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Schubert – Mozart – (Bach)

Des einen Schönheit, des anderen Kühnheit

Schubert Herbst Anfang Schubert D 945

Das Lied entstand in Schuberts Todesjahr (April 1828). Erst als ich den Klavierpart übte, ging mir die Besonderheit der Harmonisierung auf… (Text siehe hier). Es erinnerte mich an eine Stelle bei Mozart, die ich immer erstaunlich kühn fand: im Kern die Harmonie-Folge a-moll, E-dur / g-moll, D-dur /  – der Zusammenstoß E-dur / g-moll ! Bei Schubert ist es H-dur / d-moll !

Mozart Schubert Schemata

Mozart Sonate Durchführung Mozart KV 309

Damit will ich keinesfalls sagen, dass Schubert die Mozart-Stelle als Modell genommen hat, – die Funktion der „Kühnheit“ ist völlig unterschiedlich, und es ist nur vordergründig erstaunlich, dass ihre Wirkung fortbesteht in einer Epoche, die (mit Max Reger) gelernt hat, dass jeder Akkord auf jeden folgen kann. Der Gang einer „normalen“ Kadenz (I-IV-V-I) ist der gesamten Gesellschaft in die DNA eingeschrieben. (Kleiner Scherz: nach rund 400 Jahren hat die Pop-Musik diesen Teil der tonalen Überformung halt endgültig zementiert. Das nennt man „Natur“.) Ich möchte – obwohl es hier gar nicht so nahe liegt –  kurz an Badura-Skodas sehr lesenswertes Buch der Bach-Interpretation erinnern, insbesondere an den kurzen Lobpreis der Kadenz (die es im Prinzip schon seit Monteverdis Zeiten gab), weshalb ich ihn auch damals im Lauf der Lektüre als Motto an den Anfang gesetzt habe:

Bach Badura Kadenz  Bach Badura Kadenz JR

Einem Schüler würde ich vielleicht noch zeigen, wie der „Zusammenstoß“, den ich oben bei der Harmoniefolge E-dur / g-moll konstatiert habe, hätte abgemildert werden können. (Und der Kleine hätte hoffentlich negativ reagiert…)

Mozart ergänzt mit Stoßdämpfer (in Klammern)

Mozart hat absichtlich keine „Stoßdämpfer“ verwendet, ihm lag an der dramatischen Verkürzung gegen Ende der Durchführung, um den Eintritt der geahnten Reprise (der Wiederkehr des gesicherten C-dur-Themas) besonders erfreulich zu machen. Er zögert sie allerdings noch hinaus, durch den „falschen“ Ansatz in a-moll, Korrektur auf G-dur + Septime (=Dominantseptakkord), dem Akkord, der im Sinne einer Kadenz „zwingend“ nach C-dur führt.

Wer Bachs große C-dur-Themen kennt, im Dreiklang auf- oder absteigend (oder beides), gern mit Trompete, der weiß, dass sie oft mit Sieg, Triumph und Freude zu tun haben. Beispiel: „Jauchzet Gott in allen Landen“ .

In Schuberts Herbst-Lied hat der zweimal entfaltete Dreiklang der Singstimme eine ganz andere Funktion, zumal in Moll, mehr fallend als steigend, und beim zweiten Mal einen Ton tiefer gesetzt. Er hat elementaren Charakter, bezieht sich auf die Winde, die öden Fluren, die Entblätterung des Waldes. Eine dritte Sequenz in der Logik des Abstiegs (nach E in Takt 5 und D in Takt 7) könnte mit dem Ton C beginnen, stattdessen erfolgt auf „Ihr blumigen Auen“ der Rückgriff auf den Anfang mit E, jedoch mit C im Bass des Klaviers als harmonische Grundlage. Außerdem tritt an die Stelle der pendelnden Dreiklangsmelodik das starke Melisma, die persönliche Aussage (Anrede „Ihr“ und „du“), der leidenschaftliche Klageruf. Durch Wiederholung plus Harmoniewechsel intensiviert („Ihr blumigen Auen!“ – „du sonniges Grün“), durch Variantenbildung und Dehnung in der Wiederholung erheblich gesteigert („So welken die Blüthen des Lebens dahin“ – „So welken die Blüthen des Lebens dahin“). An der Dehnung ist maßgeblich der Einsatz des „Neapolitaners“ beteiligt; er ist in der folgenden (zweiten) Seite des Liedes rot umkreist. Ein F-dur-Akkord mit der Terz A im Bass, in einer e-moll-Kadenz kann er die übliche Stufe IV (a-moll) ersetzen und den Drang zum Grundton E verschärfen, vor allem wenn in deutlichem Zusammenhang die Stufe V (H-dur) folgt – mit dem ihr ebenfalls eigenen Zug zum Grundton, der Leiteton „dis“ (aufwärts zum E) korrespondiert mit dem Leiteton „f“ (hinab zum E).Schubert Herbst I Noten + Schubert Herbst II Noten

Die Aufnahme des Liedes mit Christian Gerhaher (Gerold Huber) HIER

Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass es sich in der zweiten rot gekennzeichneten Stelle gar nicht um einen F-dur-Akkord handelt, sondern um einen f-moll-„Ersatz“, da der Dominantseptakkord im Takt vorher auch diese Auflösung gestattet. Im übrigen ist die Nuancierung unsagbar differenziert und wird für den unvorbelasteten Hörer durch Worte nicht durchsichtiger. Wer will kann sich über den „Neapolitanischen Sextakkord“ näher bei Wikipedia informieren (hier), aber jeder Kenner weiß, dass der mechanische Gebrauch dieses Akkordes noch lange keine Expressivität hervorzaubert. Einzigartig jedoch immer wieder bei Schubert, z.B. auch in „Der Müller und der Bach“ –  hier bei 0:19 auf „Lilie“ und bei 0:38 auf „Tränen“.

Ein Wort noch zur Kadenz. Die Kurzform begegnet uns andauernd: nämlich im Abschluss V – I  (in der Tonart C-dur wäre das der G-dur-Akkord hinführend zum Grundakkord C-dur), auch als Dominantseptakkord, dem die Tonika auf dem Grundton folgt. Man kann lange darüber sinnieren, was diese beiden Akkorde derartig zusammenschweißt, – vielleicht die Tatsache, dass sie einen Ton gemeinsam haben, alle anderen aber komplementär die restlichen Töne der Tonleiter enthalten, mit Ausnahme des Tones A:  G-H-D-F / C – E – G  . Die Verbindung dieser beiden Akkorde kann unterschiedlich klingen, je nachdem, wie sie auf die Stimmen verteilt, vor allem welcher Ton im Bass und welcher im Diskant liegt. Der erste Akkord setzt eine Spannung, die sich im zweiten Akkord auflöst. Mozart hat damit in seiner Jupiter-Sinfonie ein seltsames Spiel getrieben, indem er diese Formel wie eine fixe Idee zitiert. Macht er sich über die Konvention lustig? Springen Sie im folgenden Satz gleich in den Mittelteil: genau auf 2:31 beginnen (bis 3:46) – das ist zwar schade, aber Sie werden es sich nicht versagen können, am Ende den ganzen Satz zu hören!

An dieser Stelle möchte ich morgen fortfahren mit der Frage, ob man Musik eigentlich voraussetzungslos hören kann. Man könnte es versuchen oder sogar üben – jedoch: wie denn voraussetzungslos bleiben nach einer Folge von mehreren Hörversuchen? Ein außergewöhnliches Klavierstück liegt bereit. Natürlich wird es sich um neue oder sogar allerneueste Musik handeln.