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Wie Willie Nelson Neues erfand

War es überhaupt „neu“?

Ich habe zunächst in einem anderen Zusammenhang über dieses Buch geschrieben, hier, da ging es mir in erster Linie um die zweifelhafte Lernerfahrung, die Alan Rusbridger anhand der Ballade in g-moll von Chopin protokolliert hat. Willie Nelsons Lebensbericht wollte ich gewissermaßen als Folie aus einer weniger reflektierenden Welt dagegenhalten. Bei weiterer Lektüre merkte ich, dass ich beiden so nicht gerecht werden konnte. Dass ich z.B. über das einzelne „Kulturgut“ von Chopin kaum etwas Neues erfahren kann (es steht schon alles in den Monographien), über die zahlreichen „Kulturgüter“ aber, die Nelson aufzählt, vielleicht eine andere Perspektive vermittelt bekomme, die ich im Traum nicht eingenommen hätte. Um dabei nicht ins Uferlose abzudriften, präzisiere ich meine Motivation für diesen Beitrag:

Ich will erkunden, was einen Song ausmacht, den der Autor und sein Publikum offenbar als völlig gelungen empfinden. Ganz unabhängig von meiner Meinung , – ich habe vielleicht keinerlei „authentischen“ Zugang zu dieser Musik, finde sie melodisch abgedroschen und kann den einen Song nicht recht vom anderen unterscheiden, der Text spielt in einer Welt, die mir gleichgültig ist. Vieles scheint mir banal, allzu häufig taucht mir als positive ästhetische Etikettierung das Wörtchen „entspannt“ auf. Ein Lebensgefühl, das vom Joint geprägt ist, scheint mir suspekt. Ich will aber keinesfalls altfränkisch-analytisch daherkommen, ich will Song für Song hören, und anhand der Hinweise Nelsons verstehen, was seine „Wahrheit“ ausmacht, werde auch die Links einfügen, damit jeder weiß, wovon die Rede ist, aber erst später, damit sich kein Vorurteil verfestigt. Eine kleine Reise also, ganz entspannt.

ZITAT

„Du meinst was Neues?“

„Was Altes, was Neues, was Geborgtes, was Blaues. Ich gebe dir so viel Studiozeit, wie du brauchst. Tu, was dir Spaß macht.“

Ich bin zurück ins Hotel und habe darüber nachgedacht. Wexler beteuerte dauernd, ich bräuchte keinen Produzenten, der mir sagte, was ich tun sollte. Er meinte, ich hätte eine Vision.

„Gib dieser Vision einfach einen Ausdruck“, drängte er. „Das Studio ist deine Welt. Du formst den Klang nach deinen Vorstellungen. Alle großen Künstler machen das so.“

Das hörte ich gern, aber ich spürte auch den Druck. Ich brauchte mindestens noch zwei oder drei neue Songs, um Wexlers Vertrauen in mich zu rechtfertigen. Ich musste mir schnell was einfallen lassen.

An diesem Abend saß ich im Badezimmer und zermarterte mir das Gehirn, um ein paar gute neue Songs zustande zu bringen, alsmein Blick auf einen Spender für Hygienebeutel neben der Toilette fiel. Ich nahm einen heraus, zückte meinen Bleistift und fing an, alles aufzuschreiben, was mir irgendwie in den Sinn kam. Die Worte purzelten nur so heraus.

Shotgun Willie sits around in his underwear
Bitin‘ on a bullet and pullin‘ out all of his hair
Shotgun Willie’s got all his family there

Well you can’t make a record if you ain’t got nothing to say
You can’t make a record if you ain’t got nothing to say
You can’t play music if you don’t know nothing to play
Shotgun Willie sits around in his underwear
Bitin‘ on a bullet and pullin‘ out all of his hair
Shotgun Willie’s got all his family there

Now John T. Floores was working for the Ku Klux Klan
The six foot five John T. was a hell of a man
Made a lotta money selling sheets on the family plan
Shotgun Willie sits around in his underwear
Bitin‘ on a bullet and pullin‘ out all of his hair
Shotgun Willie’s got all his family there

(Seite 257) Musik siehe hier: Shotgun Willie

Quelle Willie Nelson mit David Ritz MEIN LEBEN: EINE LANGE GESCHICHTE Aus dem Amerikanischen von Jörn Ingwersen / Wilhelm Heyne Verlag München 2015

Musik siehe hier / Reihenfolge der Titel:

1 „Shotgun Willie“ 0:00 2 „Whiskey River“ 2:39 3 „Sad Songs and Waltzes“ 6:43 4 „Local Memory“ 9:50 5 „Slow Down Old World“ 12:09 6 „Stay All Night (Stay a Little Longer)“ 15:02 7 „Devil in a Sleepin‘ Bag“ 17:38 8 „She’s Not for You“ 20:17 9 „Bubbles in My Beer“ 23:32 10 „You Look Like the Devil“ 26:05 11 „So Much to Do“ 29:31 12 „A Song for You“ 32:41

***

Ich füge ein, was mir ein guter Freund zur Ermutigung schrieb:

Klar kenne ich Willie Nelson, ein aufrechter Kerl, ein echter „Typ“, Underground in den USA, und immerhin hat er, zusammen mit sagen wir Kristofferson und dann auch Cash Nashville ein wenig entzaubert und eine „bessere“ Countrymusik durchgesetzt. Er ist wie Dylan ja auf never ending-Tour, lebt monatelang in einem umgebauten großen Bus, mit über 80. Bewundernswert. Ich kenne nur einige wenige seiner Alben, aber „Teatro“ liebe ich sehr (ist auch toll poduziert, klingt hervorragend: https://open.spotify.com/album/1OEt5rJZPkKm4zkHLfVYje ), und dieses Red Headed Stranger-Album ist sehr wichtig, und seine Popsong-Adaptionen find ich auch interessant, zum Beispiel auf „Stardust“, oder eben „Always On My Mind“. Er hat auch einige Songs von Townes Van Zandt groß gemacht, Pancho and Lefty etwa. Ich weiß nicht, ob ich sein Buch lesen sollte, sag Du’s mir, ich hatte registriert, daß es herausgekommen ist, habe es aber (noch?) nicht gekauft. Ich bin ja immer bei der „Wahrheit“ skeptisch und dem, was solche Leute zu sagen haben, so sehr ich ihn auch als Musiker und eben als gradlinigen Menschen achte.

