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Radikale Musik zu Corona

Zwei Viertelstunden Leben

Es ist vielleicht keine schlechte Idee, sich in dieser außergewöhnlichen und latent (oder offen) beunruhigenden Zeit, während sich die meisten notgedrungen (oder in selbstbefreiender Absicht) in Richtung Urlaub bewegen, zu einer Konzentration aller Kräfte motivieren zu lassen. Woraus sich nicht unbedingt ein Erfolgserlebnis ergibt, im Gegenteil, man kann leicht Schiffbruch erleiden, wenn man fremde Höchstbegabungen bei Gipfelleistungen erlebt. Also: Bescheidenheit ist angesagt.

Hier Carolin Widman im WDR-Gespräch / Leider ist die Musik, um die sich das Gespräch dreht, nicht zu hören, immerhin habe ich mir große Mühe gegeben sie zu finden – ohne Erfolg. Vielleicht ein andermal: Gloria Coates Sonata No. 2 for Violin Solo (2020). Bei dieser Gelegenheit kam es für mich zur späten Entdeckung der atemberaubenden Aufnahme eines Solostücks, das Luciano Berio 1976 geschrieben hat, die Sequenza VIII, und ich möchte diesem Werk die nächste Viertelstunde widmen. Die Interpretin schrieb dazu:

„Die Sequenza VIII für Violine solo von Luciano Berio ist eines meiner Lieblingswerke, seitdem ich sie 2004 anläßlich einer DVD-Produktion in Paris kennenlernen durfte. Ich spiele sie, so oft sich die Gelegenheit dazu bietet.

Sie kreist ewig um den Ton a, sie stellt sich dem Konflikt mit dem Nachbarton h mutig, modifiziert, variiert, sequenziert, spinnt volle 10 große UE-Seiten lang durch alle Seinszustände, bis sie wieder auf dem 10 Sekunden langen Doppelgriff a–h endet: 10 Sekunden a–h, die die Ewigkeit sind.

Aber da haben die Dissonanz und der Widerstand schon längst ihren Schrecken verloren, und a–h klingt sogar nach Auf- und Erlösung. Das zunächst unlösbare Grundproblem wurde also im Laufe von 10 Minuten Spiel- und Lebenszeit zur Auflösung desselben. Große Kunst.“

Carolin Widmann (Quelle: hier) Folgendes Video ©2005

Dasselbe Video im externen Fenster HIER.

Die NMZ hat kürzlich in ihrem Newsletter dankenswerterweise ein Interview zugänglich gemacht, in dem die wunderbare Künstlerin sich zu den Schwierigkeiten der Corona-Zeit äußert, und das oben erwähnte WDR-Konzert (Redakteur: Harry Vogt) spielt da für sie eine maßgebende Rolle. Zugleich wird erschreckend klar, dass die Kunst in Corona-Zeiten eben nicht nur von der Begeisterung der Menschen lebt: man könnte von Hoffnung reden, aber „das Zauberwort“ – so schließt der Beitrag – „heißt: Geld.“ Hören Sie Carolin Widmann HIER .

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Kleine Kombinationsaufgabe: Wo liegt der genaue Anfang des Stückes Sequenza VIII ? Wenn jemand Ihnen gesagt hätte: jedenfalls nicht dort, wo das Video beginnt, hätten Sie zugestimmt?

Eine Hilfe: Hören Sie aus heuristischen Gründen eine zweite Aufnahme, deren Faszinosum heute – „in Corona-Zeiten“ – auch darin besteht, dass sie in einer echten Publikumskonzertsituation stattfindet. Jennifer Koh.  Performed live Thursday, March 12, 2015 at Heritage Hall | Vancouver, BC Kanada.

Dasselbe Video im externen Fenster HIER .  (Das Stück beginnt bei 0:49 / Carolin Widmann beginnt das reale Stück in ihrem Video bei 1:59, ab 8:39 erlebt man also zum zweitenmal, was ganz am Anfang schon unter dem Vorspann zu hören war. Ein fabelhafter Vorspann, und die Bedeutung des Wiedererkennens ist nicht zu unterschätzen. Man vergisst es nie. Wo steckt es bei Jennifer Koh?)

