Schlagwort-Archiv: Über den Witz

Pointe und Gänsehaut

(In Planung)

betr. das „Einschlagen“ eines Witzes (eigtl. ein Umschlag wie bei den „Kippbildern“), das Kapieren der Pointe, vergleichbar (oder nicht?) mit der eher aus dem Physiologischen auftauchenden Gänsehaut, auch die plötzlichen Tränen bei Musik (nenne ich: Elektra-Effekt, womit aber zugleich auch ein Wiedererkennen gemeint sein soll).

Es ist gar nicht so einfach, in ein spontanes Gelächter auszubrechen, wenn man überlegt, unter welchen Umständen es überhaupt dazu kommen kann. Jedenfalls wenn man zuvor bei Schopenhauer nachgelesen hat. Ihm zufolge

ist der Ursprung des Lächerlichen allemal die paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter einen ihm übrigens heterogenen Begriff, und bezeichnet demgemäß das Phänomen des Lachens allemal die plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz zwischen einem solchen Begriff und dem durch denselben gedachten realen Gegenstand, also zwischen dem Abstrakten und dem Anschaulichen. Je größer und unerwarteter, in der Auffassung des Lachenden, diese Inkongruenz ist, desto heftiger wird sein Lachen ausfallen. Demnach muß bei Allem, was Lachen erregt, allemal nachzuweisen seyn ein Begriff und ein Einzelnes, also ein Ding oder ein Vorgang, welcher zwar unter jenen Begriff sich subsumiren, mithin durch ihn sich denken läßt, jedoch in anderer und vorwaltender Beziehung gar nicht darunter gehört, sondern sich von Allem, was sonst durch jenen Begriff gedacht wird, auffallend unterscheidet. Wenn, wie zumal bei Witzworten oft der Fall ist, statt eines solchen anschaulichen Realen, ein dem hohem oder Gattungsbegriff untergeordneter Artbegriff auftritt; so wird er doch das Lachen erst dadurch erregen, daß die Phantasie ihn realisirt, d.h. ihn durch einen anschaulichen Repräsentanten vertreten läßt, und so der Konflikt zwischen dem Gedachten und dem Angeschauten Statt findet. Ja, man kann, wenn man die Sache recht explicite erkennen will, jedes Lächerliche zurückführen auf einen Schluß in der ersten Figur, mit einer unbestrittenen major und einer unerwarteten, gewissermaaßen nur durch Schikane geltend gemachten minor; in Folge welcher Verbindung die Konklusion die Eigenschaft des Lächerlichen an sich hat.

Schopenhauer erläutert seine – zugegeben: etwas abstrakt klingende – Theorie des Lächerlichen durch ein paar Witze, an denen er die Inkongruenz zwischen dem Abstrakten und dem Anschaulichen aufweist:

Sehr häufig besteht das Witzwort in einem einzigen Ausdruck, durch den eben nur der Begriff angegeben wird, unter welchen der vorliegende Fall subsumirt werden kann, welcher jedoch Allem, was sonst darunter gedacht wird, sehr heterogen ist. So im Romeo, wenn der lebhafte, aber soeben tödtlich verwundete Merkutio seinen Freunden, die ihn Morgen zu besuchen versprechen, antwortet: »Ja, kommt nur, ihr werdet einen stillen Mann an mir finden«, unter welchen Begriff hier der Todte subsumirt wird: im Englischen kommt aber noch das Wortspiel hinzu, daß a grave man zugleich den ernsthaften, und den Mann des Grabes bedeutet. – Dieser Art ist auch die bekannte Anekdote vom Schauspieler Unzelmann: nachdem auf dem Berliner Theater alles Improvisiren streng untersagt worden war, hatte er zu Pferde auf der Bühne zu erscheinen, wobei, als er gerade auf dem Proscenio war, das Pferd Mist fallen ließ, wodurch das Publikum schon zum Lachen bewogen wurde, jedoch sehr viel mehr, als Unzelmann zum Pferde sagte: »Was machst denn du? weißt du nicht, daß uns das Improvisiren verboten ist?« Hier ist die Subsumtion des Heterogenen unter den allgemeineren Begriff sehr deutlich, daher das Witzwort überaus treffend und die dadurch erlangte Wirkung des Lächerlichen äußerst stark. –

(…) eben so, wenn man von einer Dame, auf deren Gunst Geschenke Einfluß hätten, sagen wollte, sie wisse das utile dulci zu vereinigen; wodurch man unter den Begriff der Regel, welche vom Horaz in ästhetischer Hinsicht empfohlen wird, das moralisch Gemeine bringt; – eben so, wenn man, um ein Bordell anzudeuten, es etwan bezeichnete als einen »bescheidenen Wohnsitz stiller Freuden«. – Die gute Gesellschaft, welche, um vollkommen fade zu seyn, alle entschiedenen Aeußerungen und daher alle starken Ausdrücke verbannt hat, pflegt, um skandalöse, oder irgendwie anstößige Dinge zu bezeichnen, sich dadurch zu helfen, daß sie solche, zur Milderung, mittelst allgemeiner Begriffe ausdrückt: hiedurch aber wird diesen auch das ihnen mehr oder minder Heterogene subsumirt, wodurch eben, in entsprechendem Grade, die Wirkung des Lächerlichen entsteht. Dahin also gehört das obige utile dulci (…)

Quelle Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung Zweiter Band Kapitel 8 Zur Theorie des Lächerlichen / Schopenhauers sämmtliche Werke Reclam Leipzig Seite 106 ff

Wobei Schopenhauer, der gern griechische Originalzitate mit lateinischen Übersetzungen versieht, sich nicht dazu herablässt zu erläutern, dass eine Dame, die das utile [dem] dulci zu vereinigen wisse, eben das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet, was Horaz durchaus nicht so gemein gemeint hat.

Als ich jedoch heute mittag in der Ohligser Heide über Schopenhauer nachdachte und mich seiner Theorie über das Lächerliche nicht mehr genau zu entsinnen vermochte, überließ ich mich auf einem geeigneten Sockel dem übergroßen Zorn

JR Denkmal 151031

und beschloss, bis auf weiteres das Denken

Pferd Schimmel Auge kl

den Pferden zu überlassen, weil sie, wie man sagt, die größeren Köpfe haben.

Pferd von Hinten Ohligser Heide kl

(Fotos: E.Reichow)