Schlagwort-Archiv: Aby Warburg

Wer war Aby Warburg?

Mnemosyne

und die Göttin Mnemosyne

Erster Zugang: Hier (im Rahmen von „Das Neue Alphabeth“)

hier

Begleitlektüre:

Der Bildatlas Mnemosyne (Wikipedia) hier Aby Warburg (Wikipedia) hier

HKM Haus der Kulturen der Welt in Berlin das Projekt Mnemosyne HIER

TEXT HDK:

In den 1920er Jahren entwickelte der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866–1929) seinen Bilderatlas Mnemosyne, der wiederkehrende visuelle Themen und Muster von der Antike über die Renaissance bis zur Gegenwartskultur nachzeichnet. Sein Ansatz ist Inspiration für die visuell und digital dominierte Welt von heute. Das HKW präsentiert alle 63 Tafeln des Atlas – erstmals wiederhergestellt mit Warburgs originalem Bildmaterial. Die Ausstellung ist nun als 3D-Rundgang verfügbar, ebenso wie „Zwischen Kosmos und Pathos“, die Ausstellung der Gemäldegalerie, die Kunstwerke von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Neuzeit zeigt, die Warburg als Vorlagen seiner enzyklopädischen Bildersammlung dienten.

nochmals: HIER klicken und runterscrollen zu den Videos der Episoden „Befragung des Atlas“ u.a. /z.B. Episode 1 insbesondere Erhard Schüttpelz zur Pathos-Formel der Renaissance bei 12:38 „Si vis me flere dolendum est primum ipse tibi“ (Horaz) siehe hier im Nachtrag. Oder „ut moveamur ipsi“ (Quintilian VI, 2,26) siehe hier. (Zugegeben: der Mann spricht undeutlich, Effekt: man passt besser auf…)

KOSMOS≠P?SYCHE 10:05 …in früheren Zeitaltern – und dieser Moment ist leider verpasst worden, wenn man die Mnemosyne nicht so kennt, westlicher Marxist als ein Projekt bürgerlicher Mythologie, der Aufsatz ist nicht geschrieben worden in den 70er Jahren ??? das ist die eine Antwort, die andere wäre psychoanalytisch. Was geschieht psychoanalytisch mit der Angst, wie auch mit der Fassung dieser phobischen Kräfte, die schlagen sich ja in der Mnemosyne nieder. Das wichtigste begriffliche Korsett hängt zusammen mit dem Wort ‚greifen‘.  Begreifen, ergreifen, begriffen, auch bis zum kannibalischen Ergriffensein, oder sich von Griffen lösen, also sich von dem Zugepackten, aus dem Griff wirklich zu lösen, das scheint ihn am meisten zu faszinieren. So fängt dan auch – nicht die ABC-Reihe, sondern die Tafeln 1,2,3 an, 11:10  die eigentlichen Bewegungsbilder kommen ja danach. Und die spielen ja bis zur Tafel ultimo mit diesem Griff. Das ist auch in den Fragmenten der Ausdruckskunde da in Arizona letztenendes das Motiv, das alles zusammenhält. Aber diese Kosmogramme sind nicht die Begründungsleistung, die man eigentlich erwarten sollte, die kommt dann erst mit den bewegten Bildern, also den Bewegingsbildern, MOVERE, also den Leidenschaften danach. 11:46 Pathos und Pathosformel … ein realistischer Ausdruck für das, was die Renaissance getan hat, weil die Kunsttheorie der Renaisssance ist Rhetorik. Es geht da um Leidenschaften, – aber technisch. Durch die technische Kunst sowohl in der Musik, wie in der Literatur und der Bildenden Kunst, und die ist ganz einfach gefasst als „Wenn du Menschen leidenschaftlich berühren willst, so musst du leidenschaftlich sein.“ Aber das ist eine technische Kunst. „Si vis me flere dolendum est primum ipsi tibi“ oder „ut moveamur tibi“, d.h. du musst selber betroffen sein, aber das ist ein technischer Vorgang, nichts Individuelles. Es geht nicht um individuelles Schicksal, es geht nicht um individuelle Gefühle, es geht um das, was alle verstehen als Schatz der ganzen Menschheit, und deswegen äußert sich das in Formen. Somit auch in Gesten. D.h. die Mnemosyne ist hervorgegangen aus Bildtafeln, in denen er (Aby Warburg) versucht hat, diese elementaren Formeln der Leidenschaft aus der Antike durch die Renaissance in die Moderne nachzuvollziehen. Und die wichtigste Kombination, die, wie auch Gombrich (hier bitte lesen JR) und andere beschrieben haben, mit seinem eigenen Dasein zusammenhängt, ist die zwischen Depression, Burnout, und ekstatischer Bewegung, Nymphe und trauernder Flussgott (so hat das Gombrich genannt). Diese Kombination zieht sich auch durch die ganze Ausstellung, es geht immer um diese Polarität. Diese Polarität ist auch universell menschlich, sie ist aber auch letztendlich in Europa, auch in den europäischen Kolonien und ganz extrem geprägt worden als eine rhetorische Figur, die man durch Predigten, durch Bilder, durch die Musik usw. auch schaffen kann. 13:50

