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Von der Andersheit in der Musik

Kürzlich schrieb mir ein Freund, der den Beitrag über den Deutschen Schallplattenpreis mit Interesse gelesen hatte: „In den Link mit der indischen Musik habe ich hineingehört und weiß, dass ich mich damit nicht anfreunden werde.“

Basta! Diese Reaktionen kenne ich, seit ich mich mit „fremder “ Musik angefreundet habe: mit japanischer seit 1960, arabischer seit 1967, südindischer seit 1968, nordindischer und iranischer seit 1972 usw. Seit den 70er Jahren habe ich überhaupt keine Musikkultur der Welt mehr absichtlich ausgeklammert. Ich hielt sie alle für „mental und sinnlich amalgamierbar“. Wobei gefühlte Vermittlungsprobleme (im Selbstversuch und auch nach außen) allerdings nicht ausgeschlossen waren (chinesische Oper).

Mit Erstaunen lese ich heute, dass diese Erfahrungen längst objektiviert sind. Allerdings: die Musik steht dabei grundsätzlich auf einem anderen Blatt; nicht einmal jeder Ethnologe hält es für selbstverständlich, sich auch mit der Musik „seines“ Stammes ernsthaft zu befassen. (Beispiel: Clifford Geertz mit seiner ansonsten so „dichten Beschreibung“.)

Die Ethnologie unterscheidet zwischen Alterität („übersetzbare“ Andersheit) und Alienität („radikale“ Andersheit). In erster Linie versucht die Ethnologie, das Fremde in Begriffe des Eigenen zu übersetzen, d. h. zu nostrifizieren. Damit riskiert man aber das „Rätsel des Fremden“ auszuschließen. Aus solcher Sichtweise aus der fremden Lebensform heraus kann manches zu sehen sein, das aus der eigenen Warte eventuell gar nicht zugänglich ist.

Quelle Wikipedia „Fremde“

Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt:

Das vergangene Jahrhundert ist ein immunologisches Zeitalter. Es ist eine Epoche, in der eine klare Trennung von Innen und Außen, von Freund und Feind oder von Eigenem und Fremdem vorgenommen wurde. Auch der Kalte Krieg folgte diesem immunologischen Schema. (…)

Unbemerkt vollzieht sich seit einiger Zeit ein Paradigmenwechsel. Das Ende des Kalten Krieges fand gerade im Zuge dieses Paradigmenwechsels statt. Die Gesellschaft gerät heute zunehmend in eine Konstellation, die sich dem immunologischen Organisations- und Abwehrschema ganz entzieht. Sie zeichnet sich durch das Veschwinden der  Andersheit und Fremdheit aus. Die Andersheit ist die Grundkategorie der Immunologie. Jede Immunreaktion ist eine Reaktion auf Andersheit. Heutzutage tritt an die Stelle der Andersheit die Differenz, die keine Immunreaktion hervorruft. Die postimmunologische, ja postmoderne Differenz macht nicht mehr krank. Auf der immunologischen Ebene ist sie das Gleiche. Der Differenz fehlt gleichsam der Stachel der Fremdheit, der eine heftige Immunreaktion auslösen würde. Auch die Fremdheit entschärft sich zu einer Konsumformel. Das Fremde weicht dem Exotischen. Der Tourist oder der Konsument ist kein immunologisches Subjekt mehr.

Quelle Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft Matthes & Seitz Berlin 2010 /9. Auflage 2014 (Seite 8f) ISBN 978-3-88221-616-5

Auch an dieser Stelle kann ich wieder meine Anmerkung machen: dergleichen gilt nicht für die Musik, es sei denn, sie wäre touristisch oder für den Konsum durch Fremde bis zur Unkenntlichkeit aufbereitet. Man kann zum Beispiel keinerlei fremde Musik leichten Herzens als „exotisch“ genießen, wenn sie a) laut ist, b) stundenlang dauert.

Wahrscheinlich behauptet sich das immunologische Paradigma hier sogar unbeirrt in den Grenzen von ehedem, und jede Verallgemeinerung hinsichtlich ihrer Aufweichung müsste sorgfältig überprüft werden.

Byung-Chul Han schreibt in Anmerkung 1 (Seite 65 a.a.O.), zum neuen Verständnis der Immunabwehr:

Der Gegenstand der Immunabwehr ist nicht mehr die Fremdheit oder Andersheit als solche. Abgewehrt wird nur jener fremde Eindringling, der sich im Inneren des Eigenen destruktiv verhält. Solange das Fremde in dieser Hinsicht nicht auffällt, wird es von der Immunabwehr nicht tangiert. Matzingers [siehe weiter unten] Idee zufolge ist das biologische Immunsystem gastfreundlicher als man bisher annahm. Es kennt nämlich keine Xenophobie. Diese ist eine krankhaft übersteigerte Immunreaktion, die selbst für die Entwicklung des Eigenen schädlich ist.

Er bezieht sich hier auf eine allerdings nicht unumstrittene Theorie der amerikanischen Immunologin Polly Matzinger, wobei er sie zuvor folgendermaßen rekapituliert:

Interessanterweise gibt es eine subtile Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen und biologischen Diskursen. Wissenschaften sind nicht frei von Dispositiven, die nicht wissenschaftlichen Ursprungs sind. So findet nach dem Ende des Kalten Krieges auch innerhalb der medizinischen Immunologie ein Paradigmenwechsel statt. Die amerikanische Immunologin Polly Matzinger verwirft das alte immunologische Paradigma des Kalten Krieges. Ihrem immunologischen Modell zufolge unterscheidet das Immunsystem nicht zwischen self und non-self, zwischen Eigenem und Fremdem oder Anderem, sondern zwischen friendly und dangerous.

Er stützt sich auf eine im Jahre 2007 veröffentlichte Arbeit von Polly Matzinger. Wenn man jedoch im Internet recherchiert, findet man etwas ältere Berichte aus 1997 (Die Zeit und Bild der Wissenschaft), später wenig Neues und schließlich den (eher privaten) Hinweis vom 22. Mai 2013, dass das „legendary Ghost Lab“ geschlossen worden sei und das NIAID (National Institute of Allergy and Infectious Deseases, Maryland USA) weitere Zuschüsse verweigere. Das muss nichts Negatives bedeuten, ist hier auch nicht ausreichend belegt, ermutigt aber zu einer gewissen Skepsis: etwa, was die Übertragbarkeit von „Dispositiven“ angeht.