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Musik, Physik, Politik

Lockdowngedanken

Manchmal frage ich mich, warum gewisse Werke, die mich erschüttern oder begeistern, im öffentlichen Bewusstsein keinerlei Brisanz zu haben scheinen. Ich spreche von Musikwerken und ihrer Aufführung, – es ist halt nur Musik. Das gilt aber ganz ähnlich von gedanklichen Leistungen, sagen wir von den Konfessionen des Augustinus oder von Immanuel Kants kleinster Schrift „Zum ewigen Frieden“ oder von Thomas Nagels grundlegender Einführung „Was bedeutet das alles?“ Warum kann man diese bedeutenden und dabei relativ kurzen Werke nicht in öffentlichen Diskussionen als bekannt voraussetzen? Ach, das ist doch klar! sage ich , – aber nur, um hier keine Zeit zu verlieren. Der Artikel, über den ich schreiben will, ist lang genug, gehört aber zu denen, die mich mal wieder sagen lassen: „Dafür allein hat sich der Preis der ganzen Zeitung gelohnt!“ (5,70 € : DIE ZEIT 17. Dezember 2020 Dossier Seite 15-17). Dabei wäre die Essenz relativ schnell erzählt, aber gerade die Tatsache, dass ihr unwesentliches Drumherum so ausführlich dargestellt ist, macht den Artikel so wertvoll und – ja! – lebensnah. Niemand kann den Kampf gegen Corona ungestraft ignorieren. Man nimmt also zur Kenntnis, wenn es jemandem gelingt, eine wissenschaftliche Leistung in ihrem Bedeutungshorizont vor Augen zu führen, deutlicher als es der persönliche Auftritt der Wissenschaftlerin in der meistbeachteten Fernseh-Talkshow  zu tun vermöchte. Es geht uns alle an, ob wir es zulassen oder nicht, wir haben den Lockdown, schlimm genug. Eine Katastrophe dieses Ausmaßes, so heißt es,  gab es noch nie in der Menschheitsgeschichte. Ja, es ist ein Lehrstück, und ich lerne daraus auch, warum große Musik kein Tagesthema sein kann, – es sei denn, sie wird in einem künstlichen Hype, der ihr auf Dauer schadet, auf die Schaubühne geholt und mit magischen Wunderkräften aufgeladen („Mozarteffekt“). Da gibt es keine zwingende Notwendigkeit.

Aber es kann doch nicht wahr sein, dass es so schwer ist, bei führenden Politikern mit einer physikalischen Wahrheit durchzudringen!? Ich sehe es erst ein bei der Beobachtung, dass es auch nur durch Zufall gelang, mich dazu zu bringen, diesen Artikel von Anfang bis Ende, Wort für Wort durchzulesen, 3 oder (Bilder abgerechnet) 2 voll bedruckte ZEIT-Großformatseiten, und zwischendurch immer wieder staunend auf den Namen des Autors zu schauen (Malte Henk), nie vorher gelesen, und auf den der Hauptfigur und ihr Foto, nie gesehen — oder doch? bei Markus Lanz? und doch nicht wiedererkannt? Ich – als typischer Konsument auf der Nachrichten-Wildbahn, wo bleibt er als erstes hängen? Bei der Vorstellung eines Zebras! Das ist doch Kalkül, aber eben auch interessant!

ZITAT

(…) Sie könnte auf diesem Kennenlern-Spaziergang gleich über die Dinge reden, mit denen sie sich seit acht Monaten beschäftigt, Ansteckungsraten, Kontaktnachverfolgungsraten, Dunkelziffern.

Sie fragt: »Wie kommt es, dass Zebras schwarze und weiße Streifen haben?« Ähm. Weil das genetisch so festgelegt ist? »Das erklärt noch nicht, wie die Natur es schafft, diese regelmäßigen Muster zu bilden.«

Die Lösung des Streifen-Rätsels, die Priesemann aus dem Ärmel schüttelt, ist auf eine merkwürdige und für ihr Denken typische Weise beides auf einmal, verwickelt und simpel. Die Muster gibt es, weil es im Körper des Zebras zwei chemische Stoffe gibt. Der eine regt die Produktion schwarzer Farbpigmente an, der andere versucht sie zu unterdrücken. Wie diese beiden Gegenspieler pingpongmäßhg aufeinander reagieren, wie die Zunahme des einen eine Zunahme des anderen zur Folge hat, was wiederum den ersten zu einer Reaktion veranlasst – all das kann man mit Gleichungen berechnen. Es war kein Serengeti-Forscher, der das Streifen-Rätsel in den 1950er Jahren löste, kein Tierarzt im Gehege und auch kein Zoologe mit seinem Sezierbesteck. Es war ein Mathematiker an seinem Schreibtisch.

