Archiv der Kategorie: Presse

Der Schallplattenpreis ist da!

Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2015

Jury Foto 2015-pdsk Foto: pdsk

Im Jahresausschuss 2015 arbeiteten mit (v.l.n.r): Jan Reichow (Jury Traditionelle ethnische Musik, WDR, freier Autor), Jörg Wachsmuth (Jury Black Music, freier Musikjournalist, rap2soul), Werner Stiefele (Jury Jazz I, Fachjournalist für Jazz), Matthias Inhoffen (beratend), Sabine Fallenstein (Jury Cembalo & Orgel, SWR), Eleonore Büning (Jury Kammermusik, F.A.Z.), Torsten Fuchs (Jury Black Music, freier Musikjournalist, rap2soul), Norbert Hornig (Jury Konzerte, freier Musikjournalist, Fono Forum, Deutschlandfunk), Michael Kube (Jury Orchestermusik, Neue Schubert-Ausgabe), sitzend Albrecht Thiemann (Jury Lied, Opernwelt) und  Wolfgang Schiffer (Jury Hörbuch, WDR, Hörspieldramaturg, Buchautor). Nicht auf dem Foto: Susanne Benda (Jury Chormusik, Stuttgarter Nachrichten)

Einmal jährlich verleiht der „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ bis zu 14 Jahrespreise aus verschiedenen Musikrichtungen für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres, die von einem juryübergreifenden Gremium ausgewählt werden. Die 12 Jahrespreise 2015 werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Hörbuch) in Deutschland, Österreich und der Schweiz an die Preisträger verliehen.

Die Ergebnisse: http://www.schallplattenkritik.de/jahrespreise

Zwischenbemerkung zu Pop-Musik

Walk On The Wild Side

Eine mit Superlativ versehene Bemerkung in der Süddeutschen Zeitung zum Thema Song veranlasst mich zum kleinen Nachhilfeselbstunterricht. Ich war irgendwo zu Besuch und las und notierte:

Holly Woodlawn wurde dann selbst eine Ikone, ihre Ankunft im rauschhaften New York war zumindest ein kleiner Urknall. Der große Lou Reed sang darüber, in einem der schönsten Songs überhaupt – „Walk On The Wild Side“: Holly come from Miami, FLA / Hitch-hiked her way across the USA.“ Der Tramp aus Florida mit den gezupften Augenbrauen … (etc.etc.)

Quelle Süddeutsche Zeitung 8.12.2015 Autor: David Steinitz

Holly Woodlawn hatte jedenfalls mit Andy Warhol zu tun, eine Google-Suche  ergibt jede Menge Nachrufe. Zur Orientierung zunächst nur dies. Ich erinnere mich an einen Warhol-Film mit Joe Dallesandro, den ich damals gesehen habe, in der Zeit, als man in Konzertsälen „Happenings“ erlebte, z.B. mit Charlotte Moorman am Cello, halbnackt, in Cellophan gehüllt.

Vor allem aber will ich hören, was da melodisch „in einem der schönsten Songs überhaupt“ passiert, also nicht einem der schönsten von Lou Reed, sondern „überhaupt“. Youtube ergibt ausreichend Treffer, ich werde den Song nicht nur einmal hören, sondern – wie üblich – mehrmals. Zunächst mehr als Bilderfolge, einfach so, dann auf den ebenfalls wiedergegebenen Text konzentriert. Auch die Song-Infos bei Wikipedia führen weiter, eine Insider-Übersetzung ist ebenso leicht zu finden. Und noch eine Bilderfolge hier.

Was will ich mehr? Ich suchte ja einen „der schönsten Songs überhaupt“. Soll ich die Melodie notieren? Gibt es eine? Eins ist sicher: Ich werde bei diesem Autor Steinitz (Namen können verpflichtend sein!) nicht um Nachhilfe bitten. Sonst erwischt mich auch noch ein Urknall.

Nachtrag (Um doch noch etwas ins Detail zu gehen: der Text zum Mitlesen)

Walk On The Wild Side

Holly came from Miami, F.L.A.
Hitch-hiked her way across the U.S.A.
Plucked her eyebrows on the way
Shaved her legs and then he was a she
She says, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
He said, ‚Hey honey, take a walk on the wild side‘

Candy came from out on the island
In the backroom she was everybody’s darlin‘
But she never lost her head
Even when she was giving head
She says, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
He said, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘

And the colored girls go
Doo do doo, doo do doo, doo do doo

Little Joe never once gave it away
Everybody had to pay and pay
A hustle here and a hustle there
New York City’s the place where they said
‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
I said, ‚Hey Joe, take a walk on the wild side‘

Sugar plum fairy came and hit the streets
Lookin‘ for soul food and a place to eat
Went to the Apollo, you should’ve seen ‚em go go go
They said, ‚Hey sugar, take a walk on the wild side‘
I said, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
Alright, huh

Jackie is just speeding away
Thought she was James Dean for a day
Then I guess she had to crash
Valium would have helped that bash
She said, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
I said, ‚Hey honey, take a walk on the wild side‘

And the colored girls say
Doo do doo, doo do doo, doo do doo

(Fazit: als lyrischer Text abgrundtief schlecht. Aber steckt irgendetwas an ‚Wahrheit‘ darin? Etwas, das in diesem Milieu als Wahrheit empfunden wird und eine andere Assoziationskette heraufbeschwört als bei mir? Was tun, wenn ich den Text Zeile für Zeile sympathetisch interpretieren müsste? Jede Strophe bezieht sich auf einen anderen Menschen. Lies zur Vorsicht mal eine deutsche Übersetzung, z.B. hier.)

Nachbemerkung 26. Dezember 2015

Zu diesem Beitrag erreicht mich per Mail eine vehemente Gegenposition … bedenkenswert. Ich werde in der Tat – wie in der Klammer angedeutet – dieser Sache noch des öfteren nachgehen. Es ist nicht zulässig, einer „Volksmusik“ mit den Kriterien der „Hochkultur“ zu begegnen. Aus einer ethnologischeren Sicht ist ALLES Volksmusik, auch die, die in einer geschützten Enklave ihre Entwicklung nach eigenen Gesetzen ausdifferenzieren und in jedem Detail durchdenken konnte. Anders als Musik, die „unmittelbar“ von der Bühne aus funktionieren muss, und sinnvollerweise mit Klischees arbeitet, die z.B. flexibel werden, bis hin zur Vieldeutigkeit, also ihren Klischee-Charakter verlieren können.

Nachhilfe 7. Juli 2016

1) Der mehrfach falsch geschriebene Name „Warhol“ wurde korrigiert.

2) Der Satz „Namen können verpflichtend sein!“ bezieht sich auf den Volksliedforscher Wolfgang Steinitz.

3) Der Artikel mag „konfus gestaltet“ sein. Er darf für Nachbearbeitung offen bleiben. Ich verstehe ihn gut.

(Dank an Ana.)

Fördert Kultur Eskapismus?

Wahrheit oder Schönheit oder weder noch

Wenn in dem folgenden Zitat – es stammt aus einem Filmlexikon (!) – von medialen Texten die Rede ist, könnte man sich fragen, bis zu welchem Punkt es inhaltlich erweitert werden könnte: darf man es auf Romane, Gedichte, Gemälde, Grafiken, Sinfonien, Opern, Kammermusik beziehen?

Mediale Texte bieten sich als Mittel eskapistischer Nutzung an, weil sie dem Zuschauer imaginäre Gratifikationen in einem risikofreien Raum gewähren. Er weiß, dass ihm nichts passieren kann und er jederzeit aussteigen bzw. abschalten kann; er muss keine Verantwortung übernehmen und kann trotzdem aus seinen Alltagsrollen heraustreten und sich in die kompensatorische Medienwelt flüchten. Gerade fiktive Charaktere und unrealistische Abenteuer erleichtern die Flucht aus der Realität.

