Archiv der Kategorie: Naturwissenschaft

Außenwelt und Innenleben

Pflanzen – Tiere – Wir

GOETHE:

Soviel aber können wir sagen, daß die aus einer kaum zu sondernden Verwandtschaft als Pflanzen und Tiere nach und nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten Seiten sich vervollkommnen, so daß die Pflanze sich zuletzt im Baum dauernd und starr, das Tier im Menschen zur höchsten Beweglichkeit und Freiheit sich verherrlicht.

Quelle Johann Wolfgang Goethe, dtv Gesamtausgabe München 1963 Bd. 39 Seite 11 „Bildung und Umbildung organischer Naturen“

Hugh Johnson:

Das Herz eines Baumes ist tot. Sein ganzes Leben spielt sich unmittelbar unter seiner Oberfläche ab, in einem Zellengürtel, der nicht dicker als eine Folie ist und zwischen dem Holz und der Rinde liegt.

Quelle Hugh Johnson: Buch der Bäume Seite 18

GOETHE:

(…) ein wichtiger Grundsatz der Organisation: daß kein Leben auf einer Oberfläche wirken und daselbst seine hervorbringende Kraft äußern könne; sondern die ganze Lebenstätigkeit verlangt eine Hülle, die gegen das äußere rohe Element, es sei Wasser oder Luft oder Licht, sie schütze, ihr zartes Wesen bewahre, damit sie das, was ihrem Innern spezifisch obliegt, vollbringe. Diese Hülle mag nun als Rinde, Haut oder Schale erscheinen; alles was lebendig wirken soll, muß eingehüllt sein.“

Quelle Johann Wolfgang Goethe, dtv Bd. 39 (wie oben) Seite 12

Michael Lohmann:

Pflanzen haben kein Innenleben. Alles an ihnen ist Oberfläche. Ihr Zentrum liegt – paradox gesagt – in ihrer Umwelt. Darin unterscheiden sie sich grundlegend vom Tier, das sich nach außen abschließt, ein inneres Zentrum (und damit „Innerlichkeit“) ausbildet (…).

Wer also das Wesen des Pflanzlichen begreifen will, muß sich insbesondere den Beziehungen zwischen Pflanze und Umwelt zuwenden, muß vor allem ihr Verhältnis zu den vier „Sphären“, Wasser, Mineralstoffe , Luft und Licht/Wärme, betrachten. Und er muß die Beziehungen studieren, die zwischen den Pflanzen bestehen. Denn die Pflanzengesellschaft, die Vegetation, ist so etwas wie ein Überorganismus, eine höhere Organisationsstufe, so wie der Organismus die einzelne Zelle, das einzelne Organ übergreift.

Quelle Michael Lohmann: Öko-Gärten als Lebensraum / Grundlagen und praktische Anleitungen für einen Naturgarten / BLV Verlagsgesellschaft München Wien Zürich 1983 Seite 39

Die Organe der Pflanze sind ganz der Umwelt zugewandt, geöffnet. Das Tier verbirgt seine Organe, schließt sich gegen seine Umwelt ab, mit der es nur durch Leibesöffnungen kommuniziert. Man könnte sagen, Tiere seien „umgestülpte“ Pflanzen. Und es ist wohl nicht zu weit hergeholt, wenn man diese Ausbildung eines Innenraums (einer Innenwelt) mit der Entwicklung von „Innerlichkeit“ (Erlebniswelt, Psyche oder wie immer) in Verbindung bringt (…).

Quelle Michael Lohmann (wie oben) Seite 53

ZITAT

Den neuesten entwicklungspsychologischen Forschungen können wir entnehmen, dass wir die anderen Menschen wirklich vom ersten Augenblick an, in dem wir sie sehen, als Menschen wahrnehmen. Eine Person zu sein bedeutet, einen Geist und einen Körper, ein Innen und ein Außen zu haben. Jemanden als Person wahrzunehmen bedeutet, ein Gesicht zu sehen und keine Maske, ein „Du“ und kein „Es“. Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir bereits eine Reihe tief verwurzelter Vorstellungen davon, auf welche Weise andere Menschen uns ähneln und wir selbst anderen Menschen ähneln.

