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Maya ohne Musik?

Ohne Kunst und Spiel?

Nicht ohne Grund habe ich den langen Artikel gelesen, ohne eine einzige Zeile auszulassen, zumal in einem umfangreichen Blatt wie DIE ZEIT. Für die Maya und Azteken interessiere ich mich seit früher Jugend, genauer gesagt: seit es das Buch „Götter, Gräber und Gelehrte“ gab, – nein, nicht 1949, zu „meiner“ Zeit war es längst ein Weltbestseller, ich vermute um 1955, als ich auch schöne Historienschinken las wie Felix Dahns „Kampf um Rom“ und mindestens drei  Romane von Mereschkowski und zwei von Sienkiewicz, also nicht nur Quo Vadis.

Bemerkenswert die Empfehlung (siehe obigen Link), die Lektüre nicht auf der ersten Seite zu beginnen, zumal ich den ZEIT-Artikel auch begonnen hatte mit der Neigung, den Anfang zu überspringen, weil er mich an anekdotische Effekhascherei erinnerte (wie sie Enzensberger  einst als typisch für den Spiegelstil brandmarkte):

Ivan Šprajc kletterte auf die höchste Pyramide. Er wählte die Nummer des Bonner Professors, mit dem er seit Jahren nicht nur zusammenarbeitet, sondern auch befreundet ist. Als dieser 8900 Kilometer entfernt in Deutschland ans Telefon ging, brüllte er ihm entgegen: „Nikolai, ich glaub, ich hab sie gefunden! Willst du nicht kommen?“ Das war am 22. April 2005.

Nikolai stieg in den nächsten Flieger. Er überquerte den Atlantik, arbeitete sich in Mexiko über einen 120 km langen Urwaldweg durch …… usw.usw.

Selbstverständlich übersprang ich nichts bis zur letzten Zeile auf der nächsten Seite ganz unten rechts. Allerdings hatten mich auch die eingestreuten kleinen Abbildungen angefeuert, die Figuren, unter denen etwa zu lesen war: Schreiberzwerg, Frau mit Gefäß, Schreiber, Buckliger Schreiber, Frau mit Schal, Frau mit Armtätowierungen. Keinen Flötenspieler, keine Harfe sah ich, natürlich nicht, aber einen Thronfolger mit Klistier, wie bitte? Einen  Toten König mit Reh, fast rührend, aber keine Kunst! Zwei Figuren mit herrischen Gesten, überraschenderweise betitelt als Tänzerin 1 und Tänzerin 2, und dann endlich etwas wirklich Sinnfreies: ein Ballspieler. Aber, denke ich mir, gewiss ein Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht, also kein Spiel. Haben die alten Griechen den Ball oder etwas Ball-Ähnliches gekannt? Oder nur eine Steinkugel, – es muss ja ein runder Felsbrocken gewesen sein, den Sisyphos  den Berg hinaufstemmte, wenn er von dort wieder hinabrollte. Frei von jedem Spielcharakter… (Selbstverständlich kannten sie den Kreis, das Rad, den Streitwagen, den Krieg wie das Spiel!)

sisyphos-kl-nekyia_staatliche_antikensammlungen_1494_n2 Sisyphos 530 v.Chr. (Wikimedia Bibi Saint-Pol)

Weit gefehlt, dass der Maya-Artikel etwas Ähnliches zutage fördert:

Zu sehen sind Originalfunde aus Guatemala und Mexiko: Stelen, Wandgemälde, Skulpturen, Weihrauchgefäße und als kleine Höhepunkte viele Figurinen, die ausdrucksstark und teils in kühnem Comicstil das große künstlerische Geschick der Kreativen im Regenwald dokumentieren. Filme zeigen das digital rekonstruierte Leben der Stadt Uxul.

Wo? Im Historischen Museum der Pfalz in Speyer: Das Rätsel der Königsstädte.

