Bartók als Problem

Wiedergänger nach 30 Jahren

Darf ich mich vorweg ausweisen? Bitteschön:

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Gewiss, das ist lange her und keine große Sache, den Rang eines „Auditors“ bestätigt zu bekommen. Aber schon in meiner Schulzeit kannte ich recht gut das V. Streichquartett und die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. In der Studienzeit kam einiges an größeren Werken dazu, unentwegt lief das „Konzert für Orchester“ vom Tonband des Auditors in der Feldgärtenstraße Köln-Niehl. In der Praxis am Klavier leider nur die Ungarischen Bauernlieder und einiges aus dem Mikrokosmos, auf der Geige die Rumänischen Volkstänze und in immer neuen Anläufen die Solosonate, auf lange Sicht habe ich mit gutem (violintechnischen) Grund nur die Melodia, den dritten Satz daraus, weitergepflegt. In Szombathély hatte ich gehört, wie Geörgy Kurtág mit dem ganz jungen András Keller den Anfang der Solosonate arbeitete. Typisch für die charakteristisch bohrende Arbeit des Komponisten: sie kamen über die ersten zwei Akkorde nicht hinaus (ich übertreibe nicht!). Im Vorfeld des Kurses hatte ich mir dank WDR, der in Gestalt von Dr. Alfred Krings den Besuch des Kurses ermöglichte, eine wesentlich erweiterte Werkkenntnis angeeignet. Natürlich auch alle sechs Streichquartette, bei deren Einstudierung im Kurs ich Stunden und Tage zuhören durfte, meist bei dem wunderbaren Lehrer Sándor Devich, der im Januar dieses Jahres leider verstorben ist.

Es kam mir nicht in den Sinn, dass Bartók einmal wieder zu den „bedrohten Komponisten“ gehören könnte, wenn auch ein Kollege der Neuen Musik, dessen Bahngespräche auf dem Weg nach Köln unvergessen sind, zuweilen bedenklich das Haupt schüttelte: „Manches ist heute doch etwas peinlich.“

Nun lese ich am Wochenende die Süddeutsche Zeitung und sehe, dass es immer noch – oder mehr denn je – ein Problem mit  Bártok gibt. Obwohl oder weil er heute als Ideal der Integration gelten könnte oder – plötzlich dafür herhalten soll.

Quelle 1./2./3. Oktober 2016 Von wegen unpolitisch Das Münchner Festival „Bartók for Europe“ erklärt den Komponisten zum Vorbild für Integration / Von Reinhard J. Brembeck.

(Der Artikel ist heute überraschenderweise – SZ?! – im Internet abrufbar: HIER.)

Und wer schaut so ernst und abwesend und fast abweisend aus dem ovalen Farbbildchen heraus, auf uns oder an uns vorbei? Es ist „der Festivalleiter und Geiger András Keller“, den ich oben schon erwähnte und von dem es hier im Text heißt: Er

wollte weit mehr als nur Bartók spielen. „Europa“, heißt es in der Festivalbroschüre, „scheint in den Augen vieler Bürger Europas einige ihrer Ideale aus den Augen verloren zu haben. Was wir am meisten vermissen, findet sich exakt im Geiste Bartóks: die Wahrung von nationalem Charakter und unserem Erbe, und auf diesem Fundament die Verwirklichung einer echten und authentischen europäischen Integration.“

Ist denn heute ein besonderer Tag, ein besonderes Jahr? (Oder das Jahr danach.) Gewiss, nur weiter im Zitat:

Weil nun die ungarische Regierung, die nicht gerade als Vorreiterin der Toleranz gilt, das Festival im Bartók-Jahr (70. Todestag 2015, 135. Geburtstag 2016) mit umgerechnet einer Million Euro unterstützte und sich András Keller vor seinem Festival nicht immer ganz geschickt ausdrückte, stand die Veranstaltung, schon bevor sie begonnen hatte, in einem schiefen Licht.

Und dann zieht Brembeck, durchaus überzeugend, in Zweifel, ob Bartók wirklich als Ideal für gelungene Integration taugt. Und dies ausgerechnet in einer Zeit, angesichts einer Regierung, von der man bezweifeln kann, ob Bartók sie klaglos hingenommen hätte. Eine Regierung, die heute das Volk per Abstimmung darüber entscheiden lässt,

ob es will,  „dass die Europäische Union ohne Zustimmung des ungarischen Parlaments die verpflichtende Ansiedlung von nicht-ungarischen Bürgern in Ungarn anordnet“. Im Kontext mit dieser Abstimmung wirkte das jetzt erstmals in München abgehaltene Festival „Bartók for Europe“ wie eine ungarische Charmeoffensive.