ZITAT (weiter im Willie-Nelson-Text!)

Seite 278

Und es war gut, dass ich meinen Willen bekam, denn ich stand kurz vor einem Schreibrausch. Allerdings war mir das damals keineswegs bewusst. Kurz davor zu stehen und tatsächlich loszuschreiben sind zwei völlig verschiedene Sachen. Nachdem ich den Vertrag bei Columbia unterschrieben hatte, machte ich eine Phase durch, in der ich mich irgendwie blockiert fühlte. Vielleicht lag es daran, dass ich ziemlich schnell neues Material raushauen musste.

Um auf andere Gedanken zu kommen, fuhren Collie und ich zum Skilaufen nach Steamboat Springs in Colorado. Es war der Winter 1975. Weil ich mir Zeit nehmen wollte, beschloss ich, mit dem Auto hinzufahren. Das Skilaufen weckte meine Lebensgeister, und die kalte Bergluft tat mir gut. Auf der langen Rückfahrt kam ich um den Gedanken nicht herum, dass es langsam Zeit wurde, meinem müden Hirn ein paar neue Stücke abzuringen. Connie erwähnte beiläufig einen alten Song namens „Read Headed Stranger“, den ich als DJ drüben in Fort Worth gespielt und allen meinen Kindern vorgesungen hatte, als sie klein waren. Für mich war der Song ein alter Cowboy-Film. Ich sah die Geschichte förmlich vor mir. Ich konnte mir diesen alten Prediger gut vorstellen, der seine Frau ermordet hatte und für den Rest seines Lebens durch die Lande zog und nach Trost suchte, den er nie finden würde.

Ich sah den Anfang des Films schon vor mir. Ich hörte die Worte in meinem Kopf.

It was the time of the preacher when the story began
With the choice of a lady and the love of a man
How he loved her so dearly he went out of his mind
When she left him for someone she’d left behind
He cried like a baby he cried [screamed] like a panther in the middle of the night
And he saddled his pony and went for a ride
It was the time of the preacher in the year of ’01
And now the preaching is over and the lesson’s begun. [Text s.a. hier]

Ich ließ mir die Zeit und konzentrierte mich dabei auf die Empfindungen des Predigers. Ich dachte mir, wenn er erfuhr, dass seine Frau ihn verlassen hatte, könnte er bestimmt einen alten Song von Eddy Arnold nachempfinden – „I Couldn’t Believe It Was True“.

Als wir einen Bergkamm erreichten und dort unter uns die Landschaft liegen sahen, hatte ich plötzlich eine Idee, wie sich der Prediger und seine Frau kennengelernt haben könnten.

The bright lights of Denver are shining like diamonds
Like ten thousand jewels in the sky
And it’s nobody’s business where you’re goin‘ or where you come from
And you’re judged by the look in your eye

She saw him that evening in a tavern in town
In a quiet little out-of-the way place
And they smiled at each other as he walked through the door
And they danced with their smiles on their faces [Text s.a. hier]

Der Song „Denver“ wurde Teil der Geschichte, zusammen mit anderen Songs, die zur gedrückten Stimmung der Platte passten. Hank Cochrans „Can I Sleep In Your Arms“ war so ein Song, mit dem sich der Prediger vielleicht in den Schlaf singen würde. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass der Prediger eine schöne alten Ballade von Fred Rose sang, nämlich“Blue Eyes Crying in the Rain“ , die von Hank Williams über Gene Autry bis zu Conway Twitty schon alle gesungen. Es war ein weiteres Lied über verlorene  Liebe, dessen Mantra – „Love is like a dying ember and only memories remain“ – das Thema gut erfasste.

Es gab nur einen eher lockeren Zusammenhang zwischen den Songs, und dann schummelte ich auch noch so etwas wie „Just as I Am“ hinein, ein Kirchenlied, das Bobbie gespielt hatte, als wir Kinder waren. Um die Verzweiflung des Predigers darzustellen, brauchte meine Geschichte ein Gebet. „I looked to the stars, tried all the bars“, hieß es in „Hands on the Wheel“, dem letzten Song des Sets, „and I’ve nearly gone up in smoke.“ Zu guter Letzt hatte der Prediger wieder das Steuer in der Hand. Und er kehrte heim. Heim konnte dabei ein Traum sein. Oder der Tod. Oder einfach nur das Ende des Albums. [s.a. hier)

Als es ans Aufnehmen ging, erwartete man bei Columbia wohl, dass ich nach Nashville, New York oder L.A. fliegen würde, um die Songs in einem hypermodernen Studio mit erstklassigen Begleitmusikern aufzunehmen. Ich dagegen bat Mickey Raphael, uns ein unauffälliges kleines Studio zu suchen. Er erzählte mir vom Autumn Sound in Garland, einem verschlafenen Vorort östlich von Dallas. Ich nahm meine eigene Band mit. Bucky Meadows kam vorbei und spielte Klavier und Gitarre. Wir hielten es schlicht und einfach. Die Arrangements waren schlank. Die Begleitung war spärlich. Wir brauchten für die Songs nur wenige Takes. Ich orientierte mich an alten Alben von Eddy Arnold und Ernest Tubb, bei denen auch nur ein Sänger und eine Gitarre zu hören waren. Das Ganze klang unglaublich entspannt. Ich fand, wir hatten die Geschichte des Predigers genau richtig erzählt.

Als ich bei Columbia unterschrieben hatte, war mir ein Vorschuss von 60.000 Dollar angewiesen worden, um davon eine Platte aufzunehmen, die man mit 40.000 Dollar Kosten veranschlagt hatte. Ich glaube nicht, dass die Sessions im Autumn Sound mehr als 2000 Dollars gekostet haben. Die restlichen 58.000 Dollar nutzte ich, um davon besseres Equipment für unsere Roadshow zu kaufen. So weit, so gut.