Aber die Forschung sagt uns auch, dass diese angeborenen Vorstellungen nicht das Ende, sondern erst der Anfang auf dem Weg zum Verständnis des menschlichen Geistes sind.Die Essenz der Persönlichkeit, das Du eines jeden Menschen zu erkennen mag Gott und Martin Buber genügen, aber uns, , dem sündigen Rest der Menschheit, genügt es offensichtlich nicht. Wir müssen auch lernen, mit welcher Art von Du wir es jeweils genau zu tun haben. Mag er Brokkoli wirklich? Wird sie in die Luft gehen, wenn ich diese Vase auch nur anrühre? Hat dieser Junge auf dem Spielplatz, der gesagt hat, dass Golfbälle explodieren, wenn man hineinschneidet, gelogen oder wusste er es nicht besser oder ist er gar ein gefährlicher Verrückter? Solcher Art sind die Probleme, mit denen sich Kinder konfrontiert sehen und die sie lösen, wenn sie älter werden.

Die Menschen um einen herum zu verstehen ist auch ein Teil des Prozesses, in dem man selbst zu einer bestimmten Art von Mensch wird. Wenn Kinder allmählich verstehen, wie der Geist anderer Menschen beschaffen ist, lernen sie gleichzeitig, wie ihr eigener beschaffen ist. Sie lernen, wie es ist, einen altgriechischen Geist zu haben, einen holländischen aus dem 16. Jahrhundert oder einen, der an die amerikanische Westküste des ausgehenden 20. Jahrhunderts gehört. (Eines unserer Kinder, gerade drei Jahre alt, schlug an einem Langweiligen Regentag vor, dass wir jetzt wirklich mal losgehen sollten, um einen Caffe latte zu trinken und in ein paar Buchläden zu schauen.) Volksgemeinschaften denken und fühlen, essen und kleiden sich auf eine ganz bestimmte Weise und Kinder müssen diese Lebensweise von den Erwachsenen erlernen, die sie umgeben.

Quelle Alison Gopik, Patricia Kuhl, Andrew Meltzoff: Forschergeist in Windeln / Wie Ihr Kind die Welt begreift / Piper Münchebn 2003 / Seite 41 f.

Zur erweiterten Thematik s.a. hier

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Nähnadel

In diesem Zusammenhang verdienen die Erfindung und der Einsatz der am Kopf durchlochten Nähnadel aus Knochen besondere Aufmerksamkeit. Dieses Werkzeug war von entscheidender Bedeutung, weil es eine erhebliche Verbesserung der Nähtechnik ermöglichte. Die Nähte der Kleidung ließen sich mit solch einer Nähnadel weit besser abdichten als früher, und auch die Verbindung von Leder- und Fellmaterialien konnte perfektioniert werden. Schließlich wurde dadurch die Wärmedurchlässigkeit jener „kulturellen Membranen“, wie man frühe Bekleidung bezeichnen könnte, deutlich reduziert. Der Erfolg zeigte sich vor 20 000 Jahren, als ein weiteres Kältemaximum zu einem erneuten Vorstoß der Gletscher, einem neuerlich kälter und trockener werdenden Klima und dem Ende des Gravettien geführt hatte. Damals kam es nicht mehr wie noch in früheren Zeiten zu einem teilweisen Zusammenbruch ganzer Populationen. Der Mensch hatte einen entscheidenden Schritt getan, sich nochmals besser an die veränderten Umweltverhältnisse anzupassen, und verstand es nun, sich mit Hilfe seiner Technologie den aufkommenden Widrigkeiten erfolgreich zu widersetzen.

