Kategorie-Archiv: Theater

Bad Cannstatt zum Beispiel

Oder meinen Sie, Stuttgart sei eine tiefere Stadt?

ZITAT

Die Sehkraft des Homo sapiens beruht auf einem winzig kleinen Energiespektrum, nämlich 400 bis 700 Nanometer im elekromagnetischen Spektrum. Das übrige Spektrum, das das Universum durchdringt, reicht von Gammastrahlen mit einer Wellenlänge von wenigen Billionstes des für den Menschen sichtbaren Bereichs bis hin zu Radiowellen, die billionenmal länger sind. Tiere leben in ihren eigenen Ausschnitten aus dem Universum. Schmetterlinge zum Beispiel finden den Pollen und Nektar der Blumen über die Muster von UV-Licht, das die Blütenblätter reflektieren (unter 500 nm) – diese Muster und Farben können wir nicht sehen. Wo wir einfach eine gelbe oder rote Blüte wahrnehmen, schillert für die Insekten ein buntes Gewirr von hellen und dunklen Flecken und konzentrischen Kreisen. (E.O.Wilson S. 49)

Selbst wir beide können unsere Wahrnehmungen nicht vergleichen:

Stuttgart Hund 20151218

ZITAT

Auch was den Geruchssinn angeht, ist der Mensch einer der am schlechtesten gerüsteten Organismen der Erde – wir riechen so wenig, dass wir zur Beschreibung von Gerüchen auch nur über ein winziges Vokabular verfügen. Meist nutzen wir dafür lediglich Vergleiche wie „zitronig“, „säuerlich“ oder „übel riechend“. Für die meisten anderen Organismen dagegen, von Bakterien über Schlangen bis zum Wolf, sind geruchs- und Gescmackssinn überlebenswichtig. Wir verlassen uns auf abgerichtete Hunde, die uns durch die Welt des Geruchs führen, um einzelne Personen zu verfolgen oder minimale Spuren von Sprengstoff oder anderen gefährlichen Chemikalien aufzuspüren.

Ohne Messinstrumente ist unsere Spezies auch für andere Arten von Reizen ganz unempfänglich. (E.O.Wilson S. 50)

Quelle O.E. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens / C.H.Beck München 2015

Stuttgart Park Arkaden 20151218

Stuttgart Bad 20151217

Stuttgart Sappho 20151218

Allerdings bin ich mit Messinstrumenten anderer Art ausgestattet, so dass diese mich – mein Alter verkennend – bei der  Wiederbegegnung mit einem Gedicht in der Straßenbahn alarmieren. Und vollends beim Anblick eines prominenten Namens in der König-Karl-Straße an himmlische Spezereien denken lassen. Der Naturwissenschaftler spricht von den komplexen Mechanismen des Belohnungssystems im Gehirn. Ich dagegen hänge Geschichten nach, die Peer Gynt erfunden haben könnte.

Stuttgart Klaiber 20151219 Klaibers Café

Peer Gynt Programm  Schauspielhaus Stuttgart

Peer Gynt Programmheft a    Peer Gynt Programmheft b

Peer Gynt Programmheft c   Peer Gynt Programmheft d

Ich bin nicht einverstanden mit der Kritik, die ich in Spiegel online lese, obwohl sie durchaus nachvollziehbar ist, – wie auch die Inszenierung und Herrichtung der Vorlage im Theater. Empfehlenswert die Besprechung in Nachtkritik, samt Durchsicht verschiedener Kritiken, Spiegel online inbegriffen.

„Ich ist ein anderer“ – sollte ich noch einmal rekapitulieren, was ich seinerseit zu diesem Thema geschrieben habe, nämlich hier? Muss ich mich korrigieren oder differenzierter fassen? Noch einmal bei Rimbaud beginnen: In einem Brief an Paul Demeny vom  15. Mai 1871, dem sogenannten zweiten Seherbrief, steht der vielzitierte Satz „Je est un autre.“ Auf den sich auch Bernd Isele bezieht, ohne ihn direkt zu thematisieren. – Vielleicht ein andermal…

Um hier stattdessen auf das Gedicht in der Straßenbahn zurückzukommen, – die lateinische Fassung kann ich (fast) auswendig – nein, genau genommen nur bis „eripit sensus mihi“, und der letzten Moral-Strophe habe ich mich ohnehin immer verweigert :

Ille mi par esse deo videtur,
ille, si fas est, superare divos,
qui sedens adversus identidem te
spectat et audit

dulce ridentem, misero quod omnis
eripit sensus mihi: nam simul te,
Lesbia, aspexi, nihil est super mi
vocis in ore,

lingua sed torpet, tenuis sub artus
flamma demanat, sonitu suopte
tintinant aures, gemina teguntur
lumina nocte.

