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Wie ich Haydn unrecht tat

Die sogenannten Duos

Es ist vielleicht nicht unnütz, sich nicht nur Wissenswertes zu notieren, sondern auch zu beobachten, wie auf diese Weise die (hilfreiche) Selbsteinschätzung entsteht, dass das eigene „Wissen“ jederzeit erweiterungsfähig bleiben muss. Ohne sich in eine Schein-Depression zu flüchten, im Sinne von: ach, es hat ja doch alles keinen Zweck (mehr)! Umständliche Einleitung, jetzt das Biographische in aller Kürze: unser Quartett stagniert, nachdem der Bratscher ausgestiegen ist. Wie schon früher in Dürrezeiten durch Dvořáks Terzett (wenn das Cello fehlt), ernähren wir uns jetzt durch Violin-Duos. Jedenfalls der Primarius und ich. Weitere Möglichkeiten sollen sich erschließen, indem ich Bratsche übe, der Bedarf an Instrumenten ist leihweise gedeckt, wobei die Bratsche ganz rechts durch schiere Größe das Leben sauer macht (ganz links meine Geige, in der Mitte eine kaum viel größere Bratsche):

Mir ging es auf längere Sicht vor allem um Mozarts Duo KV 423. Zum Zeitvertreib hatten wir aus dem uralten Duo-Band zunächst Bériot geübt (gute Stücke, die Spaß machen), dann Spohr (wunderschön, aber doppelgrifftechnisch sehr schwer) und schließlich Haydn. Und der wird zum Problem, also vorzeitiger Umstieg auf Mozart.

 Sammelband aus alter Zeit

 HAYDN?

Natürlich interessiert uns das Original dieser Stücke, es gab noch keine Hobokennummern, aber schon die Opuszahl kann nicht stimmen (op.102 Nr.1), verleitet mich allerdings zu glauben, es sei ein Spätwerk. Oder aus einem Spätwerk compiliert. Meine immer festere Meinung: es kann kein „Haydn“ sein, – zu schlecht komponiert, – vielleicht ein Epigone? Ein peinlicher Fehler, der allerdings zu einer heilsamen Motivierung führt. Ich lege also die Sache nur vorläufig, aber nicht endgültig ad acta, sondern schreibe eines schönen Tages an das Haydn-Institut Köln. Gestern um 20:29 Uhr.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die beigefügte Violinstimme gehört zu einer Ausgabe von Haydn-Duetten, die ich nirgendwo in einem Werkverzeichnis finde.

In dem Sammelband, in dem sie sich befinden, sind sie handschriftlich als op. 102 bezeichnet. Soweit ich weiß, gibt es aber nur diese alte Ausgabe des Litolff-Verlages und das Werk ist weder mit gedruckter Quellenangabe versehen noch als  Bearbeitung gekennzeichnet.

Können Sie mir etwas darüber mitteilen?

Ehrlich gesagt, habe ich beim Durchspielen starke Zweifel an der Autorschaft Haydns. Vielleicht ist ihm das Werk untergeschoben?

Für eine klärende Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen,

Jan Reichow

Unglaublich aber wahr: die Antwort kam um 21:44 Uhr!

Sehr geehrter Herr Reichow,

es handelt sich um eine Bearbeitung von Haydns als „Opus 17“ bekannten Streichquartetten (Hob. III:25-30) für 2 Violinen, zuerst erschienen beim Verlag Simrock in Bonn mit den Platten-Nummern 272 (Heft 1) und 275 (Heft 2) unter der Opuszahl 102. Bei dem Ihnen vorliegenden Heft dürfte es sich um einen Nachdruck dieser Ausgabe handeln, dem Aussehen nach um zahlreiche Artikulationsanweisungen und Dynamik erweitert.