Quelle Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. C.H.Beck München 2014 / 2015 Seite 69

Geistesgröße

Mit Erstaunen hören wir, dass wir leicht den Globus umrunden könnten, wenn nur die Nervenbahnen unseres Gehirns in diesem Sinne nutzbar wären:

Die Länge aller Nervenbahnen des Gehirns eines erwachsenen Menschen beträgt etwa 5,8 Millionen Kilometer, das entspricht dem 145-fachen Erdumfang.  (Zitat)

Andererseits ist es verlockend, sich auf die faule Haut zu legen, zumal sie ja auf Dauer schwer zu tragen ist:

Mit einer Fläche von eineinhalb bis zwei Quadratmetern ist die Haut das größte Organ des menschlichen Körpers. Sie macht rund ein Sechstel des Körpergewichtes aus. (Zitat)

Aber mir wird ganz bang um die Welt, wenn ich an den Darm denke:

Der Verdauungstrakt hat eine Oberfläche von 300-500 m2. Damit stellt er die größte Kontaktfläche des menschlichen Körpers zur Außenwelt dar. (Zitat)

 Ob mein Geist mit seinen unglaublich dünnen Nervenbahnen ausreicht, diese Größenordnung zu erfassen?

Die Sorge wächst, wenn ich die Grenzen seiner Macht zu ergründen suche und auf Gewissheit in der Schrift „Was ist Macht?“ von Byung-Chul Han hoffe. Dieser wiederum wendet sich an den großen Philosophen Friedrich Hegel:

Die Tätigkeit des Geistes beschreibt Hegel interessanterweise in Analogie zur Verdauung. Hervorgehoben wird dadurch eine machtlogische Affinität zwischen Verdauung und Geistestätigkeit: „Alle Tätigkeiten des Geistes sind nichts als verschiedene Weisen der Zurückführung des Äußerlichen zu der Innerlichkeit, welche der Geist selbst ist, und nur durch diese Zurückführung, durch diese Idealisierung oder Assimilation des Äußerlichen wird und ist er Geist.“ Der Grundzug des Geistes ist die Verinnerlichung. Er hebt das Andere, das Äußerliche in seinen Innenraum auf. Dadurch bleibt er im Anderen bei sich zu Hause. Das Erkannte oder das Begriffene ist dem Geist nicht äußerlich oder fremd. Es gehört zu ihm. Es ist sein Inhalt: „Nämlich Erkennen heißt eben das Äußerliche, Fremde des Bewußtseins vernichten und ist so Rückkehr der Subjektivität in sich“. Die Verinnerlichung, die Aufhebung des Außen ins Innen, verbindet Digestion und Begreifen. Essen und Trinken ist, so Hegel das „bewußtlose Begreifen“ der Dinge.

Quelle  Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005  (Seite 71f)

Han zitiert Hegel aus folgenden Quellen: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, in: Werke, Bd. 10 (Seite 21) u. Bd. 9 (Seite 485); Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, in: Werke, Bd. 12 (Seite 391).

Geschrieben ab 9.30 Uhr während der Sonnenfinsternis, ohne Lampenlicht… Ich bitte Schreib- und Denkfehler zu entschuldigen… Aber nicht einmal die Vögel haben aufgehört zu singen, vor allem die Singdrossel nicht. Nimmt sie ihren Namen als Vorschrift? Oder nutzt sie listig den trügerischen Nebel da draußen?

(Doch! Sie haben aufgehört, ab 10.17 Uhr war Ruhe. Abgesehen vom Rotkehlchen.)

Den Frühling erwarten

Zu den Gedichtzeilen, die man nicht vergisst, gehören die aus Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Aber oft habe ich mir auch gesagt, wenn der Frühling kommt, ist es ein Verbrechen, keine Zeit zu haben; sich mit ernsthaften Aufgaben zu beschäftigen, statt im Garten zu sitzen und nicht mehr erreichbar zu sein, auch nicht für Freunde. Keine Zeitung zu lesen, nichts von schlimmen Zeiten, dem drohenden Crash, Krieg, Grenzkämpfen, Annektionen. Nicht einmal Schubert hören. Oder Kaushiki. Nur die Geräusche des Tages und die Vogelstimmen, als wiege die kleinste Zelle angehörter und angeschauter Wirklichkeit den Rest der ganzen Welt auf (sehr frei nach Adorno).

