Archiv der Kategorie: Natur

Jederzeit Bartók

Die letzten Werke, das Ungarische und das Klavier

Es geht um Zoltan Kocsis, Pál Kadosa, Dezsö Ránki u.a. (2002) Den Anfang dieses Films (s.u.) wird man nie vergessen! Der Klang des Flügels, die Zitate der Stadt mit dem Clou des Kusses, das Baby, die Menschen. Ab 5:18 Pál Kadosa als Lehrer, der junge Kocsis mit Chopin-Ballade in g, Dezsö Ránki als Schüler mit Beethoven op. 110, bei 8:33 Dezsö Ránki, Andras Schiff u Jenö Jandó – Mozart 3 Klaviere KV 242, Mahlers ganze Sinfonien, Liszt immer gegenwärtig! Kocsis 1986 Liszt Es-dur Konzert, nach 13:00 La Campanella, schön im Café, Ave Maria, wie er das entwickelt! Chopin E-dur-Etüde u.a. Liszt würde nie am Flügel sitzen und zeigen, wie man das spielt, er lässt Schüler machen! „close to human speech“. Ab 21:00 Kodály: Transylvanian Lament sehr gut: klangliche Gestaltung, Intensität des Gesangs! Ab 25:05 Brahms und Ungarn. „As teaching must or should be in a noble conservative spirit!“ 29:07 Dohnányi als Lehrer in Berlin 1940. / ab 29:46 Bartók Romanian Dance Nr.1 / 32:39 For Children book 1 nr.21 / 33:20 Film Bartók rauchend, fühlte sich in USA missachtet, zwischen den beiden Weltkriegen ein unglaublich intensives Leben, 35:35 Géza Anda, Cziffra, Annie Fischer: 1964 Beethoven Nr.3 C-moll, seit Liszt alle das gleiche Feeling, „I feel much more affinity with Annie Fischer than with Cziffra or the others“ 37:16 Rob. Schumann Konzert Annie Fischer

Folgendes Video: András Schiff im Gespräch mit Arie Vardi (2013) // Themen ab 1:02 György Sandor, Bartók Konzert Nr.3, Diskussion über den Charakter des Thema, ab 1:37 Musikbeispiel mit András Schiff bis 6:25, A.S. soll noch mal das Thema anspielen, ein „Schwanengesang“, Abschied vom Leben, wunderbares Buch seines Sohnes Peter Bartók „My Father“, er sagte: ich bin wirklich traurig, diese Erde verlassen zu müssen – mit einem gefüllten Koffer (von Ideen), 7:37, A.S.: Ich traf Sandor in der Carnegie Hall „he was very rude to me“: Du und Annie Fischer, ihr versteht diese Musik nicht, das ist so zu spielen (spielt: 7:43) – Vardi erzählt von einer ähnlich heftigen Kritik, „you are wrong!“,  he told me that this is a soldier song, „Verbunkos!“ A.S. erklärt was das ist, z.B. in Kodálys Harry Janos (spielt ab 8:41) this is a Verbunkos! not this (spielt noch einmal das Thema des Klav.konzertes) Bartók schreibt im Klavier mezzoforte, aber Sandor sagt: wieso spielt ihr alle piano, da steht mf, von Bartók geschrieben, wir sagten: schau auf die Begleitung! A.S.: Bartók hatte nicht die Zeit, die Orchestration zu beenden! Und viele dynamischen Zeichen stammen nicht von ihm sondern von Tibor Serly. In der Partitur steht p, aber ich habe immer um pp gebeten! Wie ein Waldesrauschen! 9:48 Vor Jahren, beim Marlborough Festival in Vermont, hörten wir morgens 6 Uhr diesen Vogelruf (spielt bis 10:09), den man im 2. Satz des Konzertes hört. Und Bartók hat dort in Vermont seinen Sommer verbracht! [Siehe dazu Alison K. Curzio hier , und die entsprechenden Vogelstimmen findet man hier .] Vardi: wenn das ein Verbunkos ist, wieso ist die Begleitung so delikat??? A.S.: Es gibt kein Verbunkos in Triple-Time! A.V.: Aber wenn man mit Sandor diskutierte, konnte man nicht gewinnen! A.S.: „Bless his memory, but we have not to argue with him…“ 11:01 Can you play once again this wonderful…“ (spielt ab 11:06) „that is also much about homesickness“: A.S. Seltsamerweise erinnert es mich an das letzte Mozart-Konzert the same list about mathematicians etc and there ist not a single non-jewish among them / Distanz zum gegenwärtigen Ungarn 14:03 the government and the Hungarian society terrible antisemitic / anti Gypsies / lost territorium after the world war / haben Sie Angst nach Ungarn zurück? I am angry wirh H. / 15:07 great conductors – Ormandy, Solti: Jewish names – Originally, Solti was called Stern, Dorati was called Deutsch, Ormandy was called Blau. Um 1900 fühlten sich die Juden sicherer, wenn sie keinen Nahmen trugen, der jüdisch klang. Ilona Vincze (Lehrerin von Vardi). A.S. Einer meiner Lehrer Sandor Vegh. Klaviertrio mit Ilona V.; Bitte um ein Bartók-Stück mit real Hungarian accent. Very sad.16:43 Für Kinder. Wunderbar! Chillalok, chillalok“- „Let the stars shine, show me the way to my lost beloved“. Beide singen mit in „One who stole a horse.“ Hungarian accent, (igen, igen). Bartóks eigenes Spiel auf Schallplatte. Written paper, you would see this – playing like a good student: 19:32 (spielt) dagegen Bartók rubato. „he plays parlando“. Beethoven similar conclusion wichtig A.V. parlando: nicht genug, wunderschön zu spielen, sondern you look in the eyes and you tell the truth! what happened to this guy, who stole a horse? Gefängnis. Ein anderes Stück für uns… über den wechselnden Takt! Brahms Gipsy Music in Budapest Restaurants, not Volksmusik bis etwa 23:10 [Siehe auch hier ab 1:59].

Meine neue CD, Aufnahme 1987

Die CD ist nicht leicht zu beschaffen, daher hier wenigstens etwas zur Lektüre:

Es lohnt sich, diese – ihrer Farbigkeit scheinbar beraubte – Klavierfassung des Concertos aufmerksam zu hören, gerade wenn man die brilliant instrumentierte Orchesterfassung gut kennt. Eine neue Eindringlichkeit entsteht, was man sich leicht erklären kann, wenn man einen dissonanten Akkord am Klavier vergleicht mit denselben Tönen, verteilt auf verschiedene Instrumente: ihr Zusammenklang erscheint weicher durch den physischen Abstand der Tonquellen voneinander. Ähnliche Erfahrungen macht man bei der Übertragung der Violin-Duos aufs Klavier. Es ist verblüffend: als habe sich ihre kompositorische Struktur geändert, möglicherweise erkennt man die Stücke gar nicht mehr, obwohl man sie als Geiger sehr deutlich „gefühlt“ gefühlt hatte.

Andererseits ist manches ja wirklich anders komponiert, weil es sich nicht in die Reichweite zweier Hände am Klavier mit insgesamt 10 Fingern hineinzwingen ließ. Wir erfahren ja auch nicht, wie der Rhythmus der Slide Drum im „Giuoco delle Coppie“ simuliert wird, und im eingebauten „Choral“ fehlt er einem dann tatsächlich. Er zeigt sich dem Kenner vielleicht als Phantasma.

 

(Fortsetzung folgt)

Frischluftzufuhr stiften

Aus der Zeit gefallen

Was ist reale Romantik?