MIt bestem Gruß

Armin Raab

Ich bin völlig verblüfft. Habe ich mich nicht vor Jahren mal planmäßig mit der Gesamtaufnahme der Streichquartette (Auryn-Quartett TACET) beschäftigt?! Oder eher unsystematisch gleich mit den größten Produkten begonnen, op.54, op.64, op.74 und anderen? Ich lege op.17 auf und erkenne sofort den gleichen (parallelen) Musikverlauf im E-dur-Duo, aber das Beschämendste: von den ersten Takten an ist erkennbar, hörbar, dass es große Musik ist! Faszinierende Musik. In einem ruhigeren Tempo als wir dachten, liebevoll gespielt, wie alles vom Auryn-Quartett. Aber eben Streich-Quartett, das klingt von vornherein wie eine andere Welt…

Auch bei anderen Interpreten ist die Qualität der Musik sofort erkennbar:

Bis 4:25 kann man den obigen Duo-Noten folgen… dazu Musik ins externe Fenster hier.

 Bärenreiter dtv 1983

Ich kenne nichts Kompetenteres und zugleich so brillant Geschriebenes über Haydn als das, was ich in diesem Buch 1988 gelesen habe und jetzt wiederholen muss. (Ja, mir ist auch nicht die spätere Auseinandersetzung zwischen Charles Rosen und Lawrence Kramer entgangen, – die aber keinen der beiden im Wesentlichen beschädigt hat.)

   Rosen Inhalt

 Rosen 2 Seiten

Ein Link zum Haydn-Institut Köln und seinen neuen Publikationen: HIER.

*   *   *

ZITAT aus „Der klassische Stil“ (Rosen) Seite 83 zum Nachdenken:

Die Barockmelodie (wie auch die barocke Formstruktur) läßt sich fast unendlich verlängern. Keiner der drei großen Klassiker hätte eine auch nur entfernt so lange Melodie schreiben können, wie diejenige im langsamen Satz von Bachs ‚Italienischem Konzert‘

Über Zweistimmigkeit (Unterschied zwischen Invention und Duo), mit Bezug auf Rosen-Text:

Sind weniger als vier Stimmen vorhanden, dann muß eine der nicht-dissonierenden Stimmen vermittels eines Doppelgriffs oder durch die rasche Bewegung von Ton zu Ton zwei Dreiklangstöne spielen.

DENKBEISPIEL A Joh. Seb. Bach: Zweistimmige Invention Nr. 12 in A-moll, BWV 784. Ausführende: Janine Jansen (Violine) und Maxime Rysanov (Viola):

Dieselbe Aufnahme im externen Fenster hier, damit man sie in den unten wiedergegebenen Noten verfolgen kann.

Das Original ist natürlich für Clavier, die folgende Ausgabe aus meines Vaters Zeit jedoch alles andere als „historisch informiert“. Trotzdem sieht man, was nötig ist, um auch Mozart nicht ungerecht zu behandeln. Eine so dicht gearbeitete Zweistimmigkeit, wie bei Bach offenkundig, ist von Mozart im „Sonatensatz“ keinen Augenblick angestrebt. Das liegt auf der Hand. Ich will das an anderer Stelle eingehender behandeln und hier nur die ungemein instruktiven Seiten von Charles Rosen zu bedenken geben. Auch dazu ermutigen, den „Schablonen“ der Klassik ins Auge zu schauen.

  

DENKBEISPIEL B Wolfgang Amadé Mozart Duo für Violine und Viola in G-dur KV 423. Ausführende: Igor Oistrach (Violine), David Oistrach (Viola):

Dieselbe Aufnahme im externen Fenster abrufen, um sie dann (unten) in vergrößerten Noten verfolgen zu können: hier.

 Charles Rosen „Der klassische Stil“

Und um an das gerade im Scan-Text gegebene Musikbeispiel anzuknüpfen, folgt hier die ähnlich „konventionelle“ Schluss- und Übergangsphase aus der Sonate KV 545. Es ist genau diese Formelhaftigkeit, aus der die Funken der Durchführung sprühen; die Invention entspringt aus einer ganz ähnlichen Formel und auch das Duo KV 423 entfaltet sich aus einem Tonleiter- und Akkordspiel, das auch als bloßes Material täglicher Technikübungen hätte dienen könnte. Also setze ich vor die Sonaten-Kadenzformeln plus Übergang in die Durchführung auch noch die dritte Duo-Seite mit den entsprechenden Passagen vor und nach dem Doppelstrich.

