirk Kurbjuweit

PS. (am Tag danach)

Die Sendung „Hart aber fair“ (Notfall Psyche – Gefahr auch für die Mitmenschen) am 30.03. begann und endete mit dem obigen Textzitat von Detlef Esslinger, siehe hier.

Die Intelligenz der Hand

Was denkt man beim Üben?

Ich weiß durchaus, dass die Hand von Natur aus nicht intelligent ist, aber noch sicherer weiß ich, dass sie durch ihren Tätigkeitsdrang, durch ihre taktile Leidenschaft, die Intelligenz anregt, sich mit ihr verbündet. Ganz besonders, wenn sie dabei Töne erzeugt. Man muss sich die schnellen Préludes von Chopin, Wunderwerke des Ausdrucks und der Intelligenz, natürlich im langsamen Tempo erschließen und dabei das Vertrauen in die eigenen Hände entwickeln. Etwa das Prélude Nr. 5, D-dur, Molto allegro, – im molto adagio! Ein so fabelhaft manuell erfundenes Stück muss nicht in 50 Sekunden vorbei sein, es kann der Hand, beiden Händen, 5 wunderbare Minuten bieten. Man halte die Hände vor sich, entspannt, ein Halbrund, der Daumen berührt nicht ganz die Fingerkuppe des Zeigefingers, er bildet die Gerade, über der sich der Bogen des Zeigefingers wölbt, mit dem Knöchel als höchstem Punkt. Und nun öffne man und spreize die Finger – ohne jede Anspannung. Was macht man nun mit der Figur  der linken Hand in den ersten 4 Takten? Man setzt den Zeigefinger auf den Ton G  und lässt den kleinen Finger nach links in die Richtung des Tones A weisen, den er „demnächst“ erreichen soll, den Daumen aber nach rechts in Richtung des Tones E, er befindet sich wohl schon in nächster Nähe. Und nun heißt es, an die Tasten zu tasten, ohne den Finger dorthin zu recken, zu spannen, zu zerren – oder was sich an schlimmen Worten dafür anbietet. Man gibt mit der Hand nach, um die Tasten zu berühren. Das ist jedenfalls das Wort und die Vorstellung. Eine durch und durch runde, weiche Bewegung.

Chopin Prélude 5

Schon mal etwas zum Hören… es geht um die ersten 3 Sekunden…

Es ist merkwürdig: dieses Prélude ist nicht leicht zu analysieren, obwohl so übersichtlich angelegt, und das taktile Erlebnis, das einen besonderen Anreiz bietet, ist schwer zu beschreiben. Im alten Reclam-Klaviermusikführer (1986) steht:

Eine pianistisch knifflige Studie, in der beide Hände weite Intervalle zu überwinden haben und in unbequemer Bewegung gegeneinander und ineinander geführt werden (…).

Unbequem? Nur wenn man es schneller spielen will, als es die Finger gelernt haben. Aber auch langsam braucht es viel Zeit und Geduld, es geht nicht „von selbst“. Man muss es erst lieben.

Tadeusz A. Zielinski sagt:

Das kurze, äußerst bewegte (…) Prélude (…) ist eine Momentaufnahme, ein flüchtiges Gefühl oder eher der blitzschnell vorbeihuschende Schatten derselben: Hier verbinden sich – in Sechzehntelbewegungen beider Hände – die Ansammlung harmonischer Wechsel und schneller Modulationen mit einem zarten Wogen des Ausdrucks. Ungeachtet ihrer scheinbar einheitlichen Bewegung ist diese Miniatur von außerordentlichem musikalischen Reichtum.

Und er benennt auch in aller Kürze den Reiz des metrorythmischen Wechsels, der im ganzen Verlauf des Préludes in Erscheinung tritt. („Chopin“ Lübbe 1999 Seite 585)

Ich finde: gut sehen und verstehen kann man die Zusammenhänge, Beziehungen, Veränderungen nur, wenn man den Notentext sinnvoll anordnet, nämlich so, wie ich es bei ethnologischem Material auch tun würde; denn das Unbewusste ist schwer von Begriff, man darf es liebevoll wie ein Kind behandeln. Zwei Zeilen – die rot markierten, Taktzahlen 5 und 21- habe ich zudem jeweils in Vierer-Taktgruppen durchgezählt, damit offensichtlich ist, dass die untere nicht etwa länger ist als die obere, sie ist nur drucktechnisch in die Länge gezogen. Diese Zeilen bedürfen am ehesten einer verbalen Analyse. (Vielleicht folgt sie noch…) Ansonsten: Rosa bedeutet „Hab-Acht!“, Grün bedeutet „Nachklingeln“ der Zielkadenz.