Otium, Catulle, tibi molestum est,
otio exultas nimiumque gestis;
otium et reges prius et beatas
perdidit urbes.

Diese Fassung stammt von Catull, das Original ist griechisch, ein Gedicht von Sappho, ich kopiere es aus meinem Schulbuch:

Sappho a

Sappho b

Nebeneinandergestellt sieht man die beiden Gedichte hier. Ein Beispiel, wie die Wissenschaft sich mit „Sappho und Catull“ auseinandersetzt, ist hier nachzulesen, – eine Arbeit von Günther Jachmann.

Eine deutsche Übersetzung … findet man …. in der Straßenbahn (Foto s.o.) von Bad Cannstatt nach Stuttgart Charlottenplatz, von wo aus man in 5 Minuten zum Schauspielhaus gelangt.

Eine schöne Catull-Übersetzung im korrekten Rhythmus (der verantwortlich ist für befremdende Wortformen wie „genüber“ oder „starrt die Zunge“ – statt erstarrt) gibt Otto Weinrich im Textband der dtv Bibliothek (München 1974 ISBN 3-423-06028-X):

Wie ein Gott – so will mir der Mann erscheinen,
mehr als Gott – so dieses zu sagen statthaft –
der genüber sitzend nur immerfort dich
anblickt und hört dein

süßes Lachen! Wahrlich um alle Sinne
bringt dies mich Unseligen. Wenn mein Blick nur
dir begegnet, Lesbia, gleich verstummt, ach
Lesbia, meine

Stimme, starrt die Zunge, ergießt sich lohend
Feuer in die Glieder, im Ohre klingts und
dröhnts, die Augensterne umschattet doppelt
nächtliches Dunkel. –

Müßiggang, Catullus, erweckt dir Leiden,
Müßiggang verlockt dich zu frechem Schwärmen,
Müßiggang hat Könige einst gestürzt und
blühende Städte.

Auf ein zeitgenössisches Catull-Projekt sei an dieser Stelle hingewiesen, angesiedelt u.a. in Bad Cannstatt: HIER.

Die folgende Sappho-Übersetzung von Wilhelm Heinse entwende ich aus einem Link für Schüler und gelobe, bis an mein Lebensende ein gelehriger Schüler zu sein:

Gleich den Göttern scheint mir der Mann zu sein, der
deiner Schönheit Pracht gegenüber sitzt
und zu dem du hinbeugst den Nacken; der dein Geflüster
hört und das Lächeln voll Lustbegierde.
Ha, mir hat es das Herz in der Brust erschreckt!
Denn sobald ich dich nur erblickte, kam kein einziger
Laut mehr aus mir, gebrochen war die Zunge, ein feines
Feuer unterlief urplötzlich die Haut mir.
Vor den Augen wird es mir dunkel, mir braust’s in den Ohren,
kalte Schweiße rinnen herab auf einmal,
ganz ergreift ein Zittern mich; blasser bin ich
denn Heu, und als stürb‘ ich in kurzem, bleibt aus mir der Atem.
Alles muß gewagt sein -!

Vom Theater

Werke des klassischen Kanons und Event-Inszenierungen

Ich beziehe mich auf den Beitrag „Fiktion und Gefühle„, auch auf Gedanken, vielleicht nicht einmal notierte, die sich beim Opernkonsum der letzten Zeit ergaben („Tristan und Isolde“, „Fidelio“). Ein Beitrag von Peter Laudenbach in der heutigen Süddeutschen ist bemerkenswert.

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Der Abschied vom psychologisch-realistischem Spiel, der Guckkastenbühne samt der Gewissheit, auf ihr die großen Konflikte verhandeln zu können, scheint bei der trendbewussten Fraktion der Theatermacher Konsens zu sein. Was einst der Freien Szene als Herausforderung der Klassiker-Pflege der Staatstheater begann, ist dabei, zur neuen Konvention zu werden. Es wird Zeit, die Verlustrechnung aufzumachen. Dazu gehört etwa, dass an einem mittelgroßen Theater wie dem Schauspiel Dortmund in dieser Spielzeit keine einzige Klassiker-Premiere stattfindet. Dazu gehört auch, dass kluge, in der Konzentration auf Werke des Kanons konservative Inszenierungen, die [der] Kraft und der Kunst des Theaters vertrauen, seit dem Tod Jürgen Goschs und Dimiter Gotscheffs Seltenheitswert haben.