Doch als der Oberboss von Columbia die Aufnahmen hörte, sagte er: „Wieso spielst du mir ein Demo vor?“

„Das ist kein Demo“, erklärte ich. „Das ist das fertige Produkt.“

(Seite 281)

Quelle Willie Nelson mit David Ritz MEIN LEBEN: EINE LANGE GESCHICHTE Aus dem Amerikanischen von Jörn Ingwersen / Wilhelm Heyne Verlag München 2015

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(Fortsetzung folgt)

Fahrt nach Köln

Wie sich meine Welt verändert hat: Dezember 2015. Der Dom erstmalig mit Inschrift:

Köln W Dom Inschrift 20151222_104636

Köln W Dom + Inschrift 20151222_104636    Köln W b 20151222_111105

Den Kölner Dom erreicht man über die breite Treppenanlage vom Hauptbahnhof aus. Es gab eine Zeit, da konnte ich zur rechten Tür (s.o.) ins Innere treten und auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinaus. Von dort sah ich dann schon die Fenster der Abteilung, allerdings nicht zur Zeit des Weihnachtsmarktes, der dann im Blickfeld stand. Unten linkes Bild: die Eingangstür zum WDR-Bürohaus (ehemaliges Carlton-Hotel), rechtes Bild: das anschließende Restaurant, genau darüber – am Ende der Front – das Fenster meines Büros.

Köln W Calrlton a 20151222_110907    Köln W Carlton Café 20151222_110947

Vor genau 10 Jahren, unser Abschiedsbild, Blick auf den Weihnachtsmarkt, wie eh und je:

Büro 2005  Dezember 2005

Dr. Werner Fuhr, JR, Ulrike Willms / vorn: Gisela Vaassen, Dagmar Töpfer

Haben die Tiere auch Weihnachten?

Man könnte meinen, sie stimmen uns soviel menschlicher als die ärmsten Menschen, und verlocken uns zu weihnachtlich-weichen Zugeständnissen, die wir später dem Realismus zuliebe leicht ad acta legen können. Ochs und Esel gehören zu Stall und Krippe, und nachher muss alles wieder sorgfältig verpackt werden, bis nächstes Jahr zur selben Zeit, alle Jahre wieder. Aber wieviel Zeit habe ich schon in der Kindheit vertan, mit diesen Phantasien der großen Versöhnung, der ewigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier, obwohl ich im Grunde mehr von der Wildheit fasziniert war, von der Möglichkeit, dass die vorübergehend domestizierte Gewalt des Löwen oder des Wolfs jederzeit wieder hervorbrechen konnte, denn dies musste der eigentliche Grund für die Dauer-Begleitung durch den Engel, der ich gern gewesen wäre. Man traute dem Frieden nicht. Und deshalb musste ich soviel über das Bild nachdenken, das über dem Bett meiner Großeltern hing, mit der Bildunterschrift: „Friede“. Der Engel, der Palmzweig, das farbige Bild genügten nicht, das Wort musste drunterstehen, damit man die Botschaft glaubt. (Mein blasser Internet-Abzug versagt uns sowohl Farbe wie Wort. Ich gebe jedoch den Namen des Malers und den Link zur Recherche: William Strutt.)

William_Strutt_Peace_1896

Tiere ZEIT

Tiere Titelbild natur

Die Wissenschaft vom wahren Wesen des Tieres ist nicht neu. Das folgende Buch erschien vor 10 Jahren, das weiter unten abgebildete vor mehr als 20 Jahren.

Geist der Tiere 2005

Bewusstsein der Tiere 1994

Gestern noch (22.12.) hätte dieser Beitrag ernst ausgehen können, heute lag die Süddeutsche auf dem Tisch und stimmte mich um, wie so oft mit der Rubrik „Das Streiflicht“. Endlich weiß ich wieder, woher das Bildmotiv eines animalischen Weltfriedens kommt, nicht aus der Offenbarung, sondern aus dem Buch Jesaja.

Auch für die Geistlichen wird’s nun allmählich eng. Wer jetzt noch keine Weihnachtspredigt hat, wird wachen, lesen, lange Briefe… – nein, er wird hauptsächlich lesen, und zwar zweckmäßigerweise in der Heiligen Schrift, die auszudeuten sein Beruf ist. Wo stehen die ergiebigsten Stellen? Bei Jesaja, keine Frage, und wenn unser Mann dort ins elfte Kapitel hineinschaut, wird er auf die Vision stoßen, wonach eines gesegneten Tages die Wölfe bei den Lämmern wohnen und der Pardel [siehe Abbildung ganz oben: rechts, etwas zurück] bei den Böcken [nicht im Bild] liegt, nicht zu reden davon, dass dann die Löwen Stroh essen wie die Ochsen. Von der Sache mit den Löwen wird der Prediger die Finger lassen, erstens, weil er Zweifel daran hat, ob die Ochsen wirklich Stroh essen und ob man das den Löwen empfehlen soll, zweitens aber, weil von dem babylonischen König Nebukadnezar berichtet wird, dass er für seinen Hochmut dem Wahnsinn verfiel und eine Zeit lang Gras fraß wie die Ochsen. Bei solchen Sujets läuft die Predigt schnell aus dem Ruder.

Quelle Süddeutsche Zeitung Seite 1 „Das Streiflicht“ 22. Dezember 2015

Aber zufrieden bin ich dennoch nicht mit Jesaja 11 Vers 6 : Es ist also doch kein Engel, der den Palmzweig führt, sondern – meiner allzu kindlichen Identifikation allzu genau entsprechend – „ein kleiner Knabe“? Und das Stroh fehlt. Ebenso die klar benannten Bären. Und der Löwe ist nicht jung.

Jesaja Tiere

Ich schließe mit einer gewissen Enttäuschung und halte mich schadlos, indem ich – einem Prediger gleich – in den Büchern blättere, die nun einmal auf dem Tische liegen. Wenn nun aber die Bilder und Phantasien meiner Kindheit wieder Besitz von mir ergreifen? Ich werde sie bannen, auch wenn sie quasi archetypisch eingebrannt wurden: meine liebsten Bilder in den Grimmschen Märchen, die ich damals noch vorgelesen bekam, habe ich mit Bleistift nachgezeichnet und mit Hilfe von Kohlepapier durchgepaust auf ein weißes Blatt, wo ich sie wie ein Wunder betrachtete. Von meiner Hand gewirkte Wunder.

Friede (Detail) 20151222_161947   Reh & Kind schlafend

Bad Cannstatt zum Beispiel

Oder meinen Sie, Stuttgart sei eine tiefere Stadt?