Und dann lese ich von einem Buch, das ich trotzdem lesen muss:

Vögel bedeuten für Norbert Scheuer, dass im Leben etwas existiert, das mehr ist als wir selbst und für das es keine Sprache gibt. Damit steht er in einer literarischen Tradition, die vor allem im zwanzigsten Jahrhundert eine irritierende Nähe zwischen den Vögeln und dem Krieg stiftet. Robert Musil etwa setzte in der Novelle „Die Amsel“ seine Nahtoderfahrung im Krieg literarisch um, als er den hohen, singenden Ton der von Flugzeugen abgeworfenen Pfeile als hypnotisierenden Todesgesang beschrieb, Ernst Toller schilderte im „Schwalbenbuch“ den irrationalen Kampf, den die Gefängnisverwaltung während seiner Haft gegen die Schwalben führte. Marcel Beyer legte mit „Kaltenburg“ ein Vogelepos vor, das anhand der Lebensgeschichte eines Ornithologen das gesamte dunkle zwanzigste Jahrhundert durchmaß und den Dresdner Feuersturm 1945 mit den als schwarze Teerklumpen vom Himmel fallenden Vögeln unvergesslich visualisierte.

Gewiss, bei Musil sind es nicht nur die tödlichen Fliegerpfeile, die singen, sondern vor allem die Amsel auf dem Dachfirst, die seltsamerweise schließlich sagt: „Ich bin deine Mutter.“

Mehr über das Buch von Norbert Scheuer HIER in der FAZ. Oder HIER in der Frankfurter Rundschau:

Schwalben, Wanderfalken, Kraniche, Dohlen und vor allem Mauersegler sind schon oft durch das Werk von Norbert Scheuer geflogen. Zumal in seinen Heimatgedichten ist dies der Fall, versammelt in dem Band „Bis ich dies alles liebte“. Nun aber hüpfen oder flattern sie nicht mehr beiläufig durch die Zeilen, sondern geben einem ganzen Roman Halt und Struktur: „Die Sprache der Vögel“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Wir werden mal sehen… zunächst nur die bibliographischen Angaben:

Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel. Roman. C.H. Beck, München 2015. 238 Seiten, 19,95 Euro.

Musikalische Krankheitssymptome

Man könnte aus der Haut fahren, wenn die klassische Musik zum Thema einer großen Zeitung gemacht und wieder einmal mit falschen Vorzeichen versehen wird. Der Musiker weiß es sofort, wenn da von EKG und Beethoven die Rede ist, – jetzt kommt die Cavatina aus Opus 130 und die Mär von der Herzrhythmusstörung. Wer weiß, ob wirklich ein amerikanischer Musikwissenschaftler namens Steven Whiting (University of Michigan School) in Zusammenarbeit mit einem Kardiologen namens Zachary Goldberger und dem Medizinhistoriker Joel Howell dafür verantwortlich ist, was man jetzt in der „Welt am Sonntag“ liest. Zunächst einmal: wie die Cavatina, eins der ergreifendsten musikalischen Bekenntnisse überhaupt, charakterisiert wird als „das Ohr umschmeichelnd wie leichter Frühlingswind, der durch die Wipfel streicht“, ein Satz, der zunächst alles aufbiete, „um in einen seligen Schlummer hinüberzugleiten.“ Doch nach etwa dreieinhalb Minuten sei es damit vorbei: „Die Streicher sind dann zwar immer noch nicht laut, doch ihre Klangwogen schwellen nun an. Der Komponist gibt ihnen auch in der Partitur ausdrücklich die Anweisung, dass sie ‚beklemmend‘ spielen sollen. Zum Einschlafen eignet sich das nicht mehr, denn jetzt bekommt man Angst, danach nicht mehr aufzuwachen. Berechtigterweise, wie Forscher jetzt herausgefunden haben. Denn Ludwig van Beethoven verarbeitete in der Cavatina wohl seine Herzrhythmusstörungen. Und nicht nur dort, sondern auch in anderen Kompositionen.“

Zunächst einmal die Lautstärke: zweimal erreicht dieser Satz ein forte, nämlich in Takt 27 und 36, aber nicht an dieser Stelle, über der auch nicht als Spielanweisung „beklemmend“ steht, sondern „beklemmt“, und das steht nicht über den „Klangwogen“, die nun angeblich anschwellen, sondern über Takt 42, in dem die Spielanweisung lautet sempre pp, lediglich über der 1. Geigenstimme, die eine in Fragmente zerrissene Melodie andeutet, steht das Wort „beklemmt“. Erst in Takt 46 beginnt ein Crescendo, auch in Takt 48, aber keines führt zu einem Forte. Es folgt die Reprise der Cavatinen-Melodie, wer kann, darf beruhigt wieder einschlafen.

