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Feldforschung im Himalaya

Vorhergehende Artikel zum Thema in diesem Blog:  hier und hier.

Seit heute NEU (eigentlich nur eine Irritation):

Ein Gespräch mit dem Ethnologen Michael Oppitz

WDR 5 Tischgespräch | 30.01.2019 | 51:17 Min.

Der Ethnologe Michael Oppitz begann seine Arbeit bei den Bergvölkern im Himalaya. „Sich die Hände schmutzig machen“ gehörte für ihn immer dazu – auch später als Professor in Zürich und als Leiter des dortigen Völkerkundemuseums. – Moderation: Maria Ott

Ab 8:25

OTT: Was war Ihre Idee, was wollten Sie machen, als Sie anfingen zu studieren?

OPPITZ: Also, ich bin an die Kölner Universität gegangen, nach der Schule, und dann wollte ich mich anmelden, und dann haben die gesagt: was willst du denn studieren, dann habe ich gesagt, na, studieren will ich. Ich wusste überhaupt nicht, dass man etwas studiert. Sondern ich wusste überhaupt nur, dass man studiert. OTT: Sie haben so den Begriff des Studium generale im Sinn gehabt. OPPITZ: Universales Interesse, ohne besondere Begabung wie ich einer bin, interessiert man sich dann schnell für vieles. Irgendwann musste ich dann ja fertig werden, und dann habe ich bei einem Soziologen, bei René König promoviert. Bei dem habe ich eine theoretische Arbeit über die Geschichte der Anthropologie geschrieben, weil mir die dortigen Ethnologen nicht zugesagt haben.(9:30)

OTT: Gehen wir zurück zu dem Moment, als Sie 22jährig im Himalaya beeindruckt waren, was Sie vorgefunden haben.

OPPITZ Das hat bewirkt als erstes, dass ich festgestellt habe, dass – egal wo man ist – nicht darauf ankommt, irgendwelchen Eliten nachzulaufen oder irgendwelchen städtischen Intellektuellen, sondern dass jeder Kartoffelbauer ein Universum ist. Und dass jeder Kartoffelbauer genau so interessant ist zu erforschen wie, was weiß ich, ein berühmter Nobelpreisträger. Das hab ich da gelernt. Den Leuten zuzuhören, zu sehen, was deren Welt ist, wie sie sich in ihrem Leben durchschlagen, oder durchdenken, oder beides, und das hat mich sozusagen dahin gebracht, mit Gesellschaften mich auseinanderzusetzen, die nicht auf der Landkarte verzeichnet sind, unbekannte kleine Gruppen, Gesellschaften ohne Schrift.

OTT Das ist Ihr Lebensthema geblieben, und ich habe Ihren Film gesehen „Schamanen im blinden Land“, und der dauert fast vier Stunden, stammt aus dem Jahre 1980, im Hintergrund sieht man immer die Landschaft zwischen Dhaulagiri bis zum Kantchenjunga , und dieser Film zeigt, wie Schamanen arbeiten, wie Séancen vonstatten gehen, da sind Sie ganz tief eingestiegen.

OPPITZ Ja, das hat mich ja auch etliche Jahre an Zeit gekostet, den zu machen. Bevor ich den Film gemacht habe, habe ich ja schon ein Jahr Feldforschung hinter mir gehabt und hab keine Kamera angemacht. Und dann haben wir in anderthalb Jahren oder zwei Jahren Arbeit sozusagen die Filmarbeit vorangetrieben, was also, heutzutage würde man sagen, unglaublicher Luxus (ist), und dann die ganze Nachproduktion usw. also alles in allem hat der Film fünf Jahre gedauert. Und es ist eigentlich mein einziger Film geblieben.

OTT Sie waren ganz nah am Außergewöhnlichen, und ich habe diesen Film in diesem Museum gesehen, und da waren nicht wenige Leute, die ebenso wie ich die ganzen vier Stunden durchgehalten haben. Er zieht einen in den Bann. Was glauben Sie, woher das kommt?

OPPITZ Ich glaube, das hat mit mehreren Sachen zu tun. Der Film lässt sich Zeit, einige Grundideen, die er verfolgt, dass die sich entfalten können. Eine davon ist zum Beispiel die, – und zwar ist das ja nicht eine Erfindung von mir, sondern ein Feststellung von mir innerhalb dieser Gesellschaft, bei der ich den Film gedreht habe, bei den Magar, nämlich dass sie ein alltägliches Leben leben, das sehr stark von den Mythen her beeinflusst ist. Und so wollte ich einen Film machen, der das wiedergibt.Das heißt, der Film selbst ist ein Mythos. Eine mythische Geschichte, die den Alltag des Lebens in direkter Beziehung zu den Mythen vorführt.

OTT Was für Mythen meinen Sie?

OPPITZ Das sind Ursprungsmythen, das sind die Mythen der dortigen Schamanen. Die haben einen riesiges, ein gigantisches Repertoire oraler Tradition, die aber nur zur Vorführung kommen innerhalb der Rituale.

OTT Warum haben die Sie dabeisein lassen und filmen lassen.

OPPITZ Weil sie sich gefreut haben, dass jemand so wie ein närrischer Verrückter so Interesse an den Sachen hat … und sie natürlich auch wissen, was sie haben, nämlich tolle orale Literatur.

OTT Was haben Sie über die Bergvölker auf diese Weise herausgekriegt? (Na ja…) Was ist ein Schamane?

