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Verfremdete Vogelstimmen

Dialekte der Weißkehlammer

Ich glaube, das hat es noch nie gegeben: eine Vogelstimme auf der Titelseite einer der großen Tageszeitungen, der Süddeutschen, gleich unter dem Schlagzeilen-Artikel: Wirecard soll seit 2014 betrogen haben. Die Autorin ist mir längst bekannt, ich beachte ihre Meldungen auch in versteckteren Regionen des Blattes, Katrin Blawat. Kürzlich zum Beispiel ein spannender Artikel über die verblüffende Beobachtungsgabe der Wespen (hier). Und nun dieser Sprung unter den Wirecard-Skandal!

In diesem Fall war mir der Vogel unbekannt, aber von regionalen Dialekten der Buchfinken hatte ich schon früh gehört, und seitdem beachte ich z.B. immer die unterschiedliche Ausprägung des Abschlusstrillerschlags, sei es hier im Bergischen Land oder in den Südtiroler Bergen, etwa im Kiefernwald beim Rinderplatz, oberhalb von Villanders (auf dem Weg zur Marzuner Schupfe), unvergesslich kraftvoll. So ähnlich habe ich mir das hier auch vorgestellt: „In den 1960er Jahren bestand das Finale des Weißkehlammer-Gesangs noch in ganz Kanada aus einem Triplett, also einer Einheit aus drei Noten.“ Das weckt die trügerische Hoffnung, dass es vor diesem Triplett noch etwas Bemerkenswertes zu hören gab, etwa wie beim Buchfinken: der eigentliche „Schlag“, ein Anlauf in Gestalt mehrerer gehämmerter Töne. Vergleichbar auch dessen bloßer „Regenruf“, der aber auch Dialektfärbungen kennt:

 

Nun ist es gar nicht so schwer, im Internet auch entlegene Vogelstimmen aufzufinden, ich habe also etwas anzubieten. Zunächst die obige Quelle, Dialekte betreffend. Ich habe schon einmal daraus zitiert, damals kam ich vom Gibbongesang auf Meisenrufe, und auch dort gab ein SZ-Artikel den ersten Anstoß (hier).

Um es kurz zu machen: der Gesang der Weißkehlammer besteht offenbar nur aus dem „Finale“, aus 3 gezogenen, unterschiedlich langen Tönen in absteigender Folge, der Ruf aber aus zahlreichen 1-tönigen Einzelimpulsen. Visualisiert folgendermaßen:

Quelle: avi-fauna.info hier / dort finden Sie auch einen Steckbrief, und: Sie können die beiden Beispiele anklicken und hören.

Und unterdessen wird unser Ohr „scharf“ gemacht auf winzigste Veränderungen. Das Wunder des Vogelgesangs findet sich nicht nur in der ausschweifenden Phantasie des Drosselgesangs, nicht nur in der Monomanie des Zilpzalp-Syllabierens, sondern erst recht in den winzigen Abwandlungen, die dann monomanisch beibehalten werden. Ich nenne es biologische Identitätssetzung. (Und versuche dabei ein bedeutendes Gesicht zu machen.)

Und selbst das Wort von der Monomanie des Zilpzalps relativiert sich, wenn Sie sich das wunderbare Buch von Thielcke genauer anschauen:

 Thielcke a.a.O. Seite 33

Wenn Sie also mit mir Variantenbildung in der Weißkehlammerkehle untersuchen wollen, – bei ebird.org gibt es ebenfalls eine interessante Auswahl, die den Anfang darstellen könnte, sogar mit 4 und mehr Tönen, manche selbst mit kleinen Rhythmen:

 abrufbar hier

(Tipp: vielleicht müssen Sie nach jedem Abhörvorgang hierher zurückkehren, um ein anderes Beispiel anklicken zu können.)