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Es gibt einen Begriff, den Viola Priesemann gern benutzt. Er ist nicht neu, man hört ihn oft, wenn es um das Theme Klimawandel geht. Kipppunkt. Erwärmt sich die Erde, dann schmelzen zum Beispiel die Gletscher, und dadurch gerät vieles aus dem Gleichgewicht. Die Oberfläche der Erde reflektiert weniger Sonnenlicht, es wird noch wärmer, wodurch noch mehr Eis verschwindet, und so weiter. Priesemann hat das Konzept in die Covid-10-Forschung übertragen. In der Pandemie sind die Gletscher die Gesundheitsämter.

Beim Zoom-Treffen beschließen sie, über das Diagramm noch ein Symbolbild zu stellen. Damit es wirklich jeder verstehen kann. »Was nehmen wir?«, fragt Priesemann. Niemand hat eine Idee. Einer erklärt sich bereit, darüber nachzudenken.

Nach dem Mittagessen schalten sie sich wieder zusammen, wieder die Debatten, sehr lang und sehr basisdemokratisch, wieder die Kurven. Einer aus der Gruppe hat sie grafisch verbessert. Der Kipppunkt ist jetzt klarer erkennbar.

Priesemann: »Peng!«

»Was bedeutet das hier?«, fragt jemand. »Ah, die Testkapazität bricht zusammen.«

»In the end, it’s Fleißarbeit«, verkündet Priesemann und möchte wissen, was ein Symbolbild ist. »Ja, ähm…«, sagt ihr Mitarbeiter. »Man kann nur einmal im Monat ein Genie sein«, sagt sie tröstend. Gelächter. Sie einigen sich schnell auf eine simple Metapher für ein metastabiles System, eine Waage mit zwei Schalen. Die geraten auch leicht aus der Balance.

»Ich bekomme den berühmten Heinz Ehrhardt nicht aus dem Kopf«, sagt einer. »Ritter Fips.« Kunstpause. »Falls fallend du vom Dach verschwandest, so brems, bevor du unten landest.«

Legt man Priesemanns abstrakte Schaubilder in Gedanken über die deutsche Realität seit dem Ende des ersten Lockdowns, ist da ziemlich viel Übereinstimmung. Der virenarme Sommer, Monate mit trügerischer Sicherheit, Frieden im Sandkasten. Das Überschreiten des Kipppunktes im September, zunächst unbemerkt, dann der steile Anstieg im Oktober. Mit ihrer neuen Veröffentlichung will sie die große Frage dieses Winters beantworten, wie das System wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist.

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Was war das mit dem Frieden im Sandkasten? Das war eine andere zwischendurch erzählte Geschichte, sie passte zu einem bestimmten Diagramm:

Es hat die Überschrift »Metastabil«. So nennen Physiker ein System, das zwar stabil ist, aber leicht aus dem Gleichgewicht gerät. Zwei Kleinkinder, die miteinander im Sandkasten spielen, bilden so etwas wie ein metastabiles System. Eigentlich ist alles friedlich. Entdeckt das eine Kind im Sand eine Schaufel und möchte das andere Kind auch unbedingt diese Schaufel haben, wird das System schnell instabil.

Dieses Diagramm fasst eine Erkenntnis zusammen, die Priesemann und ihre hoch spezialisierten Zahlenmenschen schon im September veröffentlicht haben. In der Mitte ist eine Linie eingezogen. Das ist die Grenze, ab der Ärzte, Labore und Gesundheitsämter nicht mehr mit dem Virus mithalten, sie können ja nicht unendlich viel testen und Kontakte ermitteln. Unterhalb der Grenze sind die Pfeile waagerecht, die Fallzahlen sind scheinbar stabil. Übersteigen sie die Grenze, wird das System instabil. Die Pfeile drehen sich nach oben. Immer mehr Menschen, die nicht wissen, dass sie infektiös sind, gehen jetzt arbeiten, besuchen Freunde, steigen in die Bahn. Sie stecken immer mehr andere Menschen an. Die Entwicklung verstärkt sich selbst. Exponentielles Wachstum. Kontrollverlust. Am Ende sind die Kliniken voll. Aber der Weg dahin beginnt viel früher.

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Der Text ist einfach gut gemacht. Was ich zitiert habe, ist natürlich nur ein Bruchteil, aber ich finde, es reicht, um die unglaublich lebendige Arbeit mit den toten statistischen Zahlen der Wissenschaft anzudeuten.

Nicht um Angst zu schüren. Sondern dazu anzuregen, die Arbeit der schöpferischen Menschen hochzuschätzen und auch in anderen Bereichen der Kunst und Wissenschaft zum Vorbild zu nehmen.

