Kategorie-Archiv: Geschichte

Aktuelle Zwischennotiz

Vergangenheit (Nazi?) und Gegenwart (Big Data?)

Es geht mir darum, einzelne Gesprächsthemen der Markus-Lanz-Sendung von gestern weiterzuverfolgen (Niklas Frank und Ranga Yogeshwar), das eine betrifft die Erinnerung an die eigene Familien-Situation nach dem Krieg, die andere das heutige Verhalten betr. Facebook u.ä., scheinbar harmlose Offenbarungen durch Likes (oder durch die Themenwahl in diesem Blog?). Schließlich noch Trumps explizite Lügen.

HIER

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-26-januar-2017-100.html

Ranga Yogeshwar: ab etwa 39:00

anschließend googeln: Michal Kosinski (oder gleich hier). ZITAT ihn betreffend: 2012 ist seine Methode soweit vorangeschritten, dass er anhand von 68 Facebook-Likes vorhersagen kann, welche Hautfarbe ein Nutzer hat (95% Trefferquote), ob er/sie homosexuell ist (88%) und mit welchem politischen Lager man sympathisiert (85%). Es folgen Dutzende weitere erfolgreiche Prognosen zu Konsumverhalten, ob ein Nutzer bis zum 21. Lebensjahr bei seinen Eltern gelebt hat, Religion, Geschlecht, künstlerischen und musischen Präferenzen, Erkankungen usw.

Niklas Frank über Hans Frank: ab etwa 52:00 (?Einblendung: Bilder dürfen aus rechtl. Gründen nicht gezeigt werden?)

Über Trumps Lügen („Alternative Fakten“): Bei LANZ (a.a.O.) ab 24:05 (die Bilder, die hier aus rechtlichen Gründen jetzt nicht mehr gezeigt werden dürfen, sind unter den unten folgenden Links durchaus zu finden), zu Ranga Yogeshwars Einwänden betr. Uhrzeit (Trump-Foto „ein bisschen zu früh, um es sauber zu vergleichen“ + Einfluss des Wetters: wieviel 100.000 Menschen können denn in letzter Minute auf einen Platz strömen? Wie steht es um die Richtigkeit der Zahlen der Verkehrsbetriebe?)

a) http://www.br.de/nachrichten/trump-pressesprecher-wahrheit-100.html hier

b) https://www.youtube.com/watch?v=9AjjVMAdWm4 hier (ab 1:33:30)

c) http://www.msnbc.com/am-joy/watch/kellyanne-conway-spicer-gave-alternative-facts-860234819559 hier

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Tiergeschrei bei Vollmond

Was Alexander Humboldt am Orinoco hörte

Orinoco Bassin Quelle der Karte: Wikipedia

ZITAT (Die Farbmarkierungen wurden von mir hinzugefügt. JR)

Durch den Rio Apure, dessen Überschwemmungen ich in dem Aufsatz über die Wüsten und Steppen gedacht, gelangten wir, von Westen gegen Osten schiffend, in das Bette des Orinoco. Es war die Zeit des niedrigen Wasserstandes. Der Apure hatte kaum 1200 Fuß mittlerer Breite, während ich die des Orinoco bei seinem Zusammenfluß mit dem Apure (unfern dem Granitfelsen Curiquima, wo ich eine Standlinie messen konnte) noch über 11 430 Fuß fand. Doch ist dieser Punkt, der Fels Curiquima, in gerader Linie noch hundert geographische Meilen vom Meere und von dem Delta des Orinoco entfernt. Ein Teil der Ebenen, die der Apure und der Payara durchströmen, ist von Stämmen der Yaruros und Achaguas bewohnt. In den Missionsdörfern der Mönche werden sie Wilde genannt, weil sie unabhängig leben wollen. In dem Grad ihrer sittlichen Roheit stehen sie aber sehr gleich mit denen, die, getauft, »unter der Glocke (bajo la campana)« leben und doch jedem Unterrichte, jeder Belehrung fremd bleiben.

Von der Insel del Diamante an, auf welcher die spanisch sprechenden Zambos Zuckerrohr bauen, tritt man in eine große und wilde Natur. Die Luft war von zahllosen Flamingos (Phoenicopterus) und anderen Wasservögeln erfüllt, die, wie ein dunkles, in seinen Umrissen stets wechselndes Gewölk, sich von dem blauen Himmelsgewölbe abhoben. Das Flußbette verengte sich bis zu 900 Fuß Breite und bildete in vollkommen gerader Richtung einen Kanal, der auf beiden Seiten von dichter Waldung umgeben ist. Der Rand des Waldes bietet einen ungewohnten Anblick dar. Vor der fast undurchdringlichen Wand riesenartiger Stämme von Caesalpinia, Cedrela und Desmanthus erhebt sich auf dem sandigen Flußufer selbst, mit großer Regelmäßigkeit, eine niedrige Hecke von Sauso. Sie ist nur 4 Fuß hoch, und besteht aus einem kleinen Strauche, Hermesia castaneifolia welcher ein neues Geschlecht aus der Familie der Euphorbiazeen bildet. Einige schlanke dornige Palmen, Piritu und Corozo von den Spaniern genannt (vielleicht Martinezia- oder Bactrisarten), stehen der Hecke am nächsten. Das Ganze gleicht einer beschnittenen Gartenhecke, die nur in großen Entfernungen voneinander torartige Öffnungen zeigt. Die großen vierfüßigen Tiere des Waldes haben unstreitig diese Öffnungen selbst gemacht, um bequem an den Strom zu gelangen. Aus ihnen sieht man, vorzüglich am frühen Morgen und bei Sonnenuntergang, heraustreten, um ihre Jungen zu tränken, den amerikanischen Tiger, den Tapir und das Nabelschwein (Pecari, Dicotyles). Wenn sie, durch ein vorüberfahrendes Canot der Indianer beunruhigt, sich in den Wald zurückziehen wollen, so suchen sie nicht die Hecke des Sauso mit Ungestüm zu durchbrechen, sondern man hat die Freude, die wilden Tiere vier- bis fünfhundert Schritt langsam zwischen der Hecke und dem Fluß fortschreiten und in der nächsten Öffnung verschwinden zu sehen. Während wir 74 Tage lang auf einer wenig unterbrochenen Flußschiffahrt von 380 geographischen Meilen auf dem Orinoco, bis seinen Quellen nahe, auf dem Cassiquiare und dem Rio Negro in ein enges Canot eingesperrt waren, hat sich uns an vielen Punkten dasselbe Schauspiel wiederholt; ich darf hinzusetzen: immer mit neuem Reize. Es erscheinen, um zu trinken, sich zu baden oder zu fischen, gruppenweise Geschöpfe der verschiedensten Tierklassen: mit den großen Mammalien vielfarbige Reiher, Palamedeen und die stolz einherschreitenden Hokkohühner (Crax Alector, C. Pauxi). »Hier geht es zu wie im Paradiese, es como en el Paraiso«, sagte mit frommer Miene unser Steuermann, ein alter Indianer, der in dem Hause eines Geistlichen erzogen war. Aber der süße Friede goldener Urzeit herrscht nicht in dem Paradiese der amerikanischen Tierwelt. Die Geschöpfe sondern, beobachten und meiden sich. Die Capybara, das 3 bis 4 Fuß lange Wasserschwein, eine kolossale Wiederholung des gewöhnlichen brasilianischen Meerschweinchens (Cavia Aguti), wird im Flusse vom Krokodil, auf der Trockne vom Tiger gefressen. Es läuft dazu so schlecht, daß wir mehrmals einzelne aus der zahlreichen Herde haben einholen und erhaschen können.

Unterhalb der Mission von Santa Barbara de Arichuna brachten wir die Nacht wie gewöhnlich unter freiem Himmel auf einer Sandfläche am Ufer des Apure zu. Sie war von dem nahen, undurchdringlichen Walde begrenzt. Wir hatten Mühe, dürres Holz zu finden, um die Feuer anzuzünden, mit denen nach der Landessitte jedes Biwac wegen der Angriffe des Jaguars umgeben wird. Die Nacht war von milder Feuchte und mondhell. Mehrere Krokodile näherten sich dem Ufer. Ich glaube bemerkt zu haben, daß der Anblick des Feuers sie ebenso anlockt wie unsre Krebse und manche andere Wassertiere. Die Ruder unserer Nachen wurden sorgfältig in den Boden gesenkt, um unsere Hangematten daran zu befestigen. Es herrschte tiefe Ruhe; man hörte nur bisweilen das Schnarchen der Süßwasser-Delphine, welche dem Flußnetze des Orinoco wie (nach Colebrooke) dem Ganges bis Benares hin eigentümlich sind und in langen Zügen aufeinander folgten.