(…)

Die Grenzen zwischen Theater und Event-Agentur verschwimmen.

Das ist kein Grund für Kulturpessimismus. Aber man kann die Entwicklung ja mal in einen breiteren Kontext stellen. Nichts anderes versucht Bernd Stegemann so angriffsfreudig wie klug in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Lob des Realismus“ (Verlag Theater der Zeit, 212 Seiten, 18 Euro). Stegemann (…) versucht auf hohem Abstraktionsniveau ästhetische und politische Ereignisse zusammen zu denken – zum Beispiel den Zwang zur konsequenten Selbstvermarktung im Neoliberalismus und die neueren Performance-Moden.

Der „Umbau des Subjekts zum Performer seiner selbst“ findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern ist in weiten Teilen der Dienstleistungsbranchen die Kernqualifikation der Arbeitskräfte. So gesehen vollziehen die Performer, in der Regel unter prekären Arbeitsbedingungen, freiwillig nach, was in der Realökonomie unter Zwang geschieht.

Quelle Süddeutsche Zeitung 28. August 2015 Seite 12 Die Tatortreiniger Hat das Theater seine Herkunft vergessen? Klassiker sind abgemeldet, Psychologie ist uninteressant, der Guckkasten wird abgebaut – stattdessen spielen Bürger und Flüchtlinge. Ein Plädoyer für mehr Geschichtsbewusstsein auf deutschen Bühnen / Von Peter Laudenbach

Wenn ich mich nicht irre, steckt in den zuletzt zitierten Sätzen ein Gedanke von Adorno, der an dieser Stelle einmal nachzulesen sein sollte.

Da ich ohnehin mehr an das Musiktheater denke als an die klassischen Stücke des Worttheaters, fasziniert mich der ketzerische Gedanke, dass man auch in Bayreuth endlich eine geheiligte Grundlage des Illusionstheaters aufgeben müsste: das versenkte Orchester, das längst von der Funktion und Gegenwart der Musik im Film überholt wurde, endlich wieder aus dem „mystischen Abgrund“ hervorzuholen. Es würde bedeuten, Wagner die Treue zu halten, indem man das totgelaufene Dogma des unsichtbaren Orchesters „verrät“, d.h. radikal offenlegt, den wahren Klang ins Licht setzt.

So wie es ein (von der ZEIT) zum Bayreuth-Beobachter ernannter Außenseiter namens Navid Kermani vor drei Jahren begründet und gefordert hat: hier. Warum kam das nicht längst von den Musikern der ganzen Welt? Ja, „das Orchester muss aus dem Graben“ – und kann dann endlich für Fernsehübertragungen ideal mikrofoniert werden. Und die Sänger? (Was weiß ich – nicht ihretwegen hat Wagner das Orchester versenkt…).

Tristan BR Screenshot 2015-08-07 18.22.52(2) Der Guckkasten

Nächster Opern-Termin: Fidelio

Fidelio Titel Fidelio Inhalt

Dieser Beitrag lag halbfertig im Speicher, geplant als eine Übung in Sachen Opern-Regie, daher auf einen Sendetermin bezogen: Samstag 22. August. Die Salzburger Inszenierung. Siehe HIER.

Einstweilen Studium der Partitur, ein Exemplar meines Vaters. Ob er die Oper einmal dirigiert hat? In seinen Anfängen, etwa in Stralsund oder in Bielefeld, Anfang der 20er Jahre, der Namenszug oben links stammt aus seiner frühen Zeit. Meine Übung beginnt mit der Rekapitulation der Aufzüge, der Szenen, der Charaktere… (Siehe auch Wikipedia-Artikel. Zu beachten insbesondere der Abschnitt „Inszenierungen!)

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Das ist eine schwere Nuss – Naivität und Pathos in schwieriger Melange einerseits, geniale Musiknummern und schwächliche Texte anderseits. Nun traue ich mich mal heran – hier in Salzburg, im Rahmen außerhalb des Repertoires scheint mir so eine Annäherung möglich.

Sagte der Regisseur Claus Guth und wurde dann gefragt, ob er dieses Werk auch als „Befreiungsoper“ auffasse. Seine Antwort:

Ich versuche in meiner Interpretation den Begriff Gefangenschaft und Befreiung weiter zu fassen. Alle Personen dieses Stückes sind befangen und gefangen in Abhängigkeiten – aus emotionalen oder hierarchischen Gründen. Die Hoffnung, sich daraus zu befreien, teilen sie, doch zu gelingen scheint es niemand.