Quelle HIER

Im Wikipedia-Artikel Eskapismus findet man folgenden Hinweis auf Peter Handke:

Gelegentlich wurde der Kunst im Allgemeinen sowie der Dichtung im Besonderen vorgeworfen, Mittel zur Realitätsflucht zu sein. Oft wurde hierfür das Bild des Elfenbeinturmes gebraucht, in dem der Dichter sich vor der wirklichen Welt verschanze und zurückziehe. Insbesondere auf die Kunst der Romantik, etwa die Dichtung Friedrich Hölderlins wurde dieser Begriff angewandt. Peter Handke ist diesem Vorwurf in seinem Band Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturmes (1972) begegnet. Dort betont er den utopischen Charakter der Kunst, der gerade durch seine Distanz zur Wirklichkeit ihre Veränderung ermögliche.

Ich neige dazu, die Kunst als ein Mittel gegen den Tod zu betrachten. „Nicht wirklich“, nicht in der Realität, aber in einer Sphäre, die es geben müsste, und deren Realität in der Kunst unbezweifelbar wird. (Was nicht im geringsten esoterisch gemeint ist! … oder … doch? im Sinne von „wundergläubig“?)

Aber die Hoffnung, durch Distanz zur Wirklichkeit doch noch deren Veränderung zu bewirken, scheint mir zu den 70er Jahren zu gehören, als es ohne diesen revolutionären Ausblick einfach nicht ging.

Es bleibt zu abstrakt. Konkreter Ausgangspunkt sind zwei Zeitungsartikel, die offensichtlich situationsgerecht sind und zugleich Widerspruch herausfordern. Skrupel darüber, dass bei uns Kultur stattfindet, während der Weltlauf (früher weit draußen, jetzt vor unserer Tür) ein Veto einzulegen scheint?

Es genügt nicht mehr, den Bürger aus Goethes Faust ironisch zu zitieren, – wissend, dass der Faust hoch genug angesiedelt ist, um alles zu integrieren, auch das Böse in der Welt. Wir haben Fernsehen und Medien aller Art, anders als der Biedermeier von einst, es quillt von überall herein. Wir stehen nicht mehr zufrieden am Fenster:

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

ZITAT aus DIE ZEIT:

Noch hat die Flüchtlingswelle, unter der das alte Europa ächzt, Salzburgs Festspielmeile nicht erreicht. Noch sind es einzelne Gestalten, die in der Hofstallgasse vor den Eingängen von Felsenreitschule, kleinem und großem Festspielhaus kauern und knien, auf Lumpen und in Lumpen, die Mienen stoisch, in den Händen Pappbecher, die sie den Besuchern stumm entgegenrecken – wohlweislich stumm. In Salzburg gebe es kein Bettelverbot, lässt die SPÖ-regierte Stadt verlauten, und solange diese ungebetenen Gäste niemanden verbal oder körperlich angingen, könne man nichts gegen sie unternehmen.

Wie umgehen mit solchen Situationen, fragt man sich und stellt sich vor, wie leicht aus diesen wenigen viele werden könnten und wie die Kunstliebhaber sich nicht mehr durch ihresgleichen wühlen müssen, um zu Wolfgang Rihms Eroberung von Mexico oder Beethovens Fidelio zu gelangen, sondern durch Menschenmengen, ja -massen aus Syrien und dem Irak, die sich auch in Salzburg in Turnhallen und Zelten eingepfercht wiederfinden. Die etwas abhaben wollen vom schönen Leben in Europa und sich vielleicht um so etwas wie Bettelkodizes nicht mehr scheren werden. Zu Recht.

Quelle DIE ZEIT 6. August 2015 Seite 47 Hier Leben. Da Kunst Vor den Operntoren von Salzburg kauern Flüchtlinge. Haben die Festspiele die Zeichen der Zeit erkannt? Von Christine Lemke-Matwey  Nachzulesen in ZEIT online: HIER.

Ja, man lese es nach und denke und zweifle … und stehe da als armer Tor und sei so klug als wie zuvor. Ganz besonders bei dem verwegenen Satz:

Vielleicht war Christoph Schlingensief der Letzte, der aus einer derart brisanten Konfrontation von Kunst und Leben hätte Funken schlagen können.

Was ist damit gemeint? Bei Wikipedia finde ich dies (siehe hier):

Schlingensief selber wollte, dass der Kunstbegriff neu definiert werden würde: „Ich fordere uns alle auf, unsere Vorstellungen von Kunst über Bord zu werfen und in den Reichtum eines solchen Ortes zu investieren. Mit der Schule fangen wir an. Sie soll das Zentrum sein. Was für eine Kunst, wenn uns Kinder und Jugendliche, die einen Unterricht besuchen können, an ihrem Wissen teilnehmen lassen! Was für ein Fest, wenn sie ihre eigenen Bilder machen, Instrumente bauen, Geschichten schreiben, Bands gründen. Und was für eine Oper, wenn in der Krankenstation, die wir bauen wollen, ein neugeborenes Kind schreit.“

Nicht mehr und nicht weniger? So lasst uns alles über Bord werfen, was uns lieb und teuer ist! Niemand wird widersprechen, wenn die Alternative ein nicht gerettetes Kind wäre. Letztlich war es auch Dostojewskis Argument, auf seine Eintrittskarte ins Paradies zu verzichten, wenn auch nur ein einziges Kind in der Welt Leiden ertragen müsste. Es handelt sich um listig konstruierte Zwangslagen: denn es gibt nun einmal keine solche Eintrittskarte, aber es gibt die Dummheit und das Böse! Und es geht niemals darum, Mozart in den Orkus zu jagen und stattdessen Kindern ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, sondern z.B. darum, Kindern ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, damit sie u.a. die Chance haben, Mozart (wahlweise auch gern Amadinda-Musik aus Uganda)  kennenzulernen und zu wissen, was Leben für eine Bedeutung haben kann. Man soll uns nicht Alternativen anbieten, die keine sind, weil die Wahl in jedem Fall absurd wäre.

Aber man kann auch nicht jedes Argument akzeptieren, das zugunsten der (nutzlosen) Kunst plädiert. Nützlicher wäre, sie tatsächlich nutzlos zu nennen, und über den Sinn des Spielens und des bloßen Lebens zu reden. Warum beschleicht mich ein solches Missbehagen, wenn ich einen gutgemeinten und ziemlich hoch angesiedelten Beitrag (s.o. Stichwort Faust, jetzt wird bald Adorno folgen) im letzten Wochenend-Feuilleton der SZ lese? Er beginnt so:

Jeder, der derzeit in Konzerte, Museen, Buchhandlungen geht, wird dabei auch an die Flüchtlingsströme und den (Pariser) Terror denken. Und es ist kein Wunder, dass das Theater, eine so wendige wie schnelle Kunstform, diese Erschütterungen schon kommentiert, dass in Konzerten der Opfer gedacht, für die Flüchtlinge gespielt wird. Aber all das sind äußerliche Aktionen, die kaum ins Innere der Kunst vorstoßen. Deshalb dürften viele Kunstfreunde immer ein etwas schlechtes Gewissen haben angesichts der desolaten Weltlage: Ist es nicht hedonistischer Egoismus, sich derzeit mit Kunst abzugeben? Zumal auch noch Bertold Brechts berühmte unselige Einlassung durch viele Hirne spuken dürfte: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Was soll denn das heißen? – „unselige Einlassung“? Das Gedicht wurde  im Jahre 1939 geschrieben. Ich habe es selbst kürzlich memoriert: hier, „In finsteren Zeiten“.

Ich möchte sagen: die „finsteren Zeiten“ heute erleben wir mehr oder weniger konfrontal in Syrien, indirekt in Gestalt der Flüchtlingsströme aus Süd und Südost, die „Bäume“ aber in Gestalt der Klimakonferenz in Paris, die das Gegenteil eines Verbrechens ist, die vielmehr „über so viele Untaten“ nicht mehr schweigen will.