Nach 11 Uhr entstand ein solcher Lärmen im nahen Walde, daß man die übrige Nacht hindurch auf jeden Schlaf verzichten mußte. Wildes Tiergeschrei durchtobte die Forst. Unter den vielen Stimmen, die gleichzeitig ertönten, konnten die Indianer nur die erkennen, welche nach kurzer Pause einzeln gehört wurden. Es waren das einförmig jammernde Geheul der Aluaten (Brüllaffen), der winselnde, fein flötende Ton der kleinen Sapajous, das schnurrende Murren des gestreiften Nachtaffen (Nyctipithecus trivirgatus, den ich zuerst beschrieben habe), das abgesetzte Geschrei des großen Tigers, des Cuguars oder ungemähnten amerikanischen Löwen, des Pecari, des Faultiers und einer Schar von Papageien, Parraquas (Ortaliden) und anderer fasanenartigen Vögel. Wenn die Tiger dem Rande des Waldes nahekamen, suchte unser Hund, der vorher ununterbrochen bellte, heulend Schutz unter den Hangematten. Bisweilen kam das Geschrei des Tigers von der Höhe eines Baumes herab. Es war dann stets von den klagenden Pfeifentönen der Affen begleitet, die der ungewohnten Nachstellung zu entgehen suchten.

Fragt man die Indianer, warum in gewissen Nächten ein so anhaltender Lärmen entsteht, so antworten sie lächelnd: »die Tiere freuen sich der schönen Mondhelle, sie feiern den Vollmond.« Mir schien die Szene ein zufällig entstandener, lang fortgesetzter, sich steigernd entwickelnder Tierkampf. Der Jaguar verfolgt die Nabelschweine und Tapirs, die dicht aneinandergedrängt das baumartige Strauchwerk durchbrechen, welches ihre Flucht behindert. Davon erschreckt, mischen von dem Gipfel der Bäume herab die Affen ihr Geschrei in das der größeren Tiere. Sie erwecken die gesellig horstenden Vogelgeschlechter, und so kommt allmählich die ganze Tierwelt in Aufregung. Eine längere Erfahrung hat uns gelehrt, daß es keinesweges immer »die gefeierte Mondhelle« ist, welche die Ruhe der Wälder stört. Die Stimmen waren am lautesten bei heftigem Regengusse oder wenn bei krachendem Donner der Blitz das Innere des Waldes erleuchtet. Der gutmütige, viele Monate schon fieberkranke Franziskanermönch, der uns durch die Katarakten von Atures und Maipures nach San Carlos des Rio Negro bis an die brasilianische Grenze begleitete, pflegte zu sagen, wenn bei einbrechender Nacht er ein Gewitter fürchtete: »möge der Himmel, wie uns selbst, so auch den wilden Bestien des Waldes eine ruhige Nacht gewähren!«

Mit den Naturszenen, die ich hier schildere und die sich oft für uns wiederholten, kontrastiert wundersam die Stille, welche unter den Tropen an einem ungewöhnlich heißen Tage in der Mittagsstunde herrscht. Ich entlehne demselben Tagebuche eine Erinnerung an die Flußenge des Baraguan. Hier bahnt sich der Orinoco einen Weg durch den westlichen Teil des Gebirges Parime. Was man an diesem merkwürdigen Paß eine Flußenge (Angostura del Baraguan) nennt, ist ein Wasserbecken von noch 890 Toisen (5340 Fuß) Breite. Außer einem alten dürren Stamme der Aubletia (Apeiba Tiburbu) und einer neuen Apozinee, Allamanda salicifolia, waren an dem nackten Felsen kaum einige silberglänzende Croton-Sträucher zu finden. Ein Thermometer, im Schatten beobachtet, aber bis auf einige Zolle der Granitmasse turmartiger Felsen genähert, stieg auf mehr als 40° Réaumur. Alle ferne Gegenstände hatten wellenförmig wogende Umrisse, eine Folge der Spiegelung oder optischen Kimmung (mirage). Kein Lüftchen bewegte den staubartigen Sand des Bodens. Die Sonne stand im Zenit, und die Lichtmasse, die sie auf den Strom ergoß und die von diesem, wegen einer schwachen Wellenbewegung funkelnd, zurückstrahlt, machte bemerkbarer noch die nebelartige Röte, welche die Ferne umhüllte. Alle Felsblöcke und nackten Steingerölle waren mit einer Unzahl von großen, dickschuppigen Iguanen, Gecko-Eidechsen und buntgefleckten Salamandern bedeckt. Unbeweglich, den Kopf erhebend, den Mund weit geöffnet, scheinen sie mit Wonne die heiße Luft einzuatmen. Die größeren Tiere verbergen sich dann in das Dickicht der Wälder, die Vögel unter das Laub der Bäume oder in die Klüfte der Felsen; aber lauscht man bei dieser scheinbaren Stille der Natur auf die schwächsten Töne, die uns zukommen, so vernimmt man ein dumpfes Geräusch, ein Schwirren und Sumsen der Insekten, dem Boden nahe und in den unteren Schichten des Luftkreises. Alles verkündigt eine Welt tätiger, organischer Kräfte. In jedem Strauche, in der gespaltenen Rinde des Baumes, in der von Hymenoptern bewohnten, aufgelockerten Erde regt sich hörbar das Leben. Es ist wie eine der vielen Stimmen der Natur, vernehmbar dem frommen, empfänglichen Gemüte des Menschen.

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Quelle Alexander von Humboldt: Ansichten der Natur / Seinem teuren Bruder Wilhelm von Humboldt in Rom / Berlin, im Mai 1807 /  Philipp Reclam jun. Stuttgart 1999 ISBN 3-15-002948 (Seite 169-173)

Abgerufen bei:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/ansichten-der-natur-4756/10 bzw. HIER

Nachwort

Wie ich dazu kam, in meinem kleinen Exemplar der“Ansichten der Natur“ zu lesen? Bei Markus Lanz war die Autorin Andrea Wulf zu Gast, deren Buch über Humboldt (A.v.H. und Die Erfindung der Natur) gerade erschienen ist. ZDF 18. Januar 2017 Videothek HIER ab 55:35

Seltsam, dass Daniel Kehlmann und seine Wiederentdeckung des Alexander Humboldt in Die Vermessung der Welt (2005) mit keinem Wort erwähnt wurde.

Lascaux 4 ist fertig? Was geht uns das an!

Die Kinder des Prometheus

Heute in der Tageszeitung (Solinger Tageblatt 10. Dezember 2016)

lascaux-im-st-161210

Man muss es gesehen haben und vielleicht Fragen gestellt haben über eine Zeit, die ca. 35 000 Jahre zurückliegt. Als wir „Menschen“ geworden waren. Ich (WIR) beginne(n) HIER. Und habe jetzt den Parzinger neben mich gelegt.

Neben der Kunst und der Sprache bildet die Musik eine weitere wichtige Form der Kommunikation, deren älteste Zeugnisse uns aus dem Jungpaläolithikum bekannt sind. Der Mensch des Aurignacien machte Musik, und zwar – zumindest – mit Hilfe von Flöten aus Vogelknochen und Elfenbein, den ältesten bekannten Musikinstrumenten der Menschheit. Während es nicht ungewöhnlich scheint, aus hohlen Röhrenknochen Flöten herzustellen, so ist die aus Elfenbein gearbeitete Flöte aus dem Geißenklösterle, Schwäbische Alp, einzigartig (Abb….). Sie stellt die erste aus Elfenbein gefertigte Hohlform dar – ein kleines Kunstwerk, das nur mit größtem Aufwand zu erschaffen war. Es führt uns einmal mehr die herausragenden technischen Fertigkeiten der Menschen im Aurignacien vor Augen. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich diese Flöten in jenen Höhlen der Schwäbischen Alp fanden, aus denen auch überragende beispiele frühester Plastiken bekannt sind. Der Kontext zwischen bildender Kunst und Musik könnte deutlicher nicht sein. Sie in den Rahmen von Kult und Ritual einzuordnen, ist sicher eine erlaubte Interpretation.

Quelle (aller Zitate und der folgenden Karte): Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus / Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift / C.H.Beck München 2015 (Zitat oben: Seite 89)

Siehe linke Hälfte der Karte, Mitte: Weinberghöhle. Vgl. auch Geißenklösterle. Ganz links, grüner Schriftblock neben „Atlantischer Ozean“, 2.Wort von oben: „Lascaux“

aurignacien-parzinger Scan aus „Kinder des Prometheus“ S.78f

Interessant erscheint die Tatsache, dass die Tiere überwiegend in ruhigen Positionen, mitunter zwar auch in Bewegung dargestellt wurden, jedoch nie in aggressiver Haltung. Szenen etwa, in denen Raubtiere ein anderes Lebewesen reißen oder gar Menschen bedrohen, fehlen völlig in der eiszeitlichen Kunst. Es ist mehrfach darüber spekuliert worden, inwieweit diese künstlerische Ausdrucksform als kultische, ja magische Handlung zu deuten sei. Versuchte der Mensch damals, über die Kunst Einfluss auf die Natur zu nehmen? So hat man vermutet, dass das Zeichnen der Tiere möglicherweise ihre Kraft und ihr Bedrohungspotential bändigen sollte; demnach wäre das Kunstschaffen des frühen Menschen gleichsam ein Weg gewesen, sich der Tierwelt und der natürlichen Umwelt insgesamt zu bemächtigen.

