Schlagwort-Archiv: „Zwölf Deutsche Tänze“ D 790

Materialmetamorphose

Ein solches Wortungetüm hat Schubert gewiss nicht verdient, aber so kann ich mir das Fundstück besser merken. (Und nun dank der Petrucci-Noten gleich am Klavier üben!) Der verblüffende Hinweis ist dem wunderbaren Schubert-Buch von Peter Gülke zu verdanken, einem Steinbruch sondergleichen. (Steinbruch? Man entdeckt die Stellen, die ein Werk substantiell betreffen, nicht aufgrund eines Registers, sondern quasi durch beständiges Aufschlagen und Blättern, manchmal erst nach Jahren.)

Es handelt sich um einen der Zwölf Deutschen Tänze D 790, der „in seiner prägenden Struktur“ (Gülke) im Jahre 1823 das ein Jahr spätere Scherzo des Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“ vorwegnimmt.

Schubert Deutscher Tanz

Zitat Gülke

Im ungewöhnlichen gis-Moll stehend, eher Charakterstück denn Tanz, nimmt er sich dort, wie immer vom siebenten in As-Dur fast wie von einem Trio gefolgt, eigentümlich fremd und sperrig aus, fast wie von vornherein zu anderen, „höheren“ Zwecken bestimmt. Daß er aus einer nicht verfolgbar weit zurückreichenden Beschäftigung mit der Quartett-Komposition für die Zwölf Deutschen Tänze „abgezweigt“ worden sei, läßt sich enbenso weinig ausschließen wie, daß er plötzlich paßte, als habe er erst jetzt seinen eigentlichen, eigenen Ort gefunden. Schubert hat ihn erweitert und radikalisiert, in der chromatischen Gegenführung der Takte 5-8 des Scherzos ebenso wie in der aggressiven Umprägung und rhythmischen Kontrapunktik der entspannend abfließenden Achtelgänge, welche im Quartett zu stakkatierend hackenden Vierteln werden; indessen ist fast alles, was das Scherzo zu einem Knotenpunkt der Bezüge macht, im Deutschen Tanz bereits vorhanden. Verschärft hat Schubert auch die Gangart und damit den Satz ohne Mühe an eine Gemeinsamkeit der anderen angeschlossen – die jeweils konsequent durchgehaltene Bewegungsform.

Schubert Scherzo

Quelle Peter Gülke: Schubert und seine Zeit / Laaber-Verlag Laaber 1991 ISBN 3-89007-266-6 (Zitat S.211)

Wie ist es nur möglich, dass ein und dasselbe Material derart gegensätzliche musikalische Charaktere mit Stoff versorgt!? Ganz einfach: die unmittelbare Verwandtschaft liegt auf der Hand, wenn man den zweiten Teil des Klavierstücks (Takt 9 ff) und den zweiten Teil des Scherzos (Takt 23) jeweils im Bass anschaut. Selbstverständlich könnte man auch mit den harmonischen Grundformeln beginnen, und so auf den typischen Gang der phrygischen Kadenz (Chaconne) und ihrer chromatischen Erweiterung stoßen.

(Fortsetzung folgt)