Das Wort „Charmeoffensive“ wirkt allzu harmlos, wenn man von Brembeck später erfährt, dass die von ihr gemeinten Adressaten in der Mehrzahl – ausgewichen sind.

Es dürfte aber nicht nur den politischen Implikationen geschuldet sein, dass das Festival auf geringes Publikumsinteresse stieß. München ist musikalisch saturiert, die Neugier auf Ungewohntes unterentwickelt. Zudem schreckt das Oktoberfest mögliche Konzertgänger ab, die nach dem Kunstgenuss nicht immer gern mit Menschen in der S-Bahn fahren, die gerade aus dem Bierzelt kommen. Also war bei den Auftritten des Concerto Budapest sowie des London Philharmonic Orchestra unter dem grandiosen Vladimir Jurowski – sein Debussy-„Faun“ war der beste seit Menschengedenken in München – die 2200 Plätze bietende Philharmonie allenfalls zu einem Zehntel besucht. Auch das viereinhalbstündige Kammerkonzert sowie die Auftritte der fulminanten, in Ungarn sehr bekannten Folkloregruppe Muzsikás und des Münchner Kammerorchesters in der Allerheiligenhofkirche waren nicht besser besucht. Selbst beim abschließenden Abo-Konzert der Münchner Philharmoniker blieben viele Plätze leer. Der nicht nur in seiner politischen Haltung kompromisslos direkte Bartók ist vielen Hörern zu unbequem. So schön und richtig Kellers Gedanke vom Integrationsvorbild Bartóks ist, er wird vom „Volk“ aus ästhetischen Gründen nicht angenommen.

Aus ästhetischen Gründen??? Zu unbequem?? Zu streng? Ich finde lesenswert, was Brembeck über diese Gründe schreibt, und sei es nur, um ihm zu widersprechen. Welcher neuere Komponist hält denn ein mehrtägiges Festival aus, das ausschließlich seinem Werk und darüberhinaus nicht einmal einigen anderen Kontext- oder Quell-Werken der Moderne gewidmet ist!?

Aber kam es hier nicht zum falschesten aller Zeitpunkte? Als niemand, der auf Bartók große Stücke hält, ausgerechnet IHN, den Integren, im Rahmen eines von der ungarischen Regierung in eigener Sache gesponserten Festivals ehren und genießen (ja!) möchte.

Ich finde es angebracht, eine Rezension in Erinnerung zu rufen, die ebenfalls in der Süddeutschen erschienen ist, allerdings „in den alten Zeiten“, als die alte Garde der Kritiker noch an der Macht war. Ein Programm, in dem Bartók zwischen Webers Oberon-Ouvertüre und Mozarts Klavierkonzert KV 595 („Komm lieber Mai“) erklang. Mir geht es nur darum zu zeigen, wie man damals über Bartóks „Konzert für Orchester“ dachte. (Zum Lesen bitte anklicken!)

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Quelle Süddeutsche Zeitung 13. Juni 1986 Bartok in den rechten Händen / Erich Leinsdorf dirigiert die Münchner Philharmoniker / Von Baldur Bockhoff.

Über Bartóks ungeheure Arbeit als Musikethnologe, die Sammlung und Analyse ungarischer (und anderer) Volkslieder, springen Sie bitte in die  Notiz zu Bartóks Bauernliedern, hier im Blog, beachten Sie insbesondere die vier dort verlinkten Abschnitte des Filmes. Ein Monument sondergleichen!

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Ironie der Geschichte:  Nachricht 19.30 Uhr Die Volksabstimmung in Ungarn ist ungültig. Es haben zu wenig Menschen teilgenommen!!!!! Vermutlich denken sie nicht „völkisch“ genug.

Gratulation an das ungarische Volk!

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Nacharbeit 3. Oktober 2016

Bartóks „Sonatina“

1) Zuerst bloßes Notenstudium.

ZITAT

Bartok wrote this „Sonatina“ in 1915, basing it on Romanian folk tunes.
I. Dudások (Bagpipes). Allegretto
II. Medvetánc (Bear Dance). Moderato (1:29)
III. Finale. Allegro vivace (2:10)
This is a corrected version of the sonatine. created, edited and mastered in Digital Performer 5.13 (MOTU), using Ivory (Synthogy) sound banks.

2) Bartóks Stimme: er spricht über die Sonatina (nur Tonaufnahme)

ZITAT

Bartók is interviewed by David LeVita / This was recorded on July 2, 1944 during a radio broadcast of a live performance by his wife Edith Pásztory-Bartók at the Brooklyn Museum, as part of station WNYC’s „Ask the Composer“ series.

3) Bartók selbst spielt die „Sonatina“ (nur Tonaufnahme)