Doch die Deutung der Eiszeitkunst bleibt ein hochspekulatives Unterfangen, bei dem sich kaum sicherer Grund für die Argumentation gewinnen lässt. Schon früh wollte man in diesen Bildern belege für schamanistische Rituale erkennen; insbesondere die oben erwähnten Mischwesen und abstrakte Zeichen wurden mit Trancephasen der Schamanen in Verbindung gebracht. Belegen lässt sich das alles nicht. Die Bilder der Eiszeitkunst sind weitgehend hermetische Repräsentationen ihrer Zeit. Wenn man ihnen diese Fremdheit zugesteht, bedeutet das nicht, dass man der jungpaläolithischen Kultur – unter Einbeziehung dieser Kunstäußerungen – animistische Züge absprechen müsste. Aber wir wissen einfach nicht, ob diese Bilder Platzhalter für Ahnen waren oder in Verbindung mit Jagdmagie, Initiationsriten oder anderen kultischen Handlungen entstanden und zu interpretieren sind. Mit Sicherheit dürfen wir aber davon ausgehen, dass die so reich mit Wandmalereien ausgestatteten Höhlen wie jene von Lascaux oder Altamira oder auch die vielen anderen in Portugal bis Norditalien auch als Kultplätze gedient haben.

Die Eiszeitkunst hat – wie auch immer sie im Einzelnen zu deuten sein mag – die menschliche Kulturgeschichte über 25 000 Jahre lang nachhaltig geprägt. Ihre uns erhaltenen Zeugnisse sind nicht in spontanen, emotionalen Einzelaktionen entstanden; vielmehr wurden die Bilder nach und nach häufig planvoll angefertigt. Viele Generationen haben sie gesehen und ihre Botschaften fortgeschrieben und erweitert – ein Prozess gesellschaftlicher Tradition, an der jeweils die ganze Gruppe teilgenommen hat. Kunst und Symbole des Eiszeitalter konnten nur entstehen und sich entwickeln, weil geeignete soziale und kognitive Vorbedingungen gegeben waren. Solche Darstellungen setzen die Fähigkeit, ja das Bedürfnis zur Mitteilung und zur Kommunikation von ganz bestimmten Inhalten und Botschaften voraus.

Diese Kunst basiert ferner auf der Fähigkeit, in der Vergangenheit zu lesen und in die Zukunft zu denken.

Quelle Parzinger a.a.O. Seite 87f

Was tun, wenn es weihnachtet?

Mehrere Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Oder im Herzen, was schwülstiger klingt, aber besser zu dem geplanten Fortgang des Satzes passt: man muss sie behandeln, ehe sie erkalten.

1) Es geht um ein Lied, „La Chanson d’Hélène“ aus dem Film „Die Dinge des Lebens“, den ich erst spät, – aufgrund des Interviews mit Matthias Brandt -, kennengelernt habe. Ich glaube, eine wesentliche Komponente – jedenfalls einen Anteil, der die ausweglose Stimmung des Filmes zumindest vertieft und jederzeit wieder aufruft – bildet die wiederkehrende Melodie, und zwar mit der Stimme Romy Schneiders, die Cover-Fassungen kann ich nicht gelten lassen. Zu dem Erlebnis gehört, dass ich die Melodie letztlich nicht gut gemacht finde. Ein „Trotzdem“ gehört dazu.

2) Es geht um Rom. Da ich neuerdings wieder Max Weber auf CD-Rom durchstöbert habe, mich in mehreren Themen festgelesen habe, vor allem aber in dem Aufsatz „Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur“. Gleich am Anfang stellt er Fragen, die ich immer schon hätte stellen wollen, aber nicht ernst genommen habe. Etwa in der Art wie Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Ich weiß: sie hatten nur Befehlsgewalt, aber warum haben sie im Fall Rom, das ja Hunderte von Jahren bestand, aufgehört zu befehlen. Warum ist es untergegangen? Ja, ich weiß, es gibt ein Geflecht von Gründen, aber letztlich steht der Grund, den Max Weber behandelt, auch in Brechts Gedicht. Aber wenn ich danach in die Geschichtsbücher schaue, etwa in den bewährten Überblick von Imanuel Geiss (Seite 118) oder in das frühe Buch von Herfried Münkler über „Imperien“, so suche ich vergeblich.

3) Und schließlich geht es wohl um ein Buch, das ich erst morgen besitzen werde: „Der Klang“, – es ist mir nicht ganz geheuer: es stammt von einem Geigenbauer, enthält offenbar viel Wissenswertes, aber auch ein Glaubensbekenntnis. Und das trifft mich als lesenden Geiger, der auch gern Fragen stellt, irgendwie auf dem falschen Bein. Habe ich doch gerade wieder kursorisch „Das Böse“ von Rüdiger Safranski rekapituliert und darin vorgemerkt, was Kant zu den Versuchen sagt, den Willen Gottes aus seinen Naturwerken oder denen seiner irdischen Helfershelfer herauslesen zu wollen. Er nennt es „Phantome“, und der Geigenklang ist zweifellos ein „Naturwunder“, gehört aber in diesem Sinne auch zu den Phantomen. Passend zur Weichheit, die sich des Gehirns der Menschen gern zur Weihnachtszeit bemächtigt. Auch meine Oma hat gern davon gesprochen und „bis ins kleinste die wunderbaren Zweckzusammenhänge und ihren Nutzen für den Menschen darzulegen“ (Safranski Seite 310) versucht, insbesondere am Beispiel der Blumenblüten und der Bienen. Sie wusste allerdings nichts von dem Fachbuch „Insecto-Theologie“, das im Jahre 1738 erschienen ist: ein „Vernunfft- und schrifftmäßiger Versuch wie ein Mensch durch aufmercksame Betrachtungen der sonst wenig geachteten Insecten zu lebendiger Erkänntnis und Bewunderung der Allmacht, Weißheit, der Güte und Gerechtigkeit des großen Gottes gelangen könne.“

Aber keine Angst: ich spotte nicht. Ich frage nur! Und staune. Hier.

Nachtrag 8.12.20116

Inzwischen besitze ich das zuletzt genannte Buch, nein, nicht die Insecto-, sondern eine Art Violino-Theologie, habe sie von Anfang bis Ende durchgeblättert. Im Namen der Geige: lesen werde ich das nicht. Vielleicht die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ – aber diese aus historischen Gründen (1796).

Es gibt Übersetzungsfehler, die ähnlich dem – nach Freud – typischen „Versprecher“ eine Wahrheit ans Licht bringen, heute mehr denn je: Auf einer unserer Italien-Tourneen (Collegium Aureum mit dem Tölzer Knabenchor) sahen wir auf den Plakaten in der Stadt unter der Ankündigung in großen Lettern ORATORIO DI NATALE als deutschen Titel: Weichnachtsoratorium. (Siehe am Ende dieses Artikels!)

Nachtrag 20.12. zu Roms Niedergang (Max Weber)

Ich halte den Anfang von Webers Gedanken über Roms Niedergang lieber sofort griffbereit, ehe ich vergesse, was mir bei ihm besonders plausibel erschien. Egal ob es bei Karl Marx vielleicht längst detaillierter ausgeführt wurde. Das Hauptargument der Funktion der Sklaven sollte weiterführen. Zumal es möglich scheint, dass ihre Bedeutung im Christentum eine ganz andere wurde und das Christentum sich im Grunde die bürokratische Ordnung und Verwaltung des Römischen Reiches (der zivilisierten Welt) zunutze machte. Das habe ich undeutlich in Erinnerung, ohne einen konkreten Beleg vorweisen zu können: das Christentum als effektives Verwaltungssystem, das die äußere Ordnung durch eine innere (totalitäre!) ergänzte: die Erfassung jeder menschlichen Seele (samt Körper) von der Wiege bis zur Bahre… Wie gelingt es Weber, unser Interesse zu „erzwingen“?  De te narratur fabula, sagt er. Und ich möchte naseweiß hinzufügen: Tua res agitur. Deine Sache wird betrieben. Jeder weiß, dass die Zeit, „da Pontius Pilatus Landpfleger war“ – samt nachfolgenden Jahrhunderten – uns nicht Hekuba sein kann…  

Das Römische Reich wurde nicht von außen her zerstört, etwa infolge zahlenmäßiger Überlegenheit seiner Gegner oder der Unfähigkeit seiner politischen Leiter. Im letzten Jahrhundert seines Bestehens hatte Rom seine eisernen Kanzler: Heldengestalten wie Stilicho, germanische Kühnheit mit raffinierter diplomatischer Kunst vereinigend, standen an seiner Spitze. Warum gelang ihnen nicht, was die Analphabeten aus dem Merowinger-, Karolinger- und Sachsenstamme erreichten und gegen Sarazenen und Hunnen behaupteten? – Das Reich war längst nicht mehr es selbst; als es zerfiel, brach es nicht plötzlich unter einem gewaltigen Stoße zusammen. Die Völkerwanderung zog vielmehr nur das Fazit einer längst im Fluß befindlichen Entwicklung.

