Schlagwort-Archiv: Marcellinus & Petrus

Basilika und wunderwirkende Knochen

 

 Unsere Pilgerspuren im Sand

 Ausweg

Wer war der Bauherr Einhard? Siehe hier.

ZITAT

Da Einhard befürchtete, ohne eigenen Sohn zu sterben, der nach seinem Tod für ihn beten konnte, hatte er schon 819 das Kloster Lorsch als Erben der Mark Michelstadt eingesetzt, denn den Gebeten der Mönche maß er die größte Kraft vor Gott und seinen Märtyrern zu. Bei seiner Suche nach einem Heiligen wandte sich Einhard an einen Römer namens Deusdona, der sich gerade in Aachen aufhielt und ihm die gewünschten Reliquien versprach. Doch kaum war Deusdona zusammen mit Ratleik, Einhards Vertrautem, in Rom angekommen, da vertröstete er diesen ein um das andere Mal, bis Ratleik selbst eines Nachts in die Katakomben unterhalb der Kirche „inter duos lauros“ an der antiken Gräberstraße Via Labicana eindrang und von dort aus dem mit einer Steinplatte verschlossenen Grab der Heiligen Marcellinus und Petrus die Gebeine des Marcellinus entnahm. Marcellinus und Petrus waren unter Kaiser Diocletian Anfang des 4. Jahrhunderts ihres Glaubens wegen enthauptet worden: Marcellinus hatte als Diakon das Wort Christi gepredigt und die Taufe gespendet, Petrus hatte als Exorzist die vom Teufel Besessenen geheilt. Schon bald nach ihrem Tod waren sie als Heilige verehrt worden, ihr Ruhm war mit der Verbreitung der römischen Liturgie im gesamten Frankenreich unter Karl dem Großen gewachsen und ihre Grabstätten das Ziel zahlreicher Pilger geworden.

Ratleik überkamen schon bald Bedenken wegen seines Handelns, jedoch nicht etwa wegen seines Raubes, sondern weil er die Heiligen voneinander getrennt hatte, die gemeinsam den Märtyrertod erlitten und fünfhundert Jahre lang ihr Grab geteilt hatten. So kehrte er einige Nächte später an ihre Gedenkstätte zurück, um auch die Gebeine des Heiligen Petrus zu entnehmen. Dieses Mal ließ sich die Steinplatte leicht abheben, woraus Ratleik schloss, dass der Heilige sein Handeln billige.

In aller Stille und in Angst um sein Leben verließ Ratleik Rom, denn schon zweihundert Jahre zuvor hatte Papst Gregor der Große bei Todesstrafe verboten, Reliquien ohne päpstliche Erlaubnis aus Rom zu entfernen, und mit Höllenstrafen im Fall eines Vergehens gedroht. Erst nördlich der Alpen ließ Ratleik die Reliquien offen vor sich hertragen, und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung erreichten sie im Oktober oder November 827 Michelstadt.

Doch in bedrohlichen Träumen ihrer Bewacher ließen die Heiligen wissen, dass sie hier nicht bleiben wollten, sie forderten, Seligenstadt solle ihre letzte Ruhestätte werden. Nach einigem Zögern gab Einhard ihrem Drängen nach, und nicht einmal drei Monate nach ihrer Ankunft brachte er sie im Januar 828 dorthin. Dieser Entschluss wird ihm nicht leicht gefallen sein, musste er doch alle Pläne für seinen Alterssitz aufgeben, die ihn seit einem Jahrzehnt beschäftigt hatten. In Seligenstadt begannen die Heiligen unverzüglich Wunder zu wirken: Lahme konnten wieder gehen, Blinde wieder sehen, Verirrten wiesen sie den rechten Weg. Ihre Wunder, die man auch als Gleichnis für die Bekehrung der abergläubischen Bevölkerung zum Christentum verstehen kann, waren für Einhand der endgültige Beweis, dass seine Heiligen ihre Übertragungen in das Frankenreich gewünscht hatten.

Für uns heute ist es kaum noch vorstellbar, welche Bedeutung Einhard seinen Reliquien beimaß und wie sein Ansehen durch ihren Besitz wuchs. Mit dem neuen Dienst, den er seinem „großen, wunderbaren Schatz, wertvoller als alles Gold“ schuldete, begründete er seinen Rückzug vom kaiserlichen Hof.

Grabplatten von oben nach unten (Zweierreihen): 1 Äbtissin Elisabeth Lochinger von Arxhofen † 1512, 2 Anna von Bruck † 1370, 3 Nonne Grete (?) Duborn, erwähnt 1345, 4 ???, 5 Name: Osbirn, Propst (?) um 1100, 6 Überblick

Quelle des zitierten Textes Thomas Ludwig: Einhards-Basilika Michelstadt-Steinbach, Broschüre 18 Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen 2016

Zur Baugeschichte siehe Wikipedia HIER / Fotos: E.Reichow & JR