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Missgunst aus Prinzip

Andrew Beatty über Emotionen der Anderen (auf Nias)

https://www.brunel.ac.uk/people/andrew-beatty/publications HIER

Auf der Insel Nias kann sich das Herz gepresst anfühlen oder heiß oder sogar haarig. Was kann die Anthropologie über diese fremdartigen emotionalen Zonen sagen?

Ich referiere aus einem Essay, den der Anthropologe Andrew Beatty geschrieben hat, Missverständnisse meinerseits inbegriffen. Ich verhalte mich, wie es einst in der Schule gefordert wurde: sag’s mit deinen eigenen Worten, – übernehme aber keine Verantwortung für Übersetzungsfehler. Den Autor nenne ich AB, und wie im Roman muss er nicht identisch sein mit dem, dessen Name eben zu lesen war. (Angefangen hatte ich das alles im Juli 2019. Und nicht abgeschlossen. Jetzt fand ich es sinnvoll, die kleine Arbeit und den eigentlichen Autor einfach in Erinnerung zu halten.)

AB erinnert an ein Gedankenexperiment des Psychologie-Pioniers William James, Bruder des Novellenschreibers Henry James. Zur Frage: „Was ist Emotion?“ (1884). Er versuchte sich vorzustellen, was von einer Emotion übrig bleibt, wenn wir aus ihrer Beschreibung alle körperlichen Symptome entfernen. Was bliebe zum Beispiel von dem Gefühl der „Trauer“ ohne die Tränen, ohne den Druck auf dem Herzen, den stechenden Schmerz in der Brust? Eine gefühllose Wahrnehmung, dass gewisse Umstände beklagenswert sind – nichts weiter. Sein Resümee, dass eine rein körperlose menschliche Emotion eine „Nullität“ sei, entfachte eine Jahrhundert-Debatte, in der Emotionen zerlegt und analysiert wurden, im Laboratorium nachgeschaffen um kausale Sequenzen zu bestimmen, mit Experimenten an willigen Subjekten (meist Studenten).

Der Anthropologe kommt zu diesen Fragen von einer ganz anderen Seite. Das Problem der Definition, was Emotionen sind, sieht anders aus, wenn man mit Episoden des realen Lebens beginnt, in das Liebe, Zorn und Traurigkeit eingebettet sind. Man versuche einmal, sich eine Emotion ohne kulturellen und sozialen Kontext vorzustellen – das ganze Gewebe um das Ereignis herum, seine wahre Form und Bedeutung. Was würde bleiben, der enthüllte Geist? Das nackte Herz? Oder nichts? Wenn jemand wie ich seine Zeit an Orten verbringt, wo das emotionale Leben ganz anders gestrickt ist, tritt die Möglichkeit einer standardisierten Definition, eines universalen Strickmusters für Ärger, Traurigkeit und Liebe noch weiter zurück. Die Kategorie der Emotion überhaupt beginnt wackelig auszusehen.

Betrachten wir die Insel Nias, einen Sonderfall im fernen Westen Indonesiens.  In den 1980er Jahren lebten meine Frau und ich dort für zweieinhalb Jahre, um in den Bergen des Innern Feldforschung zu betreiben. Das härteste Hindernis, sich einzugewöhnen bestand nicht so sehr in der tropischen Hitze oder der Isolation auf einer der ärmsten Inseln Indonesiens, sondern in einer Anzahl unterschiedlicher, manchmal misslauniger Emotionen, besonders solchen, die mit dem Phänomen des Geschenkaustauschs verbunden sind.

In fast jeder Gesellschaft  sind die Bräuche des Gebens und Empfangens mit Emotion verflochten. Das Abstimmen von Geschenken mit den Empfängern, die Notwendigkeit wechselseitig zu reagieren oder zurückzuzahlen sind delikate Angelegenheiten, voller Risiken. Auf Nias ist das Darbieten, Einfordern, Überbieten und Annehmen von Geschenken zu einer feinen Kunst entwickelt,verbunden mit einer entsprechenden Justierung der Emotionen. Aber die Verbindung zwischen Austausch und Affekt ist oft indirekt, manchmal verwirrend. Für den Außenseiter bietet Nias eine Herausforderung sowohl konzeptuell als auch persönlich. Sobald man seinen Fuß in eine der auf kargen Hügeln gelegenen Siedlungen, mit ihren spitzgiebligen Häusern und düsteren Plätzen, betritt man eine andere emotionale Welt.