Vor allem aber: die Kultur des römischen Altertums ist nicht erst durch den Zerfall des Reiches zum Versinken gebracht worden. Ihre Blüte hat das römische Reich als politischer Verband um Jahrhunderte überdauert. Sie war längst dahin. Schon anfangs des dritten Jahrhunderts versiegte die römische Literatur. Die Kunst der Juristen verfiel wie ihre Schulen. Die griechische und lateinische Dichtung schliefen den Todesschlaf. Die Geschichtsschreibung verkümmerte bis zu fast völligem Verschwinden, und selbst die Inschriften begannen zu schweigen. Die lateinische Sprache war bald in voller Degeneration begriffen. – Als anderthalb Jahrhunderte später mit dem Erlöschen der weströmischen Kaiserwürde der äußere Abschluß erfolgt, hat man den Eindruck, daß die Barbarei längst von innen heraus gesiegt hatte. Auch entstehen im Gefolge der Völkerwanderung keineswegs etwa völlig neue Verhältnisse auf dem Boden des zerfallenen Reichs; das Merowingerreich, wenigstens in Gallien, trägt zunächst in allem noch ganz die Züge der römischen Provinz. – Und die Frage, die sich für uns erhebt, ist also: Woher jene Kulturdämmerung in der antiken Welt?

Mannigfache Erklärungen pflegen gegeben zu werden, teils ganz verfehlt, teils einen richtigen Gesichtspunkt in falsche Beleuchtung rückend:

Der Despotismus habe die antiken Menschen, ihr Staatsleben und ihre Kultur gewissermaßen psychisch erdrücken müssen. – Aber der Despotismus Friedrichs des Großen war ein Hebel des Aufschwungs. –

Der angebliche Luxus und die tatsächliche Sittenlosigkeit der höchsten Gesellschaftskreise haben das Rachegericht der Geschichte heraufbeschworen. – Aber beide sind ihrerseits Symptome. Weit gewaltigere Vorgänge als das Verschulden Einzelner waren es, wie wir sehen werden, welche die antike Kultur versinken ließen. –

Das emanzipierte römische Weib und die Sprengung der Festigkeit der Ehe in den herrschenden Klassen hätten die Grundlagen der Gesellschaft aufgelöst. Was ein tendenziöser Reaktionär, wie Tacitus, über die germanische Frau, jenes armselige Arbeitstier eines kriegerischen Bauern, fabelt, sprechen ähnlich Gestimmte ihm heute nach. In Wahrheit hat die unvermeidliche »deutsche Frau« so wenig den Sieg der Germanen entschieden, wie der unvermeidliche »preußische Schulmeister« die Schlacht bei Königgrätz. – Wir werden vielmehr sehen, daß die Wiederherstellung der Familie auf den unteren Schichten der Gesellschaft mit dem Niedergang der antiken Kultur zusammenhängt. –

Aus dem Altertum selbst dringt Plinius‘ Stimme zu uns: »Latifundia perdidere Italiam«. Also – heißt es von der einen Seite – die Junker waren es, die Rom verdarben. Ja – heißt es von der andern – aber nur weil sie dem fremden Getreideimport erlagen: mit dem Antrag Kanitz also säßen die Cäsaren noch heute auf ihrem Throne. Wir werden sehen, daß die erste Stufe zur Wiederherstellung des Bauernstandes mit dem Untergang der antiken Kultur erstiegen wird. –

Damit auch eine vermeintlich »Darwinistische« Hypothese nicht fehle, so meint ein Neuester u.a.: der Ausleseprozeß, der sich durch die Aushebung zum Heere vollzog und die Kräftigsten zur Ehelosigkeit verdammte, habe die antike Rasse degeneriert. – Wir werden sehen, daß vielmehr die zunehmende Ergänzung des Heeres aus sich selbst mit dem Untergang des Römerreichs Hand in Hand geht.

Genug davon. – Nur noch eine Bemerkung, ehe wir zur Sache kommen:

Es kommt dem Eindruck, den der Erzähler macht, zu gut, wenn sein Publikum die Empfindung hat: de te narratur fabula, und wenn er mit einem discite moniti! schließen kann. In dieser günstigen Lage befindet sich die folgende Erörterung nicht. Für unsere heutigen sozialen Probleme haben wir aus der Geschichte des Altertums wenig oder nichts zu lernen. Ein heutiger Proletarier und ein antiker Sklave verständen sich so wenig, wie ein Europäer und ein Chinese. Unsre Probleme sind völlig andrer Art. Nur ein historisches Interesse besitzt das Schauspiel, das wir betrachten, allerdings eines der eigenartigsten, das die Geschichte kennt: die innere Selbstauflösung einer alten Kultur.

Jene eben hervorgehobenen Eigentümlichkeiten der sozialen Struktur der antiken Gesellschaft sind es, die wir uns zunächst klar machen müssen. Wir werden sehen, daß durch sie der Kreislauf der antiken Kulturentwicklung bestimmt wurde. –

Die Kultur des Altertums ist ihrem Wesen nach zunächst: städtische Kultur. Die Stadt ist Trägerin des politischen Lebens wie der Kunst und Literatur. Auch ökonomisch eignet, wenigstens in der historischen Frühzeit, dem Altertum diejenige Wirtschaftsform, die wir heute »Stadtwirtschaft« zu nennen pflegen. Die Stadt des Altertums ist in hellenischer Zeit nicht wesentlich verschieden von der Stadt des Mittelalters. Soweit sie verschieden ist, handelt es sich um Unterschiede von Klima und Rasse des Mittelmeers gegen diejenigen Zentraleuropas, ähnlich wie noch jetzt englische und italienische Arbeiter und deutsche und italienische Handwerker sich unterscheiden. – Ökonomisch ruht auch die antike Stadt ursprünglich auf dem Austausch der Produkte des städtischen Gewerbes mit den Erzeugnissen eines engen ländlichen Umkreises auf dem städtischen Markt. Dieser Austausch unmittelbar vom Produzenten zum Konsumenten deckt im wesentlichen den Bedarf, ohne Zufuhr von außen. – Aristoteles‘ Ideal: die autarkeia (Selbstgenügsamkeit) der Stadt – war in der Mehrzahl der hellenischen Städte verwirklicht gewesen.

Quelle Max Weber: Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur. (1896)

Nur noch 2 herausgegriffene Zitate als Hinweis zum weiteren Verlauf des Gedankenganges:

Aber während aus dem Mittelalter die freie Arbeit und der Güterverkehr in zunehmendem Maß als Sieger hervorgehen, verläuft die Entwicklung des Altertums umgekehrt. Was ist der Grund? Es ist derselbe, der auch den technischen Fortschritten des Altertums ihre Schranken setzte: die »Billigkeit« der Menschen, wie sie durch den Charakter der unausgesetzten Kriege des Altertums hervorgebracht wurde. Der Krieg des Altertums ist zugleich Sklavenjagd; er bringt fortgesetzt Material auf den Sklavenmarkt und begünstigt so in unerhörter Weise die unfreie Arbeit und die Menschenanhäufung. Damit wurde das freie Gewerbe zum Stillstand auf der Stufe der besitzlosen Kunden-Lohnarbeit verurteilt. Es wurde verhindert, daß mit Entwicklung der Konkurrenz freier Unternehmer mit freier Lohnarbeit um den Absatz auf dem Markt diejenige ökonomische Prämie auf arbeitsparende Erfindungen entstand, welche die letzteren in der Neuzeit hervorrief. Hingegen schwillt im Altertum unausgesetzt das ökonomische Schwergewicht der unfreien Arbeit im »Oikos«. Nur die Sklavenbesitzer vermögen ihren Bedarf arbeitsteilig durch Sklavenarbeit zu versorgen und in ihrer Lebenshaltung aufzusteigen. Nur der Sklavenbetrieb vermag neben der Deckung des eigenen Bedarfs zunehmend für den Markt zu produzieren.

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Die Sklavenkaserne vermochte sich nicht aus sich selbst zu reproduzieren, sie war auf den fortwährenden Zukauf von Sklaven zur Ergänzung angewiesen, und tatsächlich wird von den Agrarschriftstellern dieser Zukauf auch als regelmäßig stattfindend vorausgesetzt. Der antike Sklavenbetrieb ist gefräßig an Menschen, wie der moderne Hochofen an Kohlen. Der Sklavenmarkt und dessen regelmäßige und auskömmliche Versorgung mit Menschenmaterial ist unentbehrliche Voraussetzung der für den Markt produzierenden Sklavenkaserne. Man kaufte billig: Verbrecher und ähnliches billige Material solle man nehmen, empfiehlt Varro mit der charakteristischen Motivierung: – solches Gesindel sei meist »gerissener« (»velocior est animus hominum improgorum«).

