Delacroix Farbenmusik

Chopin, Salon und Konversation

Zur Aufmunterung: Live (und als „Konserve“ hier) – und Artur Rubinstein hier.

Was den Stein ins Rollen brachte:

Siehe auch hier. Und hier (nach Kleist-Abschnitt).

ZITAT

Zu Chopins Zeit wurden in Paris etwa 850 Salons geführt, halb private, in großen Häusern übliche Zusammenkünfte von Freunden und Kunstsinnigen, die sich mit gewisser Regelmäßigkeit, wöchentlich oder monatlich, zum Abendessen, Gesprächen und Musik trafen. Wer in diesen Zirkeln der Pariser Großbürger verkehrte, der hatte es zu gesellschaftlicher Reputation gebracht. Am wohlsten dürfte sich Chopin in den Künstlersalons gefühlt haben, wo er unter seinesgleichen verkehrte und Musizieren und Gedankenaustausch intellektuelles Niveau sicherten.

Quelle Wikipedia Chopin hier

  … ein kleines, neues, übersichtliches, anspruchsvolles und (trotz allem) praktisch anregendes Buch:  Thomas Kabisch „Chopins Klaviermusik. Ein musikalischer Werkführer.“ C.H.Beck München 2021 128 Seiten. ca. 10,00 €

Eine Vorbemerkung oder sogar Vorwarnung erweist sich jedoch als notwendig: Es gibt kein einziges Notenbeispiel im Buch, wodurch die Lektüre keineswegs erleichtert wird: es ist ganz unmöglich, die Analysen zu verstehen, ohne sie Takt für Takt im Notentext dingfest zu machen. Das ist eine schwere Arbeit, für Laien wohl überhaupt nicht zu leisten. Und ich kann im Augenblick auch für mich nicht entscheiden, ob sich das Unterfangen lohnt. Es ist die Übertragung in ein anderes Denken, das sicherlich auf einer abstrakten Ebene „Sinn macht“, das ich mir aber selbst erst wieder in eine Sprache zurückübertragen müsste, die ich als musikalisch empfinden könnte. Am Ende wäre ich gewiss reicher, würde aber keinem Pianisten je diese Art von Studium zumuten. Ich vermute, dass Chopin selbst den Kopf schütteln würde. (Sobald ich Zeit habe, werde ich die Ausführungen über die Klavierkonzerte im Detail es geht nur um Abschnitte der ersten Sätze! – untersuchen und synchron immer wieder mit den klingenden Ereignissen vergleichen; vielleicht ändert sich meine Meinung. Dann werde ich mit öffentlichen Selbstvorwürfen nicht sparen.)

Und noch einmal Kunst, Farben und alles was Chopin betrifft…

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Im folgenden Text ab Mitte „Die Romantik und alles…“ bis auf nächste Seite „…Zeit und Ewigkeit so eins wie hier.“

Quelle René Huyghe: DELACROIX Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1967

Seite 257

Denn auf der einen Seite sieht sich der Mensch gleich der Barke Don Juans in der Endlosigkeit des Ozeans ausgesetzt, der sein Spiel mit ihm treibt und ihn in die Tiefe zieht, wo alle Leidenschaften über ihm zusammenschlagen. Baudelaire hatte sich eines ähnlichen Bildes bedient:

Und meine Seele trieb, hinfällige Gabarre, haltlos auf grausig- unbegrenztem Meer.

Les Fleurs du Mal (Fischer 1962 S.148ff)

Die Barke Don Juans 1839, Salon von 1841

Chopin, gesehen von Delacroix

Soeben erreicht mich auf wundersame Weise folgende Abhandlung (versehen mit dem Hinweis: 110 Minuten Lesedauer ♥ ) :

Philipp Teriete
Frédéric Chopins Méthode de Piano: eine Rekonstruktion –
Zur Ausbildung der »Pianistes Compositeurs« des
19. Jahrhunderts

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Thomas Kabisch:

Verhängnisvoll ist ein Fehler auf Seite 26, wo zweimal die Mazurka op.33 Nr.4 genannt wird, so dass man eine Weile im Dunkeln tappt: denn das erste Mal ist die Mazurka op.33 Nr.2 (!) gemeint, man merkt es nur nicht gleich, weil die Taktzahl-Angaben in beiden Fällen sinnvoll wirken; denn die bezeichneten Abschnitte beginnen in beiden Mazurken „zufällig“ an denselben Punkten, z.B. Takt 49 und Takt 65. Ärgerlich.