 

*   *   *

Dieser (noch nicht abgeschlossene) Artikel ist dem Freund Hanns-Heinz Odenthal zu seinem runden Geburtstag gewidmet, mit Blick auf sein erfülltes, noch längst nicht abgeschlossenes Musikerleben…

 KV 423 in Arbeit Probe bei H.H.

Musik lesen und erfassen

Die Entdeckung, die folgenden Beispiele aufeinander zu beziehen, verdanke ich dem Musikwissenschaftler Thrasybulos Georgiades, – leider nur verständlich für Notenleser. Aber wenn es jemand am Klavier spielen würde, könnte wohl jeder hören, dass eine Verwandtschaft zwischen ihnen vorliegt.  Sie geht so weit, dass man sogar sagen dürfte, die Beispiele 1 und 3 sind vom Hören her identisch. Es ist der Anfang eines der berühmtesten Musikstücke überhaupt. Allerdings hat das Beispiel 2, das auch sehr, sehr ähnlich klingt, zeitliche Priorität…

Und damit lasse ich Sie, liebe Leserinnen und Leser,  für einige Zeit allein. Dann kommen die Links zu den passenden Hörbeispielen, und danach, wenn ich mich stark genug fühle, der eigentliche Lernstoff.

Georgiades Beispiele

Schauen Sie auf Beispiel 2, und gehen Sie für einen Moment auf folgenden Link: Hier         Joseph Haydn Symphony No 97 C-dur 0:00 bis 0:12 (Anfang der Adagio-Einleitung).

Schauen Sie auf Beispiel 3, und gehen Sie für einen Moment auf folgenden Link: Hier           Franz Schubert Streichquintett C-dur 0:00 bis 0:14 (oder bis 0:21, Anfang des ersten Satzes)

***

Es geht natürlich nicht um die Frage, ob Schubert sich hier bei Haydn „bedient“ hat, seine Version ist vollkommen originell, – egal, wie weit die Übereinstimmung geht, die von der zum Vergleich konstruierten Version 1 noch hervorgehoben wird.

Es geht um das völlig unterschiedliche Verfahren der beiden Komponisten, eine Form zu entwickeln. Um es mit meinen Worten zu sagen: Schubert gehört gewissermaßen einem neuen Weltalter an. Es wäre unzureichend zu konstatieren: das ist eben schon voll die „Romantik“. (Man lese auch, was sich bei Wikipedia – insbesondere Finscher – auf Haydns Einleitung bezieht, als sei der Nachweis des motivischen Zusammenhangs mit dem Folgenden wichtig.)

ZITAT Georgiades

Haydns Einleitung der Sinfonie weist, im Gegensatz zum Quintett Schuberts, weder einen thematischen Zusammenhang mit dem darauffolgenden Vivace auf, noch schafft sie einen kontinuierlichen Übergang durch Steigerung. Sie klingt mit Piano-Diminuendo ab, und das Vivace setzt schroff, diskontinuierlich, mit Unisono-Fortissimo ein. Wie die Abschlüsse verhalten sich auch die Anfänge beider Einleitungen zueinander: Ich Schuberts Klang T. 1f. ein anschwellendes, sich in den Klang T. 3f. verwandelndes Strömen, so steinigt uns gleichsam Haydn mit einem trockenen C-Unisono-Schlag, tutti, forte, worauf, wie zusammenhangslos, ein pochendes Messen der Zeit wahrnehmbar wird. – Diese beiden Satz-Eröffnungen sind Signa für Schuberts Instrumentalmusik und für die Wiener Klassiker. Dort Klangströmen, hier feste Körper, dort dynamische Einheit, hier Gliederung, dort Ableitung, hier Diskontinuität, dort Ausdruck, hier Konstruktion, dort harmonisch-melodischer Vorgang, hier Partiturgewebe.

Anmerkung (Seite 161):

Wie die Eröffnungsklänge des Quintetts von Schubert und der Sinfonie von Haydn verhalten sich z.B. auch die der 3. Sinfonie von Brahms und der Egmont-Ouverture zueinander.

