Brahms neu erfinden?

Isabelle Faust und Klaus Mäkelä

HIER (bis 26.09.22) ARTE Film Louise Narboni

Ich weiß nicht, wie oft mir das schon aufgestoßen ist: wenn irgendwo wieder einmal etwas ganz neu erfunden wird.

Und jetzt konnte ich nicht widerstehen, diesen abgegriffenen Ausdruck selbst noch einmal neu zu erfinden. Und auch einen dieser Werbetexte, die alles neu erscheinen lassen wollen, aufzugreifen, wirken zu lassen, als sei da das musikalische Evangelium nun endgültig zu einer frohen Botschaft geraten, ausgerechnet mit dem alten Brahms. Hier stimmt wirklich alles, alles lebt und pulsiert im Glanz der Instrumente, der Bilder und des lebendigen Mienenspiels. Was für ein Ernst! Ernste Musik, was für eine Freude, unwiderstehlich. Es ist unnachahmlich und lässt alle bisherigen Musterbeispiele als einen schwachen Abglanz erscheinen. Nein, als einen Vorschein dessen, was kommen muss.

ZITAT (ARTE)

Fast scheint es, als wolle Klaus Mäkelä eine Revolution einleiten: Der erst 26 Jahre junge Leiter des Orchestre de Paris macht Spontaneität in der klassischen Musik wieder hoffähig und liefert herrlich frische Interpretationen von Werken, die man durch Karajan, Muti oder Barenboim in Stein gemeißelt glaubte. Klaus Mäkelä will nicht nachahmen, er will erfinden. Das gelingt ihm, indem er sich alte Stoffe neu aneignet, ohne sie zu verraten, und dabei radikal zu seiner Subjektivität steht. Im Orchestre de Paris hat er ein Ensemble gefunden, das seiner Vorgehensweise gerecht wird – die Wahl der Solisten gestaltet sich für den gelernten Cellisten bisweilen heikler.
Für ihre erste Zusammenarbeit an der Pariser Philharmonie im Februar 2022 wählten Isabelle Faust und Mäkelä einen Meilenstein des romantischen Repertoires: das berühmte Violinkonzert von Johannes Brahms. Jeder Bogenstrich wirkt wie eine Hommage an Brahms’ moderne Handschrift. Die Solistin pflegt ihren unnachahmlichen Stil diskret und lässt Klaus Mäkelä stets ausreichend Raum. Gemeinsam schafft das Duo eine vertraute Atmosphäre. Sie scheinen sich ohne Worte zu verstehen.
Regisseurin Louise Narboni dreht mit ruhiger Hand, wagt lange Einstellungen und schafft somit einen tiefen Einblick in diese musikalische Revolution – denn der Mut gilt diesmal nicht nur den Interpreten, sondern auch der Kamera. Gekonnt bringt Narboni die authentische Symbiose von Dirigent und Solistin auf den Bildschirm.

Ich würde übrigens beim (vorsätzlich) ernsthaften Hören mit der Zugabe beginnen: dem späten Brahms-Klavierstück aus op.118, die  Nr. 5 Romanze (1893):

Die Kunst der Musik-Verfilmung. Das Understatement der Solistin. Die samtenen Farben der Instrumentation. Vielleicht sogar nach vorheriger Eingewöhnung in den Klavierklang des Original-Werkes. Hier. Gerade auch: um die Vorzüge eines reifen Orchesterklangs zu genießen. Nebenbei: wer ist eigentlich Oscar Strasnoy?

Brahms op. 118 Nr. 5 Romanze

Den anfangs gegebenen Link anwählen und einstellen auf 38:28 (= dieselbe Romanze als Zugabe Solo-Violine mit Orchester). Ein eigenartiges, quasi improvisiertes Ereignis, wie bei einer Probe; die zufällig anwesende Geigerin spielt colla parte, ohne zu stören. Wie schön, so … zart  different im Mikrobereich. Sie summt mit. Es ist menschlich anrührend.

Dann – siehe oben. Beginnend auf 0:00, Fragment einer Einspielphase mit dem Thema des langsamen Satzes Brahms Violinkonzert.

ARTE