Für Guth spielt durchaus eine Rolle, dass Beethoven alles andere als ein Opernroutinier war:

Bis zum Schluss war er auf der Suche nach der adäquaten Form. Musikalisch sind ihm unfassbar geniale Eingebungen gekommen – theatralisch bleibt das Stück eine Baustelle. Deshalb ist mir der Text auch nicht so heilig – das hat es möglich gemacht, die Rezitative [Guth meint offenbar die gesprochenen Dialoge] zu streichen. Ich habe bemerkt, dass dabei eigentlich keine wesentliche Information verloren geht. Zum Glück war ich nicht der einzige, der an der Qualität dieser Dialoge zweifelt.

Dann kommt im Interview die Frage nach dem (titelgebenden!) Motiv der Oper: nach der Treue. Ob es nicht ein Prinzip sei, das in einer relativistischen und individualistischen Gesellschaft nur noch schwer verstanden werden könne. [Es ist zweifellos unvermeidlich, in der Oper wie im Schauspiel heute das kompakte Ich, die Charaktere, samt allen zwischenmenschlichen Beziehungen, die einst Romane füllten, zu problematisieren, auseinanderzufalten, auf verschiedene Körper zu verteilen, scheitern zu lassen, dies in jedem Fall. Keine Märchen mehr. So mag es überraschen, wie Claus Guth beginnt:]    

Guth: Die Idee der Treue ist wohl zeitlos gültig und verständlich. Interessant wird es tatsächlich, wenn man den Mensch als ein sich stets veränderndes Individuum wahrnimmt. Wem bin ich treu: dem der er/sie damals war – aber was, wenn er jetzt ein „Anderer“ ist? Auch deswegen wurden zwei zusätzliche Figuren, als Schatten, eingeführt. Durch sie laufen diese verschiedenen Ebenen einer Person mit.

Quelle Kleine Zeitung Steiermark 30.07.2015 Interview: Maria Scholl / APA – Austria Presse Agentur

Weiteres zur Regie siehe auch HIER.

Mich interessierte früh das zwiespältige Verhältnis zwischen Kunst und Leben; daher habe ich schon bei einem ersten Text, der Beethoven betraf, nämlich seine Klaviertrios op. 1, die dem Fürsten Karl von Lichnowsky gewidmet sind, den Widerspruch zwischen klassischer Idealität und widriger Realität in aller Kürze zum Thema gemacht. Es ging um die reale Rolle des Ehepaars Lichnowsky, die sich keineswegs auf finanzielles Mäzenatentum beschränkte:

Beethowen Lichnowsky CD TACET 76

Oder soll man planmäßig Leben und Kunst in der Kunst aufeinanderprallen lassen, Befreiung und Leben notfalls auch in der Kunst verweigern, wenn sie im Leben draußen keinen Platz haben?

ZITAT

Tot ist auch Florestan am Ende von Beethovens Fidelio, jedenfalls in Claus Guths Lesart, und dies Sterben eines Geschundenen, politisch Verfolgten und zu spät Geretteten beschert dem Salzburger Opernsommer Augenblicke von erschreckender Wahrhaftigkeit. (…) Der Held, der sich unter dem Befreiungsjubel des Volkes die Ohren zuhält, der schwersttraumatisiert ist und selbst die Liebe seiner Frau Leonorre alias Fidelio nicht mehr erträgt (…) – ist dies nicht auch ein Alter Ego des Künstlers und Startenors schlechthin, der Gesang und Welt und Welt und Gesang nicht mehr zusammenbringt?

Wie Kaufmann durch Guths psychedelische Doppelgängerschattenwürfe und Christian Schmidts minimalistischen Raum taumelt – ein Kabinett, das von einem schwarzen, Kaaba-artigen Quader durchdrungen wird und später mit einem Kronleuchter prunkt – und wie er am Schluss, für ein paar wenige Glückstakte nach dem Sextett, mit Leonore nach vorne an die Rampe stürmt, nur um dort zusammenzubrechen, ausgerechnet dort: Das lässt hoffen, dass die Kunst die Zeichen der Zeit verstanden hat. Und daran arbeitet.

 Quelle DIE ZEIT 6. August 2015 Seite 47 Hier Leben. Da Kunst Vor den Operntoren von Salzburg kauern Flüchtlinge. Haben die Festspiele die Zeichen der Zeit erkannt? Von Christine Lemke-Matwey.