JMR hat mich drauf gebracht, besaß dieses Exemplar sogar doppelt, gelesen gleich im Anschluss, aber wie so oft: unter wachsendem inneren Widerstand, der sich erst nachträglich auflöste und zu wiederholtem Lesen nachts vor dem Einschlafen führte. Kein Witz. Am Tag nachprüfend, ob die Schauplätze vielleicht noch existieren. Aber gewiss! Sie existieren. Man kann gleich alles bei Google eingeben, was der Erzähler, das „ich“, beim Namen nennt – den Fluss Thaia, dort, wo „wie oft die Nadeln bei Kristallbildungen, (…) ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegeneinander“ schoß, dann Thomasgipfel, Thomasturm, St. Thoma und schließlich Wittinghausen. Und wenn nach 6 Seiten Landschaft der Transfer in die Vergangenheit geschehen soll, so mit diesen direkten Worten an den Leser:

Und nun, lieber Wanderer, wenn du dich satt gesehen hast, so gehe jetzt mit mir zwei Jahrhunderte zurück, denke weg aus dem Gemäuer die blauen Glocken, und die Maßlieben und den Löwenzahn, und die andern tausend Kräuter; streue dafür weißen Sand bis an die Vormauer, setze ein tüchtig Buchentor in den Eingang und ein  sturmgerechtes Dach auf den Turm, teile die Gemächer, und ziere sie mit all dem Hausrat und Flitter der Wohnlichkeit – dann, wenn alles ist wie in den Tagen des Glückes, blank, wie aus dem Gusse des Goldschmiedes kommend – – dann geh mit mir die mittlere Treppe hinauf in das erste Stockwerk, die Türen fliegen auf – – – Gefällt dir das holde Paar?

Es sind die Töchter Heinrichs des Wittinghausers, in dessen Wohnung du dich befindest – Wittinghausen hieß vorzeiten das Schloß, ehe es von einem in der Nähe erbauten und nun ebenfalls verfallenden Kirchlein den Namen St. Thomas erhielt.

Die Jüngere sitzt am Fenster und stickt, und obwohl es noch früh am Morgen ist, so ist sie doch schon völlig angekleidet und zwar mit einem

etc.etc. hier sollen wir uns gleichsam in ein lebendes Gemälde aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges versetzen. Und erst nach rund 115 Seiten verlassen wir die Szene und die unerhörte Zauberwelt des Waldes ringsum auf folgendem Wege:

Die Schwestern lebten fortan dort, beide unvermählt. Johanna war eine erhabne Jungfrau geworden, rein und streng, und hatte nur eine Leidenschaft, Liebe für ihre Schwester. Clarissa liebte und hegte Ronald fort und fort; [man weiß inzwischen: sie hegt ihn und ihre Liebe auf ewig in Gedanken…JR] in den goldnen Sternen sah sie seine Haare, in dem blauen Himmel sein Auge, und als einmal ein Zufall jenes feenhafte Gedicht des britischen Sängers auf ihre Burg herüberwehte, so sah sie ihn dann oft als den schönen elfigen blondgelockten Knaben auf seinem Wagen durch die Lüfte schwimmen, den Lilienstängel in der rechten Hand, ihr entgegen, der harrenden Titania. Selbst, als sie schon achtzig Jahre alt geworden, und längst ruhig und heiter war, konnte sie sich ihn nicht anders denken – selbst wenn sie ihn noch lebend träumte und einmal kommend – als daß er als schöner blondgelockter Jüngling hereintrete und sie liebevoll anblicke. Wenige Menschen besuchten die seltsame verwitterte Burg, nur ein einziger Ritter ritt zuweilen ab und zu.

Eines Tages blieb er auch aus – er war gestorben. Daß die Schwestern sehr alt geworden, wußte man bis in die neuesten Zeiten, und der Hirt zeigte die Kammer derselben, aber kein Mensch kennt ihr Grab; ist es in der verfallenen Thomaskirche, oder deckt es einer der grauen Steine in der Burg, auf denen jetzt die Ziegen klettern? – Die Burg hatte nach ihnen keine Bewohner mehr.

Westlich liegen und schweigen die unermeßlichen Wälder, lieblich wild wie ehedem. Gregor hatte das Waldhaus angezündet, und Waldsamen auf die Stelle gestreut; die Ahornen, die Buchen, die Fichten und andere, die auf der Waldwiese standen, hatten zahlreiche Nachkommenschaft und überwuchsen die ganze Stelle, so daß wieder die tiefe jungfräuliche Wildnis entstand, wie sonst, und wie sie noch heute ist.

Einen alten Mann, wie einen Schemen, sah man noch öfter durch den Wald gehen, aber kein Mensch kann eine Zeit sagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging.

*    *    *

Was hatte mich an dem Stifter-Text eigentlich beim ersten Lesen so gestört? Der immer hohe Ton, diese Manie, alles Sichtbare als Wunder schlechthin betrachten zu wollen. Wie oft kommt das Wort „schön“ oder „wunderschön“ vor? gefühlt wohl tausendmal auf 20 Seiten. Dieser Wald erinnerte mich an Bilder aus dem Biologiebuch, die ich als Kind gern und lange betrachtete: da waren wie zufällig alle möglichen Kleintiere über die Wiese verstreut, Fuchs, Maus, Maulwurf, Falter und Käfer aller Arten. Wie enttäuscht war ich, wenn sich in der echten Natur nur wenig abzuspielen schien, wenn nicht gerade Frühling war und die Vögel sangen.

Und was hat sich inzwischen bei mir geändert? Ich begreife, dass es letztlich um Texte und Gedankenbilder geht, nicht um die  Suggestion eines Wanderführers, auch wenn die geschilderten Berge und Seen der realen Topographie entsprechen. Suchen wir denn nach wortloser Realität? Etwa auf diesem Wege hier? (Die Antwort könnte lauten: ja, unter anderem auch das. Aber Stifter folgt uns auf dem Fuße.)

*    *    *

„Doch nun zuerst ein bisschen Musik!“ (Die übliche Anmoderation im Radio.)

 s.a. hier

Was ist ein Lied?

Die Vorstellung von Frischluftzufuhr hat mir gefallen, und im Kontext von Musik verstehe ich unversehens darunter auch eine gewisse Respekt- oder wenigstens Furchtlosigkeit, was ja zur lebendigen Klassik-Interpretation durchaus passen würde. Christian Seiler ist wohl der bekannte Journalist der Schweizer Kulturzeitungen, geht aber wohl nicht oft in Liederabende, sonst würde er anders darüber schreiben. Man ahnt ja, was den Leuten missfällt, die nur zufällig da hineingeraten. Die gekünstelte Artikulation, die sängerische Hypermimik, Augen aufgerissen, sinnlos lächelnd und unentwegt ins Nichts grüßend. Dergleichen habe ich genug in der Hochschulzeit erlebt, wo man aus Sympathie und Mitgefühl alles lobenswert fand, zumal man selbst keine bessere Figur abgab. Aber heute gehe ich nicht einfach in Liederabende, sondern in bestimmte Konzerte mit bestimmten Sängern oder Sängerinnen. Ich muss wissen, wer da singen wird und – welches Vibrato mich da erwartet. Meist ist es mir schlicht zuviel. Um aber hier statt abschreckender Beispiele nur zwei wunderschöne Vibratos zu nennen: Magdalena Kožená und Christian Gerhaher. (Und ich würde auch Florian Boesch sofort als angenehme Überraschung einbeziehen.) – Seltsamerweise kommt Christian Seiler – damit hätte ich nicht gerechnet – sofort auf das Klavier zu sprechen, auf „lauten, etwas flächigen Klavierbombast“ und „auf eine Stimme, die sich mit der Ausreizung der eigenen Möglichkeiten dagegen zur Wehr setzt.“ Das resultiert aus der im Laufe des 19. (Lied-) Jahrhunderts zunehmenden Bedeutung des Klaviersatzes, der substantiell ist. Aber was dann? Wenn man keine Orchestervariante auffahren kann, braucht man eine eindeutig melodiebetonte Auswahl – also die bekanntesten Titel der frühen romantischen Liederepoche – sowie deren Einbettung in ein klangliches Umfeld der schönen Überraschungen. Was mit dem bunten Instrumentarium und den typischen Franui-Ideen gegeben ist. Was mir aber als erstes auffiel (zugegeben, bei der Abspielung auf einem mittelalten Koffergerät), war der Eindruck: da stimmt was nicht! Der Sänger klingt wie aus einer separaten schallgedämpften Kammer, nicht vorne an der Rampe präsent, er ist knapp hinter den andern postiert, etwas dumpf, – oder ist das „verpolt“? Vielleicht  eher absichtlich „unpoliert“, leicht ungehobelt? Auf meiner edleren Vorführanlage steht der Sänger mittendrin, der Anführer einer Bande von Gleichgesinnten. Es ist ein Vergnügen, auch wo es wehtut („Der arme Peter“, „Ich hab‘ ein glühend Messer“). Fast alles Lieder, die ich seit den 60er Jahren unendlich oft gehört habe, begeistert, meistens innerhalb von Zyklen, oder irgendwo zuhaus mit Freund(inn)en zusammen und einander einzelne Aufnahmen präsentierend. Ihnen allen möchte ich das jetzt vorführen, und man muss weiß Gott nicht mehr diskutieren, es genügt dabei zu lachen, zu träumen und zu lauschen. Nichts, was einen stört oder runterzieht, „wir sehnen uns nach Hause / Und wissen nicht wohin?“ Ja, aber es ist auch: „Alles wieder gut“ – im Mahlerschen Sinne.

