Immer wieder Mozart

Mozart A-dur Mozart A-dur alt

Zwei Ausgaben der Mozart-Sonaten: die eine im Henle Verlag, München 1977, die andere im Peters Verlag Leipzig, aus der Übe-Epoche meines Vaters, sagen wir ca.1920.

Mir scheint der für die Interpretation entscheidende Punkt in der Ausführung der Sforzati zu liegen. Sie stehen im Notentext, und wenn er nicht vollständig im Original vorliegt, so ist es doch kaum denkbar, dass sie der Willkür eines Bearbeiters zu verdanken sind. Aber wie erklären wir uns (oder dem Schüler) den Akzent auf dem schwachen Taktteil in Takt 4 und in Takt 7 ? Jeder rühmt das Thema, aber niemand sagt uns, was diese scheinbar sinnlose Hervorhebung zu bedeuten hat. Es ist leicht gesagt, dass die eigentliche Betonung auf dem darauf folgenden Akkord liegt – hervorgehoben gerade durch das plötzliche Piano. Nach der „voreiligen“ Betonung am „falschen“ Ort.

Gibt vielleicht das dreimalige Sforzato im zweiten Teil, in Takt 11 und 12, rückwirkend Aufschluss?

Mozart Sforzato

Angesichts der Weichheit des Themas in den ersten Takten ist die Hartnäckigkeit in diesen Takten erstaunlich, die Insistenz auf dem Melodieton e“ und die Rückkehr zur weiblichen Endung der ersten Zeile, nebst Wiederkehr (Reprise) des Anfangsmotivs; die Rückkehr mittels eines starken Mittels, der Zwischendominante in Gestalt des Leitetones dis‘. Was war geschehen? Zum ersten Mal war am Anfang des zweiten Teiles die Subdominante aufgetaucht, der D-dur-Akkord in Takt 9. In seinem Gefolge zugleich die Vorwegnahme des abschließenden (definitiven) Aufstiegs der Melodie zum hohen a“ in Takt 17.

Mozart A-dur Detail a  Takt 17f:  Mozart A-dur Detail bb

Man vergleiche einmal (es weihnachtet gerade) das vielgerühmte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ mit der Mozart-Melodie, um den Riesen-Abstand zu ermessen, besonders zum schwächlich wiederholenden, quasi aufzählenden Charakter des Liedes, der im Fortgang zu einer bedeutender Überbietungsemphase zwingt: Unmittelbar nach der wiederum repetierenden Melodiephrase „nur das traute hochheilige Paar / holder Knabe im lockigen Haar“, die von ferne an die Mozart-Takte 9-11 erinnern.

Die folgende Stelle in der Variation II

Mozart A-dur crescendo

entspricht genau der oben schon wiedergegebenen Stelle des Themas:

Mozart Sforzato

Und so wird der latente Sinn der sforzato-Takte offenbar. Als eine dynamische Steigerung, deren Ziel als piano (statt forte) völlig zurückgenommen wird: es ist zu delikat, um damit herauszuplatzen: wie ein Geheimnis, das man versehentlich beinahe laut ausgeplaudert hätte. Was ist das Geheimnis? Die Rückkehr zum unbegreiflichen Grazioso-Thema.

Ein entscheidender Punkt bei der Charakteristik dieses Themas und der ganzen 18taktigen Ausformung: die Quinte des Grundtons, der „schwebende“ Ton E wird unentwegt angeschlagen – die einzigen Akkordanschläge auf denen er vollständig fehlt, sind die Sforzato-Anschläge auf dem schwachen Taktteil in Takt 7 und Takt 15, sowie in Takt 17 – und in Takt 18, hier ausgerechnet auf dem Schlussakkord (!). Bemerkenswert, dass der Ton in Takt 4 (an der Stelle, wo er an sich homolog zu den anderen Sforzato-Akkorden des Satzes fehlen dürfte) doch „noch“ präsent bleibt in Gestalt des Vorhaltes. Der aufmerksame Notenlesen wird allerdings auch bemerkt haben, dass ich zwei Stellen übergangen habe, an denen der Ton E ebenfalls fehlt, nämlich im Subdominant-Einsatz Takt Takt 5 und 6, und wie zum Ausgleich folgen in Takt 7 und 8 die drei Sforzati auf dem insistierenden E der Oberstimme. (Für mich ist der Ton E in diesem Thema eine Glockenton.)

(Fortsetzung folgt)

Sachdienliche Ausflüge:

Neues vom Henle-Verlag (in den Noten zu vermerken!) Hier
und HIER

Ich kann nicht sagen, dass ich die klingende Musik in diesen Beispielen freudig akzeptiere. Gulda benutzt zweifellos eine alte Ausgabe und ebnet den Unterschied zwischen Sforzato und Piano ein. Ich finde nicht, dass man sich seine Auffassung zueigen machen darf (obwohl ich eine unvergessliche Wiedergabe der Sonate von ihm im WDR Sendesaal miterlebt habe). Andererseits möchte ich auch die vorgeschlagenen neuen Lesarten im folgenden „Henle-Gespräch“ nicht durchweg akzeptieren.*

*plausibel in der Variation 5 (Takt 5 und 6), auch im Menuett (Takt 3 und 33), inakzeptabel aber in Takt 23 ff (muss meines Erachtens a-moll bleiben bis zur Rückleitung nach A-dur in Takt 30).