Beethoven Fidelio Finale

* * *

Walter Riezler (1936):

Man hat die kunstvolle Form und die damit verbundene Ausdehnung der Stücke als Beweis für die geringe dramatische Begabung Beethovens – vor allem im Vergleich zu Mozart, aber auch zu Weber – genommen, was vom Standpunkt der äußeren Wirkung vielleicht richtig ist, aber dem inneren dramatischen Leben dieser Musik nicht gerecht wird. Ist ja doch sogar die Wirkung des vielgetadelten „Kanon“, des Quartetts im ersten Akt „Mir ist so wunderbar“ erfahrungsgemäß wahrhaft erschütternd, trotz der allem Herkommen der Oper widersprechenden statischen (hier übrigens recht kunstlos angewandten) Form des Kanons. Die Musik nimmt die in den einfach-schönen Worten des Dialogs: „Meinst du, ich könnte dir nicht ins Herz sehen?“ angeschlagene Stimmung und die in der Handlung begründete Spannung auf und läßt sie sich ausbreiten.

Aufnahme 1963

Das oben zitierte Buch von Walter Riezler (1878-1965) ist und bleibt eine Fundgrube treffender Einsichten in Beethovens Werk, wenn auch das Erscheinungsdatum 1936 manchen Leser verleiten könnte, nach dem Lebenslauf des Autors zu fragen. Es ist erstaunlich in anderer Hinsicht als vermutet: hier. Er promovierte über den Parthenon und die attische Vasengeschichte, erhielt aber zugleich eine musikalische Ausbildung bei Felix Mottl und Max Reger. – Interessant, was er über die verbessernde Arbeit Beethovens am „Fidelio“ schreibt, lediglich die Arie des Rocco hält er für ein auch in der Endfassung entbehrliches Relikt:

Man fühlt bei diesem schönen Stück Musik ein leises Unbehagen – es ist die einzige Stelle, wo noch etwas von der ersten Fassung übrigblieb, was der menschlichen und dramatischen Haltung des Ganzen, so wie es schließlich gelang, nicht ganz würdig ist. Jedenfalls ist für das Ganze wenig verloren, wenn man die Arie fortläßt, während sonst Striche und Umstellungen sofort an die Substanz des Werkes rühren. Alles steht fest an seinem Platz und ist unentbehrlich – während noch in Mozarts „Zauberflöte“ Weglassungen nur wegen der dann verlorenen Schönheit des einzelnen zu vermeiden sind und Umstellungen nichts Wesentliches bedeuten. Ein Beweis, wie dichtgefügt der Fidelio als Ganzes ist, trotz der „Nummernoper“ und des gesprochenen Dialogs. Der Mißerfolg der ersten Aufführung erwies sich als ein Glücksfall sondergelichen. Niemals wäre Beethoven sonst zu den Änderungen bewogen worden, die dem Werk als Ganzem zu einer Vollkommenheit völlig einziger Art verhalfen. Unter dem Getilgten mag manches schöne Stück gewesen sein – dabeben aber auch manche Länge und etwas so Unmögliches, wie das Duett zwischen Leonore und Marzelline über das eheliche Leben (nach dem Duett Pizarro-Rocco!). Neu hinzu kamen Herrlichkeiten wie das große Rezitativ der Leonore, der Schluß des ersten Finales, an Stelle einer lärmenden Arie des Pizarro mit dem Chor der Wache, und der größte teil der Arie des Florestan mit der Vision des „Engel Leonore“, an Stelle einer schönen, aber matten Klage. Ob das dann folgende ergreifende Melodram, mit dessen Musik Beethoven einmal ausnahmsweise, wie auch da und dort in der Musik zu „Egmont“, nur „Gefühl“ gibt, ohne jede „Form“, schon in der ersten Fassung vorhanden war, steht nicht ganz fest. Wir wissen, dass an diesen Änderungen der Textdichter Treitschke großen Anteil hat. Er beriet sich mit Beethoven über alle Einzelheiten und bewies hierbei feinstes Gefühl auch für musikalische Wirkungen. Ihm verdanken wir auch die endgültige Fassung des schlichten, aber oft sehr schönen Dialogs. Ihm verdanken wir auch die endgültige Fassung des schlichten, aber oft sehr schönen Dialogs. Geradezu genial ist die Änderung des Dialogs gegen Schluß der Kerkerszene. An die Stelle des ursprünglich auf den Abgang Pizarros folgenden Rezitativs trat ein kurzer Dialog, von dem heute nur mehr die in ihrer Einfachheit erschütternden Worte gesprochen werden: „O meine Leonore, was hast du alles meinetwegen erduldet! – Nichts – mein Florestan!“

Quelle Walter Riezler : Beethoven (mit Vorwort von Furtwängler) Atlantis Verlag Berlin und Zürich 1936 Seite 197 ff (heute neu bei Schott!)