Noch mehr im Angebot? (Unbedingt! Auch aus gesundheitlichen Gründen.) Ich habe aus einer Essener Ausstellung ein Bild in Erinnerung, wo jemand in der Nähe eines Kruzifixes die Krücke weggeschmissen hat, o Gott, ein Wunder, das hat mich sehr abgestoßen. Dabei war Caspar David Friedrich für uns seit frühester Zeit sozusagen unser Hausmaler, – er hing mit den Schiffen an der Wand, weil er auch ein Greifswalder war, und da wussten wir noch nichts von Symbolik. Abendrot (oder Morgenrot) ist immer gut und will fein gemalt sein. Aber ich will nicht spotten, morgen fahren wir hin und lassen es an Zuneigung nicht fehlen. Zumal sich hier eine Brücke zwischen der allerersten und der spätesten Heimat fühlen lässt. Historienbilder der Düsseldorfer Malerschule? Das Plakat der Ausstellung 1999 hängt jetzt noch in meinem Übezimmer, weil es so gute Stimmung macht.

Promenade durch Bilder einer Ausstellung

2 Carl Friedrich Lessing: Schlesische Landschaft / 4 Caspar David Friedrich / 5 C.D.F.: Segelschiff / 6-7 Andreas Achenbach: Ein Seesturm an der norwegischen Küste / 8 Johann Wilhelm Schirmer: „Parthie“ an der Düssel mit Pestwurz (Wiesenbach) / 9 C.D.F.: Das Friedhofstor / 10 ??? Eichengruppe / 12 Carl Gustav Carus: Die Kahnfahrt auf der Elbe bei Dresden / 13 C.D.F.:  ? / 14-15 Carl Friedrich Lessing: Die tausendjährige Eiche / 16 Johann Peter Hasenclever: Die Sentimentale / 17 C.D.F.: Stadt bei Sonnenaufgang /

 Bleiben Sie gesund!

 .    .    .    .    .

Frischluftzufuhr! Bleiben Sie bloß gesund!

(Abschließend: Wirklich aus der Zeit gefallen / Massive Erinnerung an Tripoli 1967)

Handyfotos: JR

Als der Krieg zuende ging

Was fühlte man vor 75 Jahren? 

 Ende November 1943

Sieht so eine glückliche Familie aus? Der Kleine in der Mitte ist gesund, wird aber Ende des Jahres erkranken und am 28. Januar an Menengitis sterben, die beiden älteren werden hungern. Die Mutter (30) wird an Tbc erkranken, immer wieder monatelang bettlägerig, verbündet sich mit ihrem Arzt, der Vater (42), zur Zeit noch hoch im Norden in Kirkenes stationiert, wird am Ende in russische Kriegsgefangenschaft geraten, entkommen können. Kehrt nach Haus zurück, psychisches Chaos. Der Bruder der Mutter, in Russland an der Front, besucht sie während seines letzten Urlaubs, um sein neues Patenkind zu sehen, kann es nur noch beerdigen helfen, zimmert das Kreuz fürs Grab, psychisches Chaos. Sie fahren zusammen mit den Kindern nach Bad Oeynhausen, verbringen den Heimaturlaub bei den Eltern auf der Lohe. Der Abschied ist für immer, ab März gibt es keine Post mehr von ihm, er ist gefallen.

Die Mutter schreibt alles auf. Sie hat immer alles aufgeschrieben. Sogar immer wieder die gleichen Zeiträume beschrieben, aus verschiedenen Perspektiven, der des älteren Kindes, der des verstorbenen Kindes, der des nun wieder jüngsten Kindes. Parallel. Am Ende ihres Lebens alles noch einmal oder noch zweimal. Mit unterschiedlichen Adressaten. Sie liest viel, unterstreicht alles, was sie verinnerlichen will. Viel Sinnsuche, im Alter viel Rudolf Steiner.

Da steht am Ende: „Bis hierher mußte mit Mehlkleister eingeklebt werden, weil Krieg war.“ Es gab also eine Normalität. Allerdings immer „unter dem Eindruck der Unruhe und rastlosen täglichen Arbeit, und die Freude kommt nicht so zu ihrem Recht,“ schreibt die Mutter.

Am zweiten Weihnachtstag geht sie mit den „Großen“ ins Greifswalder Theater: „Schneeweißchen und Rosenrot“. Danach spielen die beiden Jungs zu Hause nur noch Theater, der jüngere, der auf dem Foto so sorgenvoll dreinschaut, macht vorwiegend das Kasperle.

War der Krieg kein Thema? Doch, ein Beispiel: als der Kleine geboren wurde, in Bad Oeynhausen, am 18. Mai 1943:

Es war in der Nacht, als die Edertalsperre bombardiert wurde. Ich spazierte in dieser Nacht durch die Klinik. Der Arzt war zur Werre gefahren, um sich die Überschwemmung anzusehen. Die Hebamme, die ich selbst mitbringen mußte, war bei mir, und der Arzt berichtete uns bei seiner Rückkehr, wie furchtbar das Überschwemmungsgebiet aussehe, wieviel tote Tiere und auch Menschen angeschwemmt seien. So etwas vergißt man nicht.

(Anm.: es muss die Weser gemeint sein, deren Zufluss die Werre ist. Aber nur jene hat direkte Verbindung gehabt, über die Fulda und deren Zufluss Eder. Siehe auch Operation Chastise.)

Doch, der Krieg war ein Thema, aber klingt da nicht noch eine gewisse Begeisterung durch? ein Brief vom 22. Februar 1944 aus Oeynhausen  an ihren Mann in Kirkenes:

Es geht uns hier gut. Die Kinder sind vergnügt und ausgelassen, haben besten Appetit und gehen mit solcher Fröhlichkeit unter die kalte Waschung, daß es eine Lust ist. Gestern hatten sie und auch wir ein großes Erlebnis.