Ich fahre fort im ZITAT, wobei ich mir ein paar Einwürfe nicht versagen möchte), nenne aber zunächst die originale Quelle:

Quelle Süddeutsche Zeitung 28./29. November 2014 Akkordmonster Angst vor dem Fremden? Nein. In ihren großen Momenten bringt die klassische Musik zusammen, was unversöhnlich erscheint / Von Reinhard J. Brembeck.

Theodor W. Adorno hat, zuletzt noch in seiner unvollendet gebliebenen „Ästhetischen Theorie“, immer darauf bestanden, dass es einen unaufkündbaren und wesentlichen Zusammenhang gebe zwischen den Kunstwerken und der Wirklichkeit. „Wird sie strikt ästhetisch wahrgenommen“, schreibt Adorno über die Kunst, „so wird sie ästhetisch nicht recht wahrgenommen.“ Denn: „Die ungelösten Antagonismen der Realität kehren wieder in den Kunstwerken als die immanenten Probleme ihrer Form.“

Adorno bleibt konkrete Belege für solche Thesen erst einmal schuldig [Einspruch! sein Werk quillt über von Belegen], weshalb solche Statements manchem Leser vielleicht erst einmal als wohlfeiles Philosophengeschwätz gelten mögen. [Nein, man misstraut zunächst dem Journalisten!]. Macht man sich jedoch die Mühe, seine Thesen in der Wirklichkeit der Kunstwerke zu überprüfen [statt sie „erst einmal“ in Adornos Kontext zu verstehen] , dann dämmert einem schnell, dass es tatsächlich oft diese nicht von der Hand zu weisenden Bezüge zwischen den beiden Sphären gibt und dass dabei zentrale Widersprüche des Daseins verhandelt werden. Und zwar nicht so sehr in den an Themen gebundenen Künsten wie der Literatur, dem Theater oder Teilen der zeitgenössischen bildenden Kunst, der Malerei, sondern gerade in der scheinbar so abstrakten, sperrigen Instrumentalmusik der Wiener Klassiker, die einst als „absolut“ und „erhaben“ gedacht wurden, als aller Diesseitigkeit entrückt.

Wie lang zurück liegt denn dieses „einst“? Seit 50 Jahren liest man, wenn man über Beethoven liest, auch von Französischer Revolution, wenn über Schubert, dann auch über Metternichs Polizeistaat.

Eigentlich möchte ich nicht mehr zum neuen Hören der Eroica und der C-dur-Streichquartetts angeleitet werden, wenn etwa die Exposition des Beethovenschen Kopfsatzes als ein „forsch dahinwalzerndes [!!!] Anfangsstück“ gelten soll, und Schuberts Adagio als „ein E-Dur-Idyll [!!!], in dessen Zentrum er eine f-Moll-Hölle implantiert“.

Das derzeitige Flüchtlingselend, der Terror und die Kriegshysterie schärfen den Blick für die Bedeutung solch formimmanenter Prozesse. (…) Niemand, der das Fremde, Neue und Unvereinbare ausgrenzen will, kann sich auf Beethoven und Schubert berufen.

Niemand will heute das „Fremde, Neue und Unvereinbare“ ausgrenzen, es wird ja sorgfältig umetikettiert. Es heißt dann: die, die von unseren Sozialleistungen profitieren wollen. Die, die hier Parallelgesellschaften bilden wollen, die unsere christlichen Werte nicht anerkennen. Die uns – „ich hab nichts gegen sie“ – aber doch mit ihrer schief intonierten Jammermusik etwas auf die Nerven gehen und vor allem: keine Mittagsruhe einhalten. usw. usw.

Das „Fremde“ hat eine andere Dialektik als zu Schuberts Zeit, als es um ein Fremdempfinden innerhalb der vertrauten Gesellschaft ging, ein Ausgestoßensein, man schaue nur, was die Verehrung der „Fremden“, der „Peregrina“, des fremden Mädchens (möglichst noch stumm), des exotischen Erotischen in der Romantik bedeutet hat. An die Anerkennung einer fremden Musik zum Beispiel hat niemand nur im Traum (oder nur im Traum!) gedacht.

Man darf das nicht alles – etwa die gleichen Worte, die in der Substanz scheinbar verwandten Themen – über einen Kamm scheren. Etwa so:

Für dieses Phänomen bietet die Naturwissenschaft eine Erklärungshilfe. Mögen zwei Menschen auch noch so verschieden sein, in der DNA ist der Unterschied zwischen ihnen so gut wie irrelevant. Genau diesen Zusammenhang zwischen Außen und Kern hat Beethoven in der „Eroica“ vorweggenommen.

Nein, das hat er nun gerade nicht! Die kleinen Unterschiede sind z.B. das Relevanteste an zwei scheinbar ähnlichen Akkorden.

Man vergleiche nur die Ähnlichkeit der DNA eines Säugetieres mit der eines Menschen. Dieses Argument ist äußerst gefährlich…

Ausblick 2. Dezember

Es ist noch längst nicht zuende gedacht. Vor einigen Jahren habe ich es schon mehrfach angefangen. Hier zum Beispiel, in dem Essay 2012 für SWR 2: Schöne Fremde, verlorenes Ich… Wenn die Musik an ihre Grenzen stößt.

Oder in einem früheren Anlauf 2008, speziell für meine Geburtsstadt Greifswald, die ich bei dieser Gelegenheit wiederzuentdecken hoffte. Mir war allerdings schnell klar, dass hier keine Freunde zu gewinnen waren, gerade nicht unter Schubert-Freunden. Mit einer einzigen indischen Musik hat man sie für den Rest des Abends vergrätzt. Was man natürlich auch als Auszeichnung empfinden kann. So behält doch jeder seinen Schubert und muss an den vertrauten Klängen nicht irre werden.

Schubert und die Romantik des Fremden
Von österreichischen, ungarischen, schwedischen Farben,
romantischen Sehnsüchten und ethnischen Fragwürdigkeiten
Ein Vortrag von Jan Reichow

Nachzulesen HIER.

 Und erst heute erlebe ich nun in ein und derselben Süddeutschen Zeitung, wie Schubert unter Anrufung Adornos mit untauglichen Mitteln für das Flüchtlingselend mobilisiert wird und gleich daneben der romantische Begriff des Orients (vs. Naher Osten/Mittlerer Osten) aufs neue in Frage gestellt wird:

Solange die arabische Welt ein ferner Schauplatz von Konflikten und Kriegen war, genügten die spröden geografischen Bestimmungen. Nun, da dessen Bewohner zu uns kommen, kehrt ein Begriff zurück, der für das Fremde, das ganz andere steht, der aus einer vorglobalisierten Welt stammt, als nicht Hunderttausende ins Abendland aufgebrochen sind. Nun steht der Orient nicht mehr für Schlangenbeschwörer und Bauchtänzerinnen, sondern für Selbstmordattentäter und Traumatisierte in Second-Hand-Klamotten. Um die Menschen und ihre Kulturen ging es in diesen Fantasiene damals so wenig wie heute.

Quelle Süddeutsche Zeitung 28./29. November 2015 Seite 17 ORIENT Ein Klischee kehrt zurück. Von Jörg Häntzschel.

Fazit? Die krasse Wirklichkeit wird nicht in den Kunstwerken verhandelt, sondern in real politischen Schritten und direkter Öffnung. Ich möchte mich am liebsten nicht auf Schubert berufen, wenn es um die Flüchtlinge geht. Sondern z.B. auf den Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach, der „mehr konkretes Engagement der Kirche bei der Unterbringung von Flüchtlingen“ forderte:

Er wolle sich nicht vorstellen, dass Katholiken festlich erbaut aus der Christmette kommen, am leeren, beheizten Pfarrheim vorbeigingen und wüssten, dass ein paar hundert Meter weiter die Flüchtlingsfamilien in Zelten hausten.