Vielleicht ist uns heute das Pathos der alten Zeit in der folgenden Aufnahme zu affirmativ. Wie für die Ewigkeit –  Jon Vickers. „Beauty and Love and Truth!“ Andererseits – kann es Jonas Kaufmann übermorgen etwa beiläufiger übermitteln??? „… ein Engel Leonore“ hier bei 3:40.

Offenbar handelt es sich um eine der Aufnahmen mit dem Philharmonia Orchestra unter Otto Klemperer 1962 oder 1964 bei EMI (Christa Ludwig, Jon Vickers, Walter Berry, Gottlob Frick).

Nach Beethovens „Fidelio“

Anders als ich geglaubt habe, konnte man die Salzburger Aufführung nicht am Computer verfolgen, sondern nur bei 3sat im Fernsehen. Sehr gute Aufführung, großartige zweite Leonoren-Ouvertüre – platziert vor dem letzten Finale, Wie eine innere Rekapitulation des Erlebten, zum Umbau der Bühne, wo der rote Teppich ausgelegt, der riesige Kronleuchter hochgezogen wird. Die Geister-Figuren mit ihren aufgeregten Pantomimen erscheinen mir störend. Sehr überzeugend: der bei Beethoven nicht vorgesehene Tod (Zusammenbruch) Florestans in der abschließenden Jubel-Szene. Wie stand es in der ZEIT?

(…) und wie er am Schluss, für ein paar wenige Glückstakte nach dem Sextett, mit Leonore nach vorne an die Rampe stürmt, nur um dort zusammenzubrechen, ausgerechnet dort: Das lässt hoffen, dass die Kunst die Zeichen der Zeit verstanden hat. Und daran arbeitet.

Ich gehe nachher ins Arbeitszimmer an den Computer und sehe als erstes wieder einmal eine Todesmeldung. Ich kann nicht anders, als sie hier, an dieser Stelle, wiederzugeben. Sie gehört genau in diesen großen Zusammenhang.

 Mariem Hassan Mariem Hassan

Auf dem Boden bleiben!

Bundesliga beginnt

Bundesliga a  Bundesliga b

Keine Wallfahrt!

ZITAT

Als erstes fällt bei den Fans die Erzeugung von Gemeinsamkeit auf. Ähnlich vereinigend wie gemeinsames Trinken wirkt das Absingen von Fußballhymnen, unterstützt von gleichen Bewegungsweisen. Bei den sangeskundigen englischen Fußballfans wird der religiöse Charakter der Gesänge deutlicher als bei den deutschen. Der berühmteste aller Fangesänge You’ll never walk alone wurde nach dem Ersten Weltkrieg während der englischen Cup-Finale im Wembley-Stadion in Erinnerung an die gefallenen Fans gesungen. Beim Absingen dieser Hymne ist heute eine strikte rituelle Ordnung einzuhalten (die auch auf deutschen Fußballplätzen gilt). Die Schals werden mit beiden Händen über den Kopf gehalten und im Rhythmus der Musik langsam hin und her bewegt, wie die Fahnen einer Prozession. Zum Heiligen halten die Fans engen Kontakt. In Marseille pilgerten sie vor dem UEFA-Pokalendspiel zur Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde, um dort eine Kerze zu entzünden. Der FC Sankt Pauli gab unter dem Titel Glaube, Liebe, Hoffnung eine „Fan-Bibel“ heraus. Wissentlich oder nicht hat er die göttlichen Tugenden zu seinem Wahlspruch gewählt, durchaus passend zu seinen Fan-Artikeln, vom Wimpel bis zur Unterhose und zum Pauli-Gartenzwerg.

Quelle Gunther Gebauer: Poetik des Fussballs campus verlag Frankfurt am Main 2006 (Seite 100 f.)

Wer heute nach dem zitierten Wahlspruch beim FC Sankt Pauli selbst sucht, stößt bei den „Kiezhelden“ auf eine Baustelle (hier). Sie wird doch wohl nicht erst nach der schmerzlichen Niederlage gegen Mönchengladbach (vorgestern) eingerichtet worden sein?