Weiter im ZITAT:

Der erste Takt dieser Partitur [Haydn] ist wie ein Doppelpunkt, wie ein Notabene; er zwingt uns aufzuhorchen; der Unisono-Schlag ist ein reales Gegenüber; durch ihn wird, was darauf folgt (T. 2 ff.) wie auf die Bretter gestellt. Schuberts erster Akkord – wie ein Blutegel, der, unser Blut aufsaugend, anschwillt – bewirkt, daß wir uns mit dem damit beginnenden Klangstrom identifizieren.

Das mit T. 2 in Haydns Einleitung Anhebende hat, im Gegensatz zu Schuberts Eröffnung, nichts von Periode, entfaltet sich nicht durch Ableitung, bringt keine Steigerungen. Das erste Glied, dreitaktig (T. 2-4), steht für sich, schließt ab, ist in sich zielgerichtet; es ist wie ein Nachsatz gebaut, dem aber kein Vordersatz vorangeht. Wie sollen wir diese zu Anfang des Satzes stehende und trotzdem Abschlußcharakter aufweisende Gebärde verstehen?

Die Antwort geben uns die zwei letzten Takte der Einleitung (12f.). –

In T. 4, nach dem Unisono-c wieder Leere wie in T. 1; die Achtel messen wieder die Zeit. Mit T. 5 setzt ein mittlerer, wie ziellos schweifender Teil (T. 5-9) ein: er beginnt mit Nachdruck, fp und dissonant, und darauf folgt der die Dissonanz auflösende, leichtere T. 6. Dieser Vorgang wiederholt sich in T. 7f., und das Sätzchen – das ebensowenig wie T. 2-4 etwas mit Periode gemein hat – schließt auf der Dominante, die wieder in einen nur durch Achtel gemessenen ‚leeren‘ Takt (9) ausschwingt. Mit T. 10 neues Anheben, wieder dissonant, analog zu T. 5; aber die Auflösung erfolgt jetzt schon im 2. Viertel des Takts, und dieser Vorgang wiederholt sich im nächsten Takt (11), auf anderer Stufe.

Quelle Thrasybulos Georgiades: SCHUBERT Musik und Lyrik Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1967 / 1979 (Seite 161 f)

Die Analyse der wenigen Takte ist noch längst nicht zuende. Und kein Wort ist zuviel. Ich überspringe anderthalb weitere, wesentliche Seiten der Analyse, wo weitere C-dur-Werke zum Vergleich herangezogen werden (Haydn Streichquartett op. 33 Nr. 3 und Beethovens Waldstein-Sonate), Fazit:

Solche Expositionsanfänge schweben Schubert beim Komponierren seiner Eröffnung des Quintetts offenbar vor. Und trotzdem realisiert er völlig Andersartiges. (S.164)

Und später:

Es ist eindrucksvoll, wie bei nicht nur äußerer Entsprechung, sondern auch bei offenkundig vorliegender Anlehnung an Wiener klassische Vorbilder die instrumentale Musikstruktur unter Schuberts Händen einen von Grund auf neuen Sinn erhält. (S.165)

Es folgt ein Exkurs in Details Beethovenscher Kompositionsweise (Fidelio, Leonoren-Ouverture). Fazit:

Es ist nicht möglich, eine Brücke zwischen Beethovens Bauweise und Schuberts Instrumentalmusik zu schlagen. Ein Bruch der geschichtlichen Kontinuität liegt zwischen beiden. Er kann nur von Schubert selbst her, dem Liedersänger, begriffen werden.

Ich breche vorläufig an dieser Stelle ab: für mich ist entscheidend, eine zwingende Darstellung dessen zu erleben, was in vielen anderen Schubert-Darstellungen nicht deutlich herauskommt, was nämlich die unvergleichliche Sonderstellung dieses Komponisten ausmacht (obwohl auch schon sehr suggestiv behandelt bei Peter Gülke und Alfred Brendel). Und zugleich für die Musikentwicklung des ganzen 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle spielen wird. Erstaunliches Ergebnis: die Affinität zur Musik  – VOR den Wiener Klassikern, kurz: zu BACH.