Ernst, die Kinder und ich machten uns mittags in schöner Sonne auf nach Wittelmeyers, mitten während eines tollen Alarms, auf den wir hier keine Rücksicht nehmen. Unterwegs waren wir Zeuge der Luftschlacht, die sich über uns abspielte. Die Jäger machten sich mit einer Verbitterung dahinter, daß man die Bomber z. T. einzeln in Unsicherheit ihre Straßen suchen sah. Dann wurden auch diese Einzelnen noch gestellt, und einen sahen wir brennend abstürzen, einen viermotorigen Bomber. Es war ein grausig schönes Bild. Ernst war begeistert, und Bernd zitterte vor Erregung. Heute morgen wollte er schon um 8° nach draußen, um seinen Spielkameraden von diesem Erlebnis zu berichten. –

Und aus einem Brief vom 24.II.1944, also 2 Tage später:

Aber trotzdem: wir werden wieder Mut fassen und wollen dankbar sein, für das, was uns geblieben ist. Und eins ist mir in diesen Wochen ganz klar geworden, daß das sicherste Unterpfand unseres Glücks unsere Liebe sein wird. –

Hier hat mich der Strom der Bomber unterbrochen. Ich bin auf’s Dach gestiegen, mittags 12° und habe 100te von Bombern in der glitzernden Sonne, von starkem Jagdschutz begleitet, über uns hinziehen sehen. Wohin mögen sie ihre schwere Ladung gebracht habe? Unsre Jäger sausen über uns herum, aber sie haben noch keinen geholt, heute, vielleicht auf dem Rückflug. Oft bin ich ganz benommen von solchen Eindrücken, und Bernd weinte eben laut. Er versteht allmählich, daß einiger Ernst im Leben ist. – Er wartet mit Ungeduld auf die Achselklappen.

(Umgekehrt, in den Kopf der Briefseite:) Heute morgen, ehe Ernst ging, meinte Bernd, sie müßten doch ganz schnell noch den Bi-Ba-Butzemann spielen „so wie bei Papi“, und sie taten es auch.

Seltsam, alle Kinderbilder von Flugzeugen und Luftkämpfen sind verloren gegangen. Es gab soetwas. Bausätze aus bunter, bedruckter Pappe, mit denen wir kleine Flugzeuge herstellen konnte. Sie hatten im Cockpit Fensteröffnungen. Wir konnten sogar schon Fliegen hineinstecken, die wir von ihren Flügeln befreit hatten (dann waren es nämlich „Käfer“). Kinder beim Ringelreihen überlebten.

Also war die Freude wohl doch noch zu ihrem Recht gekommen.

Wir blieben nicht in Oeynhausen, aber als wir wieder in Greifswald waren, kam der Krieg schnell näher. Meine Mutter wollte fliehen, nach Westen, mit uns 2 Kindern auf dem Fahrrad(!!), gerade jetzt bekamen wir Scharlach, und an Flucht war nicht mehr zu denken. Dass wir den friedlichen Einmarsch der Russen erlebten, kein wirkliches Bombardement, haben wir einer Heldentat zu verdanken. Niemand hat darüber gesprochen, ich hätte es ab 1956 wissen können, seit ich dieses Buch von Onkel Curt Rettmann geschickt bekam (ich habe es kaum gelesen). Die auf dem Titelblatt abgebildete Kirche, „die dicke Marie“, ist die, in der ich getauft worden war.

 

         

Quelle Karlheinz Ginnow: Greifswald Die Stadt am Bodden Carl Hinstorff Verlag Rostock

Unten: Das Licht der Welt aus meiner Sicht 1940 / die Oma aus Oeynhausen war da / 5 Jahre später hätte schon alles für immer zuende gewesen sein können (wie mit ihrem Sohn Ernst).

 geb. am 6. Dezember 1940

Die Stimme des Iran ist verstummt

Mohammad Reza Shadjarian starb am 8. Oktober in Teheran 

Ein Gesang aus dem Album „Homayoun Maznawi“ / Musik: Mansour Saremi (Santur)

Vom Leben und Werk des Sängers Mohammad Reza Shadjarian  HIER

Auszüge aus einem Konzert (vor etwa 8 Jahren) mit dem Shanaz-Ensemble beim Royal Festival in London (BBC) (Vorsicht: beginnt leider mit Werbung) Hier 

Unvergessen die Auftritte 1987 in Köln und Bonn mit diesem Programm:  Hier

Aktuelles Oktober 2020

Notizblogzettel (Hier aufbewahren! Erinnern!)

LANZ 8.Oktober 2020 Sahra Wagenknecht / Middelhoff hier ab etwa 55′ Zur wirtschaftlichen Zukunft unserer Welt.

 ZDF Screenshot ZDF Screenshot

PRECHT & REZO

Gestern 10.10.20 nachts zwischen 23 und 24 h gehört. Würde ich auch noch mal ansehen (oder anderen empfehlen), man versteht die beiden akustisch ungleich gut. Interessante Prognosen („die Schallplatte bleibt“).

Immerhin, der im Urlaub etwas belächelte Bildband „Kunst in 30 Sekunden“ hat mich zum ersten Mal auf Artemisia Gentilleschi gebracht. (Danach kam erst der Artikel in der ZEIT). Und die Kurzbesprechung des Velasquez-Bildes „Las Meninas“ hat mich an den wunderbaren Essayband „Meisterwerke der Malerei“ herausgegeben von Reinhard Brandt erinnert, in dem genau jenes Bild von Seite 115 bis 140 tiefgehend behandelt ist (vgl. auch Wikipedia hier), und zugleich gibt es einen aktuellen oder vielmehr akuten Anlass, ein anderes Kapitel darin (über Roy Lichtenstein von Regina Prange) aufs neue zu studieren, weil es indirekt mich und andere Leuten täglich beim Einkaufen mit Kunst konfrontiert, ohne dass wir alle dieser Tatsache die fällige Beachtung schenken. Oder? Prüfen Sie sich selbst, und zwar ganz unten am Ende dieses Artikels!!! Nebenbei: Wie banal und wie brutal darf Kunst eigentlich sein? Im Alter scheint es schlimmer. Doch es ist alles eine Sache der Auslegung!

Die Bildquellen der Pop Art entstammen Zeitungen und Illustrierten mit ihren Cartoons, Werbeanzeigen und Schlagzeilen. Sie thematisieren den strahlenden Star und das Image der Jugend, die Welt des Stehimbisses und des Supermarkts, die unpersönliche Heraldik industrieller und patriotischer Insignien und nicht zuletzt der Modell-Wohnung des exemplarischen Konsumenten. Die Pop-Künstler konzentrierten sich also auf solche Motive, die das private Leben in standardisierten Formen, das Emotionale durch Konvention dirigiert, in der Warenform verdinglicht, zeigen. Die stereotype Artikulation des Gefühls oder des sinnlichen Genusses ist das Bindeglied der imitierten Trivialmythen. Lichtensteins Beitrag zur Massenkultur ist in dieser Hinsicht […] in seiner Kunst wie in seinen Selbstkommentaren, explizit. Anders als Warhol, der sich mit seinen Äußerungen in die Oberfläche der Popkultur einfühlte und sich selbst zur Kunstfigur schuf, behandelt er, der schon relativ bejahrt zur Pop Art kam, ein Magisterdiplom in der Tasche hatte und selbst lehrte, seine Arbeit fast wissenschaftlich. Die Gebrauchsgraphik und ihr schlechter Geschmack stehen ihm ein für die Gegenwart der industrialisierten Gesellschaft. Durch ihre schonungslose Bejahung in einer Art „brutaler“ und „antiseptischer“ Darstellung will er gegen die Kunst seit Cézanne opponieren, die „außerordentlich romantisch und unrealistisch geworden ist…“ Seine Sensibilität gegen das Antisensible stellt sich gegen eine „europäische Sensibilität“, welche sich „in dicken und dünnen Farbstrichen“ ausdrückt, also durch die Künstlerhand. Die Wahrheit des Cartoon liege darin, daß er „heftige Emotion und Leidenschaft in einer völlig mechanischen und distanzierten Weise ausdrückt.“ (folgende Quelle, Autorin Regina Prange Seite 249f)