NOCH EIN ZITAT

Es gibt Situationen im Leben, denen wir gern eine Schlüsselbedeutung zuweisen. In ihrer verdichteten Form erschließen sie bisher verborgen gebliebene Lebensbereiche. Am 28.11.1993 gab es für mich einen solchen erhellenden Augenblick. Reinhold Mokrosch hatte seine zwei Mitstreiter für eine empirische Wertforschung überraschend am Freitagabend zum Fußballspiel des VFL ins Stadion An der Bremer Brücke eingeladen. Obwohl schon seit mehreren Jahren im Wettstreit um die Erforschung von Moralauffassungen miteinander verbunden, wurde erst am diesem Abend deutlich, welche integrierende Bedeutung ein Fußballspiel für eine Forschergruppe haben kann. Der Philosoph in dieser Runde zeigte sich als fachkundiger VFL-Fan, der Sportwissenschaftler mußte sich schon aus beruflicher Sicht engagiert zeigen und der Religionspädagoge gab dem Abend seinen interpretativen Stempel. Als in der Ostkurve nach dem Führungstreffer der Osnabrücker die Wunderkerzen angezündet und sie im Rhythmus des Anfeuerungsgesanges hin und her bewegt wurden, platzte es aus ihm heraus: „Das ist ja wie in der Kirche – nein, es ist in der Form von Ergriffenheit mehr als wir es dort vermögen“ – Woraus sich die ironisch-nachdenkliche Frage ergab: „Ist der Sport die Religion des säkularen 20. Jahrhunderts?“

Damit sind wir vom unschuldigen Anlass „Fußball“ gleich zweimal in höchst problematische Bezirke abgedriftet. Der Samstag soll uns wieder vom Kopf auf die Beine stellen, selbst Adornos Diktum, das alsbald auftauchen wird,  werden wir hoffentlich rechtzeitig abstreifen:

Denn zum Sport gehört nicht nur der Drang Gewalt anzutun, sondern auch der, selber zu parieren und zu leiden … Es prägt den Sportgeist nicht bloß als Relikt einer vergangenen Gesellschaftsform, sondern mehr noch vielleicht als beginnende Anpassung an die drohende neue … (ADORNO 1997, 43)

Lassen Sie uns den Vortrag zu den allermerkwürdigsten Aspekten von Spiel und Sport hinter uns bringen! Der Titel: Der Sport – die Religion des 20 Jahrhunderts? Autor: Prof. Dr. Elk Franke. Nachzulesen: HIER.

Neue Ernüchterung 14. August 2015

Eine letzte Saison der Vernunft (Kommentar von Olaf Kupfer in der WZ)

ZITAT

Denn was Fußball-Romantiker[n] den Atem raubt, wird nach dieser Saison wahr: Getrieben von den wahnwitzigen Verhältnissen in England, wo die Clubs der Premier League dank einer exorbitanten Pay-TV-Vermarktung über vielfache Einnahmen der Bundesligisten verfügen, bricht auch die deutsche Liga (DFL) auf zu neuen Ufern: Extrem zersplitterte Spieltage werden schon bald die hektische Betriebsamkeit der Spitzenclubs rahmen, noch mehr Geld zu generieren – um nicht abgehängt zu werden.

Verrückte Verhältnisse kündigen die Manager für den Sommer 2016 an: Von einer Abwanderungswelle gen England ist die Rede. Und von einer Gehaltsexplosion für Spitzenspieler. Vom Ungleichgewicht des Weltfußballs. Da wollen wir es uns doch noch mal gemütlich machen und eine letzte Saison der Vernunft feiern.

Quelle Solinger Tageblatt 14. August 2015 Seite 2 / im Volltext nachzulesen als Leitartikel der Westdeutschen Zeitung WZ HIER.

Bayarena Live 15.26 h  20150815_152634  BayArena Spielunterbrechung 20150815_160754 BayArena Ecke 20150815_164442  BayArena Alleingang 20150815_163209  Fussball x Leverkusen Hoffenheim 15 August 2015

15. August BayArena 15.30 bis 17.15 Uhr Leverkusen:Hoffenheim 2:1 (Handy-Fotos JR)

Macbeth in Neuss

Ankunft

Neuss Shakespeare 2 Globe 150607 x

Rückfahrt

Neuss Shakespeare Pappeln 150607

Macbeth Eintritt

Macbeth Progr Neuss FOTOS / Kritik

Macbeth Titelblatt Macbeth Progr Namen

Neuss Shakespeare 4 Macbeth 150607 x Neuss Shakespeare Macbeth 3 150607 x

Neuss Shakespeare 5 Globe + Büste 150607 Neuss Globe Skizze 150607

Fotos oben: Nach der Nachmittag-Aufführung – Marcello Walton (Macbeth) und Alice Bonifacio

Macbeth Literatur

Macbeth Literatur innen bio

s.a. hier

Macbeth Literatur Inhalt 1

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Shakespeare Portrait auf Asphalt Shakespeare auf Asphalt, Neuss (Fotos: ER)

