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Romantik? Realismus?

Zwei Zufallsbegegnungen mit „Hochkultur“ aus der Sicht eines Jugendlichen (?)

Eine Schubert-Melodie, ein Text von Gottfried Keller, – ich gebe beides so wieder, wie es dem/der Jugendlichen vielleicht begegnet, und stelle mir vor, es sei good will im Spiel, sagen wir: der Vorsatz, es denen, die „Bildung“ vermitteln wollen, recht zu machen, – jedoch von unüberhörbarem Widerspruch in der eigenen Wahrnehmung begleitet. Schubert sollte durch einen Höreindruck ergänzt werden (youtube). Frage vorweg: ist das Thema wirklich schön, oder doch an der Grenze zum Trivialen? (Takt 2 und 3) – Woran erinnert es mich denn so fatal?

Schubert D 951  Keller Romeo und Julia Dorf

Nachher ist kaum zu glauben, warum es so schwer war, die unangenehme Assoziation dingfest zu machen, die sich bei der Schubert-Melodie einstellte und ihre Wirkung verzerrte. Ist es ein Weihnachtslied? („Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein auch im Winter, wenn es schneit“? „Leise rieselt der Schnee“? Neinnein … Jetzt weiß ichs – oh wie peinlich. Wie werd‘ ich das wieder los?)

Meine Oma Liedr

Los werde ich das vielleicht nur, indem ich es für kurze Zeit ernst nehme: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad…“ Geht das weit zurück? Vielleicht in eine Zeit, als es noch keine Motorräder gab? Kann es mal ein Gassenhauer in Wien gewesen sein? Den etwa Schubert nobilitiert hat? Das Deutsche Volksliederarchiv kommt – rückwärts forschend – nicht über das Jahr 1920 hinaus. Siehe hier.

Ich kann nur hoffen, dass niemand mich zwingt, über das Oma-Lied zu reflektieren, wenn ich die Liebe zu Schubert wecken will. Es ist schwierig genug, Jugendliche auf dieses Dauerglück einzustimmen, auf dieses Schwelgen, das „keine Kämpfe und Spannungen, nur seliges Verströmen eines harmonischen Seinsgefühls kennt“ (s.o. Zitat), – aber nicht mal ein dezentes Schlagzeug vorweisen kann. Das ist es natürlich nicht, was sie unter „chillen“ verstehen.

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Im Fall des Textes frage ich mich: wem könnte man ihn heute noch zum Lesen empfehlen? Mir ist unwohl bei der Lektüre (diese Art Romantik wird also als Realismus angeboten?). Er befindet sich (dort um 2/3 länger – man lese bis zum Schluss des Kapitels 12 hier!) in einem Deutschbuch für die Oberstufe (1999), das ich insgesamt hervorragend finde.Die handelnden Personen sind – wenn ich mich nicht irre – 19 und 17 Jahre alt, also in dem Alter, für das dies Lesebuch gedacht ist. Unter welchen Umständen sind Jugendliche heute bereit, eine solche Sprache – insbesondere zu dem Thema Liebe, das sie interessieren dürfte – zu relativieren und als zeitbedingt „unmodern“ zu akzeptieren und dementsprechend zu interpretieren?

(Ich habe mich mit einer lesefreudigen Elfjährigen unterhalten, die für die Schule „Kleider machen Leute“ vom gleichen Autor zu erarbeiten hatte; sowohl Sprache als auch Inhalt haben sie „befremdet“ oder sogar gelangweilt. Man lese einmal die folgende Inhaltsangabe und vor allem die Kommentare der Schüler, die sie verwendet haben: hier.)

Die Aufgabenstellung (lt. Lesebuch):

Romeo u Julia a d Dorfe Aufgaben

Aus meiner Sicht erscheint mir die Aufgabenstellung (bei aller Hochschätzung des Lesebuches) ziemlich lebensfremd. Das eigentlich Befremdende am Text wird nicht problematisiert (ist vielleicht als „historischer Abstand“ bereits irgendwo/wann schon behandelt).