Zugleich hatte ich mich aufgrund des Kabisch-Hinweises (Seite 28) auf die Suche nach der empfohlenen Horowitz-Wiedergabe der Mazurka h-moll op.33 Nr.4 begeben (der Youtube-Link gilt nicht mehr). Man schaue stattdessen hier  beim Klavierabend (1987) „Vladimir Horowitz. Goldener Saal, Wiener Musikverein“, man kann dort die Mazurka 33,4 direkt anklicken oder auf 1:08:10 gehen (bis 1:12:57). Wer will, kann versuchen, sich mit Hilfe der obigen Analyse zu orientieren; oder sich auf den Fragesatz zurückziehen, den ich rot markiert habe, :

Die musikalische Analyse erweist das klangliche Minimum der Mazurka als denjenigen Punkt, an dem sie die größte Fülle musikalischer Bedeutung erreicht. Doch was soll ein Ausführender mit dieser Auskunft anfangen?

Die Mazurka endet folgendermaßen:

Kein Zweifel: die Klavierkunst des alten Mannes ist bewundernswert. Es handelt sich um ein großes Live-Konzert! Uns geht es trotzdem nur um Chopin und diese eine Mazurka. In der vorletzten Zeile steht ein langes Diminuendo, aber kein stringendo. Und woher nimmt Horowitz das fortissimo des letzten Taktes? In einer Kopie von Fontana steht dort – ohne dynamische Angabe (!) – das Wort risvegliato (aufgewacht), Rubinstein schläft ebenfalls nicht ein, er erwacht aber auch nicht spektakulär, effekthaschend, sondern – sagen wir – mit einem innigen Abschiedsgruß.

Nebenbei: Arturo Benedetti Michelangeli (1971) entscheidet sich – wie Horowitz – für ein „Machtwort“ am Schluss. Ich finde es nicht angebracht: nach 5 Takten diminuendo, 6 Takten provokativer (?), resignativer (?) Stagnation auf dem Quintfall g – c (C-dur-Nachklang) wird der Ton C bei einem letzten, weiteren Quintfall akzentuiert, „weil“ er zum letzten Mal kommen soll, dabei umgedeutet wird in einen „Neapolitaner“ von h-moll und mit einer entsprechenden h-moll-Kadenz beantwortet. Eher zärtlich als triumphal. Man vergleiche diesen allerletzten Takt (rhythmische Reminiszenz der 5 wiederholten Takte diminuendo) mit ähnlichen Übergangstakten an anderen Formanschnitten (vor Takt 69 – s.o. aufliegend in den Youtube-Noten, und vor Takt 113) : man erwartet vielleicht wieder ein „gesundes“ forte, aber gerade das dürfte am finalen Ende nicht kommen, ob risvegliato oder nicht. (Rubinstein hat recht! – falls man hier noch rechthaben will…)

Nochmals nebenbei: finde ich verfehlt, ausgerechnet Friedrich Gulda als Chopin-Pianisten zu bemühen, wie es Kabisch tut (ab Seite 109), nur weil es frühe Aufnahmen davon gibt. (Der angegebenen Link funktioniert allerdings gar nicht, siehe notfalls hier.)

