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Zwischenbemerkung zu Pop-Musik

Walk On The Wild Side

Eine mit Superlativ versehene Bemerkung in der Süddeutschen Zeitung zum Thema Song veranlasst mich zum kleinen Nachhilfeselbstunterricht. Ich war irgendwo zu Besuch und las und notierte:

Holly Woodlawn wurde dann selbst eine Ikone, ihre Ankunft im rauschhaften New York war zumindest ein kleiner Urknall. Der große Lou Reed sang darüber, in einem der schönsten Songs überhaupt – „Walk On The Wild Side“: Holly come from Miami, FLA / Hitch-hiked her way across the USA.“ Der Tramp aus Florida mit den gezupften Augenbrauen … (etc.etc.)

Quelle Süddeutsche Zeitung 8.12.2015 Autor: David Steinitz

Holly Woodlawn hatte jedenfalls mit Andy Warhol zu tun, eine Google-Suche  ergibt jede Menge Nachrufe. Zur Orientierung zunächst nur dies. Ich erinnere mich an einen Warhol-Film mit Joe Dallesandro, den ich damals gesehen habe, in der Zeit, als man in Konzertsälen „Happenings“ erlebte, z.B. mit Charlotte Moorman am Cello, halbnackt, in Cellophan gehüllt.

Vor allem aber will ich hören, was da melodisch „in einem der schönsten Songs überhaupt“ passiert, also nicht einem der schönsten von Lou Reed, sondern „überhaupt“. Youtube ergibt ausreichend Treffer, ich werde den Song nicht nur einmal hören, sondern – wie üblich – mehrmals. Zunächst mehr als Bilderfolge, einfach so, dann auf den ebenfalls wiedergegebenen Text konzentriert. Auch die Song-Infos bei Wikipedia führen weiter, eine Insider-Übersetzung ist ebenso leicht zu finden. Und noch eine Bilderfolge hier.

Was will ich mehr? Ich suchte ja einen „der schönsten Songs überhaupt“. Soll ich die Melodie notieren? Gibt es eine? Eins ist sicher: Ich werde bei diesem Autor Steinitz (Namen können verpflichtend sein!) nicht um Nachhilfe bitten. Sonst erwischt mich auch noch ein Urknall.

Nachtrag (Um doch noch etwas ins Detail zu gehen: der Text zum Mitlesen)

Walk On The Wild Side

Holly came from Miami, F.L.A.
Hitch-hiked her way across the U.S.A.
Plucked her eyebrows on the way
Shaved her legs and then he was a she
She says, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
He said, ‚Hey honey, take a walk on the wild side‘

Candy came from out on the island
In the backroom she was everybody’s darlin‘
But she never lost her head
Even when she was giving head
She says, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
He said, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘

And the colored girls go
Doo do doo, doo do doo, doo do doo

Little Joe never once gave it away
Everybody had to pay and pay
A hustle here and a hustle there
New York City’s the place where they said
‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
I said, ‚Hey Joe, take a walk on the wild side‘

Sugar plum fairy came and hit the streets
Lookin‘ for soul food and a place to eat
Went to the Apollo, you should’ve seen ‚em go go go
They said, ‚Hey sugar, take a walk on the wild side‘
I said, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
Alright, huh

Jackie is just speeding away
Thought she was James Dean for a day
Then I guess she had to crash
Valium would have helped that bash
She said, ‚Hey babe, take a walk on the wild side‘
I said, ‚Hey honey, take a walk on the wild side‘

And the colored girls say
Doo do doo, doo do doo, doo do doo

(Fazit: als lyrischer Text abgrundtief schlecht. Aber steckt irgendetwas an ‚Wahrheit‘ darin? Etwas, das in diesem Milieu als Wahrheit empfunden wird und eine andere Assoziationskette heraufbeschwört als bei mir? Was tun, wenn ich den Text Zeile für Zeile sympathetisch interpretieren müsste? Jede Strophe bezieht sich auf einen anderen Menschen. Lies zur Vorsicht mal eine deutsche Übersetzung, z.B. hier.)

Nachbemerkung 26. Dezember 2015

Zu diesem Beitrag erreicht mich per Mail eine vehemente Gegenposition … bedenkenswert. Ich werde in der Tat – wie in der Klammer angedeutet – dieser Sache noch des öfteren nachgehen. Es ist nicht zulässig, einer „Volksmusik“ mit den Kriterien der „Hochkultur“ zu begegnen. Aus einer ethnologischeren Sicht ist ALLES Volksmusik, auch die, die in einer geschützten Enklave ihre Entwicklung nach eigenen Gesetzen ausdifferenzieren und in jedem Detail durchdenken konnte. Anders als Musik, die „unmittelbar“ von der Bühne aus funktionieren muss, und sinnvollerweise mit Klischees arbeitet, die z.B. flexibel werden, bis hin zur Vieldeutigkeit, also ihren Klischee-Charakter verlieren können.

Nachhilfe 7. Juli 2016

1) Der mehrfach falsch geschriebene Name „Warhol“ wurde korrigiert.

2) Der Satz „Namen können verpflichtend sein!“ bezieht sich auf den Volksliedforscher Wolfgang Steinitz.

3) Der Artikel mag „konfus gestaltet“ sein. Er darf für Nachbearbeitung offen bleiben. Ich verstehe ihn gut.

(Dank an Ana.)