Quelle Meisterwerke der Malerei / Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol / von Reinhard Brandt (Hg. und Einführung) / Reclam Leipzig 2001 (2013)

 Wikipedia hier

ZITAT (Hanno Rauterberg)

Artemisia war die Kunst, und die Kunst war sie – auch diese Botschaft spricht aus dem allegorischen Selbstporträt im grünen Seidenkleid, das sie vor leerer Leinwand zeigt. Es hatte natürlich auch praktische Gründe, das eigene Gesicht in die Gemälde hineinzumalen, damit ließen sich Kosten für teure Modelle sparen. Doch ebenso verlockend schien, das auf diese Weise die Bilder nicht nur für sich sprachen, sondern aus ihnen auch Artemisia zu sprechen schien und sich so der eigene Name gleich doppelt bewerben ließ. Erwarb ein Sammler eines ihrer Werke, konnte er glauben, so auch eines Teils der Künstlerin habhaft zu werden. Sie verkaufte, könnte man sagen, ihre Kunst und sich selbst.

Allerdings wäre das eine sehr verkürzte und sehr heutige Lesart. Denn nie gibt es bei Artemisia so etwas wie ein authentisches, ein wahres Selbst. Im 17. Jahrhundert war der Begriff des Projekts aufgekommen, die Vorstellung also, etwas entwerfen, in die Zukunft hineinplanen zu können. War man sich in den Jahrhunderten zuvor sicher, mit dem eigenen Leben nur Teil eines größeren, göttlichen Plans zu sein, war diese Idee einer göttlichen Ordnung im Barock nicht länger zu halten. In Artemisias Kunst ist das unübersehbar, sie brüskiert jedes innige Bedürfnis nach Demut. Sie verweltlich das Überweltliche und macht ihre Betrachter zu Komplizen einer Geschichte, die fast immer von einer körperlich einnehmenden, das Schicksal wendenden Tat handelt. Es sind Bilder, die von Veränderung erzählen, und sei es, dass diese Veränderung zum Tode führt.

Artemisia Gentilleschi  Wiki hier

Artikel in der ZEIT mit Rauterberg hier Britische Nationalgalerie hier

Unter dem zuletzt gegebenen Link kann man den folgenden Film finden & anschauen:

Ein Essay von Kai Köhler aus der Zeitung Junge Welt wurde mir freundlicherweise zugeschickt, enthält viele, soweit ich weiß, recht unbekannte Details zu Bartóks politischer Einstellung. Macht mich zugleich nachdrücklich aufmerksam auf die linke Tageszeitung, die mir ansonsten von Berthold Seligers lesenswerten Musikbeiträgen her bekannt war.

Bartók – Volkslied und Moderne – jw 2020 09 25

Enkel-Musik

Damit meine ich Pop-Musik, die in der Enkel-Generation im Schwang ist. Ich will wissen, was diese Jugendlichen daran fasziniert, und wenn ich mit ihnen rede, muss ich die Sachen gut kennen, um „sachgerechte“ Fragen zu stellen

Reine (extern hier ) von Dadju (über den Sänger siehe Wiki hier)

Oh oh ah, Seysey

Aujourd’hui je suis fatigué, je t’ai regardé dormir
Et si ma voix peut t’apaiser
Je chanterai pour toi toute la nuit
Je t’entends dire à tes pines-co
„Dadju, j’peux plus m’passer de lui“
Hey, tout va glisser sur ta peau
C’est comme si je te passais de l’huile
Et s’ils ne sont pas nous, c’est tant pis pour eux
Et s’ils sont jaloux, c’est tant pis pour eux
Fais-le moi savoir quand c’est douloureux
Je suis là s’il faut encaisser pour nous deux

Et je le sais, je te fais confiance
Quand tu me souris, tu fais pas semblant
J’ai pas besoin d’attendre plus longtemps
Je sais qu’il est temps d’partager mon sang
Et t’élever au rang de reine
Au rang de reine, au rang de reine
J’vais t’élever au rang de reine
Au rang de reine, au rang de reine
Oh oh ah

Je…

Oder zum Beispiel (jetzt gleich im externen Fenster) der Titel Django von Dadju

Oh, oh, ah (It’s E-Kelly)

Je veux que tu portes mon nom de famille
Mais ça prend du temps
J’ai même parlé de notre avenir à tes parents mais ils m’ont dit d’attendre
J’ai fait tout ce que ton père m’a dit mais
Il est jamais content
Et s’il décide d’être l’ennemi de notre amour il sera forcé d’entendre

Quand j’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django

Il veut nous éloigner
Donc il sort toutes sortes de foutaises
Et quand j’lui demande quel genre d’homme il te faut il me dit „comme toi mais pas toi“
Laisse-moi le calmer, il faut que son cœur s’apaise
Laisse-moi lui montrer qu’il a tort de…

Des weiteren wurde genannt:  Vossi Bop von Stormzy

Was soll ich davon halten? (Songtext Vossi Bop siehe hier)

(folgt)

Jahrelang habe ich immer wieder gern den Scherz gemacht: „Dein Geburtstag fällt dieses Jahr aus“ oder wahlweise „Heute steht es in der Zeitung: Weihnachten ist offiziell abgesagt!“  Aber dieses Jahr ja wirklich, ich habe es in der Hand, Corona-Schutz für alle verbindlich! Ich las es zwischen den Zeilen in der Zeitschrift FOLKER:

 Danke im voraus für alle guten Wünsche! Aber ich bin das nicht, ich kann das nicht sein, mein Geburtstag fällt aus! Wie das Oktoberfest, wie Halloween, – nein, kein Geburtstag und schon gar nicht dieser.

Ich (79) verbleibe erinnerungstechnisch das relativ junge Tragetaschengesamtkunstwerk im Eingangsbereich des Moarhofs in Völs Südtirol September 2020

Ausgang & Eingang (Fotos E.Reichow)

Subreption

Was ist „Natur“?

Ich schließe an den vorigen Blog-Artikel an, nur um diesen Zusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren. Es geht um die Resonanztheorie Hartmut Rosas und vor allem um Kierkegaard, sowie an dieser Stelle auf den im 18. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff der Subreption, eine „fehlerhafte Erschleichung, Unterschiebung oder Verwechslung, in der etwas für etwas anderes ausgegeben wird, als es ist“ (Boris Voigt).

