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… besser zu leben als zu sterben …

Als Ergänzung der letzten Eintragung zur Demokratie zwei Zitate aus dem guten Essay von Elke Schmitter im SPIEGEL vom 24.1.2015:

Die Demokratie lädt jeden ein dazuzugehören. Zu einer Sprechergemeinschaft, deren Werte und Lebensweisen verhandelbar sind. „Wir können doch über alles reden“, das war das Credo der bundesrepublikanischen Philosophie, die als „Theorie des kommunikativen Handelns“ zum Exportschlager wurde. Eine Erholung von allen sinnstiftenden Maßnahmen, von allen Ideologien außer der einen: dass Verständigung über allem steht. Dass der Prozess der herrschaftsfreien Kommunikation, also die Methode selbst, sinnstiftend ist. Weil sie niemanden ausschließt, weil sie alle Probleme, jedes Unbehagen und jeden Wunsch zunächst gleichrangig behandelt. Sodass der Diskurs zu Ergebnissen führt, denen alle zustimmen können. Nicht, weil sie inhaltlich immer überzeugt wären, aber weil sie von der Fairness des Verfahrens überzeugt sind. „Verfassungspatriotismus“ hieß das dazu passende Zauberwort.

Ist dagegen irgendetwas einzuwenden? Natürlich nicht, kein Konsens scheint natürlicher als der hinsichtlich der Toleranz. Eilfertig kamen die Beteuerungen, dass man mit allen reden müsse, auch und gerade mit denen, die über nichts weiter reden reden wollen. Erst mit einer gewissen Verzögerung las man (heute 31.01.15 Süddeutsche) auch andere Kernsätze, etwa zum wechselseitigen Diskurs mit der Pegida:

Die Ansage muss lauten: „Jetzt hört ihr mal zu. Und zwar richtig.“ Zu schnell gerät Annäherung sonst in gefährliche Nähe zur Anbiederung.

Quelle Süddeutsche Zeitung 31.01.2015 Seite 4 Politik und Pegida „Mensch, Vorsicht!“ Von Nico Fried.

Elke Schmitter zieht zum Umgang mit Radikalen in Betracht, dass die obige Formulierung zur Demokratie nur zweierlei Einwände auf sich ziehen könne, der eine sei inhaltlicher Natur:

Eure Neutralität, besagt er, ist eine Fiktion. Denn über das Recht auf Leben, die Gleichbehandlung der Geschlechter und die Privatheit von Religionen kann mit euch eben nicht verhandelt werden. Auch ihr habt Werte, für die es keine Letztbegründung gibt, sondern nur starke Intuitionen: dass es besser ist zu leben als zu sterben, dass alle Menschen die gleichen Rechte auf Schutz und Entfaltung haben, dass die Gewalt ein Monopol des Staates und seiner Institutionen ist. Wer diesen Glaubenssätzen nicht zustimmt, der ist eben nicht zu gewinnen für die Demokratie.

Der zweite Einwand ist radikaler. Er braucht gar keine Gründe mehr. Er kennzeichnet die Position des Spielverderbers. Der gar nicht reden will. Sondern der handelt.

Das ist der Terrorist. Seine Beziehung zur demokratischen Gesellschaft ist im System nicht vorgesehen: Sie ist die totale Negation. Was er möglicherweise will, erhält er in so vielen Fällen posthum: Aufmerksamkeit. Der absolute Außenseiter bekommt so einen Platz im Zentrum; er ist der unbewegte Beweger. Aus dieser Paradoxie kommen wir nicht heraus. Nach jedem Attentat, nach jedem Terroranschlag fragen wir uns erneut: Wie können wir etwas verstehen, was in unserer Sprache nicht einmal eine Tat, sondern eine Untat ist?

Quelle DER SPIEGEL 5/2015 Die Spielverderber und wir. Essay. Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode. Von Elke Schmitter.

Wie zitierte doch Nietzsche die altgriechische Weisheit des Silens?

Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben. 

Quelle Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik, siehe hier.

Aber mit einer Philosophie „Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens“ (Schopenhauer) haben die Spielverderber wahrhaftig nichts zu tun. Sie folgen einem optimistischen Ondit und wollen sein wie Gott, indem sie sich auf ihn berufen, – wenigstens im Abgang, mit dem sie einer Widerlegung endgültig entgehen.

Da ist nichts zu verstehen.