Und dann erst folgt die größte Arbeit, nämlich: diese Leistungen den Politikern, die am Hebel sitzen, und der weiten, breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Den Zuschauern, die vor dem Fernsehapparat sitzen und Talkshows verfolgen, um am Ende zu sagen: „der Lanz oder die Anne Will, das war ja wieder ganz unterhaltsam, nur diese eine Wissenschaftlerin da, die war mir doch etwas zu abstrakt. Wissenschaftler kommen einfach aus ihrem Elfenbeinturm nicht heraus, die sitzen in ihren Laboren und quälen weiße Mäuse, aber was da draußen los ist bei einem Lockdown, davon haben die keine Ahnung!“

Was tun, um Ignoranten die Ohren zu öffnen? Man kann sie ja nicht allesamt einsperren mit diesem ZEIT-Artikel und sich die ganze Geschichte Punkt für Punkt nacherzählen lassen.

Ich hätte es nicht abschreiben müssen, es ist keine Mühe, alles online nachzulesen, die Kosten sind minimal (hier). Was werde ich also tun, um meine Enkelin, die begeistert mit dem Physik-Studium begonnen hat, zusätzlich für ihr Studienfach – und den zugehörigen Journalismus zu begeistern? Ich fahre zum Bahnhof und kaufe für 5,70 €  DIE ZEIT und schicke dieses Dossier per Post zu der Kleinen (?) nach Hause, weil ich immer noch an die analoge Übermittlung selbst der digitalsten Stoffe glaube. Nicht am Telefon („ist nur der Opa!“), – auf Papier!

Wenn man aber nach der ZEIT-Lektüre noch etwas Zeit investieren will, findet man in manchen Talkshows noch genügend Denkstoff zur Relation von Wissenschaft, Politik und journalistischer Praxis. Oft erst beim zweiten, selektiven Zuhören. Genügend Anlass auch – sich aufzuregen. Hauptsache, es dient der Wahrheitsfindung.

Hier: LANZ ZDF 9.12.20 (etwa ab 19:10) und hier: ANNE WILL 30.11.2020 (etwa ab 11:50).

Screenshot LANZ 9.12.2020

ZITAT (Die Zeit)

Als der harte Lockdown kommt, denkt Viola Priesemann schon weiter.

Ihr schwebt ein mathematisches Modell vor, mit dem man untersuchen könnte, wie das Virus zwischen den Ländern Europas zirkuliert und mal hier, mal dort für Ausbrüche sorgt. Irgendwann in der Zukunft, wenn das alles vorbei ist, könnte sie sich auch ein ganz neues Forschungsthema vorstellen. Sie würde gern die Machtkonzentration in der Gesellschaft analysieren, mit den Mitteln der Mathematik. Ein Zebra-Rätsel für unsere Zeit: Schwarz die Macht, Weiß die Ohnmacht, wie vermischen sie sich, welche Muster bilden sie? Wie formen sie eine Gesellschaft und die Entscheidungen, die in ihr getroffen werden?

(Autor: Malte Henk, Mitarbeit: Miriam Lau)

Und die Musik? Gab es da noch einen Vorsatz, als die Überschrift dieses Artikels entstand?

(Ja!)

Der Lockdown reagiert auf die blinde Notwendigkeit, die wir analysieren müssen. Oder in der Analyse mithilfe kluger Journalistik nachlesen dürfen. Die Musik (ob scheinbar oder nicht) lebt vom freien Spiel der Kräfte, ihre Notwendigkeit ist Freiheit. Man erfährt sie zum Beispiel, wenn man eine Bach-Fuge penibel geübt hat, als verlaufe sie in zwingender Notwendigkeit: am Ende ist es ein Spiel der freien Kräfte. (Die Politik dagegen ist kein Spiel.)

Bach Fuga in Cis (WTKII)

JR Achtung, ganz nebenbei: Physiologisches nicht vergessen (Physik privatissime), z.B. Geige üben. Zu bedenken: Mechanik ist wichtig, nicht allein der Musikalität vertrauen! Z.B.gutes Ricochet (ein langer Weg). Fühle dich nicht erhaben über die Grundübungen: Hier (ein kurzer Weg). Corona ist eine kreative Zeit für fleißige Eremiten!

  Der geigende Eremit (Böcklin)

(Nur ein Scherz zum Abschluss: es weihnachtet halt, und dieser alte Herr übt bestimmt kein Ricochet! Es sei denn, das Engelchen kommt zu Hilfe. Vielleicht würde es mit ihm zunächst etwas an der Haltung arbeiten.)