ZITAT

Die Sehkraft des Homo sapiens beruht auf einem winzig kleinen Energiespektrum, nämlich 400 bis 700 Nanometer im elekromagnetischen Spektrum. Das übrige Spektrum, das das Universum durchdringt, reicht von Gammastrahlen mit einer Wellenlänge von wenigen Billionstes des für den Menschen sichtbaren Bereichs bis hin zu Radiowellen, die billionenmal länger sind. Tiere leben in ihren eigenen Ausschnitten aus dem Universum. Schmetterlinge zum Beispiel finden den Pollen und Nektar der Blumen über die Muster von UV-Licht, das die Blütenblätter reflektieren (unter 500 nm) – diese Muster und Farben können wir nicht sehen. Wo wir einfach eine gelbe oder rote Blüte wahrnehmen, schillert für die Insekten ein buntes Gewirr von hellen und dunklen Flecken und konzentrischen Kreisen. (E.O.Wilson S. 49)

Selbst wir beide können unsere Wahrnehmungen nicht vergleichen:

Stuttgart Hund 20151218

ZITAT

Auch was den Geruchssinn angeht, ist der Mensch einer der am schlechtesten gerüsteten Organismen der Erde – wir riechen so wenig, dass wir zur Beschreibung von Gerüchen auch nur über ein winziges Vokabular verfügen. Meist nutzen wir dafür lediglich Vergleiche wie „zitronig“, „säuerlich“ oder „übel riechend“. Für die meisten anderen Organismen dagegen, von Bakterien über Schlangen bis zum Wolf, sind geruchs- und Gescmackssinn überlebenswichtig. Wir verlassen uns auf abgerichtete Hunde, die uns durch die Welt des Geruchs führen, um einzelne Personen zu verfolgen oder minimale Spuren von Sprengstoff oder anderen gefährlichen Chemikalien aufzuspüren.

Ohne Messinstrumente ist unsere Spezies auch für andere Arten von Reizen ganz unempfänglich. (E.O.Wilson S. 50)

Quelle O.E. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens / C.H.Beck München 2015

Stuttgart Park Arkaden 20151218

Stuttgart Bad 20151217

Stuttgart Sappho 20151218

Allerdings bin ich mit Messinstrumenten anderer Art ausgestattet, so dass diese mich – mein Alter verkennend – bei der  Wiederbegegnung mit einem Gedicht in der Straßenbahn alarmieren. Und vollends beim Anblick eines prominenten Namens in der König-Karl-Straße an himmlische Spezereien denken lassen. Der Naturwissenschaftler spricht von den komplexen Mechanismen des Belohnungssystems im Gehirn. Ich dagegen hänge Geschichten nach, die Peer Gynt erfunden haben könnte.

Stuttgart Klaiber 20151219 Klaibers Café

Peer Gynt Programm  Schauspielhaus Stuttgart

Peer Gynt Programmheft a    Peer Gynt Programmheft b

Peer Gynt Programmheft c   Peer Gynt Programmheft d

Ich bin nicht einverstanden mit der Kritik, die ich in Spiegel online lese, obwohl sie durchaus nachvollziehbar ist, – wie auch die Inszenierung und Herrichtung der Vorlage im Theater. Empfehlenswert die Besprechung in Nachtkritik, samt Durchsicht verschiedener Kritiken, Spiegel online inbegriffen.

„Ich ist ein anderer“ – sollte ich noch einmal rekapitulieren, was ich seinerseit zu diesem Thema geschrieben habe, nämlich hier? Muss ich mich korrigieren oder differenzierter fassen? Noch einmal bei Rimbaud beginnen: In einem Brief an Paul Demeny vom  15. Mai 1871, dem sogenannten zweiten Seherbrief, steht der vielzitierte Satz „Je est un autre.“ Auf den sich auch Bernd Isele bezieht, ohne ihn direkt zu thematisieren. – Vielleicht ein andermal…

Um hier stattdessen auf das Gedicht in der Straßenbahn zurückzukommen, – die lateinische Fassung kann ich (fast) auswendig – nein, genau genommen nur bis „eripit sensus mihi“, und der letzten Moral-Strophe habe ich mich ohnehin immer verweigert :

Ille mi par esse deo videtur,
ille, si fas est, superare divos,
qui sedens adversus identidem te
spectat et audit

dulce ridentem, misero quod omnis
eripit sensus mihi: nam simul te,
Lesbia, aspexi, nihil est super mi
vocis in ore,

lingua sed torpet, tenuis sub artus
flamma demanat, sonitu suopte
tintinant aures, gemina teguntur
lumina nocte.

Otium, Catulle, tibi molestum est,
otio exultas nimiumque gestis;
otium et reges prius et beatas
perdidit urbes.

Diese Fassung stammt von Catull, das Original ist griechisch, ein Gedicht von Sappho, ich kopiere es aus meinem Schulbuch:

Sappho a

Sappho b

Nebeneinandergestellt sieht man die beiden Gedichte hier. Ein Beispiel, wie die Wissenschaft sich mit „Sappho und Catull“ auseinandersetzt, ist hier nachzulesen, – eine Arbeit von Günther Jachmann.

Eine deutsche Übersetzung … findet man …. in der Straßenbahn (Foto s.o.) von Bad Cannstatt nach Stuttgart Charlottenplatz, von wo aus man in 5 Minuten zum Schauspielhaus gelangt.

Eine schöne Catull-Übersetzung im korrekten Rhythmus (der verantwortlich ist für befremdende Wortformen wie „genüber“ oder „starrt die Zunge“ – statt erstarrt) gibt Otto Weinrich im Textband der dtv Bibliothek (München 1974 ISBN 3-423-06028-X):

Wie ein Gott – so will mir der Mann erscheinen,
mehr als Gott – so dieses zu sagen statthaft –
der genüber sitzend nur immerfort dich
anblickt und hört dein

süßes Lachen! Wahrlich um alle Sinne
bringt dies mich Unseligen. Wenn mein Blick nur
dir begegnet, Lesbia, gleich verstummt, ach
Lesbia, meine

Stimme, starrt die Zunge, ergießt sich lohend
Feuer in die Glieder, im Ohre klingts und
dröhnts, die Augensterne umschattet doppelt
nächtliches Dunkel. –

Müßiggang, Catullus, erweckt dir Leiden,
Müßiggang verlockt dich zu frechem Schwärmen,
Müßiggang hat Könige einst gestürzt und
blühende Städte.

