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Charlie-Effekt

Nach der Morgenlektüre

Die Karikaturen zum politischen Tagesgeschehen versuche ich oft gar nicht erst zu entziffern. Ich glaubte irgendwann festgestellt zu haben, dass es sich nicht lohnt. Jetzt plötzlich interessiert es mich: Bringt das etwa auch ganz neue Aspekte ins Spiel?

Ich sehe, dass viele Leute sie rasend ernst nehmen: ist das ein Mensch in arabischer Kluft oder etwa ein heiligmäßiger Vertreter des Glaubens oder gar ein  … ich sage nicht der Prophet … mache ich mich etwa schuldig, wenn mein Unterbewusstes immer statt JESUISCHARLIE ich bin Jesus Christus versteht, so wie einst der Altphilologe, der immer – wie Lichtenberg erzählt – „Agamemnon“ las, wenn da stand „Angenommen“. Wofür er aber wirklich nichts konnte.

Und jetzt merkte ich, dass es besser ist, ganz genau hinzusehen, – nicht dass ich mich unversehens mitschuldig mache: Ich hatte auch die Pegida-Karikatur neulich gesehen und als unwesentlich abgetan, da las ich nachmittags, wie unmöglich die verschlüsselte Aussage war, die ich klaglos hingenommen hatte: mit wem habe ich da paktiert??? War es Erika Steinbach? Um Gottes willen! (Nein, Teufel nochmal, nicht solche Redensarten!!!) Lesen, lesen lesen! Aber nur Kluges. Erstmal dies: „Die Sache mit der Pressefreiheit.“ Und dann – eigentlich kann ich das Wort „instrumentalisieren“ nicht mehr ertragen, doch jetzt muss es sein, der Artikel ist gut: Zeitungsverleger-instrumentalisieren-charlie-hebdo-anschlag-fuer-kampf-gegen-pegida.

Aber nun wieder heute: Auf Seite 2 meines Tageblattes sehe ich eine Karikatur; mir scheint, da steht ein Dschihadist in einer bewaffneten Auseinandersetzung mit der Polizei und hinter ihm eine Omi, die ihm  offenbar Geld zustecken will. Was soll das? Wo liegt der Witz? Der Mann mit Kalaschnikow sagt zu dem Mütterchen: Ich bin Dschihadist, die Polizei ist doch dahinten! Heißt das, die alte Dame wollte eine Waffe kaufen und wird in dieser Sache an die Polizei verwiesen? Ja, ist denn soetwas vorgefallen? In Belgien zum Beispiel: hat sich da jemand problemlos Waffen bei der Polizei besorgt? Ich lese den ganzen Artikel unter der Karikatur, – nichts weiter, was mir eine Handhabe gäbe. Viele Leute schreiben ja auch „Karrikatur“, weil sie nicht wissen, wohin einen die Lektüre hinterlistiger Witze befördert. Ich habe mich schließlich an den Zeichner selbst gewandt, – tatsächlich: auf seiner Website finde ich sein Werk (neuerdings hier unter dem 16.1.15), aber keinen Wink, wie es zu deuten sei: was bleibt mir, als ihm zu schreiben und um Auskunft zu bitten? Ich will nicht umsonst die ganze Seite über den belgischen Terror gelesen haben, die genau so bescheuert endet wie sie beginnt:

Brüssel. „Das kann ich nicht sagen“, „Kein Kommentar“, „Keine Idee“ – mit einsilbigen Antworten reagieren belgische Ermittler auf Fragen von Medienvertretern. (…) Könnten die internationalen Terrororganisationen Al-Kaida oder Islamischer Staat (IS) hinter dem vereitelten Anschlag stehen? Auch bei diesem Punkt gibt es eine knappe Antwort: „Dazu können wir keinen Kommentar geben.“

Doch nun die auflösung, ich habe sie dankbar agamemnon:

hallo herr reichow, ein missverständnis. die dame bietet kein geld an, sondern hat einen stadtplan o.ä. in der hand und möchte eigentlich nur eine auskunft. der cartoon spielt lediglich damit, dass dschihadisten und polizisten sich zur zeit in ihrem kampfdress zum verwechseln ähnlich sehen. besten gruss, harm bengen

Ich schaue noch einmal in die Zeitung und sehe jetzt erst die Kolumne über Gewalttaten. Was hält denn diese Dame dahinten in den Fingern? Ich werde von der fixen Idee mit dem Geld nicht loskommen.

Belgien Gewalttaten

Einen bemerkenswerten Artikel findet man übrigens heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Titel:

Warum ich nicht Charlie bin

Ich kann die Motivation derer begreifen, die deklarieren: „Ich bin Charlie.“ Trotz aller Sympathie gegenüber den Opfern und ihren Nächsten würde ich mir nie das Abzeichen mit diesem Logo anstecken. Von TOMÁŠ HALÍK (Prag).

Noch etwas zum Bedenken (Hinweis von JMR):

Tatsächlich muss man sich ja fragen, wofür „Charlie“ eigentlich steht. Wofür würde er kämpfen? Wie sähe er aus? Was wäre seine Handlung? Dass „Charlie“ nur ein Name auf einem schwarzen Plakat ist, ist bezeichnend. Es gibt in Europa keine politischen Kämpfer mehr, hinter die sich auch junge, frustrierte Männer scharen könnten. Es gibt nur das, was Mark Lilla in seinem Aufsatz „Das libertäre Zeitalter“ zu Recht ein „Dogma“ genannt hat: das unhinterfragte und damit letztlich leere Minimaleinverständnis, dass alles erlaubt ist. Man weiss, jeder muss alles sagen können. Aber warum, das weiss man nicht mehr. Worauf man sich geeinigt hat im post-multikulturellen Europa, das ist das neoliberale Konzept totaler Freiheit. Und auf das Mitleid als höchsten Wert. Mitleid für die von den Medien immer neu ausgewählten Opfer, die man dann in einem Wettbewerb der Emotionen betrauert. – Doch gelten diese Freiheit und dieses Mitleid wie gesagt nur für jene Menschen, die sich innerhalb von Europa oder den USA befinden. Sowohl das Attentat auf „Charlie Hebdo“ wie auch die Reaktionen darauf sind ein Ausdruck dieser Tatsache.

Aus einem Essay des Theatermachers Milo Rau, in voller Länge nachzulesen im Tagesanzeiger Zürich  HIER . Der erwähnte Artikel von Mark Lilla Hier.