Vom großen künstlerischen Geschick der Kreativen ist dann allerdings weniger die Rede als von Gottkönigtum, Machtsicherung und Bodenbewirtschaftung. Es galt andererseits durchaus nicht allein die reine Pragmatik, zumindest die oberste Schicht plagte sich mit dem glaubwürdigen Nachweis ihres göttlichen Ursprungs und erarbeitete Jenseitsvorstellungen, verbunden mit peniblen rituellen Handlungen. Da kann Kunst und Phantasie nicht zufällig beteiligt sein, man sucht sie wohl sogar hervorzuzwingen mit Rauschzuständen, die ich mir allerdings im Artikel weniger pejorativ definiert wünschen würde.

Die Regenten soffen, um im alkoholisierten Zustand mit wirrer, angeblich göttlich inspirierter Rede Erstaunen und Bewunderung hervorzurufen. Ähnliche Effekte, um Visionen zu erleben und Botschaften der Götter zu empfangen, erzielten sie mit Pilzen, Trichterwinden (Kletterpflanzen) und dem Sekret des Ochsenfroschs, das ähnlich wie LSD das Bewusstsein erweitert (oder verengt). Auf rauschenden Drogenpartys führten sich die Könige die Wirkungssubstanzen sogar rektal mithilfe eines Klistiergerätes ein – detailliert dargestellt auf einem in Speyer zu bewundernden Keramikgefäß.

Ohne Pflichten kamen jedoch auch die Regenten nicht durchs Leben. Primär waren es die Götter, die den Schutz der Menschen gewährleisteten und ihnen Ressourcen zur Verfügung stellten. Die Ausgleichszahlung für diese Leistungen mussten die Könige höchstpersönlich erbringen, ihre eigentliche politische Arbeit waren rituelle Handlungen. Die aufopferndste: Sie bezahlten mit eigenem Blut. Die wertvollsten Tröpfchen lieferten sie mit dem Penis, den sie mit Stacheln durchbohrten. Der Lebenssaft, so lautete die Vorstellung, keimt im Boden aus und lässt die Nutzpflanzen sprießen.

Quelle DIE ZEIT 29. September 2016 Seite 39f Diktatoren in der Gartenstadt Wie raffiniert die Könige der Maya regierten, zeigen neue Funde. Eine Ausstellung in Speyer beleuchtet Rituale und Mythen – und den Untergang dieser großen Kultur. Von Urs Willmann.

Es ist wenig genug, was im Artikel über die kulturellen Hintergründe der Maya-Zivilisation vorgebracht wird (man weiß wahrscheinlich gar nicht mehr), aber der spöttische Ton führt vollends auf die falsche Fährte. Würde man so über das Pfingstwunder der feurigen Zungen oder über die Weissagungen der delphischen Pythia reden, die sich mit Hilfe vulkanischen Gases in Trance versetzte?  Und welche Wirkung hat denn eigentlich der Weihrauch? Vernebelnd bis dort hinaus. Steckt im Wein des Abendmahls nicht wenigstens das Wissen um seine animierende Wirkung, – vom Rausch zu schweigen. Blut und Fleisch spielen im christlichen Abendland eine Rolle, die aus Sicht eines Maya-Wissenschaftlers, falls ein solcher vorstellbar wäre, durchaus weltanschaulich anrüchig dargestellt werden könnte.

Kurz und gut: ich glaube nicht, dass „die Regenten soffen“ und „Drogenpartys“ feierten; und von angeblich „göttlich inspirierter Rede“ würde ich bei ihnen ebensowenig reden wie bei der griechischen Pythia oder den Evangelienschreibern.