Chopin Prélude 5 - sichtbare Beziehungen

Man erkennt auch leicht, dass der metrorhythmische Wechsel nur die rosa markierten Abschnitte betrifft, ablesbar an den tiefsten Basstönen der linken Hand, die in der ersten und dritten Doppelzeile mit den Off-Beat-Akzenten der rechten Hand zusammenfallen, in der fünften dagegen nicht, – was die Verhältnisse noch „wackeliger“ macht. Andererseits fallen hier die höchsten und die tiefsten Töne (rechts d“ und links D) viermal zusammen, womit gewissermaßen das Ende eingeläutet wird.

In den Doppelzeilen II und IV (ab Takt 5 und 21) entspricht das Metrum jedoch genau den harmonischen Kadenzierungen von der dritten Zählzeit zur ersten des nächsten Taktes. Die Irritation liegt nur im Wechsel von Hoch- und Tiefton der linken Hand und ihrer schön verzwickten Fingerfolge. – Der merkwürdige psychologische Effekt, dass die Doppelzeile IV (Takt 21 ff) als Steigerung der Doppelzeile II (Takt 5 ff) wirkt, obwohl 5 von 8 Takten völlig identisch sind, liegt an der Molleintrübung verbunden mit kleinen Chromatismen. Dann, rückwirkend, an der unterschiedlichen Reaktion auf den verminderten Septakkord, einmal in Fis-dur, einmal in D-dur:

Chopin Prélude Harmoniefolge

Der folgende Satz aus einem schwachen Werk über Chopin von Wakeling W. Dry aus London (1926) soll in diesem Hause nicht mehr gelten:

Chopin Prélude

Um zum Schluss auf das anfängliche Finger- oder Handproblem zurückzukommen, das keines geblieben ist, möchte ich doch noch zwei nicht leicht eingliederbare Töne hervorheben, deren man sich bewusst sein sollte: das GIS in der linken Hand gegen Ende von Takt 12, sowie das CIS in der rechten Hand gegen Ende von Takt 29. Im ersten Fall sollte man der Hand schon ab der zweiten Note (EIS) eine leichte Linksdrehung zu geben, die davor bewahrt, das hohe GIS mit einem Ruck erreichen zu müssen: der Daumen muss schon vorher gewissermaßen in der Luft liegen. Bei der anderen Stelle (Takt 29) sollte man beim Fingersatz 1 – 4 – 2 – 5 ( – 1- 5) , falls man beim Übergreifen des 2. Fingers  zu einer Linksdrehung der Hand neigt, genau die andere Tendenz einüben, nämlich eine leichte Drehung nach rechts, verbunden mit einem leichten Recken des Daumens in Richtung der Taste CIS, dieses „Recken“ aber nur in der frühen Phase des Übens, als eine Bewusstmachung: der Daumen muss von Anfang des Taktes an wissen, dass er genau dort landen muss.

Quelle der Noten (samt Fingersätzen): Alte Peters-Ausgabe C.F.Peters Leipzig [1879] Bearbeiter: Herrmann Scholtz (1845-1918) IMSLP Petrucci Music Library (hier)

Meine Aufzeichnungen beruhen auf Übe-Erfahrungen, die nicht weiter zurückgehen als auf den 17. März 2015.  Vorher kannte ich das Prélude nicht bzw. ich habe es nie beachtet. Jetzt sitzt es mir in den Händen – ich kann nicht sagen, dass ich es beherrsche, aber ich werde nie wieder die Finger davon lassen.

Kein Meinungsbutton bitte!

Es geht einfacher

Jeder macht die Erfahrung: schreibe ich allzu kurze Mails, kann ich missverstanden werden. Soll ich statt des ausdrücklichen Hinweises „(kleiner Scherz)“ ein Smiley setzen?

Und suche ich Stoff zu diesem (oder jedem anderen) Thema, so finde ich soviel Hinweise, dass es kontraproduktiv wirkt, nämlich entmutigend. So zum Beispiel als ich zögerte, ein Smiley zu setzen – eigentlich nur angesichts der Frage: wird es sich beim Adressaten als gelbes Mondgesicht realisieren oder nur als graues Buchstaben-Konglomerat? – schon schlug ich die lange Geschichte im SPIEGEL auf und versank wenig später im Uferlosen.

Schauen Sie zum Beispiel hier, bei www.emojitracker.com, überlegen Sie, ob Sie die Warnung beachten wollen: Epilepsy Warning emojitracker is an experiment in realtime visualization of all emoji symbols used on twitter. it updates at the speed of updates on twitter in realtime, and thus contains rapidly updating visuals that may possibly cause problems for those sensitive to such things? I’m not sure, but I don’t want to risk it, so here is a warning!