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Rückblende 1990 (Handy-Foto JR)

venedig-toelzer-bach-1990

Der dreifache Dionys in St.Denis

Irrtum oder Betrug? (Zu den Grundlagen der Gotik)

Ich zitiere aus dem historischen Standardwerk „Die gotische Kathedrale“ von Otto von Simpson (Anmerkungen weggelassen, Links hinzugefügt):

Wir erinnern uns: die Abtei von St. Denis verdankte ihre Bedeutung ursprünglich der Tatsache, daß sie die Reliquien des Heiligen und Märtyrers barg, der Frankreich im dritten Jahrhundert zum Christentum bekehrt hatte und daher als Schutzpatron des Königshauses und Reiches galt. Diesen heiligen Dionysius nun hielt man für identisch mit einem Theologen der Ostkirche, der einer der großen Mystiker der christlichen Überlieferung ist. Diesen zweiten Dionysius, den Pseudo-Areopagiten, haben wir bereits kennengelernt: sein Werk war die Hauptquelle der im zweiten Kapitel besprochenen mittelalterlichen Lichtmetaphysik. Über seine Person wissen wir fast nichts. Er war vermutlich Syrer und lebte im späten fünften Jahrhundert. Merkwürdig, wenigstens für unser Empfinden, daß sich mit seinen tiefen mystischen Einsichten ein Hang zur Mystifikation verbindet. So will er den Leser durch mancherlei Anspielungen und Hinweise glauben machen, daß er Zeuge der Sonnenfinsternis beim Tode Christi gewesen sei, das Ende der Jungfrau Maria selbst miterlebt und den Evangelisten Johannes gekannt habe, kurz, daß er kein geringerer als jener vornehme Athener Dionysius gewesen sei, der nach der Apostelgeschichte 17, 34, „Paulus anhing und gläubig wurde“. Alle diese falschen Behauptungen fanden im Mittelalter Glauben, und es scheint unmöglich, den Verfasser von dem Verdacht freizusprechen, er habe mit Absicht jene Verwirrung geschaffen, die lange nach seinem Tode die erstaunlichsten Folgen haben sollte. Die Schriften des Dionysius galten bald als in apostolischer Zeit verfaßt. Sie wurden mit der Andacht gelesen, die man den verehrungswürdigsten Darstellungen des christlichen Glaubens vorbehielt, nur ein weniges schien sie von den inspirierten Schriften der Bibel selbst zu trennen. „Unter den Kirchenschriftstellern“, schreibt Johannes Saracenus in seiner dem Nachfolger Sugers, Odo von St. Denis gewidmeten Übersetzung des Areopagiten, „gilt Dionysius als der erste nach den Aposteln“.

Ein Irrtum zog den zweiten nach sich. Mag der große Syrer auch den ersten verschuldet haben, so gewiß nicht den zweiten. Zwischen 757 und 767 nämlich übersandte Papst Paul I. Pippin dem Kurzen die Handschrift des corpus Areopagiticum. Es ist durchaus möglich, daß der Papst selbst an die Identität des Verfassers mit dem Apostel von Frankreich geglaubt hat. Kaiser Ludwig der Fromme beauftragte den Abt Hilduin von St. Denis, alles Material über „unseren besonderen Schutzheiligen“ zu sammeln, das er in den griechischen Schriftstellern und anderswo zu finden vermöchte. Hilduin unterzog sich dieser Aufgabe mit Begeisterung. Er verfaßte eine Biographie, in welcher der durch Paulus Bekehrte, der Apostel von Frankreich und der Verfasser des corpus Areopagiticum als ein und dieselbe Person geschildert wurden.

Nicht, daß die Schriften des Dionysius solch falscher Beglaubigung bedurft hätten, um Beachtung zu finden. In großartiger Synthese von neoplatonischen und christlichen Anschauungen wird hier eine mystische Schau mit hinreißender Beredsamkeit vorgetragen. Aber so sehr das Mittelalter den Philosophen Plato auch bewunderte, und soviel ihm die christliche Theologie tatsächlich verdankt, die christlichen Theologen haben sich seinem Werk doch nur mit Zurückhaltung genähert. Das gleiche Schicksal hätte dem Pseudo-Areopagiten blühen können. Aber als Schüler des heiligen Paulus wurde er ohne Bedenken in die theologische Tradition des Mittelalters aufgenommen, und als angeblicher Apostel Frankreichs gewann er mit seinem Werk die Herrschaft über die gesamte geistige Kultur dieses Landes. Im zwölften Jahrhundert nahm die Heiligenverehrung im öffentlichen Leben eine so überragende Stellung ein, daß sie sogar die Richtung der Politik, zum mindesten ihren Stil, beeinflußte. Die besondere Verehrung, die man dem Apostel Frankreichs nicht nur als Märtyrer, sondern gerade auch wegen seiner angeblichen philosophischen Werke entgegenbrachte, ist verständlich. Damals erlebte die Scholastik ihre erste Blüte. Ein Zeitalter, das, so fest es auch im Glauben verwurzelt war, schon im Bann der philosophischen Spekulation stand, verlangte nach einem Schutzpatron, der sowohl ein großer Heiliger wie ein bedeutender Denker war. Jedenfalls hat die Verehrung des Heiligen im zwölften und noch im dreizehnten Jahrhundert auch auf die Entwicklung des französischen Denkens einen außerordentlichen Einfluß ausgeübt.

Quelle Otto von Simson: Die gotische Kathedrale /  Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung / (1956) deutsche überarbeitete Ausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1968 und 1972 / ISBN 3-534-04306-5 (Zitat Seite 147 ff)

Mit aller Vorsicht kann man eine solche Aufklärung über die drei Identitäten des Dionysius schon in Stadlers Heiligen-Lexikon (1858-1882) lesen, siehe hier über das Lexikon und hier über Dionysius, wobei wohl nicht nur der Satz vom „Feldgeschrei der Franzosen“ dem Stil der damaligen Zeit geschuldet ist. (JR)

Marienvesper II

Monteverdi: Vespro della Beata Vergine 1610 / Saint-Denis 2012

Über die Marienvesper: Wikipedia HIER

Die Aufführung:

I ab 1:08 II ab 3:35 III ab 11:00 IV ab 14:35 V ab 20:46 VI ab 24:20 VII ab 30:38 Duo Seraphim VIII ab 36:45 IX ab 41:05 Concerto: Audi coelum X ab 48:10 Lauda XI ab 52:40 Sonata: Sancta Maria XII ab 50:25 Hymnus: Ave Maris Stella XIII ab 1:06:30 Magnificat // ab 1:24:03 Beifall

Wenn Sie – ohne die Musik zu unterbrechen – den vergrößerten Text synchron mitlesen wollen, aber zwischen Bild und Text auch wechseln wollen, öffnen Sie ihn besser in einem zweiten Fenster HIER. (Danach vergrößern durch Anklicken!)

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Quelle nach der LP mit dem Aachener Domchor & Collegium Aureum 1979 (Romano Guardini: Deutscher Psalter / Kösel Verlag München 1950 / 1966)

Nachbemerkung

Eine Stelle des Magnificats muss ich herausnehmen, weil sie mich immer sehr ergriffen hat. (Ein- oder zweimal habe ich die Vesper als Konzertmeister mitgespielt – vielleicht unter Rudolf Ewerhard? in Essen oder in Münster? – die 2. Geige spielte mein Freund Klaus Giersch.) Es ist die Stelle bei 1:15:20, wo die beiden Geigen in der Höhe einsetzen und in Terzen spielend fortfahren, wirklich wie eine Himmelserscheinung. Man muss vorher beginnen, mit den Zinken bei 1:14:20 – „Deposuit potentes de sede“, dann die Geigen zu „Et exaltavit humiles“, wir sind die „humiles“! Das ganze Umfeld ist überirdisch, unglaublich schön, man kann es nicht spielen, ohne dass einen Schauer überlaufen. Wie so oft in diesem Werk. Ich nenne nur „Duo Seraphim“ oder „Audi coelum“ oder den herrlichen Hymnus „Ave Maris Stella“ (XII), der hier für meine Begriffe etwas schnell aufgefasst wird. So hatte es in einer anderen Aufführung auch Franzjosef Maier (Konzertmeister Collegium Aureum) interpretieren wollen, es wirke sonst etwas unübersichtlich (oder so ähnlich), da trat der Bariton von „Pro Cantione Antiqua“ ganz nah an ihn heran und begann zu singen – ihm in die Augen blickend -, fast die ganze Strophe, im langsamen Tempo und auf ganz langem Atem, ein Moment größter Intensität, obwohl er nicht unbedingt der beste Sänger des Ensembles war: ich werde es nie vergessen, nur dieses Tempo kann es sein, – bis heute. Es ist mir aber unmöglich, das Ensemble in St. Denis zu kritisieren. (JR)

Und nun muss ich noch eine andere Erinnerung hervorholen: MARIA CARTA. Hören Sie die folgende Aufnahme: Ave Mama’e Deu (1974) HIER. Vermeiden Sie um Gottes willen die einleitende Werbung (ca. 15 sec) und hören Sie. Und wenn Sie nun noch in mein Jahr 1974 schauen, verstehen Sie, weshalb ich doppelt gerührt bin. Es muss auch die Zeit meiner „Monteverdi“-Aufführungen gewesen sein, denn ich assoziiere eins mit dem anderen. Und genau so hat sie es damals gesungen… (JR)