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Heute kam Post, deren Absender eigentlich immer nur Gutes zu vermelden hat. Ein fleißiger Kölner Konzertveranstalter. So auch jetzt, obwohl er gerade – wie viele Kollegen – mit der Stornierung von Konzerten beschäftigt ist. Paradoxerweise bietet er uns nun in diesem so schwierig gewordenen Beethoven-Jubiläumsjahr keine Trostpreise und Sahnebonbons an, sondern einen besonders schwierigen Brocken.

KONZERTBÜRO ANDREAS BRAUN

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde des Asasello-Quartetts,

das Asasello-Quartett, das als „Quartet in residence“ der Hochschule für Musik und Tanz Köln am Mittwoch, 17. Juni 2020 das Eröffnungskonzert seiner  Meisterklasse hätte geben sollen, die Corona-bedingt nach 2021 verschoben wurde, hat stattdessen unter Einhaltung aller Abstands- und Hygieneregeln eine beeindruckende Video-Produktion von Ludwig van Beethovens Großer Fuge B-dur op. 133 eingespielt, die Sie meiner Meinung nach keinesfalls verpassen dürfen.

Ich bin sicher: Sie werden es nicht bereuen, sich eine Viertelstunde Zeit genommen zu haben!

Mit besten Grüßen

Ihr

Andreas Braun

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HIER finden Sie das gleich unten ebenfalls abrufbare Video im externen Fenster. Sie können, während es läuft, zurückkehren und weiterlesen, aber das ist nicht der Sinn der Sache, und es ist ohnehin unmöglich, bei der Großen Fuge irgendetwas zu lesen. Sie stört!!! Nur wenn Sie Noten lesen können, haben Sie einen Ausweg: Sie können sich auf das bloße Tonmaterial konzentrieren, mit dem uns das Quartett eine Viertelstunde lang beschäftigt. Wer will, kann dann abbrechen und beginnen, sich gedanklich mit dem Thema „Musik und Gewalt“ auseinanderzusetzen. Oder meinen Sie, das sei unpassend „in Coronazeiten“?

Für manche durchaus musikalische Menschen hat das Werk heute noch eine eher abschreckende Wirkung, der Wiener Rezensent von damals wurde berühmt für die Worte, es sei ihm so unverständlich „wie Chinesisch“. Und ich lese heute den einstweilen wohl letzten Stand, der jede Wertung vermeidet:

Das kolossale Stück ist in charakterlich völlig heterogene Abschnitte gegliedert, in denen man einerseits funktional Glieder eines formalen Organismus (mit expositions-, durchführungs- und reprisenartigen Zügen) oder sogar eine zyklische Satzfolge innerhalb des Satzes (Kopfsatz, langsamer Satz, Scherzo, Finale) sehen kann, aber auch die Errungenschaften einer weiter intensivierten Auseinandersetzung mit der Technik der Variation zu würdigen hat.

Quelle Hans-Joachim Hinrichsen: Beethoven Musik für eine neue Zeit / Bärenreiter Metzler Kassel und Berlin 2020 (Seite 307)

… zu würdigen hat, jawohl! Also halten wir uns daran!

     

Kein Zweifel: Man darf das Unternehmen, eine solche Fuge mit Verstand anzuhören, keinesfalls gering einschätzen. Es ist eine Riesenaufgabe! Insofern liebe ich die Analogie, die Oskar Kokoschka zwischen Beethovens Großer Fuge und Altdorfers Alexanderschlacht herstellt. Niemand käme auf die Idee, dieses gewaltige Gemälde anzuschauen und zu erwarten, dass es ihn im Detail erfreut wie eine Schäferszene von Watteau. Und auch eine Aufzählung aller Einzelteile vermittelt keinen blassen Schimmer von der wilden Zumutung, die das Ganze darstellt (die roten Zeitangaben beziehen sich auf die obige Aufnahme):

I Takt 1-30 Overtura 0’00-1’03 das schiere Material / es ist wichtig, das als letztes hingetupfte Thema dann auch weiterhin zu erfassen, also in der Fuge zu verfolgen, und nicht nur den heftigen Kontrapunkt zu beobachten. (Diesen nenne ich intern „Hauen und Stechen“, das Thema dagegen „Erbarm dich mein“, – das Ergebnis muss einem wirklich am Herzen liegen: es geht ums Überleben.)