Das Verhältnis dieser Musik zu den Wiener Klassikern ist anderer Art als zu Bach. Sie werden lediglich als Ausstrahlung aufgenommen, durch ihre Wirkung – die anstelle der Substanz gesetzt wird – mißverstanden. man will die bis dahin ungeahnten Wirkungen jener Musik nachahmen oder gar sie übertrumpfen. man lehnt sich an harmonische und andere, z.B. instrumentationstechnische Einzelheiten, sie umbildend, an. Man übernimmt die Gattungen wie Sonate, Quartett, Sinfonie, Konzert. Und zwar übernimmt man lediglich das Äußere der Anlage, die sogenannte ‚Form‘ z.B. des Sonatensatzes. Bei den Wiener Klassikern aber wächst die äußere Anlage jeweils aus dem Satzverfahren heraus, ist daher nicht erstarrt, sondern identisch mit dem Sinngehalt. Bei Schubert hingegen und den späteren Komponisten ist sie nicht mehr ein Verfahren, sondern sie wird als ein Gefäß verwendet, in das eine völlig neuartige (nicht festkörperliche, sondern’flüssige‘) Musik gegossen wird. Den Späteren ist die Musik der Wiener Klassiker innerlich fremd. Selbst einem Brahms steht Bach in Wirklichkeit näher als der von ihm als Vorbild angesehene Beethoven. – (S.169)

Das sind starke Worte, und der Widerspruch liegt uns Noch- viel- Späteren direkt auf der Zunge. Aber der Blick dieses Griechen ist ungeheuerlich (und beruht auf tausend triftig erfassten Details) und befasst sich mit den sogenannten Klassikern nicht im Sinne einer oberflächlichen Epocheneinteilung, sondern immer das Ganze bedenkend; bis dort zurück, wo er einst begonnen hatte mit seinem viel gelesenen oder ungelesen gepriesenen Buch „Musik und Rhythmus bei den Griechen“. An dieser Stelle sei nur noch das Wort Theaterstruktur genannt.

Georgiades spricht also anlässlich des Themas Schubert, das groß genug ist, über die Merkmale, die die Wiener klassische Musik (um und vor Schubert) von allen anderen musikalischen Verwirklichungen innerhalb unserer Geschichte unterscheiden:

Die ‚Theaterstruktur‘ [die schon an anderer Stelle des Buches ausführlich behandelt wurde] verbindet aber die Wiener Klassiker mit jenen – wenigen – Erscheinungen, die eine analoge Struktur aufweisen: so mit Shakespeare (auch Molière); der Hochrenaissance-Malerei; dem griechischen 5. (z.T. auch noch 4.) vorchristlichen Jahrhundert (nicht allein in Tragödie und Komödie, sondern in allen Erscheinungsformen: in Pindars Oden, in der Architektur, der Plastik, den Vasen und ihrer Bemalung; ja auch in den Prosawerken der Geschichtsschreibung und der Philosophie). Sie alle stellen das Geistige als gleichsam Vollkörperliches dar, sie stellen es als sich durch eigene Spontaneität regendes, sich ereignendes, freies, handelndes Gegenüber hin. – Der so verstandene Terminus ‚klassisch‘ impliziert nicht Prädikate wie Ebenmaß, Ausgewogenheit, edle Einfalt und stille Größe. Selbst dort, wo solche Eigenschaften innerhalb der ‚Theaterstruktur‘, innerhalb der im hier benützten Sinn ‚klassischen‘ Werke auftreten – oder aufzutreten scheinen -, bilden sie nicht deren wesentliche Merkmale. Werden sie aber zum Kanon erhoben und als das Wesentliche angesehen, so führen sie als Betrachtungsweise zum klassizistisch mißverstandenen Klassischen und als Schaffen zur klassizistischen Kunst. Im Bereich des echt Klassischen kann nur der höchste Rang des Schöpferischen eine Stelle finden. Im bereich des Klassizistischen aber sind – innerhalb seiner Grenzen – Abstufungen möglich (…). – Vom ‚Klassischen‘ führt kein Weg zum ‚Romantischen‘. Wohl aber kann das Klassizistische zum Romantischen hinübergleiten. (S.170 f.)