Empfehlenswert auch: Angebot der „Visual Tour“…

Mein erster Ansatz 1995 (mit Hinweis auf Cassirer u. die Philosophie der symbolischen Formen):

Thomas Meyer: Ernst Cassirer / Ellert & Richter Verlag Hamburg 2006 ISBN 10-3-8319-0217-8 / Darin ausführlich über die „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ Seite 98ff

Inzwischen ist der Katalog (Verlag Walther Koenig Köln) eingetroffen, dank Amazon rasend schnell, für 11,50 € (glaube ich), also eine Übersicht dessen, was ich im vergangenen Jahr live in Bonn versäumt habe, hier wenigstens im Bild:

Besonders interessant: die Karte zu den mutmaßlichen Wanderstraßen der Kultur, sozusagen Aby Warburgs Interessengebiet, das sich mit dem „Schlangenritual“ nach Amerika ausdehnte.

Die obigen Karten bilden ein Ganzes (sie müssen nebeneinanderliegen).

Fragment aus dem einleitenden Essay von Eva Kraus, Intendantin der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn. Mich fasziniert der Hinweis auf Warburgs „interdisziplinäres Denken, aus dem die als ‚Ikonologie‘ bezeichnete kunstwissenschaftliche Methode hervorging“. Genau das war es, was mich vor Jahren zum Kauf dieser Ikonographie bewog, ohne dass ich noch klare Vorstellungen hatte, wie sich das mit Leben füllen ließ.

 

Sabine Poeschel / ISBN 978-3-534-24545 -1 / Weiteres zum Inhalt

*     *     *

Merkwürdig, dass ich in den 60er Jahren das „Imaginäre Museum“ von André Maulraux mit Begeisterung las oder ohne zu lesen die Bilder betrachtete. Oder das noch radikaler interdisziplinäre Buch von John Berger über das Sehen: „Das Bild der Welt in der Bilderwelt“, darin Kapitel, die nur Bilder aneinanderreihen: „Unser oberstes Ziel war es, einen Prozeß des Fragens in Gang zu setzen“, hieß es in der Vorbemerkung. (Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg, August 1974). Im Kapitel 6 etwa wird es um Machtunterschiede, Sklaverei, Verführung, Reinheit gehen, diese Kombinationen erlauben keien kalt-formalistische Kunstbetrachtung, die das Auge des Betrachters ausklammert.

Merkwürdig also, dass ich die Augen gebrauchen lernte und begierig war, z.B. Erwin Panofsky zu verstehen, aber nicht auf Aby Warburgs Ideen stieß. In meinem Band der „Aufsätze zu Grundfragen der Kunstwissenschaft“ (1964) liegt immerhin eine Rezension zum 5. Band der Korrespondenz, FAZ 9.Juni 2011 von Wolfgang Kemp, darin folgender Passus:

Ich hatte mir dagegen aus dem späten Panofsky mit heimlichem Blick auf die Musik folgende Stelle vorgemerkt

Quelle Erwin Panofsky: Über das Verhältnis der Kunstgeschichte zur Kunsttheorie / in: Aufsätze zu Grundfragen der Kunstwissenschaft / Verlag Bruno Hessling Berlin 1964

*      *      *

Mir hat für die Musik wohl immer etwas Ähnliches vorgeschwebt wie das, was ich bei Warburg so  überwältigend vor Augen geführt sehe: wobei die Realisation nur in der Phantasie gelingen kann, weil Musik eben über den realen tönenden Verlauf zu uns spricht, und von uns nur im Nachhinein imaginiert, kombiniert und auf Tafeln des Gehörten visuell angeordnet und erlebt werden kann. Ich denke an die Kölner Geigenfestivals und an die Oboenfestivals „Das Schilfrohr tönt“, deren Landkarten noch Südindien, Ostasien oder Mittelafrika erfassen würden. Oder die Radiosendungen von der „Reise des Ohrs“  (hier eine Erinnerung). Auch eine Veranstaltung wie die folgende am 5. September 2010 in der Bundeskunsthalle in Bonn: hier. Aber man muss dabei die Musik als Zeitablauf in nuce „im Ohr“ haben, begreifbar oder wenigstens greifbar, wie im Artikel „Skala, Modus, Makam, Raga“, der dem heutigen voranging.