Die Niha (das Wort bedeutet sowohl ‚Leute‘ als auch Einwohner von Nias) leben von Brandrodungsaktivitäten und Schweineherden. Aber wofür sie leben – und zwar auf ruinöse Weise, wie sie offen zugeben – ist Festefeiern. Das Leben ist rundum in gewaltigen Fressereien organisiert, die Hunderte von Gästen und massenweise Schlachtung von Schweinen betrifft (eine Größenordnung von 40 gehört zu den kleineren). Das Ganze wird getragen von einem Komplex der Emotionen, die mit Geschenkaustausch verbunden sind, die Festrunde organisiert Produktion und Verteilung von Gütern, sie umfasst eine Prestige-Ökonomie der Verschuldung und Verpflichtung. (Traurigerweise haben seit den 1990 Jahren die Schweinepest, ein Erdbeben, ein Tsunami und auch, was so als Entwicklung gilt, die Festzyklen fast vollständig zum Ende gebracht.)

Die dominante Emotion  – die, über welche man sprach, die man bei anderen vermutete aber selten selbst zugab –  war ’schmerzendes Herz‘, ein virulentes Gebräu aus Missgunst, Neid und Bosheit. Ein großer Teil des Lebens dreht sich um dieses Gefühl, das dazu dient Hexerei zu motivieren, Missernten und Vergiftung von Fischgründen. In einer Gesellschaft, die durch Wettbewerb und Prestige geformt ist, bezeichnet ’schmerzvolles Herz‘ die dunkle Seite des prahlerischen Hervortuns. Übergangen und in den Schatten gestellt zu sein, das sind die missgünstigen Gegenspieler und geheimen Feinde des Festherren, der ‚großen Mannes‘. Sie müssen beschwichtigt werden. Meine Antrittsrede für die Clans, die ich dem Dorfsekretär als Ghostwriter verdanke und vor einem Schlachtfeld von Schweinekörpern hielt, endete mit der bis zur Dreistigkeit schmeichlerischen Phrase: „Hier gibt es keine Missgunst!“ Wie hätte sie vorhanden sein können, wenn ich tatsächlich jeden abgefüttert hatte? Das war die simple Kalkulation, gemessen in Fleischanteilen, von der jegliche Festivität inspiriert war von den glorreichen Tagen der Kopfjagd und der Stammeskämpfe an bis herab zu Debutauftritten wie meinem.

Abgesehen vom eifrigen Festbesucherdasein sind die Niha nimmermüde Redner mit Festbeiträgen einer invariablen Themenpalette. Aber was in den Reden hervortritt, ist nicht die Aufzählung der Schulden – das ultimative Anliegen – sondern die ‚Herzen‘ der Protagonisten.  Der Fortschritt des Geschäftes erscheint in Gestalt einer sorgfältigen Anatomie der Missstände und den Erwartungen jeder Gruppe, einer Rechnung, in der die Herzen als ‚gedrückt‘, ‚verbrannt‘, ‚gefleckt‘, ‚weiß‘, ‚verfault‘ sogar als ‚haarig‘ bezeichnet werden, aber immer zugänglich für Taktiken der Gegner und ihre vielgepriesene Gefühle. Emotion animiert und lenkt Austausch. Ein ‚gedrücktes Herz‘ mit schmerzvollem Gesicht zur Geltung zu bringen bedeutet eingeschlossen zu sein zwischen zwei unnachgiebigen Forderungen und beide abzuweisen. ‚Weitherzig‘ zu sein (Hände weit gespreizt) zeigt Nachsicht mit schwierigen Gegnern. Ein ‚heißes Herz‘ (auf den Boden stampfend) ist eine deutliche Warnung, die den Gegner zwingt, sich totzustellen, zurückzuschrecken, ’schmal-herzig‘ zu reagieren. Was ‚haarig‘ meint, konnte ich nie aufdecken, aber es signalisiert schlechte Gefühle, ein inneres Borstenzeigen, das zu beachten dem Zuhörerkreis anzuraten ist.

Es liegt ein grimmiges Vergnügen in diesen Ausdrucksweisen, ein schadenfroher Pessimismus. Aber wer außer Kennern des Unbehagens könnte eine Phrase geprägt haben, die bedeutet: Wenn dein Herz sich robust fühlt, muss es einen Berg von Katzenfell geschluckt haben? Weniger Volkspsychologie als eine Form emotionaler Erpressung, ein Mittel mehr herauszupressen und weniger zuzulassen.

Chewong „Friedliche Gesellschaften“

HIER

Über einen Totengesang auf Nias hier (M.Thomsen 1981)