Auf ein zeitgenössisches Catull-Projekt sei an dieser Stelle hingewiesen, angesiedelt u.a. in Bad Cannstatt: HIER.

Die folgende Sappho-Übersetzung von Wilhelm Heinse entwende ich aus einem Link für Schüler und gelobe, bis an mein Lebensende ein gelehriger Schüler zu sein:

Gleich den Göttern scheint mir der Mann zu sein, der
deiner Schönheit Pracht gegenüber sitzt
und zu dem du hinbeugst den Nacken; der dein Geflüster
hört und das Lächeln voll Lustbegierde.
Ha, mir hat es das Herz in der Brust erschreckt!
Denn sobald ich dich nur erblickte, kam kein einziger
Laut mehr aus mir, gebrochen war die Zunge, ein feines
Feuer unterlief urplötzlich die Haut mir.
Vor den Augen wird es mir dunkel, mir braust’s in den Ohren,
kalte Schweiße rinnen herab auf einmal,
ganz ergreift ein Zittern mich; blasser bin ich
denn Heu, und als stürb‘ ich in kurzem, bleibt aus mir der Atem.
Alles muß gewagt sein -!

Sicut erat in principio

Der Traum von ewiger Präsenz

Eine jahresendliche (adventliche) Akkumulation

Magnificat Magnificat DVD

Siehe dazu auch HIER !

Rechnung Zweitausendeins

Man bedenke: das Weihnachtsoratorium 1958 gab es als Rabatt.

Weihnachtsoratorium 1958

Nur auf der Rückseite: ein Oratiorium (sic) mit Tomanerchor (sic). Die Aufnahme selbst aus heutiger Sicht: alles in Zeitlupe. Aber immer ’schön‘. Haben wir tatsächlich so gelebt?

Enttäuschend finde ich Friedrich Gulda 1957 mit Beethovens Klavierkonzert C-moll Op.37. Das hat 1964 Roswitha Gediga in ihrem Kölner Examen überzeugender gespielt (als ich im Hochschulorchester saß; den langsamen Satz vergesse ich im Leben nicht).

Wunderbar nuanciert: Walter Gieseking 1953 mit Beethovens Klavierkonzert G-dur Op.58. Auch das Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester klingt hier unter Joseph Keilberth homogener als in Guldas Aufnahme, die Mario Rossi dirigiert.

Und heute? Wie leben wir heute? – Für diesen Moment … in diesem Augenblick … (und mit den CDs, die oben auf der Rechnung stehen). / Zweifellos doch nicht ganz am Ende der Welt, wie die Bilder suggerieren könnten. Ein bestimmtes Buch gehört auch dazu, aber darüber später einmal mehr…

Geburtstagsreise nach Texel 4. – 7. Dezember

Texel Blick auf Doorn 

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Texel Fahne

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Texel 2

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Texel 1b

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Texel am Leuchtturm 1

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Texel am Leuchtturm 2

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Texel am Leuchtturm 4

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Texel am Leuchtturm 5

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Texel am Leuchtturm 6

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Texel am Leuchtturm 8

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Texel am Leuchtturm 9

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Texel am Leuchtturm Sandstruktur

(Fotos: E.Reichow)

Und heute, am Abend des 6. Dezembers, dem Geburtstag von Nikolaus Harnoncourt, erfahre ich, dass er seine Laufbahn beendet. Man lese seinen Abschiedsbrief HIER.

Ich spare mir alle Zusammenhang stiftenden Worte. Ausgangspunkt jedenfalls war – zu Anfang dieses Beitrags – die DVD des von Harnoncourt geleiteten Bachschen Magnificats, die ich vor meiner Abreise gehört und gesehen hatte und nach meiner Rückkehr von der Insel Texel rekapitulieren wollte.

Und so endet mein Geburtstag 2015, den ich partout als einen nicht endenwollenden Neubeginn sehen wollte.

Fördert Kultur Eskapismus?

Wahrheit oder Schönheit oder weder noch

Wenn in dem folgenden Zitat – es stammt aus einem Filmlexikon (!) – von medialen Texten die Rede ist, könnte man sich fragen, bis zu welchem Punkt es inhaltlich erweitert werden könnte: darf man es auf Romane, Gedichte, Gemälde, Grafiken, Sinfonien, Opern, Kammermusik beziehen?

Mediale Texte bieten sich als Mittel eskapistischer Nutzung an, weil sie dem Zuschauer imaginäre Gratifikationen in einem risikofreien Raum gewähren. Er weiß, dass ihm nichts passieren kann und er jederzeit aussteigen bzw. abschalten kann; er muss keine Verantwortung übernehmen und kann trotzdem aus seinen Alltagsrollen heraustreten und sich in die kompensatorische Medienwelt flüchten. Gerade fiktive Charaktere und unrealistische Abenteuer erleichtern die Flucht aus der Realität.

Quelle HIER

Im Wikipedia-Artikel Eskapismus findet man folgenden Hinweis auf Peter Handke:

Gelegentlich wurde der Kunst im Allgemeinen sowie der Dichtung im Besonderen vorgeworfen, Mittel zur Realitätsflucht zu sein. Oft wurde hierfür das Bild des Elfenbeinturmes gebraucht, in dem der Dichter sich vor der wirklichen Welt verschanze und zurückziehe. Insbesondere auf die Kunst der Romantik, etwa die Dichtung Friedrich Hölderlins wurde dieser Begriff angewandt. Peter Handke ist diesem Vorwurf in seinem Band Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturmes (1972) begegnet. Dort betont er den utopischen Charakter der Kunst, der gerade durch seine Distanz zur Wirklichkeit ihre Veränderung ermögliche.

Ich neige dazu, die Kunst als ein Mittel gegen den Tod zu betrachten. „Nicht wirklich“, nicht in der Realität, aber in einer Sphäre, die es geben müsste, und deren Realität in der Kunst unbezweifelbar wird. (Was nicht im geringsten esoterisch gemeint ist! … oder … doch? im Sinne von „wundergläubig“?)