Es beginnt schon mit der viermaligen Verwendung des schwerfälligen Relativpronomens „welche“ oder „welches“ im ersten Satz. Geht weiter mit der sächlichen Behandlung des Mädchens (oder „des Vrenchens“). Wie kann man in dieser Sprache den Liebesvollzug schildern, auf den es hinausläuft.

»Bereust du es schon?« rief eines zum andern, als sie am Flusse angekommen waren und sich ergriffen; »nein! es freut mich immer mehr!« erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig gingen sie am Ufer hinunter und überholten die eilenden Wasser, so hastig suchten sie eine Stätte, um sich niederzulassen; denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze Wert und Inhalt des übrigen Lebens drängte sich in diesem zusammen; was danach kam, Tod und Untergang, war ihnen ein Hauch, ein Nichts, und sie dachten weniger daran als ein Leichtsinniger denkt, wie er den andern Tag leben will, wenn er seine letzte Habe verzehrt.

Doch dann wendet sich – wie im Film – die Aufmerksamkeit des Erzählers von den Akteuren auf das Schiff, die Wälder, den Mond, die Morgenröte, – der Frost des Herbstmorgens soll den Rest glaubwürdiger machen: das ist der schöne, romantische Liebestod, den die beiden Liebenden ja wohl suchten. Erst mit der Wendung zum schnöden Zeitungsbericht kommt zum Vorschein, was es mit dem Begriff „Realismus“ auf sich haben könnte: Eine „gottverlassene Hochzeit“ war das, „ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilderung der Leidenschaften.“

Der Fluß zog bald durch hohe dunkle Wälder, die ihn überschatteten, bald durch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an einzelnen Hütten; hier geriet er in eine Stille, daß er einem ruhigen See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort strömte er um Felsen und ließ die schlafenden Ufer schnell hinter sich; und als die Morgenröte aufstieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Türmen aus dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte eine glänzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam das Schiff langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten.

Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschädigt an eine Brücke und blieb da stehen. Als man später unterhalb der Stadt die Leichen fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zugrunde gegangenen Familien, welche in unversöhnlicher Feindschaft lebten, hätten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf einer Kirchweih. Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffleute in der Stadt gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu halten, abermals ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilderung der Leidenschaften.

Die Lösung der Aufgabe 3 a) steht also praktisch schon da, am Schluss der Novelle, wobei diese Mischung aus Gefühligkeit und Schein-Entrüstung dem heutigen Geschmack Jugendlicher vielleicht zuwider läuft wie ein Heimatfilm der 50er Jahre…

Vielleicht wird man ganz anderen Sinnes, wenn man zu guter Letzt den erstaunlich ausgreifenden Wikipedia-Artikel studiert. Und „letztendlich“ sogar die vollständige Novelle von Gottfried Keller.

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Eine harmonische Schwäche (?), die man vielleicht nur mit dem Partner am Klavier diskutieren kann, jedenfalls nicht mit einem Jugendlichen oder einem Laien, – es sei denn, er (sie) hätte ausgiebig (traditionelle) Harmonielehre gelernt. Es wird sich herausstellen, dass es natürlich keine Schwäche Schuberts ist, aber man sollte etwas davon gespürt haben. – Aus dem Part des Secondo-Spielers:

Schubert Harmonik Es geht um die Takte 13-14 sowie 21-22.

Hier ist das harmonische Schema ab Takt 8 bis Takt 16 (nur im Bass notengetreuer, damit man sich leichter orientiert):

Schubert Harmonik Schema

Den normalen Harmoniegang hätte man, wenn man Takt 13 überspringt: man hätte den Basston Ais als Terz der Zwischendominante Fis-dur, dann h-moll (umgedeutet in die Subdominantparallele) und wäre mit dem A-dur-Quartsextakkord und der Dominante E-dur brav in der Tonika A-dur (Takt 16) gelandet. – Was geschieht also in Takt 13? Eine Verlegenheit. um den Untergrund der Melodie (hier nicht wiedergegeben) interessanter zu machen? Hat sie das nötig? Zudem „interessanter“ auf eine – sagt die böse Zunge – „linkische“ Art?

(Fortsetzung folgt)