Die aktuelle Ausstellung in Speyer (noch bis 23.04.2017):

Die vorhergehende Ausstellung in Berlin:

Wenn es uns irritierte, dass von keinen Kunsterzeugnissen der Mayas die Rede ist: sehr wohl von ihrer Schrift, aber nichts von literarischen Erzeugnissen, und sei es ein kleines Stück Poesie, so hat das einen einfachen Grund. Ich entnehme ihn dem Buch „Kollaps“ (2005) von Jared Diamond:

Im Jahre 1527 begannen die Spanier ernsthaft, das Gebiet der Maya zu erobern, aber erst 1697 hatten sie das letzte Fürstentum unterworfen. Fast zwei Jahrhunderte lang hatten Spanier also die Gelegenheit, unabhängige Gesellschaften der Maya zu beobachten. Wichtig – im guten wie im schlechten Sinne – war vor allem der Bischof Diego de Landa, der während des größten Teils der Periode von 1549 bis 1578 auf der Halbinsel Yucatán residierte.Er beging einerseits einen der schlimmsten Akte von Kulturvandalismus in der gesamten Geschichte: Um das „Heidentum“ auszurotten, ließ er alle Maya-Manuskripte verbrennen, derer er habhaft werden konnte, sodass heute nur noch vier Dokumente erhalten sind. Andererseits verfasste er aber auch einen ausführlichen Bericht über die Gesellschaft der Maya (…). [Seite 201]

Innerhalb des Mayagebietes tauchten Dörfer und Keramik um oder kurz nach 1000 v. Chr. auf, größere Bauwerke gab es seit 500 v. Chr. und die Schrift ungefähr seit 400 v. Chr. Alle erhaltenen schriftlichen Zeugnisse der alten Maya, insgesamt rund 15000 Inschriften, befinden sich auf Stein oder Keramik und haben ausschließlich Könige, Adlige und ihre Eroberungen zum Inhalt. Einfache Leute werden kein einziges Mal erwähnt. Bei Eintreffen der Spanier schrieben die Maya ihre Bücher immer noch auf Rindenpapier, das mit Gips beschichtet war; die einzigen vier Werke, die den Verbrennungen des Bischofs Landa entgingen, waren Abhandlungen über die Astronomie und ein Kalender. Auch früher besaßen die Maya solche Bücher aus Rindenpapier; diese sind häufig auf Keramikgegenständen dargestellt, aber nur aufgelöste Überreste davon haben sich bis heute in Gräbern erhalten. [Seite 210f]

Die oben erwähnten Fragen nach Kugel oder Ball kamen mir wohl nicht von ohngefähr:

Das Gebiet der Maya gehört zu Mittelamerika, einer größeren Kulturregion  der amerikanischen Ureinwohner, die sich ungefähr von der Mitte Mexikos bis nach Honduras erstreckt und (neben den südamerikanischen Anden) in der präkolumbianischen Neuen Welt eines der beiden Innovationszentren darstellte. Die Maya hatten viele Gemeinsamkeiten mit anderen Gesellschaften Mittelamerikas, und zwar nicht nur in dem, was sie besaßen, sondern auch in jenem, was ihnen fehlte. Heutigen Angehörigen der abendländischen Gesellschaft, deren Erwartungen aus den Kulturen der Alten Welt erwachsen, mag es beispielsweise überraschend erscheinen, dass es in den mittelamerikanischen Gesellschaften keine Metallwerkzeuge gab, keine Rollen, keine Räder und andere Maschinen (außer hier und da als Spielzeug), keine Boote mit Segeln, und keine Tiere, die groß genug waren, um Lasten zu tragen oder einen Pflug zu ziehen. Die großartigen Tempel der Maya wurden ausschließlich mit Werkzeugen aus Stein und Holz sowie mit menschlicher Muskelkraft errichtet.

Viele Bestandteile ihrer Kultur bezogen die Maya aus anderen Regionen Mittelamerikas. [Seite 210]

Quelle Jared Diamond KOLLAPS Warum Gesellschaften überleben oder untergehen / Kapitel 5: Zusammenbrüche bei den Maya / S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005 / ISBN 13: 978-3-10-013904-7

P.S.