Aber die Hoffnung, durch Distanz zur Wirklichkeit doch noch deren Veränderung zu bewirken, scheint mir zu den 70er Jahren zu gehören, als es ohne diesen revolutionären Ausblick einfach nicht ging.

Es bleibt zu abstrakt. Konkreter Ausgangspunkt sind zwei Zeitungsartikel, die offensichtlich situationsgerecht sind und zugleich Widerspruch herausfordern. Skrupel darüber, dass bei uns Kultur stattfindet, während der Weltlauf (früher weit draußen, jetzt vor unserer Tür) ein Veto einzulegen scheint?

Es genügt nicht mehr, den Bürger aus Goethes Faust ironisch zu zitieren, – wissend, dass der Faust hoch genug angesiedelt ist, um alles zu integrieren, auch das Böse in der Welt. Wir haben Fernsehen und Medien aller Art, anders als der Biedermeier von einst, es quillt von überall herein. Wir stehen nicht mehr zufrieden am Fenster:

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

ZITAT aus DIE ZEIT:

Noch hat die Flüchtlingswelle, unter der das alte Europa ächzt, Salzburgs Festspielmeile nicht erreicht. Noch sind es einzelne Gestalten, die in der Hofstallgasse vor den Eingängen von Felsenreitschule, kleinem und großem Festspielhaus kauern und knien, auf Lumpen und in Lumpen, die Mienen stoisch, in den Händen Pappbecher, die sie den Besuchern stumm entgegenrecken – wohlweislich stumm. In Salzburg gebe es kein Bettelverbot, lässt die SPÖ-regierte Stadt verlauten, und solange diese ungebetenen Gäste niemanden verbal oder körperlich angingen, könne man nichts gegen sie unternehmen.

Wie umgehen mit solchen Situationen, fragt man sich und stellt sich vor, wie leicht aus diesen wenigen viele werden könnten und wie die Kunstliebhaber sich nicht mehr durch ihresgleichen wühlen müssen, um zu Wolfgang Rihms Eroberung von Mexico oder Beethovens Fidelio zu gelangen, sondern durch Menschenmengen, ja -massen aus Syrien und dem Irak, die sich auch in Salzburg in Turnhallen und Zelten eingepfercht wiederfinden. Die etwas abhaben wollen vom schönen Leben in Europa und sich vielleicht um so etwas wie Bettelkodizes nicht mehr scheren werden. Zu Recht.

Quelle DIE ZEIT 6. August 2015 Seite 47 Hier Leben. Da Kunst Vor den Operntoren von Salzburg kauern Flüchtlinge. Haben die Festspiele die Zeichen der Zeit erkannt? Von Christine Lemke-Matwey  Nachzulesen in ZEIT online: HIER.

Ja, man lese es nach und denke und zweifle … und stehe da als armer Tor und sei so klug als wie zuvor. Ganz besonders bei dem verwegenen Satz:

Vielleicht war Christoph Schlingensief der Letzte, der aus einer derart brisanten Konfrontation von Kunst und Leben hätte Funken schlagen können.

Was ist damit gemeint? Bei Wikipedia finde ich dies (siehe hier):

Schlingensief selber wollte, dass der Kunstbegriff neu definiert werden würde: „Ich fordere uns alle auf, unsere Vorstellungen von Kunst über Bord zu werfen und in den Reichtum eines solchen Ortes zu investieren. Mit der Schule fangen wir an. Sie soll das Zentrum sein. Was für eine Kunst, wenn uns Kinder und Jugendliche, die einen Unterricht besuchen können, an ihrem Wissen teilnehmen lassen! Was für ein Fest, wenn sie ihre eigenen Bilder machen, Instrumente bauen, Geschichten schreiben, Bands gründen. Und was für eine Oper, wenn in der Krankenstation, die wir bauen wollen, ein neugeborenes Kind schreit.“

Nicht mehr und nicht weniger? So lasst uns alles über Bord werfen, was uns lieb und teuer ist! Niemand wird widersprechen, wenn die Alternative ein nicht gerettetes Kind wäre. Letztlich war es auch Dostojewskis Argument, auf seine Eintrittskarte ins Paradies zu verzichten, wenn auch nur ein einziges Kind in der Welt Leiden ertragen müsste. Es handelt sich um listig konstruierte Zwangslagen: denn es gibt nun einmal keine solche Eintrittskarte, aber es gibt die Dummheit und das Böse! Und es geht niemals darum, Mozart in den Orkus zu jagen und stattdessen Kindern ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, sondern z.B. darum, Kindern ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, damit sie u.a. die Chance haben, Mozart (wahlweise auch gern Amadinda-Musik aus Uganda)  kennenzulernen und zu wissen, was Leben für eine Bedeutung haben kann. Man soll uns nicht Alternativen anbieten, die keine sind, weil die Wahl in jedem Fall absurd wäre.

Aber man kann auch nicht jedes Argument akzeptieren, das zugunsten der (nutzlosen) Kunst plädiert. Nützlicher wäre, sie tatsächlich nutzlos zu nennen, und über den Sinn des Spielens und des bloßen Lebens zu reden. Warum beschleicht mich ein solches Missbehagen, wenn ich einen gutgemeinten und ziemlich hoch angesiedelten Beitrag (s.o. Stichwort Faust, jetzt wird bald Adorno folgen) im letzten Wochenend-Feuilleton der SZ lese? Er beginnt so:

Jeder, der derzeit in Konzerte, Museen, Buchhandlungen geht, wird dabei auch an die Flüchtlingsströme und den (Pariser) Terror denken. Und es ist kein Wunder, dass das Theater, eine so wendige wie schnelle Kunstform, diese Erschütterungen schon kommentiert, dass in Konzerten der Opfer gedacht, für die Flüchtlinge gespielt wird. Aber all das sind äußerliche Aktionen, die kaum ins Innere der Kunst vorstoßen. Deshalb dürften viele Kunstfreunde immer ein etwas schlechtes Gewissen haben angesichts der desolaten Weltlage: Ist es nicht hedonistischer Egoismus, sich derzeit mit Kunst abzugeben? Zumal auch noch Bertold Brechts berühmte unselige Einlassung durch viele Hirne spuken dürfte: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Was soll denn das heißen? – „unselige Einlassung“? Das Gedicht wurde  im Jahre 1939 geschrieben. Ich habe es selbst kürzlich memoriert: hier, „In finsteren Zeiten“.

