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Zeitung Berlin 1935

Ein Zufallsfund

„Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939“ (Florian Illies). Viele Episoden spielen in Berlin. Als Ergänzung zum Buch sollte man vielleicht die Filme, das Herzenslied mit Marta Eggerth oder auch nur die eine Zeitungsseite jener Jahre ganz ernst nehmen, so zufällig das alles aussieht…

Eine Zeitungsseite, die sich in einem alten Buchexemplar von Curt Sachs befand, dem Handbuch der Musikinstrumentenkunde (1920), aus dem ich – es an beliebiger Stelle aufschlagend – etwas ganz Neues lernte, „wie vom Blitz getroffen“: woher kommt das Wort „Inventionshorn“? Bitte eine schnelle Antwort. Nachfrage: was hat es – sagen wir – mit einer Bach-Invention gemeinsam? Antwort: (natürlich nichts, nein, noch weniger!) siehe ganz am Ende dieses Artikels.

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Alle Namen und Filme sind im Internet greifbar, u.a. der Zeitungsmacher Scherl, der Schachmeister Friedrich Sämisch, natürlich auch Hans Hickmann (!) oder der Sänger Leo Slezak, den mein Vater in seiner Berliner Zeit als Korrepetitor am Klavier begleitet hat. (Vielleicht nur beim Üben? Jedenfalls hat der ihm die Bücher „Meine sämtlichen Werke“ und „Der Wortbruch“ mit Widmung überreicht.)

Hier noch eine Geldüberweisung von Artur an seine Schwester Ruth in Berlin, die einst meine liebe Patentante werden sollte, die ihm damals wohl das Göschen-Buch über die „Technik der deutschen Gesangskunst“ von Hans Joachim Moser (!) nach Belgard (an der Persante) übersandt hatte; und den Beleg konnte er als Erinnerungs- und Lesezeichen verwenden.

Moser war in den 5oer Jahren durchaus Gesprächsthema bei uns zuhaus, ich studierte seine Bücher, mein Vater „flachste“ über seinen „blumig-barocken“ Sprachduktus (1954), sie lasen Mosers Liebesroman über Robert Schumann und Clara, von Tante Ruth bekam ich die Musikgeschichte (1), die ich sorgfältig zu studieren versuchte, von meinen Eltern die „Musikgeschichte in hundert Lebensbildern“ (2), – aber niemals gab es bei uns das Thema NS-Zeit, die noch nicht weit zurücklag, in fernster Ferne.

(1) (2)

Das Fragezeichen am Rand des zweiten Buches stammt von mir, ich wurde gerade 14, die Seitenzahl 167 bezieht sich auf einen lächerlich ähnlichen Satz im Monteverdi-Artikel:

Im Sommer 1643 besuchte er zum Abschiednehmen die Stätten vergangener Tage in Cremona und Mantua, kehrte dann nach Venedig zurück und schlummerte nach neuntägigem Krankenlager im Spätherbst in das Reich jenseitiger Harmonien hinüber.

Ja, der Musikwissenschaftler Moser war durchaus ein Romantiker. Aber seine Tätigkeit im untergegangenen diesseitigen Reich holte ihn doch immer wieder ein…

Und ich blieb ziemlich ahnungslos, obwohl ich Dostojewskij (und Tolstoi) las. Aber das war ja ein ganz anderes Jahrhundert…

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Was war nun mit dem Horn bei Curt Sachs? Folgt gleich, aber es gab noch viel mehr. In dem Buch fand sich nicht nur die Zeitungsseite, die jemand aufbewahrt hat, sondern auch noch eine Postkarte, die ich ablichte, um nun Sie zu veranlassen nachzuschauen, wer Hermann Diener ist, – geht er uns was an??? Ist es wichtig zu wissen, dass er kurzzeitig bei Bram Eldering (s.a. hier) Violinunterricht hatte, jedoch in Berlin 1955 infolge eines Unfalls beim Schlittschuhlaufen gestorben ist? Oh Gott, ich fürchte, dass es auf dem Schlachtensee geschah, den ich kennenlernte, als ich 1960 bei Doris Winkler Gesangsunterricht hatte, der Lehrerin von Elfride Trötschel, die ich vom „Dulcissime“ der Carmina Burana-Platte kannte, die mir mein Onkel Hans geschenkt hatte. Alt, und ohne Hülle. Jeder Punkt eine Geschichte für sich…

 

Ich fürchte auch, dass diese Geschichte kein Ende nehmen will, – die Karte gehört, wie der Poststempel erzählt, schon ins Zeitalter der Werktätigen, warum schreibt denn Hermann Diener an Dr. Peter Wackernagel?

