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Zur Charakteristik Adornos

Was ist Normalität?

Wie den gemeinsamen Freund Benjamin interessieren die Briefpartner [Theodor W. Adorno und Gershom Scholem], aus jeweils verschiedener Perspektive, das Schicksal des Sakralen nach der Aufklärung – ob und wie es „in die Profanität einwandern“ kann.

Das Hellseherische einer solchen Antizipation, die in einem langen Prozess der Annäherung erst Schritt für Schritt eingeholt wird, möchte man eher einer körperlosen Intelligenz zuschreiben. Diese Qualität ist für den Menschen Adorno charakteristisch. Entspannt war er nur im engsten Kreise und wirklich frei nur an seinem Schreibtisch. Diese verletzbare Person behielt Zugang zur eigenen Kindheit und war gleichzeitig mehr als bloß erwachsen. Sie lebte überwach und ängstlich, gleichsam mit schützend vorgestreckter Hand, sowohl diesseits wie jenseits einer Normalität, an der wir anderen unseren Halt haben.

Scholem war ein Teil dieser Normalität, auch wenn er – mit seinen großen abstehenden Ohren – aus ihr als Person und Gelehrter herausragte. (…)

Quelle DIE ZEIT 9. April 2015 (Seite 43) Jürgen Habermas: Vom Funken der Wahrheit. Zwei große Denker und ihre ungewöhnliche Freundschaft: Der soeben erschienene Briefwechsel von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem ist eine Sternstunde deutsch-jüdischer Geistesgeschichte.

Ein weiteres Zitat daraus:

Scholem, der seinen Freund Benjamin in finanzieller Abhängigkeit von dem im New Yorker Exil noch vergleichsweise komfortabel überlebenden Institut für Sozialforschung wuste, wollte eigentlich von „diesen Leuten“ nichts wissen. Insbesondere Horkheimer mochte er nicht. Seine erste Meldung an Benjamin über die Begegnung mit Adorno und seiner Frau ist nüchtern: „Mit Wiesengrund war ich einige Male zusammen, sonst habe ich mit niemand von der Sekte intimer gesprochen.“

[Nach der ersten Begegnung im April 1938 in New York, „im Hause von Paul und Hannah Tillich. Auch Siegfried Kracauer war anwesend.“]

Das Wort Sekte erscheint wie ein leicht salopper Einfall, spielte aber doch wohl in dem Kreis eine gewissen Rolle, zumal es im Zusammenhang mit Anton Webern mehrfach verwendet wird.

Quelle Musik & Ästhetik Heft 74 April 2015 Stuttgart (Seite 5) Michael Schwarz: Über Anton von Webern Theodor W. Adorno bei den Darmstädter Ferienkursen 1951

Die Notizen Adornos zum Vortrag sind hier zum erstenmal abgedruckt (darin „Problem des Sektierertums“ Seite 19):

Der falsche Glaube an musikalische Naturheilverfahren liegt darin, dass ein selber so unendlich Geschichtliches, wie das von Webern ganz auf die Reihe konzentrierte Zwölftonverfahren, hier in einem gewissermaßen zahlenmystischen Sinn dem Material als solchem zugeschrieben wird. (Adorno)