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Trump und die Zukunft

Erkenntnisgewinn aus der furchtbaren Wahl

Ja, es ist weiß Gott schon genug geschrieben worden über dieses Thema, da muss ich nicht ein zweites Mal nachhalten. Ich tue es nur im eigenen Interesse, nämlich um einen beeindruckenden Artikel zu verinnerlichen: bald wird er zwar im Internet nachlesbar sein, aber wer weiß, ob dann die Bereitschaft, Historisches zu exzerpieren, nicht wieder durch Musikthemen verdrängt ist. Also: der Autor ist möglicherweise kein ausgewiesener Musiker, jedoch außerordentlich vielseitiger Feuilleton-Chefredakteur der ZEIT, Thomas Assheuer. Autorität ist er aber nicht so sehr durch diese Tatsache, sondern weil er große Zusammenhänge erfasst und plastisch darstellen kann. Ich beschränke mich darauf, Kernsätze zu sammeln, im Vertrauen darauf, dass sich der Zusammenhang wieder „von selbst“ einstellt. Die Internetquelle wird folgen, sobald sie erreichbar ist, einstweilen hilft die aktuelle Ausgabe der ZEIT, – wieder einmal ein Artikel, der allein den Preis des ganzen Blattes wert ist. Insbesondere bin ich froh, dass am Ende der Bogen zu Max Weber geschlagen wird, dessen Werk immer wieder eine Rekapitulation verdient. Auch in dieser Richtung will ich Lese-Motive zusammenstellen. Vorweg aber ein schnell geschossenes Handy-Motiv, als Dank beim Abschied im November, keine Kunst, einfach weil es mich an schöne warme Sommerabende auf der jetzt verwaisten Terrasse erinnert, unser Refugium zwischen Solingen und Haan. (Nur für den Fall, dass man mir vorhält, die regelmäßig rettende Muße nur mit Lippenbekenntnissen zu bedenken. Siehe dazu das „Nebenergebnis“ hier.)

heidberger-muehle-a  heidberger-muehle-b November 2016

(Zitat-Auswahl folgt)

Natürlich muss man fragen, welchen Grad an soziomoralischer Zerrüttung eine Gesellschaft erreicht hat, die knapp drei Jahrzehnte nach ihrem Sieg über den Kommunismus einen klassischen Spekulanten zum Präsidenten wählt. Tatsächlich konnte Trumps Revolte nur erfolg haben, weil er zum Putsch aufrief und die rebellischen Energien einer gespaltenen Gesellschaft auf seine Mühlen lenkte. Trump betrieb Ideologiekritik von rechts und traf damit einen Nerv. Er hämmerte dem Wahlvolk ein, die liberale Kultur mit ihrem gottverdammten Kosmopolitismus, mit diversity und Multikulti-Aroma sei nichts anderes als die Ideologie einer politischen Klasse, die die hart schuftenden Arbeiter um ihren gerechten Anteil betrüge. Die herrschende Moral sei die Moral der Herrschenden – die Moral der vaterlandslosen Globalisten, die ihre eigenen Kinder in Privatschulen in Sicherheit bringen, die Wasser predigen und Wein trinken.

***

Es gibt eine neue Konvergenz der Systeme, nämlich eine Konvergenz der Autoritären. Trump fühlt sich Putin nah, und wer weiß, wen er noch so alles bewundert. Denn bei allen Unterschieden verkörpern Trump wie Putin einen neuen Politikertyp, der mit identischem Profil auf die Anarchie der Weltgesellschaft reagiert mit einer toxischen Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn. Nachdem die Globalisierung eine Raumrevolution ausgelöst und Grenzen durchlöchert hat, setzen die neuen Autoritären auf den geschlossenen Maßnahmestaat, während sie gleichzeitig eng mit dem Weltmarkt verbunden bleiben.

***

(…) Der neue Typ des Autoritären weiß, dass es allein auf a few dollars more nicht ankommt. Deshalb verspricht er nicht nur Arbeitsplätze (Trump: „Ein Anruf bei Ford Mexico, und die Autos werden wieder bei uns gebaut); er verspricht ein Mehr an Leben, eine existenzielle Intensität jenseits des neoliberalen „Tugendterrors“, der den Leuten einbläut, sie sollen sich gefälligst wettbewerbsfähig halten, mit dem Rauchen aufhören und nicht so fett werden. In Trumps Schmährhetorik verkörpern Liberale wie Hillary Clinton das leblose leben, das sich mit kitschigen Phrasen („hope“) auf eine Zukunft vertröstet, die sowieso nicht kommt.

Mit diesem reaktionären Vitalismus stößt die Neue Rechte in das liberale Sinnvakuum vor und verspricht dem „Volk“ ein Leben, das mehr ist als die Vermeidung von Fehlanreizen, mehr als Investment, mehr als „Werde schlau, dann kannst du es schaffen“ – und mehr als Sozialpolitik sowieso. Rechte Politik ist aktive Schizophrenie. Sie intensiviert den Konkurrenzkapitalismus und verspricht gleichzeitig die Erlösung von seinen Zwängen, und das nicht erst morgen, sondern schon heute. Deshalb erlaubt sie das obszöne Genießen, sie gewährt den kurzen bewachten Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Rattenrennen, die kalkulierte Übertretung – wenngleich nur so lange, wie es nicht politisch und gefährlich ist, denn sonst kommt, leider, leider, der Große Bruder und schaut nach dem Rechten.

***

Selbst wenn Amerika unter Trump als treibende ordnungsstiftende Kraft ausfällt: Die einmal errungene Freiheit vergisst sich nicht, sie kommt wieder, sie kann nicht anders. Bis dahin könnte Europa der Welt vormachen, wie man den Kapitalismus zähmt und auf diese Weise den Rechten das Wasser abgräbt. Oder, um Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen: „Will man jetzt über Amerika hinausschicken, so kann es nur nach Europa sein.“

***

Der Soziologe Max Weber hat in seiner Protestantischen Ethik bereits 1904 durchgespielt, was es bedeutet, wenn der Amerikanische Traum als Perversion in Erfüllung geht und sich der kapitalistische Markt ohne Rest in eine kapitalistische Kultur verwandelt: Die „äußeren Güter dieser Welt“ werden eine „unentrinnbare Macht über den Menschen gewonnen“ haben. Der kulturelle Geist der Geschichte ist „aus diesem Gehäuse gewichen, der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf dieser Stütze nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen. (…) Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös-ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren.“ Dann allerdings könnte für die „letzten Menschen“ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Das war Max Weber Antwort auf Hegels Spekulation über den Gang des Weltgeistes. In Amerika kommt er zur Ruhe, aber nicht in Gestalt von Vernunft und Freiheit, sondern in Gestalt von Zwang und Ökonomie. Doch wie gesagt: Wer glaubt schon an den Weltgeist.

Quelle DIE ZEIT 17. November 2016 Seite 45 Der Dealer als Leader Wenn Donald Trump wahr macht, was er seinen Wählern versprochen hat, dann endet der Liberalismus dort, wo er begonnen hat: In Amerika. Von Thomas Assheuer.

Empfehlung

Es kann nicht ganz falsch sein, jetzt einmal bei Max Weber selbst nachzulesen. Eine der empfehlenswertesten Arbeiten des vergangenen Jahrhunderts: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus [1904/05; 1920] als pdf  HIER abrufbar. Vielleicht eine drucktechnisch fragwürdige Wiedergabe. Zu vergleichen mit einer anderen Version HIER. (Assheuers Zitat findet sich hier auf den Seiten 83/84.) Aber auch diese Wiedergabe enthält unangenehme, übertragungstechnisch bedingte Druckfehler, z.B. „assozüeren“ statt assoziieren, „Aufsaties“ statt Aufsatzes u.ä.

NEIN, der beste Weg per Internet: über Wikipedia HIER – schon um eine inhaltliche Vorstellung zu bekommen -, dann zum Volltext über die dort am Ende angegebenen Weblinks.

Neues über Trump

Im Tagesspiegel ein Interview mit seinem Biographen David Cay Johnston HIER !

Noch einmal zu Max Weber

Wenn man es ganz genau wissen will, geht man an die Quellen:

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Oder auch an den sehr gründlichen Sekundärtext „Max Weber Handbuch / Leben – Werk – Wirkung / Herausgegeben von Hans-Peter Müller und Steffen Sigmund WBG : Seite 105 zum Stichwort „Protestantismus, asketischer“; Seite 245 bis 255 Zu „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904-05; 1920)“. Darin unter Fazit (Seite 255):

Die Protestantische Ethik ist entschieden nicht nur eine historische Abhandlung, die eine begrenzte These entfaltet. Sie ist vielmehr eine Summa, ein Ausdruck von Webers Ansichten zu praktisch allen Themen, die ihn interessierten. (…) Wenn wir uns also fragen, von welcher Bedeutung die Protestantische Ethik für das zeitgenössische Denken ist, dann muss die Antwort so lauten, wie Weber diese Arbeit konzipierte und ihre Leser sie kollektiv rezipieren: als offen und praktisch grenzenlos.

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Musiktheorie – grau und leblos?