Ich möchte sagen: die „finsteren Zeiten“ heute erleben wir mehr oder weniger konfrontal in Syrien, indirekt in Gestalt der Flüchtlingsströme aus Süd und Südost, die „Bäume“ aber in Gestalt der Klimakonferenz in Paris, die das Gegenteil eines Verbrechens ist, die vielmehr „über so viele Untaten“ nicht mehr schweigen will.

Ich fahre fort im ZITAT, wobei ich mir ein paar Einwürfe nicht versagen möchte), nenne aber zunächst die originale Quelle:

Quelle Süddeutsche Zeitung 28./29. November 2014 Akkordmonster Angst vor dem Fremden? Nein. In ihren großen Momenten bringt die klassische Musik zusammen, was unversöhnlich erscheint / Von Reinhard J. Brembeck.

Theodor W. Adorno hat, zuletzt noch in seiner unvollendet gebliebenen „Ästhetischen Theorie“, immer darauf bestanden, dass es einen unaufkündbaren und wesentlichen Zusammenhang gebe zwischen den Kunstwerken und der Wirklichkeit. „Wird sie strikt ästhetisch wahrgenommen“, schreibt Adorno über die Kunst, „so wird sie ästhetisch nicht recht wahrgenommen.“ Denn: „Die ungelösten Antagonismen der Realität kehren wieder in den Kunstwerken als die immanenten Probleme ihrer Form.“

Adorno bleibt konkrete Belege für solche Thesen erst einmal schuldig [Einspruch! sein Werk quillt über von Belegen], weshalb solche Statements manchem Leser vielleicht erst einmal als wohlfeiles Philosophengeschwätz gelten mögen. [Nein, man misstraut zunächst dem Journalisten!]. Macht man sich jedoch die Mühe, seine Thesen in der Wirklichkeit der Kunstwerke zu überprüfen [statt sie „erst einmal“ in Adornos Kontext zu verstehen] , dann dämmert einem schnell, dass es tatsächlich oft diese nicht von der Hand zu weisenden Bezüge zwischen den beiden Sphären gibt und dass dabei zentrale Widersprüche des Daseins verhandelt werden. Und zwar nicht so sehr in den an Themen gebundenen Künsten wie der Literatur, dem Theater oder Teilen der zeitgenössischen bildenden Kunst, der Malerei, sondern gerade in der scheinbar so abstrakten, sperrigen Instrumentalmusik der Wiener Klassiker, die einst als „absolut“ und „erhaben“ gedacht wurden, als aller Diesseitigkeit entrückt.

Wie lang zurück liegt denn dieses „einst“? Seit 50 Jahren liest man, wenn man über Beethoven liest, auch von Französischer Revolution, wenn über Schubert, dann auch über Metternichs Polizeistaat.

Eigentlich möchte ich nicht mehr zum neuen Hören der Eroica und der C-dur-Streichquartetts angeleitet werden, wenn etwa die Exposition des Beethovenschen Kopfsatzes als ein „forsch dahinwalzerndes [!!!] Anfangsstück“ gelten soll, und Schuberts Adagio als „ein E-Dur-Idyll [!!!], in dessen Zentrum er eine f-Moll-Hölle implantiert“.

Das derzeitige Flüchtlingselend, der Terror und die Kriegshysterie schärfen den Blick für die Bedeutung solch formimmanenter Prozesse. (…) Niemand, der das Fremde, Neue und Unvereinbare ausgrenzen will, kann sich auf Beethoven und Schubert berufen.

Niemand will heute das „Fremde, Neue und Unvereinbare“ ausgrenzen, es wird ja sorgfältig umetikettiert. Es heißt dann: die, die von unseren Sozialleistungen profitieren wollen. Die, die hier Parallelgesellschaften bilden wollen, die unsere christlichen Werte nicht anerkennen. Die uns – „ich hab nichts gegen sie“ – aber doch mit ihrer schief intonierten Jammermusik etwas auf die Nerven gehen und vor allem: keine Mittagsruhe einhalten. usw. usw.

Das „Fremde“ hat eine andere Dialektik als zu Schuberts Zeit, als es um ein Fremdempfinden innerhalb der vertrauten Gesellschaft ging, ein Ausgestoßensein, man schaue nur, was die Verehrung der „Fremden“, der „Peregrina“, des fremden Mädchens (möglichst noch stumm), des exotischen Erotischen in der Romantik bedeutet hat. An die Anerkennung einer fremden Musik zum Beispiel hat niemand nur im Traum (oder nur im Traum!) gedacht.

Man darf das nicht alles – etwa die gleichen Worte, die in der Substanz scheinbar verwandten Themen – über einen Kamm scheren. Etwa so:

Für dieses Phänomen bietet die Naturwissenschaft eine Erklärungshilfe. Mögen zwei Menschen auch noch so verschieden sein, in der DNA ist der Unterschied zwischen ihnen so gut wie irrelevant. Genau diesen Zusammenhang zwischen Außen und Kern hat Beethoven in der „Eroica“ vorweggenommen.

Nein, das hat er nun gerade nicht! Die kleinen Unterschiede sind z.B. das Relevanteste an zwei scheinbar ähnlichen Akkorden.

Man vergleiche nur die Ähnlichkeit der DNA eines Säugetieres mit der eines Menschen. Dieses Argument ist äußerst gefährlich…

Ausblick 2. Dezember

Es ist noch längst nicht zuende gedacht. Vor einigen Jahren habe ich es schon mehrfach angefangen. Hier zum Beispiel, in dem Essay 2012 für SWR 2: Schöne Fremde, verlorenes Ich… Wenn die Musik an ihre Grenzen stößt.

Oder in einem früheren Anlauf 2008, speziell für meine Geburtsstadt Greifswald, die ich bei dieser Gelegenheit wiederzuentdecken hoffte. Mir war allerdings schnell klar, dass hier keine Freunde zu gewinnen waren, gerade nicht unter Schubert-Freunden. Mit einer einzigen indischen Musik hat man sie für den Rest des Abends vergrätzt. Was man natürlich auch als Auszeichnung empfinden kann. So behält doch jeder seinen Schubert und muss an den vertrauten Klängen nicht irre werden.