Quelle Solinger Tageblatt 1. Dezember 2015 Seite 15 Kurzbach: Kirchen sollen sich mehr engagieren. (Tim Kurzbach ist Vorsitzender des Diözesanrates.)

Kurzbach ST 151201

Lähmung durch Musikjargon

„Wow!“

Wenn die Beschreibung eines Klavierabends mit diesem Ausruf beginnt, spürt man den Ehrgeiz, Ungewöhnliches in Worte zu fassen, falls man die Interjektion bereits als Wort gelten lässt. Der Pianist selbst, wie immer ein „Ausnahme-Pianist“, bewies als Moderator des Programms, so heißt es, „eine bewundernswerte Souveränität und eloquente Kompetenz“. Ich will nicht hoffen, dass die im Tageblatt gegebenen Formulierungen auf seine Anregungen zurückgehen.

Mit Beethovens Sonate op. 27 Nr. 1 in Es-Dur, der „Schwester“ der viel bekannteren „Mondscheinsonate“ saugte er dann sein Publikum nahezu in die Klänge hinein. Jeder gespielte Ton, offenbar bewusst pointiert, steigerte die spürbare Faszination im Raum, die von der atemberaubenden Mischung aus handwerklichem Können, sensitiver Ausdruckskraft und energetischer Dichte am Klavier ausging.

Liszts „Fantasia quasi Sonata“ übertrumpfte diesen Eindruck noch. Wirbelnde Läufe und perlende Tontropfen ließen vor der Pause donnernden Applaus aufbranden. Im zweiten Teil präsentierte [Pianist XYZ] mit den Fantasien op 116 ein Spätwerk von Brahms, in dem dieser sentimental auf sein Leben und seine Liebe zu Clara Schumann zurückschaut und verlangte ihm anschließend mit Skrjabins „schwarzer Messe“ mental viel ab. So viel, dass er mit „Poème: Vers la Flamme“ einen versöhnlichen fulminanten Klangteppich hinterherschickte.

Sofern man bei der Lektüre nicht längst wie gelähmt in den nächsten Artikel getaumelt ist, der weniger absurd ausklingt:

„Bis man hier eine gewisse Verdichtung wieder erkennen kann, dürften mindestens zehn Jahre vergehen“, erklärt der Revierförster.

Nicht ohne Grund ist hier von einer echten Kahlschlag-Aktion in Leichlingen die Rede. – Ich studiere also noch einmal die rein Solinger Aussage über das Spätwerk von Brahms, in dem der alte Herr sich offenbar Sentimentalitäten geleistet hat. Verständlich, dass der Pianist ihm anschließend mental etwas mehr abverlangte. Und zwar so viel, dass der Komponist „einen fulminanten Klangteppich hinterherschickte.“

Und dann war endlich Ruhe, ist zu vermuten…

ST 151124 ST 24.11.2015

Ich jedenfalls beende meine Morgenlektüre und denke an Clara Schumann. Immerhin: noch lebte sie. Dies Spätwerk war spät, aber nicht zu spät!

Kein Krieg, – nur Terrorismus

Was man „tun“ kann: Bei sich bleiben, Normalität bewahren.

ZITAT

Der Terror des IS gedeiht dort, wo alles andere Wüste ist. Nachdem autokratische Systeme wie Ägypten oder zerfallene Staaten wie der Irak und Syrien ihre Wirtschaft sterben ließen, waren Millionen junger Männer immer noch da. Und wütend. Und ohnmächtig. Diese Ohnmacht ist heute das dominierende Gefühl der arabischen Welt. Die Ohnmächtigen wollen es den Mächtigen heimzahlen.

Der Terrorismus des IS soll überraschen, Angst erzeugen, schockieren, und all das tut er. Aber er ist, jedenfalls außerhalb Syriens und des Iraks, kein Krieg, schon gar kein Dritter Weltkrieg, sondern immer noch lediglich Terrorismus. Der IS ist nicht in der Lage, unsere Staaten zu gefährden. Er kann auch nicht, so wie der Klimawandel, langfristig die Menschheit bedrohen. Das Handwerk des Terrorismus allerdings beherrscht er, und das ist bedrohlich genug. Wenn wir verstanden haben, wer der Gegner ist, können wir handeln.

Quelle DER SPIEGEL  48/2015 19. November 2015 Seite 8 Leitartikel „Die wehrhafte Demokratie. Terrorismus führt nicht in den Weltkrieg, ist aber eine Gefahr. Was wir tun können.“ Von Klaus Brinkbäumer.

ZITAT Eva Illouz:

Die Attentate zielen auf Zivilisten als Symbole des Westens, nicht als Angehörige einer bestimmten Nation. Einen Franzosen anzugreifen ist so gut, wie einen Amerikaner anzugreifen: Beide symbolisieren Unreinheit (in einer offiziellen Erklärung des „Islamischen Staats“ hieß es, es hätten „acht Brüder […] Hunderte von Götzendienern […] auf einer Party der Perversität angegriffen – in ihren Worten verwandelte sich Paris in „die Stadt der Perversion und Obszönität“). Rockmusik im Bataclan, ein Fußballspiel zwischen den friedlich zusammenarbeitenden und sich austauschenden Nationen Deutschland und Frankreich, Meinungsfreiheit, die von einer Satirezeitung symbolisiert wird, vergnügliche Stunden mit Freunden in einem Restaurant, all dies sind die zentralen heiligen Werte des Westens (Genuss, Konsum, Individualismus, Freiheit). Und genau als solche, als die sakrosankten Werte einer ganzen Kultur, wurden sie auch ins Visier genommen.

Darüber hinaus sehen sich die IS-Kämpfer in einem täglichen Krieg mit dem Westen. Für Europäer aber, die mit ihrem guten Leben beschäftigt sind, ist der IS nicht mehr als ein Nachrichtenereignis.

Quelle DIE ZEIT 19. November 2015 Seite 51 Lasst sie nicht gewinnen Wer wissen will, wie mit einem feindlichen Umfeld zu verfahren ist, schaue nach Israel. Von Eva Illouz.

ZITAT Herfried Münkler

Der Kampf gegen den Terrorismus muss im Modus der politischen und gesellschaftlichen Normalität geführt werden, wenn der selbst zugefügte Schaden mittelfristig nicht größer ausfallen soll als der durch terroristische Anschläge.

Damit kommt ein weiteres Problem ins Spiel, dass es sich nämlich bei den jetzt angegriffenen Gesellschaften Europas – wenn wir die Pariser Anschläge als exemplarische Attacke auf den (west-)lichen Lebensstil begreifen – um postheroische Gesellschaften handelt, Gesellschaften also, in denen die Überwindung des Opfermotivs als gesellschaftlich-politischer Lernerfolg begriffen wird. Dass wir die innergesellschaftlichen wie innerstaatlichen Verhältnisse im Modus des Tauschs und nicht in dem des sakrifiziellen Opfers organisieren, wird von uns als zivilisatorischer Fortschritt begriffen, den wir nicht rückgängig machen wollen und vermutlich auch nicht können. Die in diesem Fall weniger strategische als symbolische Herausforderung durch den Terrorismus besteht in der demonstrativen Bereitschaft der Attentäter zum Selbstopfer. Neben den eigenen Opfern ist es diese Form der Selbstsakrifizierung, die uns erschüttert und das Gefühl von Wehrlosigkeit auskommen lässt. Die erste Linie des Gegenhandelns angesichts der terroristischen Herausforderung besteht also darin, dass wir das Empfinden der Wehrlosigkeit und die damit verbundenen Affekte in uns niederringen, uns nicht ducken, sondern aufstehen und uns zeigen, von Kundgebungen der Trauer bis zur Fortführung des alltäglichen Lebens, so, als hätte es die furchtbaren Anschläge nicht gegeben.

Quelle DIE ZEIT 19. November 2015 Seite 49-50  Wie wir kämpfen müssen Der Terror richtet sich gegen Europa, nicht nur gegen Frankreich. Sind wir reif für eine gefahrvolle Solidarität? Von Herfried Münkler.