II Takt 30-158 B-Dur-Fuge 1’03-4’41 Vier Durchführungen (die 2. beginnt bei 1’50, die 3. gleich nach 3:14, die 4. bei 4’03)

III Takt 159-232 Ges-Dur-Fugato 4’41-7’26 meno mosso

IV Takt 233-272 „Alla marcia“-Episode 7’27-7’54 Scherzo? Einleitung zur Fuge

V Takt 272-413 As-Dur-Fuge 7’54-9’37 Zerlegung in Fragmente

VI Takt 414-492 Reprisenelemente der B-Dur-Fuge 9’37-10’40

VII Takt 493-510 Reprisenelemente des Ges-Dur-Fugatos 10’40-11’17

VIII Takt 511-532 Überleitung: Rückkehr nach B-Dur 11’18-11’45 Auflösungsfeld

IX Takt 533-564 Reprise der „Alla marcia“-Episode 11’46-12’08

X Takt 565-741 Satzcoda 12’08-15’20 (darin Zitat Overtura rückwärts = Epilog)

(Schema nach Gerd Indorf: „Beethovens Streichquartette“ Verlag Rombach 2007 Seite 433 und 435, ergänzt durch Hinweise in meiner Partitur, die auf eine Radio-Analyse mit Robert Levin & LaSalle in den 80er Jahren zurückgehen)

Der Ausdruck „Alla marcia“ bezieht sich auf Erinnerung an op.132, 4. Satz s. Indorf S.399, dort: „… der Sprung ‚zurück‘ in die schlichte, selbstgenügsame ‚Volkstümlichkeit‘.“

(Dieser Blogbeitrag wurde bis heute – 30. Juni 2020 – erst 11 Mal angesehen. Und das ist gut so, denn wir haben Ferien wie noch nie, und diese Coronazeit, ganz niederdrücken soll sie uns uns gewiss nicht, – so ähnlich schrieb schon Beethoven, allerdings über das Schicksal, dem er in den Rachen greifen wollte. Ich nehme mal diese Große Fuge als Rachen oder Drachen. Ich werde ihn mindestens 11 Mal besuchen, in tiefster Verehrung, aber für das Zählwerk gelten nur externe Besucher.)

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Ich kann nicht verhehlen, wie wenig eine mehr oder weniger numerische Analyse mir im Fall Beethovens vermittelt, weder an Inhalt noch an Bedeutung, und doch lässt es sich wohl nicht vermeiden, um auf diese Weise eine erste Übersicht zu gewinnen. In diesem Fall greife ich nach langer Zeit einmal wieder auf eine historische Arbeit über Beethoven zurück, die etwas Wesentliches leistete, so oft ich sie zu Rate zog: nämlich den Durchblick und die Begeisterung zugleich zu steigern (was natürlich kausal miteinander verbunden ist). Es ist das Buch von Walter Riezler aus dem Jahre 1934. Ich beginne mit den Sätzen über Variation, danach folgen die beiden letzten Seiten des Buches, die ich als Faksimile wiedergeben möchte.

Bekanntlich hat Beethoven in seinen großen Spätwerken häufiger als früher die Form der Variation angewendet, vor allem für langsame Sätze: Neunte Sinfonie, Klaviersonaten op. 109 und 111, Streichquartette op. 127, 131, 132, 135. Nicht etwa die Freude am kombinatorischen Spiel der Fantasie trieb ihn dazu, eher das Bedürfnis nach einer gewissen Entspannung, für die gerade diese Form besondere Möglichkeiten bietet. Hier steht nicht das eine gegen das andere, sondern eines ist dem anderen nebengeordnet, Länge und Gliederung des Themas bestimmen in hohem Grade alles Kommende. Die Form ist an sich flächenhafter als irgendeine andere bei Beethoven – aber das Wunderbare ist, wie er diese Flächen nach der Tiefe zu durchleuchtet, wie er auch hier den ganzen Reichtum der Gegensätze und Vieldeutigkeiten entfaltet. Am großartigsten ist dies in op. 127 und 121, während er in op. 111 und 132 in einer immer intensiveren, immer durchseelteren Figuration sein Genüge findet. (In op. 132 legt ⇓

  

Bemerkenswert auch die Assoziation: „ein ekstatisches Stampfen wie in gewissen orgiastischen Tänzen der Naturvölker“… (S. 260 unten)

Selbst bei Riezler, der insgesamt zu einer heroischen Auffassung neigt, fehlt nicht diese Beschwörung des Fremden, eines eher ethnologisch auflösbaren Anteils beim letzten Beethoven. Eine sehr komplexe Analyse wie die von Klaus Kropfinger nimmt unvermerkt  eine so undurchsichtige Gestalt an, dass dem gutwilligen Leser jede vereinfachende Übersicht wie ein Verrat erscheint. Das Rätselhafte beginnt bei Beethovens Vorstellung vom „Ganzen“ (Seite 300) und seinem verbal skizzierten Vorsatz: „letzes Quartett mit einer ernsthaften und schwergängigen Einleitung“. (Seite 301)