  1. Ich vergaß zu erwähnen, dass auch ein „Zwerg mit Muschelhorn“ zu sehen ist. Korrekt hieße es „Schneckenhorn“; kein Beweis für Musik, nur für den Signalton. In dem entsprechenden Wikipedia-Artikel lese man unter „Archäologische Funde“.
  2. Zur Frage: die alten Griechen und der Ball siehe unter Episkyros hier. Auch z.B. unter Palästra.
  3. Zum Ballspiel in mittelamerikanischen Kulturen siehe unter Ulama hier . Meine Ahnungen, das Ziel dieses Spiels betreffend, gingen nicht ganz fehl, hier lese ich: „Nach spanischen Quellen gehörte zur ursprünglichen Form des aztekischen Spieles Ulama die anschließende Opferung der gesamten Verlierermannschaft, nach anderer Lesart der Siegermannschaft.“

Nachtrag 13. November 2016

FAZ 12.10.16 lesen: HIER  Wer grub den Maya das Wasser ab? Eine große Ausstellung in Speyer lüftet manches Maya-Rätsel: wie sie lebten und, vor allem, warum ihre Kultur doch unterging. Am Klimawandel kann es nicht gelegen haben. Von Ulf Rauchhaupt.

ZITAT

Zwei computeranimierte Filme erzählen anhand der mittelgroßen Siedlung Uxul, wie man sich das Leben in den Maya-Städten vorstellen kann – Städten von Menschen, die weder Rad noch Lasttiere nutzten und denen daher zum Beispiel das Konzept einer Straße weitgehend fehlte. Nicht einmal den Unterschied zwischen Stadt und Land gab es. Die Maya unterschieden stattdessen besiedelt und bewaldet. Ihre Städte waren weitläufige Agglomerate aus Höfen, Feldern und Gärten rings um die oft ebenfalls nicht sehr kompakten Bezirke der Tempel und Herrscherpaläste.

Nachtrag 16. Januar 2017

Es gibt in der aktuellen Frankfurter Allgemeinen ein sehr lesenswertes Interview mit dem Macher der  Ausstellung in Speyer, – ich hoffe dieser Link funktioniert: HIER.

Maya-Untergang: Es war nicht das Klima, es war die Politik Von Uwe Ebbinghaus (Interview mit Prof. Nikolai Grube, Universität Bonn).

Sehr interessant, was er berichtet über neue Erkenntnisse bei der Arbeit am Lexikon des Klassischen Maya. Dazu Hier.

Rührend, dass er auch erzählt, wie er in seiner Jugend begonnen hat (wie – beinahe – ich; nebenbei: er erwähnt auch „meinen“ Jared Diamond mit dem Buch Kollaps):

Auf die Maya bin ich zum ersten Mal aus Zufall gestoßen, durch das Lesen von Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“. Damals war ich elf Jahre alt. Das letzte Kapitel heißt „Das Buch der Treppen“, dort gab es vier oder fünf Seiten über die Maya. Vor allem aber stand dort, dass ihre Schrift noch nicht entziffert ist. Das hat in mir eine Flamme ausgelöst: Das will ich machen. Ich hatte schon damals Spaß daran, schwierige lateinische Texte zu entziffern, auf Vasen und ähnlichem. Und was die Maya angeht: Noch in den siebziger Jahren gab es kaum Erkenntnisse. Die Forschungsergebnisse des Russen Knorosow waren noch nicht bis in den Westen durchgedrungen. Ich habe dann mit einem kleinen Zeichenkatalog begonnen und schon in der Schulzeit bestimmte Muster erkennen können. Ich bin in Kontakt getreten mit einem Professor aus Tübingen, der mich zu sich eingeladen und mir Bücher gegeben hat. Das war für mich eine tolle Anerkennung. Ich habe dann auch meinen amerikanischen Kollegen geschrieben und angefangen, erste Publikationen zu machen. So bin ich dann in die Maya-Forschung hineingerutscht.

Und der im zitierten ZEIT-Artikel erwähnte Anruf (siehe hier ganz am Anfang) wird bestätigt:

Ich hatte mir immer gewünscht, in dieser Region zu graben. Mein Kollege Iván Sprajc aus Slowenien, mit dem ich seit langem in engem Kontakt stehe, hat Uxul auf einer Expedition nach mehreren Wochen des Durchkämmens  gefunden. Er kletterte auf die dortige Pyramide und rief mich an.

Wunderbar, ich glaube alles.