Eine weitere Subreption findet sich im Umgang der Romantiker mit der Natur, die ihnen ebenfalls Projektionsfläche des eigenen Inneren ist, ohne dass eine wirkliche Begegnung mit ihr gesucht werden würde. Die äußere Natur ist lediglich Gegenstand der Naturbeherrschung. Das gilt auch für die Musik. Wilhelm Heinrich Wackenroder beispielsweise betrachtet sie nach ihrer Außenseite hin als lebloses, aufs Funktionieren ausgerichtetes Maschinenwerk. Nur nach der Innenseite hin entfaltet die Maschine geheimnisvolle sympathetische Beziehungen. Dieselben Schwierigkeiten begegnen in der Verbindung von Musik und Sozialem. Das Gemeinschaftsideal in der Romantik beruht auf völliger Übereinstimmung des eigenen Inneren mit dem Inneren der anderen. Die soziale Welt gerät zur Projektionsfläche der eigenen Subjektivität. Fügt sie sich nicht dem eigenen Inneren, werden die anderen Menschen zur Belastung. In Wackenroders Erzählung Das merkwürdige musikalische Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger ruft die titelgebende Figur aus: „Ein dreifaches Unglück für die Musik, daß bei dieser Kunst grade so eine Menge Hände nötig sind, damit das Werk nur existiert! Ich sammle und erhebe meine ganze Seele, um ein großes Werk zu Stande zu bringen: – und hundert empfindungslose und leere Köpfe reden mit ein [ … ].“

Letztlich unterliegen weniger die Romantiker selbst in ihrem Denken der Subreption als vielmehr etliche ihrer heutigen Interpreten, etwa wenn der Romantik ein Gegensatz zum instrumentellen Denken unterstellt wird oder die Romantik als ein Streben nach Überwindung der Trennung „vom großen Lebensstrom der Natur“ interpretiert wird oder von einer „Rückführung zur Verbindung mit der Natur“ die Rede ist. Eine solche Romantikinterpretation liegt auch Rosas Resonanzinterpretation zugrunde. Allerdings erkennt er in aller Schärfe das Dilemma, in den die Moderne als historischer Sonderfall prinzipiell verstrickt ist, deren epistemischer Horizont sich nämlich dadurch auszeichnet, dass er „strikt zwischen einer beseelten Kultur und einer stummen Natur unterscheidet“.

Quelle Boris Voigt: Metapherntanz auf dem Brocken / Musik&Ästhetik Klett-Cotta Stuttgart Juli 2020 (Seite 54f im Orig. mit Quellenangaben Charles Taylor, Rosa, Chr.Utz )

Private Nachbemerkung

Kierkegaard: jetzt erst nehme ich ihn ernst, dabei habe ich ihn doch früh entdeckt (im Anschluss an Nietzsche), fand die Themen gut (Mozart „Don Giovanni“), aber die Darstellung langatmig bis langweilig. Mich störte vor allem die komplizierte Christlichkeit. Woran sich nichts änderte, auch als ich den Erstdruck der Dissertation (?) von Adorno besaß. Ich verstand sie nicht, während ich für alles andere von ihm, inclusive Radiovorträge, die ich von der Tonbandaufnahme abschrieb, viel Mühe aufwandte. In den 60er Jahren könnte ich anhand der Anschaffung von Taschenbücher die allmähliche Politisierung verfolgen. Empörung über den Vietnamkrieg. Obwohl ich heute dank Internet an einem Tag mehr z.B. über den wahren Rudi Dutschke erfahren kann als damals in Wochen und Monaten. Ich las ja nicht mal täglich Zeitung. Machte aber die Wendung von Adorno zu Herbert Marcuse mit. Heute in der ZEIT mit 10 Minuten Lektüre dreier vielzeiliger Seiten „Cohn-Bendit“ , – auch ein ganzes Leben. (Er gehört für mich „erinnerungstechnisch“ in die Nähe von Walter Mossmann, der später sogar in unsrer WDR-Matinee auftrat, was mir – nun irgendwie dem establishment zugehörig – schlaflose Nächte verursachte.)

All dies zu erwähnen hat natürlich mit dem Thema dieses Artikels nur noch wenig zu tun, kommt mir aber bei der Resonanztheorie unweigerlich in den Sinn. Wie auch das „Abdriften“ nach Indien, das mich quasi nebenbei prägte, bei mir allerdings aus vielen Gründen nicht zu Pilgerfahrten führte, wie sie in der studentischen Jugend damals Mode wurden (ich war kein Hermann-Hesse-Leser). Jedenfalls steht dies im Hintergrund, wenn ich mich weiter mit dem Resonanzdenken beschäftige. Auch als notwendiges Umwegprogramm.

Und jetzt nur Mut! Und Zeit! Auf Seite 21 zitiert er aus der

„Ästhetik des Häßlichen“ des von ihm [Kierkegaard] hoch geschätzten Rosenkranz, die zehn Jahre nach „Entweder/oder“ erschien…

Mehr darüber in der merkwürdigen Quelle hier. Und neuerdings auch hier.

Ich habe genug

Eine Assoziation

 Quelle ZEIT-Magazin 3.8.2020 Nr.37 Seite 61

Es ist nur die eine, die Frage-Hälfte der Rubrik, zu der im Original die Antwort des Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer gehört; beides ist immer interessanter Lesestoff. (In diesem Fall gibt er der Frau namens Nadine recht, aber seine schöne Begründung will ich hier nicht verraten.) Ich benutze die Gelegenheit, um eine eigene Assoziation anzuknüpfen. Ich gebe Nadine ebenfalls recht, bin aber irritiert, weil da steht, diese Kantate – es ist  BWV 82, eigentlich „Ich habe genung“ , – werde von einem Countertenor gesungen. Ich habe die Eingangsarie selbst einmal bei Frau Becker-Überhorst studieren müssen und zwar in Bassbariton-Lage, kannte also das Stück ganz gut, als wir es in Esslingen aufgenommen haben. Das muss ganz früh gewesen sein, um 1965, Collegium Musicum des WDR. Mit Barry McDaniel, Bariton, und Helmut Winschermann, Solo-Oboe. Der Sänger war erfrischend unkompliziert, sang lebendiger als es damals in der Kirche üblich war, und als Winschermann die letzte Arie („Ich freue mich auf meinen Tod“) anstimmte, machte McDaniel im Altarraum Hula-Hoop-Bewegungen mit der Hüfte und scherzte: „Ja, man muss das tanzen!“

Also war mein erster Griff nach dem Smartphone um nachzuprüfen, ob es diese Kantate auch mit Countertenor gibt, und in der Tat: nach einer Version mit Peter Kooy (Bass) und Herreweghe ( hier ) wurde auch eine mit Andreas Scholl (Countertenor) und dem Kammerorchester Basel angeboten. Dieselbe Tonart, wie ich höre, also im Gesang eine Oktave zu hoch. Ist das erlaubt? Mir passt es nicht, – kann man sagen, dass es darüberhinaus auch noch zu wenig „tanzt“?

Ein Auswahl-Album, – hat er überhaupt je die ganze Kantate gesungen? Es sind ja doch die anderen Sätze, die einen so ergreifen. Aber eher mit Peter Kooy.

Mein Gott, wie weit bin ich abgedriftet von Fragen der Ehe, erst recht von Tod und Leben. Es tut mir leid, dass Barry McDaniel im Juni 2018 gestorben ist, immerhin mit 87 Jahren. Er war aber auch 10 Jahre älter als ich. Und nun muss ich mit einer gewissen Betroffenheit die Antwort des Psychotherapeuten studieren. Da steht u.a.: „Wer sich Gedanken über die Musikstücke macht, die auf seiner Beerdigung gespielt werden sollen, ist sehr lebendig. Nadine kann Thomas Mann und Sigmund Freud anführen, die beide betont haben, dass Vergänglichkeit den Wert des Schönen in unserem Leben nicht mindert, sondern erhöht.“

Ich hatte mir ja auch schon mal ein solches Stück ausgesucht (Mahlers „Trinklied vom Jammer der Erde“), kam aber mit dem Gedanken nicht klar, dass ich es dann selber nicht mehr werde mithören können, nicht einmal – was mir eigentlich noch wichtiger wäre – die Wirkung auf die kleine Trauergemeinde überprüfen könnte. Wer sich dabei offensichtlich langweilt oder über die Lautstärke aufregt oder über den Affen, der da hundert Jahre … oder wie war das? Jedenfalls hätte gerade der mein größtes Mitleid!

Und jetzt wieder frustriere ich meine Leser:innen, weil unklar bleibt, ob ich eine Person oder den Affen meine. Zugegeben: ich neige zu Scherzen an den unpassendsten Stellen.