Quelle Beethoven Interpretationen seiner Werke. Herausgegeben von Albrecht Riethmüller, Carl Dahlhaus, Alexander L. Ringer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Laaber 1994 bzw. 1996) Band II (ab Seite 312 im Zusammenhang des ganzen Quartetts, ab Seite 338 als separate „Große Fuge“).

Des weiteren zu empfehlen der Wikipedia-Artikel über die Große Fuge (HIER), nicht zu vergessen die Wirkung in Beethovens Zeit: das Wort „Chinesisch“ steht ja nicht allein, – „wenn die Spieler, gegen sich selbst misstrauisch, wohl auch nicht ganz rein greifen, freylich, dann ist die babylonische Verwirrung fertig; dann giebt es ein Concert, woran sich allenfalls die Marokkaner ergötzen können, denen bey ihrer hiesigen Anwesenheit in der italienischen Oper nichts wohlgefiel, als das Accordiren der Instrumente in leeren Quinten, und das gemeinsame Präludiren aus allen Tonarten zugleich.“ [Allgemeine Musikalische Zeitung 1826.]

Zuletzt ein beliebtes und von überzeugten Abendländern gern wiedergegebenes Narrativ, das auch auf eine javanische Delegation bezogen auftaucht. (Ihr gefiel das allererste Stück des Sinfoniekonzerts am besten von allen: westliche Konzertbesucher nennen es Einstimmen.) Die Ganzheit der Menschheit im Blick? Eine ethnologische Betrachtung fremdartigster Phänomene an den Grenzgängen Beethovens ist gar nicht so absurd, wenn sie auch immer wieder gern ins Witzig-Absurde transponiert wird. Hier liegt noch ein Ausschnitt aus der Süddeutschen auf dem Schreibtisch, von mir extra kunstvoll drapiert:

Zitate zu afrikanischer Musikauffassung  Eine Übung des planlosen Assoziierens

Was ist ein Ganzes?

In westlichen Musikkulturen wird beim Erlernen von Musik gezählt und metrisiert, eine Praxis, die in den Lernprozessen afrikanischer Musik unbekannt ist. Hier gilt das pattern als Ganzes, determiniert durch seinen Anfangspunkt, seinen Einsatzpunkt, seine Länge und Innenstruktur, ausgedrückt in Nennwerten, seine Relation zu anderen patterns, zur gleichförmigen, rasenden Pulsation der Nennwerte und manchmal zu einem Beat.

Was ist Emotion?

Nach den bisherigen Untersuchungen scheinen die meisten afrikanischen Musikarten emotional neutral zu sein.

Wir wirkt Musik?

Während in der abendländischen Musik die Bewegungen des sein Instrument spielenden Musikers vornehmlich im Hinblick auf das zu erwartende Ergebnis sinnvoll sind, werden in der afrikanischen Musik die Bewegungsmuster selbst als sinnvoll wahrgenommen. Sie sind in sich eine Quelle des Vergnügens, ob dabei Klang entsteht oder nicht.

Wie hört ein afrikanischer Rezensent europäische Kammermusik?

„Vor wenigen Tagen gab es in Lomé ein besonderes Ereignis. Fünf Musiker waren aus Deutschland gekommen, um uns ihre Kunst vorzuführen. Die Insttrumente, die sie spielten, sind hierzulande unbekannt. Es waren auch nicht gewöhnliche Musiker, sondern durchaus ehrenwerte und würdige Herren. Obwohl sie nicht mehr die jüngsten waren, gingen ihre Finger flink und exakt wie Maschinen. Es war eine Wonne zu sehen, welche Freunde sie selbst an den hervorgebrachten Tönen hatten. Jedermann weiß, daß bei den Deutschen von Faulheit keine Rede sein kann: Flöten und Hörner wurden geblasen für eine Stunde und vierzig Minuten.“

Quelle Gerhard Kubik: Verstehen in afrikanischen Musikkulturen / in: Musik in Afrika herausgegeben von Artur Simon / 1983 Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin Museum für Völkerkunde / Zitate: Seite 323 und 340