Beherzigenswerter als jeder Hinweis auf Herzstörungen in dieser Musik ist die Erinnerung eines Beethovenfreundes: Er hat sie wirklicher unter Thränen der Wehmuth komponirt, und gestand mir, daß noch nie seine eigene Musik einen solchen Eindruck auf ihn hervorgebracht habe, und daß selbst das Zurückempfinden dieses Stückes, ihm immer neue Thränen koste.

Wer angesichts dieser Cavatine tatsächlich vom Einschlafen spricht, ist keinen Moment der Aufmerksamkeit wert. Und wer aus einer Klavier-Sonate (op.81a), die vom Komponisten eindeutig auf Abschiedsschmerz und Wiedersehensfreude bezogen ist, eine Wellenbewegung heraushören will, die „bekanntlich ein häufiger Trigger für Herzrhythmusstörungen“ sei, muss nicht widerlegt werden.

Ähnlich absurd ist der folgende Abschnitt:

Der depressive Schumann erschuf – ebenfalls konsequenterweise – seine fröhlichen Werke nur dann, wenn er gerade in einer manischen Phase war, während die farbige Umsetzung der einfachen Klanglinien im „Bolero“ der Tatsache zu verdanken sind, dass sein Verfasser, der französische Komponist Maurice Ravel, so schwer an der linken Gehirnhälfte erkrankt war, dass er keine komplexen Tonfolgen mehr verarbeiten konnte.

 Quelle Welt am Sonntag  (Wissen) 1. März 2015 (Seite 61)  Jörg Zittlau: Beethovens musikalisches EKG / In den Werken berühmter Komponisten spiegelt sich nicht nur ihr Genie wider. Auch ihre Gebrechen spielen eine Rolle.

Nur soviel zu Ravel: er komponierte nach dem Boléro (1928) noch Kleinigkeiten wie das Klavierkonzert für die linke Hand (1929 -1930) und das Konzert für Klavier und Orchester G-dur (1929 -1931) …

Die (glaubwürdigen) Anekdoten zum Boléro werde ich hier nicht wiederholen ( siehe bei Wikipedia hier), – er hat das Werk, wie der Wortwechsel mit Toscanini zeigt, durchaus ernst genommen -, und man darf sagen, dass allein die Raffinesse der Melodie eine Dissertation verdient hätte, nicht nur die Instrumentation und die Idee, – zum erstenmal in der westlichen Musikgeschichte! -, dem separat inszenierten Rhythmus eine Hauptrolle zu erteilen.

Hier gebe ich noch einmal meine Transkription des Boléros zum besten, auf den Grundton G gesetzt, den tiefsten Ton der Geige. So hat jeder Geigenspieler ausgiebig Gelegenheit, über diese unendliche (und unsterbliche) Melodie zu meditieren, eine Melodie, die vielleicht – im alten Sinne – gar keine sein will.

Bolero in G++

Maurice Ravel „Boléro“ (Übertragung: Jan Reichow, hier bei der Arbeit)

Organisches Denken?

Ich kann den Schock einigermaßen datieren, an dem ich vom Glauben abfiel, der mit einem gewissen Vertrauen in DIE NATUR zusammenhing. Dies hatte den Zweifel überdauert, den ein älterer Mitschüler mir in den 50er Jahren eingepflanzt hatte: die Philosophie sagt, dass Du nicht einmal sicher sein kannst, ob dieses Haus aus Klinkersteinen dort wirklich vorhanden ist, ob die Dünenkette dahinten wirklich existiert, ob das Meer, das wir rauschen hören, Realität hat. Ich war sicher, dass dieser Irrtum sich bald aufklären würde, aber die Diskussion lief sich tot. Der andere erinnerte an die Formel „Cogito ergo sum“, so heiße es korrekt, „ich denke, also bin ich“, und nicht „Sum ergo cogito“: ich bin nicht etwa zu allererst einmal da, und nur deshalb kann ich überhaupt anheben zu denken. Abgesehen von der Frage: ist es wirklich das Denken oder ist es der Gedanke der Eigen-Präsenz? Die Selbstgewissheit – und ist genau dies nicht „Sum“? Oder geht es um das nach außen gerichtete Denken, das die Objekte erfasst, nach Innen zieht, zu begreifen sucht und dadurch sich selber erfährt: das denkende Ich.