Orchester in Corona-Zeiten

Ein Leserbrief

Quelle Zeitschrift „das Orchester“ Magazin für Musiker und Management Rubrik „Intermezzo“ Seite 55 September 2020

Siehe auch HIER im Blog am 1. Juni 2020

Es geht weiter: Solinger Tageblatt am 31. August 2020

Tiere sehen (Bücher lesen)

  Blick ins Land

aus der sicheren Höhle,

die offene Weite

und die absolutistische Wirklichkeit . . .

Das Dilemma der Höhle

Blumenbergs Gegenbegriffe „Lebenswelt“ und „Absolutismus der Wirklichkeit“ sind Grenzbegriffe, die einander entgegengesetzten Polen einer kontinuierlichen Skala gleichen. Sie sind theoretische Konstrukte, die gegensätzliche Welten bezeichnen, in denen noch nie ein Mensch lebte. Denn einerseits ist der Mensch immer schon aus der Geborgenheit stiftenden Lebenswelt wie aus einem Paradies herausgefallen, andererseits muss er immer schon den Absolutismus der Wirklichkeit ein Stück auf Abstand gebracht haben, um überhaupt leben zu können. Der Mensch bewegt sich also zwischen beiden extremen Polen: Der absolutistischen Wirklichkeit ausgesetzt, versucht er eine selbstverständliche Lebenswelt aufzubauen, und das heißt: die bedrohliche Fremde der Welt in eine Stätte behaglicher Vertrautheit zu verwandeln, in der es sich einigermaßen leben lässt. Obwohl der Mensch ein in vieler Hinsicht armseliges Wesen ist, besitzt er dennoch eine Reihe von Talenten, mit deren Hilfe er lebensweltähnliche Sachverhalte zu schaffen vermag.

Ursprünglich hat sich der Mensch auf ganz praktische Weise vor der übermächtigen Wirklichkeit in Sicherheit gebracht: Er floh von der ungeschützten Erdoberfläche in Höhlen, in denen man allerdings nicht ewig bleiben konnte. Denn das Dilemma der Höhle besteht darin, dass sich zwar in ihr leben, nicht aber der eigene Lebensunterhalt darin finden lässt.

 Jedoch trauten sich vorerst nur die Jäger, also die Starken und Mutigen, aus der Höhle heraus. Die Schwachen und Ängstlichen wurden die Wächter der Höhlen, später die Hüter der Tempel, Kirchen und Moscheen, denen die Aufgabe zufiel, Geschichten über Leben  und Welt zu erfinden und dadurch die bedrohliche Befremdlichkeit der Wirklichkeit auf Distanz zu bringen und sie auch dort zu halten. Sie nahmen der fremden Außenwelt ihre Übermacht durch bilderreiche Geschichten, die sie den Jägern erzählten. Auf diese Weise bemächtigten sie sich der Welt da draußen durch Phantasie und Einbildungskraft. Dabei verlor die absolutistische Wirklichkeit allmählich ihre Fremdheit. Die Menschen begannen, sich in der Welt heimischer zu fühlen. Zwischen den Absolutismus der Wirklichkeit und die Menschen hatte sich eine Bilder- und Geschichtenwelt geschoben, so dass das Heraustreten aus den Erd- und Gebirgshöhlen nun einem Eintritt in Sinn- und Kulturhöhlen gleichkam.

Solche Sinn- und Kulturhöhlen bilden mythische Erzählungen, religiöse Lehren, kultische Rituale, metaphysische Summen und Systeme, literarische Geschichten, wissenschaftliche Modelle und technische Errungenschaften. Deren besondere Leistung besteht nach Blumenberg in der Eindämmung archaischer Ängste, der Bannung des Schreckens, den die nackten Tatsachen der Wirklichkeit den Menschen einflößten und einflößen. Im Laufe der Kulturgeschichte wurden immer neue Kunstgriffe entwickelt, Vertrautes an die Stelle des Fremden zu setzen, Unerklärliches durch Erklärungen zu ersetzen und Benennungen für das Namenlose zu erfinden. Es entstand ein Kosmos von Bedeutungen, die den Absolutismus der Wirklichkeit wie mit einem Vorhang verhängten und dadurch auf Abstand hielten. Wie das Kind, das aus dem dunklen Keller etwas heraufholen soll und dabei laut singt, um seine Angst vor der bedrohlichen Stille und Dunkelheit zu vertreiben, so erzählen etwa Mythen faszinierende Geschichten, welche die Urängste der Menschheit vor der übermächtigen, schrecklichen, namenlosen Wirklichkeit fernzuhalten suchen. Blumenberg deutet die gesamte Kultur als Abwehr der absolutistischen Wirklichkeit, kurz, als Schutzschild. Mithin besteht die wichtigste Aufgabe der Kultur in der „Leistung der Distanz“.

Quelle Franz Josef Wetz: Gelehrte Notwehr / Blumenberg – der unermüdliche Kopfarbeiter / Essay als Nachwort zu Hans Blumenberg: Nachahmung der Natur Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen / Reclam Stuttgart 2020 (Zitat Seite 82ff)

Ich bin – nicht auf Blumenberg – sondern auf dieses Buch (Heft) von ihm gekommen, weil in der Süddeutschen Zeitung davon die Rede war, und ich wusste, dass ich dieses Thema „brauchte“. Ich bin nicht enttäuscht, begeistert allerdings zunächst nur von dem als Nachwort folgenden Essay von Franz Josef Wetz. Und die SZ-Kurzbesprechung, würde ich sagen, ist für wohlmeinende, der Kultur zugewandte Menschen (Leserinnen & Leser), eine Irreführung. Es ist schwieriger Stoff, in gedanklicher Askese zu studieren, man kann keinesfalls davon sagen, er sei „spannend“ nachzulesen. Ich glaube, dass nicht einmal der Rezensent das Werk durchgearbeitet hat; um den Namen Parmigianino zu zitieren, muss er im Original nur bis Seite 2 gekommen sein, danach etwas Aristoteles, und dann schauen, wie man die Atombombe als Werk des Menschen unterbringen kann. Man muss sich allerdings vor allem auf das Mittelalter einlassen wollen, oder den Hiatus beim Sprung in die Neuzeit, Nikolaus von Kues etwa, der 1450 den löffelschnitzenden „Idiota“ (Laien) gegen den Kleriker setzt, der noch beharrt auf einer Kunst als Nachahmung der Natur, wie schon Aristoteles. Aber ich spare mir die Worte, ich warne nur: das alles geht nicht schnell, die „knapp fünfzig Seiten“ brauchen ein paar Wochen Zeit und viel eigenes Denken und vor allem: bereits vorhandenes Problembewusstsein, um nicht zu sagen: Vor-Wissen. Man muss Ähnliches gelesen haben. Das darf man nicht verschleiern.

  

Parmigianino: Selbstportrait im konvexen Spiegel 1524 (Quelle: Wikipedia hier)

Da nun in dem Spiegel alle naheliegenden Gegenstände sich vergrößern und die fernen kleiner werden, malte er eine Hand, welche zeichnet, ein wenig groß, wie sie im Spiegel erschien, so schön, als ob man sie in der Wirklichkeit schaue. Francesco war schön und hatte sehr anmutige Gesichtszüge, mehr einem Engel als einem Menschen ähnlich, deshalb war sein Bildnis auf dieser Kugel etwas Göttliches, ja das ganze Werk gelang ihm so herrlich, dass Vorbild und Nachbild sich nicht unterschieden, da auch der Glanz des Glases, jeder Widerschein, und Licht und Schatten so eigentümlich und treu nachgeahmt war, dass man von menschlichem Geist nicht mehr hätte erwarten können.