Soll ich aufhören? Das Buch stammt dem Besitz meines Freundes Christian Schneider, der es von seinem Vater geerbt hat, Prof. Michael Schneider, und diese Spur führt nach Berlin, wo er von 1958 bis 1965 lehrte, bevor er nach Köln kam…

Und nun ist der Inhalt der aufklappbaren Postkarte fällig, eine Einladung folgenden Inhalts:

Ewald Vetter und Paul Bildt

Das Collegium Musicum Hermann Diener dient … ja, mein Gott! er dient und dient u.a. der Verbindung von  Musik und Malerei, und das Thema erwischt mich auch nicht zum ersten Mal. Gestern allerdings ganz ohne Musik, nur eben dieselbe Zeit beschwörend. Oder vielmehr – die der Generation vorher, Aufbruchszeit des großen Musikwissenschaftlers Curt Sachs, der seine Dissertation über Andrea del Verrocchio geschrieben hat. Formenwelt der Musik und der Malerei. Gemeinsamkeit! HIER.

Klavier-Koinzidenz bei Kwast 1921

Fritz Neumeyer

Bei meinen Studien zum Werdegang des „Vaters“ der historischen Aufführungspraxis, den alle Kollegen „Onkel Fritz“ nannten (siehe auch bei Wikipedia hier), stieß ich auf die folgende Eintragung:

Neumeyer 1921 bitte anklicken!

Quelle Fritz Neumeyer: Wege zur Alten Musik Hg. Jürgen Böhme / Stationen und Dokumente / Röhrig Universitätsverlag St. Ingbert 1996 (Seite 36)

Natürlich war mir längst klar, dass er nur anderthalb Jahre vor meinem Vater geboren ist (7. Dez. 1901), aber das heißt ja noch lange nicht, dass sie voneinander gewusst haben, wenn der eine aus Saarbrücken stammt, der andere aus Belgard (Hinterpommern). Und doch, sie müssen sich sogar begegnet sein, auf halbem Weg (in Berlin), sie hatten sogar das gleiche Berufsziel und studierten am gleichen Ort bei denselben Professoren!

Artur bei Kwast Artur bei Kwast Medaille Artur ca 1925

Die Fotografie ist nicht datiert, wahrscheinlich war mein Vater zu dieser Zeit schon älter und brauchte ein Foto für die Bewerbungen als Kapellmeister. Ich will die beiden Künstler gar nicht vergleichen, sie sind beide keine Dirigenten geworden. Unter der Bescheinigung steht der Name des Direktors Alexander von Fielitz (siehe bei Wikipedia hier), und James Kwast war damals ein berühmter Lehrer (siehe bei Wikipedia hier).

Wer weiß, ob es nicht trotz gleicher Ziele eine unüberwindliche Schranke gab: nie im Leben hätte mein Vater „geistliche Gesänge“ oder gar Marienlieder komponiert…

Beide haben unter dem Theaterdienst ihrer Kapellmeisterzeit gelitten, Neumeyer hat sich der Alten Musik zugewandt, mein Vater hat ab 1930 noch ein zweites Studium durchgezogen: Schulmusik. Er brauchte Sicherheit, denn – zu meinem (sowie meiner Brüder, Kinder und Enkel) Glück – war eines klar: er wollte eine Familie gründen. Neumeyer blieb Junggeselle und machte seine Ersatz-Familie, die er ausdrücklich so benannte, zum Lebensthema: seine Clavier-Sammlung.