All dies kam mir jetzt in den Sinn, als ich einen bestimmten Satz bei Byung-Chul Han las und an den Schock zurückdachte, den ich weiter unten datieren werde. Aber zunächst der Satz:

Der Organismus ist für die moderne Biologie, wie auch Luhmann bemerkt, „nicht mehr ein beseeltes Wesen, dessen Seelenkräfte die Teile zu einem Ganzen integrieren, sondern ein adaptives System, das auf wechselnde Umweltbedingungen und -ereignisse durch Einsatz eigener Leistungen sinnvoll kompensierend, substituierend, blockierend oder ergänzend reagiert, um auf diese Weise die eigene Struktur invariant zu halten […].“

Han bezieht sich hier auf Luhmanns Soziologische Aufklärung I. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1984 S. 38f. Und er kommt – da es in diesem Kapitel um „Metaphysik der Macht“ geht – auf vorher behandelte Gedanken zur Macht bei Hegel zurück:

Die moderne Vorstellung des Organismus stellt Hegels Konzept der Macht jedoch nicht gänzlich in Frage. Der Organismus verdankt seine strukturelle Invarianz gerade jener Macht, die dafür sorgt, daß der Organismus bei wechselnden Umweltbedingungen und -ereignissen sich behauptet, d.h. sich invariant hält.  Sie erzeugt auch in diesem Fall eine Kontinuität des Selbst, befähigt den Organismus dazu, trotz der von seiner Umwelt erzeugten negativen Spannung bei sich zu bleiben.

Quelle Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005 S. 76

Es war ein Urlaub vom 26.7. bis 15.8. 1987 in Visperterminen / Wallis, für den ich mir das Thema Natur vorgenommen hatte. Insbesondere ein Band Goethe sollte mich „ganzheitlich“ leiten. Aber auch eine neuerworbene Grundsatzlektüre: „erforschtes leben“ , ein sachbuch der modernen biologie von barbara hobom (herder freiburg basel wien 1980 ISBN 3-451-18666-7), und schon im Vorwort stieß ich auf ein Denken, das sich mit Goethe durchaus nicht vertrug (bitte anklicken):

leben hobom

In dem Buch finde ich auch eine Abschrift aus dem Jahre 2003 (dazwischen lag das Jahrzehnt der Auseinandersetzung mit dem „Computerdenken“):

Als abstrakte Erkenntnis war all das höchst bemerkenswert: Die Natur, die noch bei Goethe ihr Wissen um die Prinzipien in verborgenen Urformen und in Tausenden von Ausprägungen sinnlich erfahrbar vorwies, hatte nunmehr die Halbbrille auf der Nase und arbeitete sich, wenn sie das Geheimnis der lebendigen Materie vollzog, durch einen drögen Buchstabensalat, eine Art überlanges Lochband von einigen Milliarden Elementen. Für Schöngeister und Naturfreunde war dieses neue Wissen keine weltanschauliche Kränkung (wie ein Jahrhundert zuvor die Theorie von Darwin), sondern eine bürokratische, die kein Federfuchser sich hätte penibler ausdenken können.“

Quelle DIE ZEIT 20.02.03 Seite 31 Autor Jens Reich

Quelle s.o. Hobom

Jetzt wäre die Farbe Grün eine Wohltat, nicht wahr? Auch dieses Buch stammt aus der Zeit vor dem „systemischen Schock“, vom 23.7.1987 (3 Tage vor der Abfahrt nach Visperterminen):

Leitfaden Pflanzen

(Fortsetzung folgt) siehe Weiteres hier!