Etwas zum Einlesen: Hier

Sprechen Sie es ruhig aus, im ironischen Tonfall: die Probleme möchte man haben…

Die beiden Konzerte des Rahmenprogramms überschreiten die zeitlichen Grenzen des 19. Jahrhunderts und präsentieren einerseits selten gespielte Kompositionen von Theoretikern des 18. Jahrhunderts in historisch informierter Aufführungspraxis, andererseits Uraufführungen von neun Kompositionsstudierenden der Hochschule der Künste Bern, die nach einem didaktischen Modell des 19. Jahrhunderts ein „klassisches“ Werk „rekomponiert“ haben.

Natürlich fühlte ich mich an die jüngste Lektüre erinnert. Obwohl der Zusammenhang auch wieder nicht auf der Hand liegt. Hat Schubert etwa über einige Jahre hin auch nur meisterhaft „rekomponiert“?

Auch der Beitrag über das „im Stil“ improvisierende Wunderkind hat damit zu tun. Hier.

Und dann lese ich im Oktoberheft der Zeitschrift „Musik & Ästhetik“ in einem Aufsatz von Johannes Menke:

Es gibt Absolventen der Schola Cantorum Basiliensis, die bestimmte historische Stile auf höchstem Niveau täuschend echt imitieren können. Man kann diskutieren, ob sie diese Stile nur kopieren oder sich authentisch in ihnen ausdrücken, und man kann ebenfalls diskutieren, bis zu welchem Punkt eine Spezialisierung hier sinnvoll oder grotesk ist. Hier ist musikalisches Werturteil auf eine bisher ungewohnte Weise gefordert.

Zu einer guten Stilkopie „à la Mozart“ gehört etwa, dass darin nicht mit Harmonien gearbeitet wird, die erst bei Wagner vorkommen. Das wusste man schon immer, also auch in meiner Studienzeit, trotzdem störte es einen nicht, wenn man in dem Fach „Harmonielehre“ nach einer zeitlosen Methode erarbeitete, als habe sich in der Klassik ein ewiger Standard entwickelt, der im 19. Jahrhundert nur ausdifferenziert worden ist. Dann wurde nach Adorno viel vom „Stand des Materials“, auch von der Abnutzung gewisser Akkorde geredet, in voller Schärfe wurde einem die historische Gebundenheit des Blicks auf die Harmonielehre aber erst bewusst, als die Harmonielehre von Diether de la Motte diese Sicht in die Musikgeschichte zum Prinzip machte.

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Diether de la Motte: Harmonielehre / Bärenreiter Verlag Kassel 1976

In diesem Sinne hatte ich zunächst die Zielrichtung des Aufsatzes von Johannes Menke (miss-)verstanden, auf den ich hier eingehen möchte, um mir selbst die scheinbar abgelegene Fragestellung zu erklären.

Johannes Menke: Musiktheorie und Werturteil / Beobachtungen zur Geschichte eines systematischen Fachs. Zeitschrift „Musik & Ästhetik“ Oktober 2016 Seite 76 – 84.

Menke bezieht sich dabei auf einen noch nicht veröffentlichten Vortrag von Thomas Christensen, dessen inhaltliche Vorbereitung in dem oben gegebenen Link wiedergegeben ist:

Für gewöhnlich wurde und wird Musiktheorie als etwas verstanden, das durch das Wirken von Autoren in Texten verfasst ist. Wir finden tendenziell diejenigen musiktheoretischen Werke am prestigeträchtigsten, die komplexe und eigenständige Ideen vorbringen und von einer strengen Systematisierung geprägt sind; diese Ideen gelten dann als Produkte der Inspiration einzelner Autorinnen und Autoren und werden in der Regel in wissenschaftlichen Abhandlungen oder anderen diskursiven Medien zum Ausdruck gebracht. Diese Auffassung von Musiktheorie möchte ich „monumentale Theorie“ nennen. Viele von uns vermuten, dass sie das höchste Ziel unserer eigenen Arbeit sei. Doch die unausgesprochenen Annahmen, die in diesem heroischen Modell wissenschaftlicher Arbeit stecken, können auf vielen Ebenen infrage gestellt werden. Historisch betrachtet stimmt es nicht, dass alle musiktheoretischen Schriften notwendigerweise zu den Textmonumenten gehören, die wir in der Geschichtsschreibung unseres Faches feiern; die meisten Schriften verfolgen weniger ehrgeizige Ziele. Noch weniger kann man alle Texte in der Geschichte der Musiktheorie einzelnen Autoren zuordnen, insbesondere in der Vor- und Frühmoderne. Viele Aspekte in der Geschichte unseres Faches haben eigentlich schon immer der Kodifizierung durch Texte widerstanden. Dies ist die unterirdische Welt der „verborgenen Theorie“ – eine Welt der Handschriften, der mündlichen Tradition und des verkörperten Wissens –, auf die ich in meinem Vortrag aufmerksam machen möchte; dazu ziehe ich mehrere Beispiele aus verschiedenen Perioden der Musiktheorie heran. Es zeigt sich, dass die Monumentalität selbst der kanonischsten musiktheoretischen Texte radikal ins Wanken gebracht werden kann, wenn man genau untersucht, wie diese Texte von den Lesern und Leserinnen verstanden und verwendet wurden. Meine These lautet, dass man Musiktheorie eher als eine fungible soziale Praxis denn als Kanon fester Lehrsätze verstehen sollte.

Quelle im Link des Gesamtprogramms zum Jahreskongress 2011 Seite 9

Es geht also offensichtlich um die Theorien im Wechsel der Zeiten. Sie haben lediglich sekundär mit den Wandlungen der großen komponierten Werke und ihrer Stilistik zu tun, mehr mit der Methode, sie einzuordnen, zu analysieren und für die Praxis (!) gebrauchsfähig zu machen.

Oder: sollte ich erstmal versuchen klarer zu sehen, was Musiktheorie überhaupt ist? Schau ich doch mutig ins große MGG-Lexikon. Die Systematik zeigt immerhin sofort, dass ich Musiktheorie nicht abtun kann mit den Worten „alles nur graue Theorie“, Musik ist doch vor allem eins: Praxis, Praxis, Praxis. Na ja, und Emotion vielleicht. Oder nein, frei nach „Faust“: Gefühl ist alles, Namen, Begriffe, Formen … sind Schall und Rauch. Und ist es Schwachsinn, so hats wenigstens auch keine Methode… (die folgende stammt von Klaus-Jürgen Sachs).

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Zu meiner Befriedigung geht der Text auf der nächsten Seite weiter (genaugenommen folgen noch 10!), zunächst mit Kritik an Punkt 1., und dann folgt ein für mich wichtiger Satz: die Kritik am Verständnis von „Theorie als musikalischer Handwerkslehre“. Im übrigen sei die Sache aber noch offen, zumal ein „Hauptproblem, auch die außer-europäischen Musikkulturen einzuschließen, vor erhebliche, auch im Ansatz ungelöste Schwierigkeiten stellt.“

Auf weiteres lasse ich mich jetzt nicht ein, erwähne stattdessen beschämt, dass ich in dem Menke-Aufsatz auf eine fatale Bildungslücke gestoßen bin: das – als allgemein bekannt vorausgesetzte – Wort „Oktavregel“ war mir noch nie begegnet. (Es geht nicht um „Oktav-Parallelen“!) Die Lücke sei sogleich gefüllt und zwar doppelt: zuerst hiermit und dann damit.

Und nun zu dem oben zitierten Christensen-Text, in dem es um „monumentale Theorie“ und ihr Verhältnis zur „verborgenen Theorie“ geht. Menke äußert sich dazu folgendermaßen:

Der Paradigmenwechsel von der großen Theorie, die sich im monumentalen Text manifestiert, hin zur verborgenen, oder vielleicht besser impliziten Theorie, die sich in der Anleitung, Beispielsammlung, Unterrichtsdokumentation verbirgt, hat etwas mit Repertoire- und Kanonbildung sowie mit unausgesprochenen oder vielleicht sogar ausgesprochenen Werturteilen zu tun.

Spitzt man es ein wenig zu, so könnte [man] sagen: Die große Theorie beschäftigt sich mit Vorliebe mit dem großen Meisterwerk, die verborgene Theorie mit dem Handwerk und einem breiten Repertoire bislang oft vernachlässigter Kompositionen. Die großen Theorien wetteifern darum, welches die gültige Deutung eines herausragenden Werkes sei, die verborgene Theorie geht davon aus, dass das herausragende Werke [sic!] nur vor dem Hintergrund unzähliger anderer Werke möglich und verständlich sei oder sie zweifelt sogar daran, ob die Kategorie des Meisterwerks angesichts der unüberschaubaren Fülle der Musikproduktion überhaupt angemessen sei. Die Faktizität des Historischen setzt hinter jedes Werturteil ein Fragezeichen.

Die großen Theorien gerade oft aufgrund ihres Systemzwangs in Schwierigkeiten, wenn sie auf kompositorische Realität stoßen. Paradoxerweise speist sich aber gerade aus diesem Scheitern ein Staunen über dkie Meisterwerke, deren Faktur sich dann genialisch über die spröde Rationalität der Systematik erhebt. Die verborgenen Theorien hingegen zielen – allein schon aufgrund ihrer ständischen Herkunft aus den Werkstätten – nicht auf Bewunderung, sie wollen durchschauen, nicht bestaunen. Die Erfahrung zeigt, dass insbesondere die Satzmodelle den Weg zur Produktion auf ungeahnte Weise erleichtert haben. Was heute in historischen Stilen improvisiert und neu komponiert wird, war noch vor 20 Jahren unvorstellbar.