Nachtrag Weltbezug „Alles mit allem in Verbindung“ 17.11.2021

Wie der neue Bredekamp („Michelangelo“) sich auf Aby Warburg bezieht:

Siehe auch hier !

Der reine Klang in Doppelgestalt

Apropos Mozart und Haydn-Gebrüder

Man muss nur 2 Minuten der Adagios von Michael Haydn (Tr.5) und von Mozart (Tr.2) auf CD I hören, um zu ermessen, dass sie weltenweit voneinander entfernt sind. Im ersten der brave Basso continuo der Viola, die noch nicht zu sich selbst gekommen scheint. Und anschließend bei Mozart die Melodie-Wanderung von der Violine in die Viola und zurück, dann die gemeinsame überirdische Vision des Reichs der Harmonie und Modulation. Das ist so ergreifend und integrierend wie die Liebe, von der gesagt wurde,  sie „höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.“

(Ich weiß nicht, weshalb ich den Apostel Paulus zitieren musste. Man wird bei Mozart gern überschwänglich; und leider auch mystizistischer als angemessen. Das hat eine lange Vorgeschichte, siehe auch hier.)

Natürlich tut man Michael Haydn unrecht, sobald man Mozart gehört hat. Um so schöner die Geschichte von der Freundschaft der beiden und dass Mozart ihm zuliebe die beiden unglaublichen Duos geschrieben hat. Sie sollten die 4 Duos des anderen zur Sechszahl ergänzen, die vom Erzbischof in Auftrag gegeben worden waren; aufgrund plötzlicher Erkrankung bat Michael Haydn den Freund, ihm auszuhelfen. Eine Hilfe für die Ewigkeit! Und man sollte dies Adagio als erstes hören, um die „Leichtigkeit“ der anderen Mozart-Sätze wirklich ernst zu nehmen. Komponiert 1783, ein Schlüsseljahr, das man sich merken sollte, wie jenes, in dem Mozart mit dem „Hoffmeister-Quartett“ (1786) auf die Leistungen Joseph Haydns antwortete und dieser wiederum auf Mozart.

Aber diesen Mozart gab es eben auch nicht vor 1779, als er (nach der Paris-Reise) die Sinfonie concertante (KV 364) für Violine und Viola mit Orchester komponierte.

Zu den vielen Schönheiten des Werkes gehört […] gerade die Art, wie Mozart im Orchester auf die unterschiedlichen Soloinstrumente eingeht: bei gleichen Melodien wird die Bratsche von tiefen Streichern begleitet, die Violine von hohen ohne Baß. So wie sich die Soloinstrumente abwechseln, gibt es auch zwischen den Violinen und geteilten Bratschen des Orchesters einen subtilen Dialog, der sich zwischen den Bläserpaaren fortsetzt. Dies war Mozarts besonders feinsinnige Interpretation des Begriffs Sinfonia concertante.

Quelle Villa Musica hier.

Noch etwas sollte man in Betracht ziehen, und Sie wissen es spätestens seit Sie die zweite CD (s.o.) betrachtet haben: die Sechs Sonaten für Violine „mit Bratschenbegleitung“ von Joseph Haydn existierten schon (zwischen 1768 und 1773) und waren allen begeisterten Kammermusikern der Zeit bekannt. Und der Bookletschreiber der ersten CD (s.o.), Timothy Jones, geht darauf ein:

Die Vermutung scheint berechtigt, dass der Auftrag des Erzbischofs von dem Wunsch getragen war, wenigstens zu einem Teil, Joseph Haydns erfolgreichen Sonaten etwas gleichwertiges gegenüberzustellen. Gewiss kannte Michael Haydn die Duos seines älteren Bruders, und in gewisser Hinsicht basieren seine eigenen vier auf diesen. Auch sie sind im Wesentlichen Solosonaten für die Violine mit Bratschenbegleitung, beanspruchen die Technik der Musiker übermäßig und fordern vom Geiger, Kadenzen zu improvisieren. Aber im Vergleich zum Geist und zur Sparsamkeit in den Gesten und zum lakonischen Esprit von Josephs Sonaten, zeigen die von Michael eine brillantere, aber redseligere Virtuosität. Das ist besonders überzeugend in den langsamen Sätzen der Nr.1 in C und Nr.2 in D, wo ein Übermaß an Verzierungen das sie tragende Fundament zu überwältigen droht. Das ist Musik, bei welcher die Konzentration auf den Musiker oftmals Vorrang hat vor dem leitenden Geist des Komponisten. Aber die beiden Seiten werden vielfach in einem klugen Gleichgewicht gehalten, nicht zuletzt in den abschließenden Variationen der D-Dur-Sonate mit ihrer raffinierten Mischung von technischer und thematischer Abwechslung.

Quelle Channel Classics 32411 (2011) DUO SONATAS Booklet Timothy Jones (Seite 12) Siehe auch hier (man kann jeden Track anspielen, jeweils von Anfang).

Mit Blick auf die Duos siehe zu Mozart auch im Blog hier. Zu Michael Haydn hier. Zu Joseph Haydn hier.

*    *    *

Wieder eins der merkwürdigen, bipolaren Zusammentreffen, – das gestern georderte Buch ist schon in meiner Buchhandlung Jahn eingetroffen. Veranlassung war eine Rezension im Berliner Tagesspiegel, vermittelt durch JMR. Anknüpfend an den Reisebericht „Schlangenritual“, den ich seit 1995 immer mal wieder konsultiere.

 ISBN 978 3 8031 3685 5

ZITAT

Was „Polarität“ des Symbols für Warburg bedeutet, zeigt sich nirgends deutlicher als im Fall der Schlange: ein vollkommen zweiwertig besetztes Symbol, dessen Terme oder „Pole“ unvermittelt ineinander umschlagen können. Die Schlange ist Ausdruck tödlicher Gefahr – und sie ist „natürlichstes Symbol der Unsterblichkeit und der Wiedergeburt aus Krankheit und Todesnot“. Sie enthält in sich beide Möglichkeiten, und die Macht des Magiers entscheidet darüber, welche zum Zuge kommt (so wie die Macht des Interpreten über die Wirkung der Symbole entscheidet). Die beiden Möglichkeiten, für die das Schlangensymbol einsteht, Heilung und Vernichtung, hat Warburg in zwei komplementär angelegten Figuren verkörpert, diese in Gestalt des Laokoon, jene in der des Asklepios. Laokoon, der heidnische Priester, wird der tödlichen Gewalt der Schlangen nicht Herr und geht zugrunde; Asklepios, der „abgeklärteste antike Gott“, typologisch dem Erlösergott schon ganz nahe, weiß das Gift der Schlange als pharmakon, als Heilmittel, der leidenden Menschheit zuzuführen. Zugleich personifiziert Warburg in diesen beiden Gestalten zwei beherrschende Pole seines Denkens, die weite Teile des Werks und viele seiner Äußerungen strukturieren, den Agon und die Therapie, Kampf und Heilung.

Quelle Ulrich Raulff Nachwort (Zitat Seite 82) zu: Aby Warburg Schlangenritual Ein Reisebericht / Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1995 ISBN 3 8031 3031 X

Was mich aber in dem neuen Buch aufs neue elektrisiert, findet sich hier:

Siehe dazu weiter hier. (Wegen Florenz, und nebenbei auch wegen Marenzio, dessen CD – unabhängig von Aby Warburg! – endlich auf dem Weg zu mir ist. Die CD der Hochzeit 1589 dürfte jetzt noch folgen…

Warburg wurde zum Vertreter einer Kulturtheorie, die keinesfalls eine lineare Aufstiegslinie, sondern ein Sich-Durchdringen ungleichzeitiger Entwicklungsstände voraussetzt.

Quelle Bredekamp a.a.O. Seite 104

Wenn es nicht so wahnsinnig anspruchsvoll klänge, würde ich mit Rilke sagen: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Naja, – seit ich das Lieblingslied meiner Mutter nachsingen konnte: „Horch, was kommt von draußen rein“ und wusste, dass es traurig endete: „Wird’s wohl nicht gewesen sein“ oder noch schlimmer… Immerhin ein Tanzlied.

 s.a. hier Marenzios Figuren

Tr.4 Quando i vostri begl’occhi (Übersetzung: Susanne Lowien)

Jeder weiß, dass mit diesem Sterben „der kleine Tod“ gemeint ist.