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Das Jahr Tausend

Unsere große Zäsur (s.a. hier)

Anlässlich der Lektüre von „Kunst und Schönheit im Mittelalter“ (Umberto Eco)

Eco Schönheit Cover Titelbild: Lukas-Madonna

ZITAT

Zwischen dem Text des Hilduin und dem des Johannes Saracenus – schreibt [Edgar] De Bruyne – liegt eine Welt.  Und das ist nicht nur eine Welt der Lehre, eine Welt des vertieften Verständnisses für den Text des Dionysius [s.a. hier]. Zwischen Hilduin und dem Saracenus liegen das Ende der barbarischen Jahrhunderte, die karolingische Wiedergeburt, der Humanismus von Alkuin und Hrabanus Maurus, die Überwindung der Schrecken des Jahres Tausend, ein neuer Sinn für die Positivität des Lebens, die Entwicklung vom Feudalismus zu den Stadtkulturen, die ersten Kreuzzüge, die neue Freiheit für den Verkehr, die Romanik und die großen Pilgerzüge nach Santiago de Compostela, die erste Blüte der Gotik. Die Sensibilität für den ästhetischen Wert entwickelt sich gleichzeitig mit einer Ausweitung der irdischen Horizonte und zugleich mit dem Versuch, die neue Weltsicht im Rahmen eines theologischen Lehrgebäudes zu systematisieren.

Zwischen Hilduin  und dem Saracenus kommt es bereits in unterschiedlicher Weise zur impliziten Einordnung des Schönen unter die Transzendentalien, so etwa bei Otloh von St. Emmeran, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts das Grundmerkmal des Schönen, die consonantia, jeder Kreatur zuschreibt: consonantia ergo habetur in omni creatura, die Harmonie findet man in jedem Geschöpft (Dialogus de tribus quaestionibus, PL 146, c.120).

Auf dieser Linie bilden sich dann (wie wir später sehen werden) die verschiedenen Theorien von der kosmischen Ordnung und der musikalischen Struktur des Universums heraus. Das 13. Jahrhundert schließlich denkt mittels des in Untersuchungen wie beispielsweise der des Kanzlers Philipp erarbeiteten terminologischen Instrumentariums mit Akribie und Eifer über präzise Kategorien und ihre Beziehungen nach.

Quelle Umberto Eco: Kunst und Schönheit im Mittelalter / (S.40) / Deutscher Taschenbuch Verlag München 6. Auflage 2004 (Carl Hanser 1991) Deutsch von Günter Memmert

Warum dieses Buch und dieses Kapitel? Und von letzterem dann im Buch zurückschreitend. Jahrelang hat es unbeachtet bei mir gelegen, ich fand es viel zu spröde und hätte niemandem widersprochen, der es langweilig genannt hätte. Jetzt ist alles anders, weil ich Georges Duby gelesen habe, der die Sprache der Begeisterung schreibt. Ich musste einiges memorieren, z.B. dies (Aus der Frühzeit des Christlichen Abendlandes) und das, auch die schon in den Text eingefügten Links. Also: es muss sich erst der größere Zusammenhang ergeben. Diese seltsame Schlüsselfigur des Pseudo-Dionysios und seine Geschichte…

Dionysios Hosios_Loukas_(diakonikon,_arch)_-_Dionysius_Areopagite (Quelle Wikipedia)

Shitstorm im Internet

Gern konstatiere ich, wenn ich mal wieder beim Durchblättern einer Zeitung sagen kann: für diesen einen Artikel hat sich der Erwerb des Blattes gelohnt. Vor allem, wenn er echte Aufklärungsarbeit leistet. In diesem Fall handelt es sich um das Interview der ZEIT mit Umberto Eco aus Anlass seines neuen Romanes, der in einer Zeit spielt, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte.

Umberto Eco:

Im Internet kursiert eine Flut von Falschmeldungen, die ebenso groß ist wie die der Fakten. Was fehlt, ist eine vernünftiger Filter. Ich weiß nicht, ob Sie die Diskussion um die Schwachköpfe verfolgt haben (…)

…das war nach einer Vorlesung an der Uni. Pressekonferenzen sind das Gefährlichste, was man tun kann, es gibt tausend Fragen , man antwortet, so gut man kann, und dann macht jeder daraus, was er will. Die Frage lautete in etwa: Glauben Sie nicht, dass die Sozialen Netzwerke im Internet einen Haufen Schwachsinn verbreiten? Ich sagte, für mich ist die Sache ganz einfach: Bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden gibt es einen entsprechenden Prozentsatz Schwachköpfe. Das sind nicht unbedingt Spinner, es reicht ein Ahnungsloser, der sich über internationale Politik auslässt, oder jemand, der ohne Sachverstand über die Steuerpolitik herzieht. Früher einmal standen diese Schwachköpfe leicht beschwipst am Tresen und gaben ihren Schwachsinn zum Besten, die anderen lachten darüber, und die Sache war erledigt. Heute tummeln sie sich im Netz. Sie glauben nicht, was für einen Schwachsinnigen-Aufstand meine Antwort ausgelöst hat!

ZEIT: Einen sogenannten Shitstorm…

ECO: …ja, aber viele haben mir auch recht gegeben. Womit wir wieder beim Problem mit dem Filter wären: Wie filtern wir Nachrichten im Netz? Mein Vorschlag lautete: Wieso werden Websites nicht ebenso rezensiert wie Bücher oder Filme? Das hat natürlich wieder für eine Welle der Entrüstung gesorgt, das Internet sei viel zu groß, man können nicht alles rezensieren, außerdem wäre es nicht demokratisch, und die jungen Leute würden sich heutzutage sowieso nur noch übers Internet informieren und keine Zeitung mehr lesen.

Quelle DIE ZEIT 24. September 2015 Seite 45 „Italien ist immer ein rechtes Land gewesen“ Bestseller-Autor Umberto Eco über seinen neuen Roman „Nullnummer“, die anhaltende Wirkung Berlusconis und die Macht von Verleumdung und Verschwörungstheorien (Interview: Giovanni di Lorenzo).

Gelohnt hat sich die Lektüre nicht wegen dieses kurzen Ausschnitts, den auch viele andere Zeitgenossen so oder so ähnlich formuliert haben könnten, sondern durch den erhellenden Gesamtzusammenhang, insbesondere den Berlusconi-Aspekt:

„Berlusconi hat die Macht, die Wahrheit zu kaufen“ – „Besser eine gekaufte Wahrheit als eine beängstigende.“ (… sagt der kleine Buchhalter aus der lombardischen Provinz, für den das überaus beruhigend ist…) „Berlusconi hat keine Terrordiktatur geführt.“

Das ist ja schon mal etwas!