Nachtrag 26.11.2015

Es gibt kaum eine überzeugende Geschichte, zu der man keine überzeugende Gegendarstellung findet. Das gilt noch radikaler für Einzelsätze, so auch für die in diesem Artikel zitierten, oder für die von Bert Brecht und Philipp Ruch des Artikels In finsteren Zeiten. Dennoch ist nicht alles gleichermaßen wahr (oder gleichermaßen egal). Gestern in der Süddeutschen Zeitung:

… man wundert sich dann doch, dass die, die nun für die Pariser Opfer zu sprechen glauben, so inständig betonen, dass die Ermordeten doch nur ein wenig Spaß haben und feiern wollten, einfach ein bisschen das Leben genießen, fast als wollten sie ihnen noch ins Jenseits nachrufen, sie seien im Schlaf ermordet worden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Nicht die Lebensart, die vermeintlich attackiert wurde, nicht der Spaß, nicht das Feiern sind das Problem. Das Problem ist auch nicht das recht exklusive „Wir“, das hier seine Lebensart einklagt und das vermutlich mehr von „Freiheit“ als von „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ versteht. Das Problem ist das unglaubliche Staunen, das Nicht-wahrhaben-Wollen, dass auch wir, die doch nur das Leben im Diesseits genießen wollen, in dieser Welt leben, und dass diese Welt eine einzige Welt geworden ist, unteilbar, ohne Grenzen, globalisiert eben auch in Sachen Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung.

Quelle Süddeutsche Zeitung 25. November 2015 Seite 12 Europa hat genug geschlafen Über die unerträgliche Illusion, man solle bitte lieber nicht vom Krieg sprechen / Von Stefan Weidner.

Wir kennen durchaus die Mahnung, die Zeiten seien zu ernst um Späße zu machen. Und man kann genug Fälle aufzählen, bei denen einem das Lachen vergeht. Sagt der eine: Vorsicht mit dem Wort Krieg, sagt der andere: man soll den Terror nicht verniedlichen. Sagt der erste: das habe ich nicht gesagt. Und der andere: dann nimm doch das Wort „relativieren“. Du weißt was gemeint ist.

Es sind halt Worte. Man vergesse nicht, dass die Leute, die angeblich nur gefeiert haben, vom Ernst der Kriege in aller Welt einen Begriff haben können und im Café sogar mit Sorge über die Millionen frustrierter junger Männer hier oder dort gesprochen haben.

ZITAT

Herfried Münkler etwa, der sich mit Kriegen auskennt, lobte letzte Woche in der SZ das schnelle Vergessen sogar als Haltung „heroischer Gelassenheit“. Die Menschen schlafen. Und wenn sie sterben, erwachen sie immer noch nicht.

Quelle wie zuvor

Es ist der prophetische Ton, der misstrauisch macht. Meine Oma sagte zuweilen in den ausgelassensten Momenten: Ja ja, Kinder, euch wird das Lachen noch vergehen. Ich fand das damals irgendwie unpassend. Und heute zuweilen anmaßend.

***

ZITAT

Wenn Ruch schreibt, es gelte, die gegenwärtige „Trockenphase der Weltgeschichte […] mit Schönheit zu tränken“, wird aber auch klar, dass seine Gedanken mehr um seinen Nachruhm als um das Schicksal von Flüchtlingen kreisen. Die „wirklich wichtigen Fragen“ lauten für ihn, so ehrlich ist er immerhin: „Wofür will ich einmal stehen? Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?“ Dieses Verlangen nach eigener historischer Bedeutung ist aber nur die Kehrseite der Kränkung, die Ruch allseits empfindet. In seinem Antimodernismus kommt jene „Größensucht“, ja ein unersättlicher Geltungsdrang zum Ausdruck.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Manifest mit anderen modernekritischen Texten vergleicht. Günther Anders etwa beklagt zwar ganz ähnlich die „Antiqiertheit des Menschen“, reagiert darauf aber nicht als Gekränkter, sondern mit der genauen Beschreibung dessen, was er „prometheische Scham“ nennt: Da die Menschen von immer leistungsfähigerer Technik umgeben seien und sich im Vergleich dazu minderwertig vorkämen, fühlten sie sich beschämt. Und so entwickelt Anders, statt sich Selbstmitleid und Dünkel hinzugeben, aus dem Schambegriff heraus eine Deutung verschiedener Phänomene des menschlichen Umgangs mit Maschinen, Medien und Massenprodukten. Das mag kontrovers sein, wirkt aber auch nach 60 Jahren ungleich lebendiger und aktueller als Ruchs Manifest.

Quelle DIE ZEIT 26. November 2015 Seite 53 Das Erdbeben der Schönheit Mit radikalen Aktionen ist Philipp Ruch zum bekanntesten deutschen Politikkünstler aufgestiegen. Jetzt legt er ein Manifest vor, das mit seinem Antimodernismus Sympathisanten verstören wird / Von Wolfgang Ullrich.

Was tun? – Vor allem dies zur neuen Lektüre bereitlegen:

Anders Antiquiertheit

Nachtrag 26.12.2016 Umgang mit Terror Interview mit dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum im Deutschlandfunk, nachzulesen HIER.

Musik in Uganda

Den Tag mit einer Schnell-Recherche beginnen

Uganda ZEIT

Ich muss das ganz lesen, weil ichs nicht verstehe: „Und sie so…“ Was soll das? Fehlt da ein Wort? „…singt…“ oder : „…antwortet…“?

Im Artikel steht es anders (zuviel Pedanterie? Als kleine Übung aber doch wohl brauchbar):

Als Deena im Nationaltheater anfängt zu singen, werden die 400 Leute im Publikum totenstill, dann fangen sie an zu lachen – ungläubig, überzeugt davon, das sei Playback.

Aber dann kommt Deena zum A-Cappella-Teil, den sie extra für diesen Fall eingebaut hat. Sie singt: Omutima gunuma nga simulabye. „Mein Herz zerbricht, wenn er nicht bei mir ist.“ Das Publikum fängt an zu jubeln. Deena singt und singt. Mumulete! bringt ihn zu mir! Und das Publikum jubelt lauter. Mumulete“

Sie stellen den Song ins Netz und kriegen 10 000 Abrufe in 24 Stunden. Am selben Tag ruft das ugandische Fernsehen, will Deena ins Studio haben. Sie gibt an diesem Tag drei Interviews.

Quelle DIE ZEIT 12. November 2015 Seite 87 (Chancen) Und sie so:Omutima gunuma nga simulabye“#  Wie es ist, in Uganda Popstar zu werden – als weiße Frau. Von Bastian Berner.

Ich finde den Titel auf youtube: 58.095 Abrufe , 342 likes, 25 dislikes. Die Kommentare  sind aufschlussreich. Ich denke: wozu die Gewaltszenen? absatzfördernd? Damals: als wir im WDR Musik aus Uganda produzierten, faszinierte das rhythmische Moment und das „Gewebe“ der Strukturen. Aber soll ich hier den Meckerer auf Außenposten abgeben? (Die einzige Kritik dieser Art kommt offenbar – aus Germany)

ZITAT aus den Kommentaren bei youtube:

I thought africa is the home of rythmical music genius, how can the people like such a crappy and dull beat? Not even the people here in germany would like it.

ZITAT aus DIE ZEIT (Quelle wie oben)

Es gibt keine KritiK?

„Ein paar Leute haben auf You Tube gesschrieben: ‚Yeah, ich bin weiß und singe auf Luganda, ich bin so cool!‘ Aber das kommt immer nur von Weißen. Immer! Ich kann dann nur fragen: Wer gibt euch das Recht, für die Ugander zu entscheiden? Niemand! Ihr könnte eure Meinung äußern, aber ich nehme das nicht ernst. Wenn die Ugander irgendwann sagen, wir haben keinen Bock mehr auf dich, dann lasse ich es bleiben.“

Aber die Ugander lieben sie.