Der Text klingt – so zitiert – vielleicht selbst formelhaft; es ist in dieser Form auch kein Lernstoff, dazu taugt nur der Detail-Verlauf und das wirkliche Begreifen der gedanklichen Wegstrecke. Mir ging es an dieser Stelle nur um eine abschließende „Vogelperspektive“, die mir die eigentliche Aufgabe in Erinnerung hält. Am Ende sogar zu einer Erweiterung zwingt, die mit den Erfahrungen aus indischer, orientalischer und auch afrikanischer Musik zu tun hat. Musik, die ohne Schrift existiert, aber letztlich auch gelesen werden muss. Wenn man dieses Wort – frei nach Clifford Geertz und trotz aller möglichen Einwände – auf den gesamten kulturellen Text (den ungeschriebenen Konnex) bezieht.

Quelle aller durch Einrücken des Textes angezeigten Zitate siehe weiter oben.

Haydn und Boccherini

ZITATE – Fundstücke zur Aufbewahrung

Solingen Konzert 141123 kl  Solingen Konzert 141123 rück

Johann Baptist Schaul: Briefe über den Geschmack in der Musik, Carlsruhe 1809

Zwar ist seine [Boccherinis] Musik nicht für jedermann. Um sie nach Verdienst zu schätzen, – so wie es überhaupt bey Quartetten u.d.g. ist – gehören gefühlvolle Kenner dazu, die seiner seltenen Schönheiten empfänglich sind. Und dann muß seine Musik beim Schimmer der Lichter, in keinem allzugroßen Zimmer gespielt werden. Die Musiker müssen sie eine Zeitlang zusammen studirt, und, so zu sagen, den Lebenssaft, der auch einen Halbtodten wieder erwecken könnte, daraus gezogen haben. Die Zuhörer müssen, gleichsam in Todtesstille versunken, von den Spielenden entfernt sitzen, um sie nicht der Zerstreuung und Störung auszusetzen; diese aber, wenn sie ihre Instrumente gestimmt haben, müssen sich des, jedem empfindlichen Ohre, so unangenehmen Präludierens enthalten, um die schöne und große Wirkung nicht zu schwächen, welche Stille und Überraschung so wunderbar hervorzubringen wissen. Kurz, alles muß wie in einem Heiligthum seyn. Aber dann, welche Musik! Mit diesem Vergnügen ist keines zu vergleichen. Jedes Herz schwimmt in einem Meer von Wonne; jeder glaubt sich in ein Elyseum versetzt. Und so wird die bezaubernde Kunst der Töne allein nach Verdienst und Würde geehrt und genossen.

Solingen Konzert 141123 Progr A  Solingen Konzert 141123 Celloteile

1799 wurden Boccherinis Quartette zum erstenmal an Haydns und Mozarts Quartetten gemessen (AmZ, Nr.36 / 5.Juni Leipzig):

Wenn den B o c c h e r i n i s c h e n  Quartetts auch im Ganzen das Große in der Anlage und Reiche und Frappante der liberalen Durchführung eines kühnen Genies abgeht, das man an den mehrsten H a y d‘ n und M o z a r t‘ s c h e n, auch den frühern von P l e y e l so sehr interessant findet: so kann man ihnen doch gute, oft sehr eigenthümliche und durchweg wohlausgeführte Gedanken, mitunter Feuer, in der Regel aber eine gesetzte Manier und eine gewisse gefällige Methode nicht absprechen. Es verdient wirklich Bewunderung, daß dieser verdiente Komponist, der schon ziemlich hoch in den Jahren seyn muß, und nicht wenig geschrieben hat, doch immer noch soviel Jugend und Frischheit in seine Werke zu legen weiß, und daß er so mit der Zeit fortgeht. Seine oft sehr launigen Menuetts, die er überhaupt etwas zu sehr zu lieben scheint, und die er manchmal sogar etwas barokk macht oder auch in das Geschmeidige der Polonaise fallen läßt, sind Zeuge davon. Man kann also diese Quartetts, die überdem leicht genug zu exekutieren sind, solchen, die nicht gerade die excessive Schreibart für die Violine allen anderen vorziehen, mit gutem Gewissen anempfehlen. Sie sind ziemlich einfach und nicht, wie jetzt der Ton ist, für die Violin übermäßig hoch gehalten.