Falsch wäre aber zu meinen, dies schmälere die Bedeutung der auf uns überkommenen Werke. Gerade die verborgene Theorie kann uns lehren, dass Meisterwerke einen kulturellen Humus brauchen, auf dem sie gedeihen können. Verborgene Theorie geht davon aus, dass dieser Humus ebenso interessant und relevant ist wie die Werke.

Quelle Johannes Menke: Musiktheorie und Werturteil / Beobachtungen zur Geschichte eines systematischen Fachs. Zeitschrift „Musik & Ästhetik“ Klett-Cotta Stuttgart 20. Jahrgang Heft 80, Oktober 2016 Seite 81.

Das Verdienst dieser Ausführungen liegt darin, eine Heroen-Musikgeschichte wieder auf den Boden der Realität zu setzen, auf dem die „verborgene Theorie“ zu Hause ist. In Millionen Improvisationen und kleinen Kompositionen für den unmittelbaren Gebrauch im Gottesdienst, Kabarett, bei Familienfeiern und Chor-Freizeiten, – mit den unmittelbar zur Verfügung stehenden musikalischen Mitteln, die natürlich auch nicht vom Himmel fielen, aber auch nicht aus den Meisterwerken herausfiltriert, sondern gelehrt wurden – im Privatunterricht ebenso wie im Konservatorium oder in Methoden zum Selbstunterricht (siehe Methode Rustin hier), ebenso wie heute in Pop und Jazz. Man bekommt eine Ahnung davon, wenn man die Violinkonzerte von Franz Clement hört (siehe hier) oder in den Veröffentlichungen von Dabringhaus & Grimm die Musik der Brahms- und Schumann-Freunde (David, Bargiel, Berger, Herzogenberg) studiert, – selbst wenn man sich nur fragt, weshalb sie doch eher zum „Humus“ gehören als zum „ewigen“ Bestand der genialen Meisterwerke.

Selbst wenn man geneigt ist, ein „Werturteil“ (das allzuleicht Vorurteile petrifiziert) so lange wie möglich auszuklammern, – auch Meisterwerke werden in einem neuen Licht erscheinen, vielleicht sogar realistischer, wie von Menschen gemacht… Das schadet ihnen nicht.

Ein Sandkorn der Weltgeschichte: 1857

Am Beispiel Indiens

Wann habe ich dieses Buch gelesen? Ab 18.1.1994, vor allem im Flugzeug, auf dem Weg nach Indien, hochmotiviert, und dort in den Hotels. Habe es recht gründlich durchgearbeitet, mit vielen Unterstreichungen, nicht aber auf diesen beiden Seiten: die einschneidende Bedeutung des Jahres 1857 war mir entgangen.

Dietmar Rothermund: Indische Geschichte in den Grundzügen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1989

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Jetzt liegt es wieder auf dem Tisch und fasziniert mich. Der letzte Satz zwingt weiterzublättern: „Der Aufstand hatte weitreichende Konsequenzen.“

Aber ein neues Buch liegt ebenfalls in Reichweite und hat dieses und noch andere aktualisiert, schon weil die Fakten in unterschiedlicher Breite zu lesen sind, aber vor allem dank der unterschiedlicher Gewichtung und Deutung. Pankaj Mishra hat das ausgelöst und das Interesse wachgehalten, indem er Einzelereignisse plakativ herausstellt, von Anfang an und immer konkret („Am frühen Morgen des 5. Mai 1798 verließ Napoleon Paris, um sich zu einer 40 000 Mann starken Armee zu begeben und mit ihr nach Ägypten zu segeln.“) –  über dem Kapitel steht:

Ägypten: „Der Beginn einer Reihe großer Schicksalsschläge“

Und auf Seite 48 ist das Thema schon „Der langsame Zerfall Indiens und Chinas“. Und von vornherein ist klar, dass die Perspektive nicht von Westen nach Osten verläuft, sondern umgekehrt:

 Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires / Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. / S. Fischer Frankfurt am Main 2013

Das Motto des Buches zeigt mit Wucht die Umkehrung der Perspektive:

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Hervorragend auch auf der folgenden Seite das Zitat von Marx, dass die Religion in Indien weit mehr als ein Glaubenssystem darstelle: Sie sei vielmehr „die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistisches Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund“.

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Man vergisst, dass 400 weitere Seiten folgen, und wenn man kann, sucht man auch noch weitere Bestätigung im vielgelobten Meisterwerk des folgenden Historikers

Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C.H.Beck München 2009

Um bei den Seitenzahlen zu bleiben – hier auf Seite 788 hat man fast die Hälfte geschafft (ich leider nicht, ich bin von hier nach dort gesprungen und habe mich immer wieder am Inhaltsverzeichnis und der ungewöhnlichen Gesamtanlage des Buches orientiert. Man sieht, extrem wichtige Themen, und von hier an wohl noch eine Aufgabe für die nächsten zwei Jahre…

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Und wie immer flüchte ich mich in mein kleines Taschenkompendium, das schnellste Orientierung bei weitester Perspektive garantiert:

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Imanuel Geiss: Geschichte im Überblick / Daten und Zusammenhänge der Weltgeschichte / Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1986

Ich empfehle, in diesem Zusammenhang ein Gespräch mit dem indischen Autor Pankaj Mishra nachzulesen, durch das ich auf diese Thematik gebracht wurde. Clair Lüdenbach im Internetmagazin Faust-Kultur HIER.

Dort findet man auch einen Link direkt zum Buch „Aus den Ruinen des Empires“.

Ganesh (Ganesha) dansant Nord du Bengale, 11ème siècle après J.C. Musée d'art indien de Berlin (Dahlem)

Ganesh (Ganesha) dansant
Nord du Bengale, 11ème siècle après J.C.
Musée d’art indien de Berlin (Dahlem) Foto: Jean-Pierre Dalbéra 2008 / Wikipedia

Ausblick: Vom Rhythmus des Lebens

(Wer ist Ganesha? Siehe hier (für mich) und hier (für Indien).)

TEIL II HIER

Ganz am Ende von Teil II Abspann mit allen Mitwirkenden und Urhebern (1998) und:

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Dank an Kanak Chandresa in Solingen!

Collegium Aureum vor 40 Jahren

Zum Andenken eines großen Ensembles 1976

Eine Sinfonie dieser Größenordnung bedeutete damals Neuland. Vorausgegangen waren Sinfonien von Haydn und Mozart, aber auch z.B. Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-dur. Wie in anderen Fällen gelangen die besten Aufführungen erst im Laufe der auf die Produktion folgenden Tourneen des Ensembles. Das Coverbild der LP ist hier nur als Fragment in zwei Dritteln der Originalgröße wiedergegeben. (Gestaltung und Fotos MB Wiesinger. © harmonia mundi Freiburg.) Wikipedia zum Collegium Aureum hier. Siehe auch in diesem Blog u.a. hier.

Das im Plattencovertext angedeutete Vorbild der Pariser Orchestergesellschaft bezieht sich übrigens auf die Aufführungen unter François-Antoine Habeneck.

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collegium-eroica-mitglieder

collegium-eroica-fotos-links 1 Reihe a & b

collegium-eroica-fotos-rechts 2 Reihe a, b und c

Foto-Kombination 1 Reihe a: Gerhard Peters, Robert Bodenröder & Friedrich Held, Juliane Kowoll-Heuser, Wolfgang Neininger & Ruth Nielen sowie Karlheinz Steeb, Oswald van Olmen, Barthold Kuijken / Reihe b: Franzjosef Maier (vorn), links hinter ihm Günter Vollmer, rechts Hermann Heinemann, Werner Neuhaus. Jan Reichow, Robert Bodenröder, Ilsebill Schellenberger, Friedrich Held, Theo Kempen. C. Friedrich Krebs & Helmut Hucke.

Fotokombination 2 Reihe a: Ralph Peinkofer, Hubert Crüts (oder Michael Strodtbeck?), Heinrich Alfing  & Walter Lexutt. Reihe b: Horst Beckedorf, Rudolf Mandalka, Jürgen Fichtner & Rudolf Schlegel. Reihe c: Günter Pfitzenmaier (verdeckt), Klaus Botzky, Jann Engel (vorn), Klaus Botzky, Jürgen Fichtner, Jann Engel, Hans Deinzer.

Die Liste der Namen ist nicht vollständig: z.B. spielte neben Helmut Hucke meist Christian Schneider die zweite Oboe, zu den Geigern zählte regulär Ulrich Beetz (sofern er nicht mit seinem Abegg-Trio unterwegs war). Der Flötist Oswald van Olmen stieg früh aus dem Musikleben aus und schloss sich einer Kommune in Spanien an, im allgemeinen wurden im C.A. die Flöten ohnehin von Günther Höller und Konrad Hünteler gespielt.