OPPITZ Man könnte sie als Glaubensheiler bezeichnen, man kann sie auch als Barden bezeichnen, die mittels mythischer Gesänge versuchen, ihren Patienten – also sie sind Heiler, sie sind Ärzte, könnte man sagen, die aber nicht mit unseren Methoden der Heilung arbeiten, sondern eben mittels Geschichten, die sie ihnen vorsingen oder die ihnen vorgegeben sind in den Ursprungsgeschichten. Und dass sie die Figuren dieser Mythen annehmen und gleichzeitig sie, wenn es sein muss, auch wieder ablegen, sie gewissermaßen als nicht sie selbst sehen.

OTT Also befreien von bösen, von schädlichen Geistern, wenn man z.B. ein Unglück erlebt hat kann man auf diese Weise wieder davon geheilt und befreit werden (Ja).

OPPITZ Ich geben Ihnen ein Beispiel. (14:55) Wenn eine Frau ihr Kind nicht zur Welt bringen kann, 9 Monate oder 10 Monate oder was, dann geht sie zu dem Schamanen hin und bittet um eine Séance. Und in der Séance wird ein Mythos vorgesungen,dieser Frau, aus der Ursprungszeit, in der eine Frau ist, die 9 oder 10 Monate lang schwanger ist und nicht gebären kann. Und dieser Mythos wird der schwangeren Frau von dem singenden Schamanen vorgetragen, und mit dieser Person identifiziert sie sich. Dann aber kommt das Kind zur Welt, und die Frau stirbt. Und das ist der Umschlagpunkt, da muss die Frau, die das erlebt, die das Kind zur Welt bringt, nein, ich bin nicht diese Frau aus dem Mythos, sondern ich bin eine, die leben will und die leben wird. Und das ist das Geheimnis des Gesanges, dass der Schamane ihr ein mythische Identität vorlegt, sie diese annimmt und wieder ablegt. Weil mythische Figuren allesamt immer Verbrecher sind.

OTT Was sagt der Soziologe? Eignet sich die Betrachtung solcher Riten, um Schlüsse zu ziehen über die Gesellschaft?

OPPITZ Ja, aber nicht über jede Gesellschaft, ja.

OTT Kann man das vergleichen? Es gibt ja auch bei uns Methoden, wie man sich befreit von Vorstellungen, Schwierigkeiten…

OPPITZ Ja, es gibt natürlich den Vergleich zur Psychoanalyse. Die Heilungsmethoden der Schamanen im Himalaya ähneln in gewisser Weise der psychoanalytischen Tätigkeit. Es geht immer letztenendes darum, die Ursachen eines Unglücks, einer Krankheit usw. einer Neurose oder was zu begreifen! Und – (Ott: etwas anderes aus ihr zu machen…) durch das Begreifen sie in die Hand nehmen zu können. Dieses Problem. Nun ist es so: bei uns geht es darum, dass man in der Analyse, in der Psychoanalyse seinen eigenen Mythos herstellt schafft den persönlichen unaustauschbaren Mythos von Frau Ott oder Michael Oppitz, ja?, und den dann akzeptiert. Dort geht es darum, eine mythische Figur, die bereits vorher existiert, aus der Urzeit, die anzunehmen und dann abzuwerfen.

OTT … haben Sie auch gemacht! Analyse, bei sich.

OPPITZ Ja! Meine Analyse habe ich in Bad Godesberg gemacht. (OTT: Bevor Sie die Schamanen…) Bei Curtius, bei dem berühmten Herrn Curtius …

OTT Bevor Sie die Schamanen kennenlernten oder danach?

OPPITZ Danach! OTT So dass Sie einen Vergleich haben. Warum haben Sie eine Analyse machen wollen?

OPPITZ Weil ich nicht mehr in unseren Städten klar kam. Ich war ja lange in den Bergen in Nepal, und ich hab dann in London gewohnt und in New York gewohnt und konnte mich nicht mehr richtig in den Städten bewegen, es war mir zu eng. Dann habe ich sehr unter dem Autoverkehr gelitten. Wenn Sie erstmal fünf Monate in der Bergen gelebt haben und dann runterkommen, dann bewegen Sie sich genauso wie die letzten Dörfler, die in die Hauptstadt kommen, wie ein hilfloses Menschlein. Und da hab ich sehr drunter gelitten, und dieses Leiden wollte ich loswerden.

OTT Also Sie sind das Leiden losgeworden… OPPITZ zu einem guten Teil, sagen wir mal, keiner wird alles los, jeder hat sein Kreuz.

OTT Hat Ihnen das gefallen (ja!), dieser analytische Prozess?

OPPITZ Ja, es hat mir sehr gefallen, vor allem hat es auch meinem Analytiker gefallen. Der war sehr traurig, als ich dann irgendwann genug davon hatte. (OTT: der fand, Sie haben interessante Dinge erzählt, offenbar.) Naja, ich hab für den auch fleißig erfunden. He? (Ja?) Ja, klar!

OTT Sie hören das Tischgespräch auf WDR5, heute mit dem Ethnologen Michael Oppitz. (19:24)

[Teil-Abschrift 31.01.19 JR]

Was mich irritiert: wieviel Gesprächsbedarf nicht befriedigt wird. Wie kann man den Satz, dass mythische Figuren immer Verbrecher sind, so auf sich beruhen lassen? Ohne Nachfrage. Es ist nur ein Beispiel. Überall wo es interessant werden könnte, biegt die Gesprächsführung ab. Vielleicht gerade deshalb aufschlussreich, was man dem Medium heute zutraut.