ZITAT: Vasari 1567 (Wikipedia hier)

Hans Blumenberg (Seite 14):

… die Flugmaschine ist gerade dadurch wirkliche Erfindung, dass sie sich von der alten Traumvorstellung der Nachahmung des Vogelflugs freimacht und das Problem mit einem neuen Prinzip löst. Die Voraussetzung des Explosionsmotors (der seinerseits eine wirkliche Erfindung repräsentiert) ist dabei noch nicht einmal so wesentlich und charakteristisch wie die Verwendung der Luftschraube, denn rotierende Elemente sind von reiner Technizität, also weder von imitatio noch von perfectio herzuleiten, weil der Natur rotierende Organe fremd sein müssen.

KATZE wachsam, in sich ruhend, die Umwelt lesend

Jetzt habe ich dies tolle Büchlein mit allerhand neuen Themen am Bein und wollte mich doch eigentlich nur um Tiere kümmern… jaja, aber jetzt war ich gerade an dem Punkt angekommen, an dem das Vestehen entgleisen kann, und man sollte der sich im eigenen Innern meldenden Kritik Raum geben (doch davon vielleicht später). Man erinnere sich immer wieder an das seit der Antike geradezu dogmatisch behandelte Thema „Nachahmung der Natur“. Alles was der Mensch kann, ist Nachahmung der Natur. Vom Fliegen ist hier die Rede, weil der Vogelflug im Detail gerade nicht zum Ansporn einer praktizierten Nachahmung wurde und dennoch (deswegen) folgerichtig zum perfekten Fluggerät des Menschen führte.

ZITAT Blumenberg

Aber die Berufung auf den schon vorhandenen und das Fluggeschäft gottgegebenerweise ausübenden Vogel hat gar nicht so sehr die Funktion einer genetischen Erklärung. Sie ist vielmehr der Ausdruck für das mehr oder weniger bestimmte Gefühl der Illegitimität dessen, was der Mensch da für sich beansprucht. Der Topos der Naturnachahmung ist eine Deckung gegenüber dem Unverstandenen der menschlichen Ursprünglichkeit, die als metaphysische Gewaltsamkeit vermeint ist. [eingeschätzt wird] Solche Topoi fungieren in unserer Welt, wie in modernen Kunstausstellungen die naturalistischen Titel unter abstrakten Bildern. Das Unformulierbare ist das Unvertretbare. Das Paradies war, für alles einen Namen zu wissen und durch den Namen sich geheuer zu machen. Wo das lógon didónai [bei Bl. in griech. Schrift, s.dazu auch hier] (in seinem Doppelsinn!) versagt, neigen wir dazu, von „Dämonie“ der Sache zu sprechen, wie die vielgebrauchte „Dämonie der Technik“ für unsere Thematik belegt. Eine solche Problematik wie die der modernen Technik ist dadurch gekennzeichnet, dass wir zwar ein „Problem“ empfinden, es zu formulieren aber in unausgesetzter Verlegenheit sind. Diese Verlegenheit eben soll hier auf die Geltung der Formel von der „Kunst“ als Nachahmung der Natur zurückgeführt werden, indem ich zu zeigen versuche, dass und weshalb diese Idee unsere metaphysische Tradition derart beherrscht hat, dass für die Konzeption des authentischen Menschenwerkes kein Spielraum blieb. Das schöpferische Selbstbewusstsein, das an der Grenze von Mittelalter und Neuzeit aufbrach, fand sich ontologisch unartikulierbar: als die Melerei nach ihrer „Theorie“ zu suchen begann, assimilierte sie sich die aristotelische Poetik; der schöpferische „Einfall“ metaphorisierte sich als entusiasmo und in den Ausdrücken einer säkularisierten illuminatio. Verlegenheit der Artikulation angesichts des Übergewichts der metaphysischen imitatio-Tradition und der Renaissancegestus der Rebellion gehören zusammen. Das ontologisch fraglos Gewordene bildet eine Zone der Legitimität, in der sich neue Veständnisweisen nur gewaltsam durchsetzen können. Man denke an den „Ausbruch“ des Originalgenies noch im 18. Jahrhundert, der im Idealismus sozusagen systematisch aufgefangen wurde.

Erst im historischen Nachhinein sieht man, was der Versuch des Cusaners hätte bedeuten können, mit der Ironie seines löffelschnitzenden Idiota die bestürzende Idee vom Menschen als einem seinsoriginären Wesen so zu formulieren, dass sie als notwendige Konsequenz und legitime Explikation der theologischen Auffassung vom Menschen als dem gottgewollten Ebenbild Gottes, als dem (in der Hermetik vorformulierten) alter deus, hervortrat. An seiner geschichtlichen Wirksamkeit gemessen, ist dieser Versuch, die Neuzeit gleichsam als immanentes Produkt des Mittelalters heranzuführen – ein Unternehmen, innerhalb dessen die metaphysische Legitimierung des Attributes des Schöpferischen für den Menschen nur eine Komponente darstellt-, nicht gelungen. Wir haben den Idiota des Cusaners als historisches Indiz, nicht als geschichtsbildende Energie zu betrachten. Denn das Fazit der neuzeitlichen Geistesgeschichte ist der Antagonismus von Konstruktion und Organismus, von Kunst und Natur, von Gestaltungswillen und Gestaltgegebenheit, von Arbeit und Bestand. Das menschliche Schaffen sieht seinen Wirkungsraum sich durch das Gegebene benommen.

Quelle Hans Blumenberg a.a.O. Seite 14f

Nachbemerkungen

letztes Wort „benommen“? im Sinne von „eingeschänkt“, „untergraben“…

Zu dem Satz: „denn rotierende Elemente sind von reiner Technizität, also weder von imitatio noch von perfectio herzuleiten, weil der Natur rotierende Organe fremd sein müssen.“ Inzwischen liegt dieser Fall anders; bei Richard Dawkins kann man nachlesen, dass diese rotierenden Organe dank neuer Wissenschaft doch noch im Mikrobenbereich gefunden wurden (Quelle wird hier nachgetragen: Dawkins Seite 826 u 757). Was aber nichts an dem Gedanken ändert.

Es wird nicht wenige Leserinnen und Leser geben, die an der Diskussion über den Naturbegriff, die Nachahmung und die Rolle der „Idee“ bei Plato und Aristoteles nichts Spannendes finden können und daher die Kapitel III und IV im Gegensatz zu dem SZ-Rezensenten nicht durchstehen, so dass ihnen entscheidende Punkte für immer entgehen. Ausgerechnet wenn es um so einfache Dinge wie Tisch und Bett (im Gegensatz zu „wahren“ Kunstwerken geht). Ihnen will ich zur Ermutigung eine in den Anmerkungen (Nr.10 Seite 56) von Blumenberg gegebene Mahnung in roten Großbuchstaben einschärfen:

HIER ZEIGT SICH, WIE DIE GESCHICHTE DES MENSCHLICHEN GEISTES DURCH DEFINITIONEN (UND DAS HEIßT: DURCH DEN ANSPRUCH AUF ENDGÜLTIGKEIT) KANALISIERT WERDEN KANN.

Es ist mühsam und fast schmerzhaft, diese Kanäle freizulegen und neue Verbindungen zu entwerfen. Man kann leider nicht einfach auf eigene Faust bei Punkt Null anfangen. Der gesuchte Punkt liegt ja bereits bei Plato und Aristoteles.

Aber es begeistert auch, zumal wenn man wie ich heute – nach der Rückkehr aus Texel – wieder in dem einzigartigen Buch von Richard Dawkins landet oder besser versinkt: Geschichten vom Ursprung des Lebens (Berlin 2008). Darin die „Geschichte des Rhizobiums“ Seite 757. Also doch auch eine Geschichte von der Erfindung des Rades durch die Natur … (siehe oben).