Überblick zur Musik in Uganda: HIER (https://en.wikipedia.org/wiki/Music_of_Uganda)

Die Erinnerungen gehen weit zurück, die ersten Begegnungen mit Evaristo Muyinda im WDR Köln gab es vor 1990, für die wissenschaftliche Begleitarbeit zuständig: Barbara Wrenger. (Hochinteressant das von Tiago de Oliveira Pinto aufgezeichnete Gespräch mit Gerhard Kubik über seine Lehrzeit bei Evaristo Muyinda HIER) – ZITAT:

Der erste Schock, als Muyinda mich auf dem 12stäbigen amadinda-Xylophon zu unterrichten begann, war daß er von mir verlangte, eine sich ständig wiederholende Reihe völlig gleichbleibender Schlagabstände zu spielen, von der er sagte, das nenne man „okunaga“. Ich hatte das nicht erwartet. Ich hatte das erwartet, wovon in den Büchern immer die Rede gewesen war: Formeln und komplizierte Rhythmen. Ich errinnere mich noch, daß ich bei diesem Anfang des Unterrichts zu zweifeln begann, ob Muyinda mir „the real thing“ zeigte. Der okunaga-Part erschien mir als solcher zu einfach, ja noch einfacher als die Rhythmen in der europäischen Musik. Das sollte Afrika sein? Dennoch lernte ich diese Reihe gewissenhaft und schlug sie mit den zwei parallel gehaltenen Schlegeln auf dem Xylophon in einem Intervall an, zu dem mir einfiel, dass dies Oktaven seien. Muyinda hatte auch dafür einen Ausdruck. Er sagte dafür: „miyanjo“.

Uganda Evaristo a Uganda Evaristo b

Uganda Acholi CDUganda Acholi b

Uganda Oppermann  Uganda wirkt weiter…

Eine völlig andere Sache:  Geoffrey Oryema war 2001 zu Gast in der Matinee der Liedersänger.

Thomas Daun, seit 1982 freier Mitarbeiter im WDR, machte mich zum erstenmal aufmerksam auf die Arbeit von Peter Cooke, dessen Uganda-Aufnahmen (seit 1966) jetzt im Netz zugänglich sind. Ein unglaubliche Fundgrube!

Nachtrag (Selbstversuch gestern 16.11.2015)

Fahrt nach Bonn (ab 15.30 – Staus – an 16.45, Rückfahrt 22.00 bis 23.00) mit Musik auschließlich CD „Evalisto Muyinda“ (s.o.), auf der Rückfahrt hatten sich die Lieblingstitel „eingependelt“: Tr. 7 und 8.

(Fortsetzung folgt)

Nachtrag 10. Juni 2016

Gestern bei Markus Lanz: Hier ab 64:34 – der Eindruck, den Deena im Gespräch macht, bestätigt die Skepsis angesichts des ZEIT-Artikels damals. Dass der MUMULETE-Beitrag auf youtube nicht mehr abrufbar ist, vielleicht kein Verlust. Man kann auch bei Lanz kurz hineinhören (bei 69:27), der Mann mit der Flaschenpost sitzt übrigens hier im Publikum. Deena: „Das Große an mir ist, glaube ich, dass ich das ganze ernst nehme…“ Absolut, total! Und Lanz: „… eine unfassbare Lebensgeschichte! Ein wahnsinnig schöner Flecken Erde … war selber mal da…es gibt wenig Landschaften, die einen so berühren wie Ostafrika, das geht einem wirklich unter die Haut…“ Ende 72:52.

Nicht von dieser Welt, doch greifbar

(Ins Unreine, ab Samstag 8. November)

Francisco de Zurbarán

Es wird soviel von Stoffen und Stofflichkeit geredet, von der Kostbarkeit der Materialien, der Greif- und Tastbarkeit der Oberflächen, Kleider-Mode (?), der Vater war Stoffhändler, das Sackleinen des Heiligen Franciscus, das voluminöse Lendentuch Christi, und wenn man das Kreuzigungsbildnis in einen matt erleuchteten Altarraum stelle, könne man es nicht von einem realen Kruzifix unterscheiden. Im Film entbrennt eine Betrachtung zwischen dem Kurator Beat Wismer und einem spanischen Zurbarán-Kenner mit folgendem Verlauf:

„Wir wissen nicht, ob das der Maler der Kreuzigung ist. Steht der Maler vor einer Skulptur? Steht er vor einer realen Kreuzigung? Und dann gibt es noch ein sehr interessantes Detail: Hier sieht man eine Landschaft, oder zumindest einen Teil der Landschaft.“

„Da stimme ich Ihnen zu. Es ist in der Tat ein Konzept-Gemälde. Für mich gibt es ein entscheidendes Element in diesem Bild. Das Element des Maßstabs. Die Christusfigur ist nur ein wenig kleiner als die Figur des Malers. Dadurch suggeriert es uns, weil es das im Unklaren lässt, dass die Figur auf der rechten Seite, der Maler, auf ein Abbild von etwas schaut. Es ist möglicherweise eine Skulptur – wie Sie sagen -, es könnte aber auch ein gemaltes Bild sein. Es könnte aber auch das Gemälde einer Skulptur sein!? Möglicherweise auf den heiligen Lukas, der traditionell als Maler dargestellt wurde.“

„Oder eine Vision?“

„Oder eine Vision! In der Tat. Es ist oft gesagt worden, – und ich denke, dass etwas Wahres daran ist -, dass es sich hierbei um ein Selbstportrait des Künstlers handelt. Nicht unbedingt um ein normales Portrait. Es kann sich dabei auch um ein konzeptuelles Portrait handeln. Eine Selbstprojektion des Künstlers auf das Bild des Malers. Wir sehen also den hl. Lukas, der den gekreuzigten Christus betrachtet.“

Zurbarán Selbst Screenshot 2015-11-08 11.16.01 Screenshot aus der DVD (s.u.)

Wenn man sich an Navid Kermanis Beschreibung desselben Bildes erinnert, wird schnell klar, wie naiv sie ist:

Jesus im selben Saal des Prado noch auf einem weiteren Bild gekreuzigt zu sehen, jetzt mit einem Maler zu seinen Füßen, entweder Lukas, so heißt es auf der Tafel neben dem Gemälde, oder in bitterer Selbsterkenntnis Zurbarán selbst, der begeistert darüber, ein so spannendes, ausdrucksstarkes und noch dazu lebendes Modell gefunden zu haben, am Kreuz hochblickt, die Palette bereits in der Hand, statt dem Gemarterten zu helfen, ihm Wasser zu reichen, Hilfe zu rufen, damit jemand die Nägel aus seinen Händen und Füßen zieht, und wenn es keine Hilfe gibt, wenn Gott auf Erden nicht einmal seinem eigenen Sohn hilft, dann die Hände vor Verzweiflung in den Himmel zu strecken oder auf den eigenen Kopf zu schlagen, weil Gott dann auf Erden vermutlich niemandem hilft. Oder straft er etwa nur diejenigen, die ihm am nächsten stehen, läßt zynisch den Amtsträger, den Reichen, den Künstler triumphieren? „This work subtly refers to the idea that art’s greatest merit is its potential for use in the service of religion“, heißt es auf der Tafel weiter, die ein anderes Gemälde meinen muß.

Quelle Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum / C.H.Beck München 2015 (Seite 161 f)

Zurbarán DVD a       Zurbarán DVD rück

ZITAT

Zurbaráns Zeit war zutiefst geprägt von der spanischen Mystik. Das zuweilen Erstarrte seiner Bilder, vor allem im Frühwerk, ist wohl auch jenen Formeln geschuldet, mit denen die katholische Kirche die Macht über die anmaßenden Körper und Geister zurückerobert: durch Dekrete zur religiösen Malerei, die sie in der Folge des gegenreformatorischen Konzils in Trient 1563 erlässt.