Leider wird es viel verwöhnte Ohren geben, die vieles davon, wie überhaupt von mehreren der B o c c h e r i n i s c h e n Sachen, zu flach, zu eintönig und unkräftig finden werden. Allein diese mögen bedenken, daß der Geschmack wie das Bedürfnis, verschieden ist, und daß es viele Liebhaber giebt, denen mit ruhiger Unterhaltung mehr, als mit enormen Schwierigkeiten gedient ist. Nicht immer finden sich vier Spieler, die es in der Virtuosität so weit gebracht haben, daß sie den zu schweren künstlerischen Satz, wie ihn die neuesten Quartetts gewöhnlich haben, sollte er auch mehr in chikanierenden Stellen, als in eigentlich sehr kunstmäßiger Bearbeitung der Sätze bestehen, mit Leichtigkeit und ohne auffallendes Unglück bezwingen können.

Quelle der Zitate siehe ganz unten. Quelle des folgenden Artikels: Susanne Koch und Solinger Tageblatt (wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis).

Lamprecht Tageblatt 141115Solinger Tageblatt 15.11.14 (bitte anklicken)

Nachruf auf Luigi Boccherini (AmZ, 21. August. Leipzig 1805):

Vor zwey Monaten starb in Madrit Luigi Boccherini, fast 70 Jahre alt. Er war wirklich einer der ausgezeichnetsten Instrumentalkomponisten seines Vaterlands, Italiens. Gegen die Gewohnheit seiner Landsleute ging er mit der Zeit und der Ausbildung der Tonkunst auch in Deutschland fort, und nahm von den Fortschritten derselben, besonders in wiefern sie von seinem alten Freunde, Joseph Haydn, bewirkt oder veranlasst wurden, in sein Wesen auf, so viel ohne Verleugnung seiner Individualität geschehen konnte. Italien schätzt ihn Haydn, in den Quartetten und ähnlicher Musik beyder, wenigstens gleich; Spanien, wo er den größten Theil seines thätigen Lebens verbrachte, zieht ihn dem deutschen Meister, den man dort zuweilen zu gelehrt findet, in manchen seiner Werke noch vor; Frankreich achtet ihn hoch, ohne ihn Haydn gleichstellen zu wollen, und Deutschland scheint, in seiner jetzigen Vorliebe für das Schwierigere, Künstlichere, Gelehrtere, ihn noch zu wenig zu kennen: wo man ihn aber kennet und besonders den melodischen Theil seiner Werke zu genießen und zu würdigen verstehet, hat man ihn lieb und hält ihn in Ehren. Er hat bis an’s Ende seines Lebens geschrieben, und erst vor kurzem sind schätzbare Quartetten und Quintetten von ihm in Paris herausgekommen. Die Zahl seiner Werke (fast nur Instrumentalmusik von der Sonate bis zum Quintett) ist sehr groß. Ein besonderes Verdienst um die Instrumentalmusik Italiens, Spaniens, und wohl auch Frankreichs, erwarb er sich auch dadurch, dass er der Erste war, der dort Quartetten, worin alle Instrumente obligat gearbeitet sind, schrieb; wenigstens war er der Erste, der mit solchen dort allgemeinen Eingang fand. Er, und bald nach ihm Pleyl in seinen frühesten Werken, machten dort mit der angegebnen Gattung der Musik noch eher Aufsehen, als Haydn, vor dem man sich damals noch scheuete. Er war außerdem in früherer Zeit ein trefflicher Violoncellist, der besonders durch unvergleichlichen Ton und ausdrucksvollen Gesang auf seinem Instrumente bezauberte. Alle, die ihn gekannt haben, rühmen ihn auch als ein wackern, braven Mann, der seine Pflichten gegen Jedermann treulich zu beobachten gewohnt war.

Quelle der Zitate Christian Speck: Boccherinis Streichquartette. Studien zur Kompositionsweise und zur gattungsgeschichtlichen Stellung. Wilhelm Fink Verlag München 1987 ISBN 3-7705-2403-9 (Seite 188 – 191)

Dissertation des Autors, der auch den Boccherini-Artikel des neuen MGG geschrieben hat.