Schubert und die Romantik des Fremden
Von österreichischen, ungarischen, schwedischen Farben,
romantischen Sehnsüchten und ethnischen Fragwürdigkeiten
Ein Vortrag von Jan Reichow

Nachzulesen HIER.

 Und erst heute erlebe ich nun in ein und derselben Süddeutschen Zeitung, wie Schubert unter Anrufung Adornos mit untauglichen Mitteln für das Flüchtlingselend mobilisiert wird und gleich daneben der romantische Begriff des Orients (vs. Naher Osten/Mittlerer Osten) aufs neue in Frage gestellt wird:

Solange die arabische Welt ein ferner Schauplatz von Konflikten und Kriegen war, genügten die spröden geografischen Bestimmungen. Nun, da dessen Bewohner zu uns kommen, kehrt ein Begriff zurück, der für das Fremde, das ganz andere steht, der aus einer vorglobalisierten Welt stammt, als nicht Hunderttausende ins Abendland aufgebrochen sind. Nun steht der Orient nicht mehr für Schlangenbeschwörer und Bauchtänzerinnen, sondern für Selbstmordattentäter und Traumatisierte in Second-Hand-Klamotten. Um die Menschen und ihre Kulturen ging es in diesen Fantasiene damals so wenig wie heute.

Quelle Süddeutsche Zeitung 28./29. November 2015 Seite 17 ORIENT Ein Klischee kehrt zurück. Von Jörg Häntzschel.

Fazit? Die krasse Wirklichkeit wird nicht in den Kunstwerken verhandelt, sondern in real politischen Schritten und direkter Öffnung. Ich möchte mich am liebsten nicht auf Schubert berufen, wenn es um die Flüchtlinge geht. Sondern z.B. auf den Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach, der „mehr konkretes Engagement der Kirche bei der Unterbringung von Flüchtlingen“ forderte:

Er wolle sich nicht vorstellen, dass Katholiken festlich erbaut aus der Christmette kommen, am leeren, beheizten Pfarrheim vorbeigingen und wüssten, dass ein paar hundert Meter weiter die Flüchtlingsfamilien in Zelten hausten.

Quelle Solinger Tageblatt 1. Dezember 2015 Seite 15 Kurzbach: Kirchen sollen sich mehr engagieren. (Tim Kurzbach ist Vorsitzender des Diözesanrates.)

Kurzbach ST 151201

Ein Rätsel als Platzhalter

(Inzwischen durch Erweiterung gelöst)

Von Hinten P1050310 HH 56 P1050295 Chilehaus

Von Vorn P1050301  HH 59b P1050302 Chile Spitze

Nächste zu erwartende Hinzufügung: das Schild an der Hauswand hinter dem Paar.

Hamburg ChilehausReise nach Hamburg (s.a. hier) 19.-21. November 2015

HH 75 P1050322 altes Hafen-Gebäude HH 82 P1050334 roter Turm

HH 80 P1050329 blaue Kräne HH 86  P1050340 Hafen & Flanierende

HH 74 P1050321 Hafen Kräne HH 84 P1050336 Hafen Film Polizeistation

HH 69 P1050316 Elbphilharmonie HH 73 P1050320 Elbphilharmonie

HH 81 P1050333 Oevelgönner HH 87 P1050342 Lotsenhaus

HH 41 20151121_122050 Hafen a HH 50 20151121_125420 Treppe zum Elbstrand

HH 83 P1050335 Durchfahrt verboten

(Hamburg Hafen Fotos: E. Reichow 21. November 2015)

Belebte Jahre

Das gestrige Treffen In Köln („Gilden im Zims„) förderte Erinnerungen und reale Bilder zutage. Rätselraten, von wann genau dies unten wiedergegebene Foto stammt, – Probe fürs Folkfestival am Kölner Dom Anfang der 80er Jahre. Ich werde es zunächst hier ablegen, vielleicht ergänzen, auch ein paar Links zu youtube-Funden aus jenen Jahren anlegen. Eine Wiederbegegnung kürzlich: Jochen Wiegandt, der bei der Trauerfeier für Helmut Schmidt am vergangenen Montag (23. November) das plattdeutsche Lied „Min Jehann“ sang, war auch bei einem der ersten WDR-Folkfestivals mit der Gruppe Liederjan zu Gast.

Folkfestival 80er (Foto:WDR)

Neben mir (Hand am Kinn) steht Dr. Werner Fuhr (der im vergangenen Monat pensioniert wurde), weiter hinten die Tonmeister-Adepten Martin Frobeen (hier schon in Amt und Würden) und Günther Wollersheim. Vorne rechts, sitzend (mit erhobenem Arm), der Fernseh-Regisseur Armin Maiwald, der das Festival mehrfach betreute, was in seiner Wikipedia-Biographie unerwähnt bleibt. Bei Bettina Böttinger (hier) ist immerhin nachzulesen, dass sie das Festival 1986 bis 1991 moderiert hat.

Dick Gaughan WDR Folkfestival Domplatz Klick hier!

Oben: Dick Gaughan / Unten: June Tabor (Screenshots)

June Tabor 1990 Klick hier!

Plakat von Heinz Edelmann: nicht immer haben uns die Motive, auf die es keinen Einfluss gab, glücklich gemacht. Aber es waren zweifellos „Eyecatcher“.

Folkfestival 82 (Edelmann/WDR)

Folkfestival 97 a

Folkfestival 97 b

Die Hauszeitschrift des WDR (Text: Peter Lüdecke) würdigte 1997 das Folkfestival, das im 22. Jahr seiner Existenz zum ersten Mal „Weltmusikfestival“ hieß, und prompt erschien das Wort „Volksmusik“ in der Bedeutung, wie wir sie immer verstanden hatten. Zu Gast u.a. die rumänische „Fanfara Ciocârlia“, die hiermit ihre Weltkarriere begann und in Kürze ein Doppeljahrzehnt öffentlicher Präsenz feiert. Dazu hätte ich auch noch eine Geschichte zu erzählen (folgt ein andermal).

Mehr über Ciocârlia heute bei Asphalt Tango Productions HIER. Noch besser – mit Musik – HIER.