(…)

Ein einziges Mal scheint Zurbarán sich selbst gemalt zu haben, um 1655/60, in dem „Gekreuzigten mit einem Maler“. Gewiss ist es nicht und doch offensichtlich: Der alte Maler steht, in tiefe Kontemplation versunken, zu Füßen des verstorbenen Gekreuzigten und hebt seinen Blick zu Christus. Die rechte Hand hat er ans Herz gelegt, in der linken hält er eine Palette mit Pinseln. Er trägt eine malvenfarbene Tunika, was manch einen veranlasste, darin die Figur des Apostels Lukas zu sehen, den Patron der Maler. Schemenhaft dunkel hinter dem Kreuz schimmert ein Berg, vielleicht Golgatha. Und hier ist es wieder, dieses Verrätselte, das Spiel, das Zurbarán treibt. Aber ob Selbstbildnis oder nicht, interessant ist vielmehr, dass er hier wortlos sagt: Ich habe das gemalt. Und dass man darüber spekulieren kann, ob Zurbarán hier nicht auch seine eigene Fähigkeit als Maler göttlich beglaubigen lässt.

Quelle Ingrid Berner: Drama und Erleuchtung Göttliche Verklärung bedeutete bei Francisco de Zurbarán immer auch tiefe Menschlichkeit. Jetzt ist der faszinierende Maler in Düsseldorf zu erleben. In: WELTKUNST Eine Sonderveröffentlichung des ZEIT Kunstverlags Hamburg Herbst 2015 www.weltkunst.de

Schließlich sieht man sogar ein, dass die schönsten Bilder vielleicht doch nicht im Museum zum wahren Leben erwachen, sondern dort, wo sie am zugedachten Platz verblieben sind. Hier zum Beispiel:

Zurbarán Guadelupe 1 Screenshot 2015-11-08 09.46.46  Zurbarán Guadelupe 3 Screenshot 2015-11-08 09.47.21

Zurbarán & Musik Screenshot 2015-11-08 10.48.47

Der Heilige Hieronymus wehrt sich hier gegen die schönen Frauen und die Verführungskraft ihrer Musik. Wohl doch kein Engelskonzert?

Es ist ein Wunder, wie eine bloße Ausstellung von Bildern Menschen in Bewegung setzen kann, wie sie neue Ansprüche an sich selbst stellen, um diesen Ansprüchen durch Bilder gerecht zu werden. Vielleicht auch mit leiser Empörung zu reagieren – wie ich, bei all den Bildern von der Maria Immaculata, die nicht auf dem Boden steht, sondern auf Wolken, aus denen Kinderköpfe hervorlugen, – an der Wand zu lesen wie es zu dieser Serie kam (auch vom Vorschriften-Kanon zu erfahren, der auflistet, wie eine Immaculata-Visualisierung beschaffen zu sein hat), zu lernen, dass die ganze absurde Geschichte von der Unbefleckten Empfängnis auf eine Stelle in der Offenbarung des Johannes zurückgeht, im Sinn zu haben, was gerade in der ZEIT anlässlich der zu uns flüchtenden Männer aus dem Osten zu lesen war: wie der Blick des Mannes auf alleinstehende (auch: „allein flüchtende“!) Frau unweigerlich beschaffen ist (Quellenangabe folgt). Frage nach dem „Trompe-l’œil“, Frage nach dem senkrecht hängenden Petrus, der nicht in Düsseldorf, wohl aber in diesem Film vorkommt (und – wo er mir zum erstenmal begegnete – in Navid Kermanis Buch Seite 157 ff) usw. Nachlesen in meinem alten Lieblingsbuch: „Meisterwerke der Malerei. Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol“ herausgegeben von Reinhard Brand, der erste Essay darin von Robert Suckale über Rogier van der Weydens Kreuzabnahme, die „Leserichtung“ bei der Bildbetrachtung, hochinteressant der Zusammenhang mit der Rhetorik des Quintilian, eine in christlichem Sinne gefilterte: durch Augustinus). Auch noch anwendbar auf Bachs musikalisch-rhetorisches Verfahren.

Die Ausstellung in Düsseldorf: HIER  (dort auch runterscrollen: man sieht einen kurzen Ausschnitt aus der DVD)

Wikipedia-Artikel zu Zurbarán, auch zahlreiche Werke des Meisters (vergrößerbar!), als viertes Der Heilige Lukas, dargestellt als Maler der KreuzigungsszeneHIER

DIE ZEIT 30.01.2014  Nicht von dieser Welt. Das großartig stille Werk des spanischen Malers Francisco de Zurbarán – eine Wiederentdeckung in Brüssel. Von Hanno Rauterberg. HIER

FAZ 23.10.2015 Ein Evergreen für die Augen Glühende Askese und mystische Versunkenheit:
Francisco de Zurbarán malte mit dem Pinsel Caravaggios und den Augen eines Inquisitors.
Eine Düsseldorfer Ausstellung entdeckt den spanischen Barockmaler. Von Andreas Kilb. HIER

Heute neu: FOLKER

In eigener Sache

JR 2015 Folker 1 kl    JR 2015 Folker 2 kl

Magazin FOLKER Heft 108 6/2015

In demselben Heft:

Fuhr Folker0005 bitte anklicken (2X)

Letzter Satz vervollständigt: … Er war zudem regelmäßiger Gast beim TFF Rudolstadt und darüber hinaus am EBU Euroradio Folk Festival und dem Weltmusikpreis Creole beteiligt.

Und nun? Wohin geht der WDR?

Nachtrag 24. Januar 2016

Noch funktioniert der Link, es erscheint folgendes Bild:

WDR Weltmusik Screenshot 2016-01-24 08.24.14

Und selbst die pdf-Links funktionieren noch. Aber nach aktuellen Programmen mit diesen oder ähnlichen Inhalten sucht man vergebens. Man forsche nur nach – „Weltmusik“ oder „Musikkulturen“ – lauter Ergebnisse aus den Vorjahren. Und schaut man sich ein ausführliche Darstellung der Hörfunkprogramme im Januar 2016 an – etwa in der Zeitschrift HörZu -, so wird man keine einzige Sendung mit Musik anderer Kulturen finden. Weder in WDR 3 noch in in irgendeinem anderen Sender. Es ist wie auf Verabredung: nach dem Jahr der großen Fluchtbewegungen aus dem Osten schotten wir unsere Sender ab! KEINE MUSIK MEHR, die nicht unter Klassik (West) oder Jazz (World) zu subsumieren ist. Natürlich: Pop die Skala rauf und runter, und dazu gehört auch Funkhaus Europa, das noch eine Weile als Feigenblatt dienen wird. Reicht es wirklich, um die Blöße zu bedecken? Oder gar als Angebot einer farbenfrohen Kleidung?

Wie konservativ bin ich?

Zweifel an der alten Philosophie

Habe ich etwas nicht mitbekommen? Die neue ZEIT, wie immer am Donnerstagmorgen, lässt mich stutzen, – nach der Lektüre zur Mann-Familie:

Golo (…). Der Hutzelzwerg, der hölzerne, hat Charakter. Er ist der Einzige, der ein eigenständiges Werk schaffen wird, abgerungen einer immer wieder aufflackernden Depression. Und er ist die einzige Stimme der Vernunft in Fragen der politischen Wirklichkeit. Sein Vater liegt verlässlich daneben und schafft es, wie Lahme nebenbei bemerkt, sich bei einer Prophezeiung über den Russlandfeldzug in zwei Sätzen gleich viermal zu vertun.