Es sind ein paar ideologische Momente, die mich beim Lesen der Analysen irritieren und – fast möchte ich sagen – ein bisschen (fast) rühren. 1 die Tendenz, Chopin um jeden Preis der Moderne zuordnen zu wollen, was damit beginnt, dass der Fremdwortgebrauch mindestens mit dem Theodor W. Adornos wetteifern kann. 2 dass man bewusste Folklore-Reminiszenzen gern mit dem Wort „Trällern“  abwertet, 3 lieber von Intervallen spricht als von emotionalen Charakteristiken und die Reduktion auf Minimalismen begrüßt, besonders wenn man sie auf Boulez beziehen kann, 4 dass man sich (etwa in den Klavierkonzerten und den Impromptus) auf die Sinngebung des Ornamentalen anhand partieller Formteile capriziert, da dies offenbar einer Rechtfertigung bedarf.

Der geformte Einzelton zeigt sich, wenn bunt massenwirksame Dramaturgie ausgeschlossen ist, als Kern der Musik. Musik ist Bestimmung des Einzeltons, und der bestimmte Einzelton ist Musik. (Seite 12)

Aber das ist nicht alles, der Rahmen bleibt ungeheuer:

Einerseits Kalkbrenner („Usancen des Virtuosentums“), andererseits Bach (der „Schöpfer einer großen Vielfalt satztechnischer Zustandsformen, die durch kontrapunktisches Denken auch dort geprägt sind, wo auf der Oberfläche eine harmonische Progression oder die Außenstimmen dominieren“). Seite 87

Nachwort 26.01.22

Angesichts des Titels, den ich bei der Planung dieses Artikels voreilig gespeichert hatte, befürchte ich, falsche Erwartungen geweckt zu haben. Zwar würde ich viel geben, Näheres über die Gespräche zwischen Chopin und Delacroix zu erfahren, Nachschriften, Gedächtnisprotokolle. Ich habe auch immer mal über das Novalis-Wort nachgedacht, dass die Ästhetik der einen Kunst auch die der anderen ist, weil es offenbar für Schumann wichtig war. Aber ich habe es nie für richtig gehalten. Das umfangreiche Buch mit dem entsprechenden Titel habe ich nie gründlich durchgeschaut. Ich gehe gern in Ausstellungen, vertiefe mich in Kataloge und „Bilderbücher“, lese interessiert Analysen wie die von Horst Bredekamp oder Kia Vahland, aber nie, wenn ich eine Ausstellung wie die in Düsseldorf mit Bildern von Zurbaran oder Edvard Munch sehe, und zwar gründlich und langsam, wenn auch nicht fachkundig, – nie höre ich innerlich dabei Musik oder denke auch nur an musikalische Vorgänge. Während ich glaube (und in Einzelfällen auch weiß), dass Künstler beim Malen von Klängen inspiriert sind. Deshalb will ich nicht versäumen, auf dieses Werk hinzuweisen, das mir ein gut befreundeter Musiker vor rund 40 Jahren geschenkt hat. Gründe genug, es täglich zu Rate zu ziehen. Das sagt sich leicht, es hat nie längere Zeit aufgeschlagen auf meinem Tisch gelegen. Es könnte daran gelegen haben, dass darin für die Musik Grete Wehmeyer zuständig zu sein schien, die schon in frühen Jahren eine originelle „Nachtmusik im WDR“ über Satie gemacht hat und der ich des öfteren im Kreis um Kevin Volans begegnete; dieser war es auch, der mir die Perlenkunst der Volkskunst in Lesotho nahebrachte, und ähnliche Strukturen wohl auch in seiner Musik realisierte. Aber G.W. war mir endgültig suspekt durch ihren Einsatz für eine neue (krampfhafte) Verlangsamung in der klassischen Musik. Ich erinnere mich an die Nachtmusik-Plakate von Heinz Edelmann, an seine zuweilen sehr sonderbaren Motive der Folkfestival-Werbung  („Brot für die Welt“). Dennoch hätten mich ja wenigstens Namen wie Hans-Heinz Stuckenschmidt oder die WDR-Kollegin Dorothee Eberlein bewegen müssen. Nichts. Meine Schuld. Auch jetzt der Entschluss, das Inhaltsverzeichnis neben die Veranstaltung von 1981 zu legen

 

ISBN 3-7913-0727-4