Ich habe die Warnung weggeklickt und und mich auf Anzeichen von Epilepsie beobachtet. Sicher, das Internet erzeugt ohnehin ein mentales Infarkt-Risiko, glücklicherweise aber nicht Herz und Kreislauf betreffend, sondern eben genau das, mit dem der moderne Mensch täglich umgeht. Ich schaue meine CD-Sammlung an und habe die Beklemmung, in der Hölle alles auf einen Schlag hören zu müssen.

Ich muss es vom Tisch bzw. Bildschirm wegbringen, hinein in diesen Blogbeitrag, in ungeordneter Folge, zunächst der SPIEGEL (Vorsicht, es sieht nach Kundenfang aus!), dann der Wiki-Artikel über Meinungsbuttons (Ansteckplaketten), dann die Sammlung im Deutschen Historischen Museum hier, ich brauche auch die Abgrenzung zwischen Emoji und Emoticon hier , erinnere mich, in meinem eigenen Schreibprogramm die Serie von Wingdings gesehen zu haben, mehr darüber hier, natürlich auch Smiley.

Plötzlich fällt mir auch das Wort Sprachnot ein, – bin ich nicht selbst fortwährend damit konfrontiert? Da überfällt mich die entscheidende Lektüre der Gymnasialzeit: der Lord-Chandos-Brief von Hofmannsthal, tatsächlich in diesen Jahren wieder ein Abitursthema: Sprachkritik; Sprachskepsis, Sprachnot

Was sagt mir all dies? Du bist nicht allein. (kleiner Scherz :))

Ich bemächtige mich des Rilke-Gedichtes:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Und behaupte, dass ich der erste und einzige bin, der sich in diesem Zusammenhang an Peter Handke erinnert, den ich im August 1970 las, wobei mich diese Stelle ganz besonders beeindruckte und sowohl an den Lord-Chandos-Brief als auch an das Rilke-Gedicht erinnerte:

Handke Sprachnot

Quelle Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter – Suhrkamp Frankfurt am Main 1970 Seite 117

PS.

Ich weiß bis heute nicht, was Bloch zuletzt dachte, bevor er die Vorhänge zuzog und hinausging. Leiter, Fahrrad, Brief, Zähneputzen, zwei  Becher … eine Partnerin?

Ob sich Interpretationen mit der Auslegung dieser Passage beschäftigen?

Natur global – regional

Ein Grund, nicht nur das Tageblatt zu lesen

Natürlich, es ist unentbehrlich. Ich erfahre nichts über Details aus dem Bergischen Land, meiner unmittelbaren Umgebung, wenn ich die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ lese. Andererseits: was ist die Ursache, weshalb auch Neuigkeiten aus Kunst und Wissenschaft so unterschiedlich behandelt werden: als seien in der Provinz nur Kuriositäten gefragt, in der überregionalen Zeitung aber die Details? Der globale Blick schärft den Sinn für die wesentlichen Dinge auch im Detail. Und gerade weil sie so ausführlich behandelt werden, sind sie auch interessant und bedeuten mehr. Was links den Blickfang und die Schlagzeile ergibt, ist rechts nur eine Randbemerkung wert: „Die Analyse zeigt übrigens auch, dass die Falken enger mit Papageien verwandt sind als mit Adlern.“

ST Tierisch Falken Papageien kl  SZ Falken & Papageien

Mit Recht steht unter dem ausführlichen Artikel (rechts: Süddeutsche Zeitung 12.12.2014) auch ein Autorenname: Hanno Charisius. Man findet den Text nicht im Internet, aber ich habe ihn längst abgeschrieben. So viel Zeit muss sein. (Genau wie früher in den Klöstern, wenn Bruder Charisius mal wieder Vorbildliches aufs Pergament gebracht hatte…)

Man kann aber auch den verschlungenen Weg zu den Originaltexten nachvollziehen: z.B. Hier.

Da wir heute sozusagen in der Rubrik „Vermischtes“ unterwegs sind, darf ich noch einen Video-Link mitteilen, den ich Manfred Bartmann verdanke. Mein Lieblingsinstrument Dan Bao!

Wollen Sie das Instrument womöglich lernen? Oder lernen, wie man’s lernt? Schauen Sie HIER.

Vielleicht suche ich aber gar nicht dies, also etwas was Musik betrifft, sondern die Stille? Und höre, dass jemand sagt: „Stille ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern die Präsenz von allem.“ Gordon Hempton hat das gesagt, und er ist es, der sich oft genug im allerstillsten Gelände der USA befindet. Hier kann man hören, wie still es dort ist. http://onesquareinch.org/