Jawohl, es mag sein, dass Konservative sich furchtbar irren. Unwillkürlich stelle ich mir heimlich die Frage, die als Titel über diesem Blog-Eintrag steht. Genügt nicht schon die Tatsache, dass ich heute abend das Streichquartett in der Philharmonie so wichtig finde, – und wie ich zufrieden zur Kenntnis nahm, dass ihnen die Moderne so am Herzen liegt. Kurtág und Jörg Widmann, ist es das? Und dann stutze ich bei dem Schluss einer Kolumne von Thomas E. Schmidt über das „Kulturgutschutzgesetz“:

Das Ganze wirkt so bizarr, weil der Zustrom von Flüchtlingen derzeit die Nabelschau „Was ist deutsch, und woran zeigt sich das?“ ziemlich überflüssig macht. Selbst die CDU-Kanzlerin signalisiert, dass solche Debatten obsolet geworden sind. So gelangt die Bundeskulturbeauftrage mit ihrem Gesetz ganz langsam in die Nähe der kulturell Verängstigten wie Botho Strauss oder Rüdiger Safranski. Irgendwann berühren sich die politischen Stränge wieder.

Dass Strauss genannt wird, wundert mich nicht, aber was ist mit Safranski, dessen Buch über „Das Böse“ – neben allen anderen – mir eine Weile zum Leitfaden des Denkens wurde? Ich lese den größeren Artikel über „Unsere Willkommenskultur“.

Die Moderne, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman, verflüssigt sich, und in dieser liquid modernity entstehen unregierbare chaotische Räume. Ausgerechnet dort, wo der amerikanische Hegemon seine größte Niederlage erlitt, im Irak, der Wiege der Menschheit, kehrt etwas Anfängliches zurück, eine Gewalt in mythischer Dimension. Und auch die Flüchtlinge erscheinen als apokalyptische Metapher. Wie sie mit ihren Habseligkeiten durch die Wildnis der Zivilisation irren, sehen sie aus wie die ersten Menschen, wie Gestalten der Frühe in der späten Moderne. Der Flüchtling ist das, was nach dem Zerfall politischer Räume übrig bleibt, er ist das nackte Leben auf der Flucht.

Und irgendwo im weiteren Text kommt der Hinweis, auf den ich warte:

So erscheinen die Flüchtlinge als Vorboten des Ungewissen, und selbst kluge Menschen sagen über sie Verächtliches, darunter katholisierende Schriftsteller und kleine Philosophenkönige, alle Retter des deutschen Geistes.

Jetzt erst fällt der Groschen, und ich gebe bei Google ein: „Safranski über Flüchtlinge“. Und kann mich kaum noch retten… Muss ich jetzt meinen Tag von Grund auf anders gestalten? Sogar das Stichwort „Musik“ erscheint weiter unten… Wollte ich nicht etwas über „Innerlichkeit“ schreiben? Wie deutsch geht es eigentlich noch, verdammt noch mal! Aber es war doch wenigstens kritisch gedacht, oder? (Ja, aber schon wieder mit Bezug auf Religion, also Pietismus und so.)

Safranski Screenshot 2015-10-29 09.03.48

Ich werde mir vorläufig mit den Quellenangaben helfen, denn der Ablauf des heutigen Tages ist doch vorgegeben. Z.B. hier. Mit Matthias Matussek, ausgerechnet dem Vatikan-Sympathisanten.

Quelle der Zitate: DIE ZEIT 29. Oktober 2015 Seite 45f und Seite 51 Unsere Willkommenskultur Klar schaffen wir das, aber vielleicht anders als gedacht: Die rechten Protestbewegungen und die konservativen Eliten könnten sich in der Flüchtlingskrise verbünden und über den Ausnahmezustand befinden. Ein Szenario von Thomas Assheuer / Wer wir sind, soll uns die Kunst sagen Das Kulturschutzgesetz sichert das Nationale – überflüssigerweise. Von Thomas E. Schmidt / Ein öffentliches Unglück Tilman Lahme durchleuchtet in „Die Manns. Geschichte einer Famili“ die schwierigen Verhältnisse in diesem Künstler-Clan. Wer sich ein idealisiertes Bild vom „Zauberer“ Thomas bewahren will, mache einen Bogen um diese großartige Chronik. Von Michael Maar.

P.S.

Offenbar ist mit dem „katholisierenden Schriftsteller“ im ZEIT-Zitat derselbe gemeint, den ich als Vatikan-Sympathisanten bezeichnet habe, und ich neige zu der Ansicht, dass das einzige, was man nun Safranski anlastet, die besorgte Tendenz des Eisenbahn-Gesprächs ist, das Matussek – vielleicht nur wichtigtuerisch, aber jedenfalls mit Prominentenklatsch-Tendenz – in der WELT kolportiert hat. Eine Indiskretion. Der Philosoph hat möglicherweise „ins Unreine“ geplaudert, mich interessiert aber nur, was er nach reiflicher Überlegung selbst veröffentlicht. – Jedenfalls würde ich es keineswegs als peinlich konservativ empfinden, wenn sich z.B. jemand weigerte, über Kopftücher zu diskutieren statt über Freiheit. Mir wird unwohl, wenn ich Kermani lese, nicht weil ich so konservativ bin und die Aushöhlung der abendländischen Werte befürchte, sondern weil ich es schrecklich konservativ finde, zwischen Christentum und Islam vermitteln zu sollen.

Wenn Safranski wirklich zu Matussek gesagt hat, „dass unsere Verfassung über der Scharia stehen muss. Dass Grundsätze und Werte wie Gleichberechtigung unantastbar sind.“  Was ist daran verwunderlich, außer der Tatsache, dass es durchaus aufs neue gesagt werden muss, wenn viele Einwanderer das nicht wissen? Es klingt vielleicht hart und konservativ: „Die Verfassung steht über dem Koran.“ Aber was wäre denn dann unkonventionell oder sogar revolutionär?

Was ist Dichtung?

Bemerkungen über Fiktion und Non-Fiction

Roberto Saviano und Iris Radisch in der neuen ZEIT, mit Blick auf den eben verliehenen Nobelpreis. Zunächst R.S. auf die Frage, ob er sich als Schriftsteller oder als Journalist beschreiben würde:

Als Schriftsteller, ohne jeden Zweifel. Und als Schriftsteller, der Non-Fiction schreibt, bin ich sehr stolz darauf, dass Swetlana Alexijewitsch soeben den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat. Sie wurde mit Non-Fiction in den Olymp der Literatur aufgenommen. Sie hat endlich die literarischen Weihen bekommen, die ihr bisher von der positivistischen angelsächsischen Kritik , die die Welt der Kultur dominiert, verwehrt wurde.

Iris Radisch in einer Kolumne, die dem Gespräch mit Saviano offensichtlich zugeordnet ist:

Das bloße Arrangement von Dokumenten und O-Tönen, die Zusammenstellung von Gesprächsprotokollen (….) oder Briefen (wie das Echolot-Projekt von Walter Kempowski) führt zweifellos zu hochbedeutsamen Zeugnissen der Sozial- und Zeitgeschichte. Genau darin liegt auch das unbestreitbare Verdienst der Gesprächbücher von Swetlana Alexejewitsch, in denen die Stimmen namenloser Zeugen und die Nacherzählung Hunderter Lebensschicksale aufbewahrt sind. Doch literarische Meisterwerke sollte man solche Materialcollagen oder Reportagen nicht nennen. Es sei denn, man legt es darauf an, die Hierarchien zwischen den Textgattungen zu verwerfen und sämtliche Kriterien für große Literatur fahren zu lassen.

Quelle DIE ZEIT 15. Oktober 2015 (Seite 51f)

„Ich habe es oft bereut“ Ein Gespräch mit Roberto Saviano über die Frage, ob sich der Kampf gegen die Mafia gelohnt habe, die Fernsehserie zu seinem Buch „Gomorrha“ und über seine besondere Arbeitsweise. (Interview: Ulrich Ladurner)

Plötzlich ist jeder ein Kunstwerk Was ist falsch an der Vergabe des diesjährigen Literaturnobelpreises. Von Iris Radisch

(Mit Absicht frage ich nach Dichtung, nicht nach Literatur. Was ist mit Thomas Mann, z.B. Doktor Faustus, Zwist mit Schönberg. Siehe Käthe Hamburger. Oder Victor Klemperers Tagebücher.)