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Ein Hauch des Unerklärlichen

Die Arietta und das Rätsel eines einzigen Akkordes

Von welchem Akkord soll die Rede sein? Er ertönt genau in der 28. Sekunde. Folgen Sie der Melodie, und achten Sie zugleich genau auf den Verlauf der Bass-Linie, die Töne liegen in der Tiefe nicht „auf der Hand“. Man muss sie mit dem Körper spüren, aber nicht laut… 0:27 – 0:28 – 0:29 – 0:30

Es könnte sein, dass Sie gar nicht viel spüren. Deuten Sie bloß nichts hinein. Es ist nur ein Hauch. Hätte man mich gefragt, – ich hätte auch auf eine andere Stelle gezeigt, nämlich dort, wo mit großer Bedeutsamkeit fast überhaupt nichts mehr passiert, zu passieren scheint, und unter diesem Nichts steht cresc., – wie soll ich da etwas wachsen hören? Hören wir also weiter bis über 1:42 hinaus. Und? Hören Sie was?

Vieles an dem Aufsatz, den ich lese, finde ich schwierig, jedenfalls schwer zu vermitteln, es sei denn, jemand ist kompositionstechnisch gründlich vorgebildet und vor allem: extrem lernbegierig. Trotzdem gibt es darin Grundsätzliches, was alle Menschen interessieren müsste, die Beethoven lieben. Wie leicht ist es, von diesem späten Variationen-Satz bedeutungsschwer zu sagen, es sei ein „Abschied“, leicht, weil es nun mal ein letzter Satz ist, eine letzte Sonate. Aber wusste Beethoven das denn auch??? Der Autor Felix Diergarten ist offenbar anderer Meinung, er hört soviel Hoffnung in den Variationen, mehr noch: für ihn ist es – so die Überschrift – „Ein Strom allgemeinsten Jubels und Frohlockens“. Ich möchte Lust wecken, ihm zu folgen. Und zu hören, was er hört. Anhand seines Notenbeispiels, das ich zum Üben gescannt habe. Zum Hörenüben. Nicht nur in den Noten zu sehen, was geschieht, sondern es wahrzunehmen, ja wachsam darauf zu warten. Auch das Thema als Ganzes durchschimmernd immer zu ahnen. Daher nun die Zeitangaben, die sich auf Brendels Aufnahme beziehen (danach ohne Zeitangabe zu Dina Ugorskaja). „Die neun Auftritte des Seufzers“:

  mit „meinen“ Taktzahlen (EMB Study Scores):

a) T.5f – 0:23 [und 1:03] b) T.23f – 2:56 c) T.41f – 5:05  d) T.58f – 7:00 e) T.75f – 9:18 f) T.83f – 9:53 weiter siehe unten! g) T.124f – 13:12 h) T.141 – 14:35 i) Coda T.172f – 16:51

Unten „Ansehen auf YouTube“ drücken und auf Arietta gehen (ab 9:30).

Natürlich hätte man, statt über den Akkord der 2. Stufe mit Quartvorhalt (d-moll mit verzögerter Terz f) zu reden, über den geistigen „Gehalt“ dieses Satzes ausführlich mutmaßen können. Aber ich z.B. liebe es, zuerst mit den Fingern auf den Tasten zu hören, Klänge wahrzunehmen, als seien es schon Gedanken. Obwohl ich auch ohne Beethoven mit den Grundakkorden der Tonika und der Dominante experimentieren könnte, um dann statt der Subdominante F-dur deren Stellvertreter in d-moll vorzuführen, und dann wie üblich über die Dominante zur Tonika zurückzukehren. Wozu also den einen allbekannten Stellvertreter mystifizieren, als habe Beethoven ihn erfunden? Hat er das etwa? Mitnichten!  Der Autor Felix Diergarten sagt es so:

Die Versenkung in ein mikroskopisches Detail des Satzes ermöglicht es, schließlich doch auch eine neue Geschichte über das Große und Ganze des viel beschriebenen Werks zu erzählen: ein Werk, in dem man statt einem »Abschied« mit guten Gründen ein Werk des Durchhaltens und des Weitermachens hören darf.

Ehrlich gesagt gefällt mir ein so spartanisch begründetes Ziel auch nicht recht, aber der unbekannte Weg dahin reizt mich. Man darf sich auch angesichts der schönsten und größten Werke nur nicht abschrecken lassen. Wer mit Fachbegriffen und fachkundigen Arbeiten weniger vertraut ist, kann sie in ganz kleinen Proportionen genießen. Z.B. der Begriff „Oktavregel“, und „Liegestimme“ (bitte, ich will nicht auf den Dudelsack verweisen), aber Beethoven war garantiert damit vertraut, wenn nicht mit genau diesen Worten, sondern mit den handwerklichen Mitteln. Er hatte lebenslang seine Ausbildung beim musikalischen Handwerker Albrechtsberger im Kopf, und wir – haben immerhin Internet und Wikipedia. Lesen Sie nur – ohne es auswendig zu lernen – etwas über die Geschichte der Oktavregel. Das gab es nicht zu meiner Zeit, und man lernte es nicht im Geigenunterricht, da lernte man staccato und legato. Und wenn Beethoven so einfache Akkorde verwendete wie im Thema der Arietta, so kam das nicht, weil er den „Tristan“ noch nicht kannte!

Bei Felix Diergarten liest man folgendes:

Wie ich im Vorausgehenden zu zeigen versucht habe, lässt sich eine solche Deutung auch aufführungspraktisch und analytisch stützen. Die hohe Metronomangabe bei Czerny und Moscheles ist für die Wirkung des Satzes von grundlegender bedeutung, weil sie kaum Zeit und Raum für Schwere und Abscghied lässt. Hinzu kommt der hier vorgestellte analytische Befund: Der Seufzer in Takt 6 der Arietta zwingt eine bis dahin von Liegestimme, Dezimparallelen und Oktavregel geprägte idyllische Stimmung zum Weichen. Während der Variationen beleuchtet Beethoven diesen Moment harmonisch immer wieder anders, aber immer wieder weicht die Liegestimme zurück, bevor sie kurz vor Ende des Satzes in einem brillanten Triller einen großartigen Moment des Durchhaltens erlebt, wenn sie vom Seufzer nicht mehr verdrängt wird und ganz in C-Dur bleibt.

Man nehme das cum grano salis und nicht als der Weisheit letzter Schluss – darüber lässt auch Diergarten keinen Zweifel – es ist wie mit dem „einfachen“ C-dur und den „einfachen“ Akkorden. Die Realität dieser Musik bleibt so differenziert und vielschichtig, wie sie ist. Wir betrachten nur ein winziges Detail des Geschehens und schärfen daran unsere künstlerische Auffassungsgabe, die das Ganze betrifft.

Die „Abschieds-Deutung“ bleibt virulent, auch wenn sie relativiert wird, sie ist selbst in ihrem historischen Kontext zu sehen. Deshalb ist mir die folgende Bemerkung des Autors so wichtig:

Quelle Zeitschrift Musik & Ästhetik Heft 96 Oktober 2020 Seite 14 bis 29 Felix Diergarten: Ein Strom allgemeinsten Jubels und Frohlockens Ein neuer Blick auf Beethovens Arietta-Variationen aus op. 111

P.S. Die Überschrift des Beitrags ist übrigens Zitat aus einer der ersten Rezensionen der Sonate, 4 Jahre vor Beethovens Tod.

Gulda 1953 Arietta ab 8:30