Neumeyer aus Saarbrücken am 28. September 1924:

Morgen fängt der Dienst am Theater an. Das ganze „Musikleben“ in seiner Sinnlosigkeit ist mir mehr und mehr zuwider. Ausnutzen lasse ich mich nicht mehr. Von 10 bis 1 Proben, was darüber ist, gegen Bezahlung, auch der Bühnendienst.

Der letzte Theatervertrag meines Vaters in Stralsund vom 24. September 1928:

Artur Stralsund Vertrag1929 a Artur Stralsund Vertrag b 1929

(Interessant auch die nachfolgenden 6 Seiten mit „Kleingedrucktem“…) Weiteres zum Theater Stralsund hier. Die Verbindung meines Vaters zur Alten Musik zeigt ein Programm seines späteren Berliner Klavierlehrers Prof. Erwin Bodky (der bald nach dem Juni-Konzert 1933 nicht mehr lehren durfte!):

Bodky 1932  Bodky 1933

Bodkys Buch Der Vortrag alter Klaviermusik, Berlin Hesse, 1932 (Max Hesses Handbücher. 95.) stand zeitlebens im Bücherschrank meines Vaters. Ich habe es Mitte der 50er Jahre gelesen. Bemerkenswert, dass Prof. Dr. Robert Hill, seit 1990 Lehrer für historische Aufführungspraxis an der Freiburger Musikhochschule, schon 1982 den Erwin Bodky Award erhalten hatte.

Interessant, dass der Pianist, der im Programm von 1932 vor meinem Vater die Skrjabin-Sonate gespielt hat, Hans Rutz, Ende der 50er Jahre Abteilungsleiter Oper und Symphonie im WDR Köln war. Während der Interpret der Biblischen Sonate von Kuhnau, Helmut Banning, 1938 über den Thomaskantor Johann Friedrich Doles promovierte und auch als Komponist wie als Organist erfolgreich war.

Ebenfalls interessant könnte die folgende Information zur Gegenwart sein:

Krozingen Screenshot 2016-05-21 11.28.20 s.a. hier

Pressetext:

Fritz Neumeyer gilt vielen als Vater der historischen Aufführungspraxis, da er ernst gemacht hat mit den Originalinstrumenten, also vor allem mit den Tasteninstrumenten, für die die alte Musik geschrieben worden ist. Er hat ein halbes Jahrhundert überschaut und beeinflusst. Aber was in den Generationen nach ihm geschah, hätte ihn sicher nicht wenig verwundert, vor allem was an rhythmisch-agogischer Freiheit gewagt wurde, und ganz besonders: im Tempo.

Am Ende ging es nicht allein um die historisch korrekte Verortung der Werke, um den Klang, um Erforschung und Amalgamierung der Ornamentik, sondern auch um die Befreiung von „Inkrustationen“. In der Alten Musik sollte man durchaus den Atem unserer Zeit spüren, und zunächst klang es ja schon moderner, wenn man den tieferen Stimmton wählte, den Geigenbogen anders fasste und Darmsaiten verwendete, die entspannter und obertonreicher klangen, auf Vibrato verzichtete, das zunehmend als „uncool“ empfunden wurde. Auf dem Cembalo begann man Bachs Fingersätze einzuüben, was neue Ideen generierte, die durchaus mit der „Inegalität“ der Finger zu tun hatten.

Als Ensemble-Mitglied plädierte „Onkel Fritz“ gern für einen natürlichen Zugang zur Musik, er neigte nicht zur Exzentrik, zur Selbstinszenierung, zur Verblüffung des Auditoriums. Aber wenn man seine feinsinnigen Marien-Kompositionen und die Bearbeitungen lothringischer Volkslieder kennt, weiß man, dass er zwar ein sanfter Revolutionär war, der aber auch den Gestus des wilden Lindenschmieds umzusetzen wusste. (JR)

Nachtrag 24. Mai 2016 

Heute morgen Vierhändig-Probe Mozart C-dur KV 521 und Orgel-Walze KV 608 mit Konrad Burr, den ich seit 1966 kenne. Neumeyer-Schüler. Er brachte die folgende Schallplatte mit:

Neumeyer & Konrad mit Ristenpart (bitte anklicken)