Interessant ist immer, wie sich die Aktivitäten im Raum verteilen. Ist das Publikum irgendwie einbezogen? Agieren die Schauspieler auch außerhalb der eigentlichen Bühne? Vanessa Schormann beschreibt in ihrem Macbeth-Buch die historischen Gegebenheiten:

Ein besonderes Merkmal im elisabethanischen Theater ist die Einheit von Zuschauerraum und Bühne. Zuschauer und Spieler befinden sich im selben Erlebnisraum, der durch die Spieler immer wieder neu definiert wird. Die sogenannte unteilbare Szene ist ein wichtiger Bestandteil der Shakespeareschen Dramaturgie.

In der Bochumer-Aufführung (siehe hier) hatte man es folgendermaßen geregelt: die Bühne war rund und befand sich – etwa 1,50 m erhöht – in der Mitte des rechtwinkligen Saales, auf drei Seiten von Zuschauerreihen umringt. Unmittelbar am Bühnenrand standen Einzelstühle, die von den Schauspielern als Stufe zur Bühne benutzt wurden, hier war aber zu Anfang auch der Platz der Hexen, die ihre Verse auf die Szene fauchten. Beim Gastmahl aber wurde die Bühne zum Tisch, sie war mit einem riesigen Tischtuch bedeckt und mit einem großen runden Loch in der Mitte versehen, was sich erst zeigte, als darin am Ende alles verschwand,das Tuch und was sich darauf befand, zu allerletzt die Königskrone.

Die Bochumer Macbeth-Bühne (prinz regent theater 2014/15):

Macbeth Bochum Bühne

Sitzplan und Innenraum im Globe Neuss HIER

Im Neusser Globe führte ein Auftrittsgang für die Darsteller vom Haupteingang quer durch den Zuschauerraum zur Mitte der Bühne, beim Gastmahl verwandelte sich imaginär der ganze Raum samt Zuschauern in den Festsaal, durch den einzelne Schauspieler mit Tabletts wanderten, als verteilten sie Getränke. Und der furchterregende Geist des Banquo agierte in Gestalt des echten Schauspielers erhöht in der Mitte des Raumes und verfolgte Macbeth von dort bis auf die Bühne. – Vanessa Schormann:

Für die in der Shakespearschen Dramaturgie angelegte Interaktion mit den Zuschauern muss der Spieler in direktem Kontakt zum Publikum treten. Die architektonischen Gegebenheiten des elisabethanischen Theaters helfen dabei, denn hier ragt die leere Bühne in den Zuschauerraum hinein und wird an drei Seiten vom Publikum umgeben. Da es […] keine künstlichen Lichtquellen gab, wurde am Nachmittag bei Tageslicht gespielt – jeder konnte jeden sehen.

Diese Tatsache baut Shakespeare in seine szenische Dramaturgie mit euin, er macht den Zuschauer zum Partner des Spielers. Auch in Macbeth wird das Publikum von den einzelnen Charakteren immer wieder angesprochen, nicht nur in den Monologen, in denen sich die Figuren direkt ans Publikum wenden und es teilhaben lassen an einer Innenschau ihrer Gedanken. Grundsätzlich teilt Shakespeare dem Publikum im Spiel unmerklich verschiedene Rollen zu. Der Zuschauer wird unter andere, zum Vertrauten, Mittäter, Mitwisser oder Gegner. Mit den Figuren gemeinsam erlebt er deren Aufstieg und Fall, deren Ängste, Sorgen und Hoffnungen und wird stets unmittelbar ins geschehen hineingezogen. Durch seine aktive Teilnahme am Geschehen spendet der Zuschauer dem Schauspieler zusätzliche Energie.

Hinzu kommt, dass das um die Bühne herum im Tageslicht sitzende und stehende Publikum sich gegenseitig sieht und die Folie bildet, vor der das Spiel auf der Bühne stattfindet. Jeder Zuschauer hat einen anderen Blick auf das Bühnengeschehen und die in den Charakteren angelegte Vielschichtigkeit kann stets aus verschiedenen Perspektiven gesehen werden.

Im Shakespearetheater ist sich der Zuschauer jederzeit der theatralen Situation, in der er sich befindet, bewusst. Er nimmt die Reaktionen seiner Mitzuschauer genauso unmittelbar wahr, wie die Aktionen auf der illusionsarmen Bühnenplattform.

Quelle Vanessa Schormann: Macbeth / Verlag und Druckkontor Kamp Bochum 2005 ISBN 3-89709-384-7 (Zitate von Seite 47)