Schlagwort-Archiv: Michel Foucault

Bedenkliches und zu Bedenkendes

Aus DIE ZEIT und anderswoher

Zunächst erinnere ich mich an die eigene Evokation der alten Griechen (mit Nietzsches Hilfe): „Nichts zu sein…“ hier  und „… besser zu leben als zu sterben …“ hier . Und lese erinnerungsbeschwert weiter in dem Feuilleton-Artikel: „Los, komm, wir sterben endlich aus! / Darf ich noch Fleisch essen, den Wäschetrockner nutzen? Alle diese Fragen würden sich sofort erledigen, wäre man gar nicht erst geboren worden oder würde sich nicht mehr fortpflanzen. Über eine merkwürdige neue Sehnsucht / Von Nina Pauer / in DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 41.

Da ich in dem kleinen Urlaub auf Texel die ZEIT vom 16. Juni nicht mehr zur Hand hatte, wusste ich nicht, dass dort das umfangreiche Heft „Rechte Räume“ von ARCH+, das ich mir als Lektüre vorgenommen hatte (von hier bis hier), also ebendasselbe Heft von Adam Soboczynski besprochen war, der sich jetzt den Soziologen Armin Nassehi vorgenommen hat, den ich aufgrund folgender Mail vom 15.6. längst ernst genommen hatte:

Bester Artikel der Woche:
http://www.taz.de/Soziologe-ueber-Klimawandel/!5600327/

- da könnte man glatt grün wählen...

Mein Gott, hatte ich nicht längst in diesem Sinne gewählt? Und er etwa nicht? Mal sehen, ob wir etwas zu bereuen haben:

Schönes neues System der Widersprüche / Die Grünen haben ihren Meisterdenker gefunden: Wie der Soziologe Armin Nassehi die Gegensätze in der Partei mithilfe seiner Systemtheorie zum Zukunftsmodell erklärt. Von  DIE ZEIT Nr. 27/2019, 27. Juni 2019.

Finden Sie den Artikel doch bitte selbst online, zitieren möchte ich aus dem älteren Blatt, das ich versäumt hatte und als Papier für unersetzlich halte. Der Autor hat vor allem mit Durs Grünbein und dessen Frau, der Schriftstellerin Eva Sichelschmidt, geredet. Über den Walter-Benjamin-Platz also und über die Inschrift (Einschreibung) des Verses von Ezra Pound.

ZITAT:

Ein faschistischer Ort? Durs Grünbein, 56, der sich auf erstaunliche Weise Jugendliches bewahrt hat, blättert befremdet durch die Zeitschrift, die er eigens mitgebracht hat,  und zeigt auf die Säulengänge auf dem Platz: ‚Die strenge Kolonnade gibt es sowohl im antiken Griechenland als auch in Moskau und Washington. Was mir missfällt, ist die gesamte Aufteilung in linke und rechte Räume. Sind sowjetische Plätze linke Räume? Ist das Forum Romanum ein rechter Raum, die Akropolis? Dort finden Sie ja bereits die Kollhoffschen Stilmerkmale.‘

Es klingt ähnlich absurd, wie Elias Canettis Vergleich des „deutschen“ Waldes mit der Phalanx von Soldaten (beide stehen ziemlich aufrecht). Die Kolonnade, die das Dach eines griechischen Tempels trägt, hat nichts gemein mit einer anderen, auf der ein sechsstöckiges Büro- oder Bankhaus lastet (oder nur zu lasten scheint).

Und der faschistische Dichter?

Klar, bei Pound sei die Kritik am Wucher nicht ausschließlich antisemitisch konnotiert, er ziehe mit seiner Kapitalismuskritik eine weltgeschichtliche Linie. Zinswucher sei aus der Sicht des Dichters eine Dekadenzerscheinung, mit der die Qualität der Bauten sinke. Dass er die Kritik am Finanzkapitalismus ‚an manchen Stellen forciert mit dem Judentum verbindet, ist natürlich schlimmer Unfug, Pound diskreditiert damit sein Werk‘. Und Kollhoff nicht damit seinen Platz? ‚Wenn Sie in Deutschland einen richtig rechten Raum sehen wollen‘, gibt Grünbaum zu bedenken, ‚dann müssen Sie auf die deutsche Autobahn, mit der auf schneidigste Weise die Landschaft durchquert wird.‘

Ist das nicht vielleicht noch absurder als der Vergleich mit den Soldaten?

Quelle DIE ZEIT 27.06.2019 Seite 46 Eine AfD des Bauens? Neuerdings gilt ein Berliner Platz manchen als neurechter Raum. Die Schriftsteller Durs Grünbein und Eva Sichelschmidt wohnen nebenan. Wie sehen sie das? / Von Adam Soboczynski.

Am interessantesten finde ich das Dossier zum Titelthema MACHT. Überschrieben: DIE HELLE SEITE DER MACHT. Der Ruf der Macht ist miserabel. Warum eigentlich? Eine Ehrenrettung. / Von Malte Henk und Britta Stuff.

Natürlich habe ich auch die Autoren gegoogelt, sie brauchen mich nicht, um gelobt zu werden. Mich hat die Auswahl der Beispiele überzeugt: Schimpansen unter sich, 1 junger Politiker im Bundestag, 1 Dirigentin mit ihrem Orchester „Lohengrin“ probend, (Hinweis auf Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ das Beispiel des Dirigenten eingeführt hat), der Absturz aus den höheren Sphären der Macht (Shakespeare „Macbeth“ und „Richard III.“), Stefan Mappus nach Stuttgart 21, die 4 Literaturhinweise am Schluss (s.u., mir waren alle Titel neu). Was mich am meisten bestach: der leichte Ton, der phantasievolle Sprachduktus und der Sachverstand. Zugegeben: beim Beispiel der Dirigentin lag ich auf der Lauer, wie leicht strauchelt der Laie, – aber nichts ist passiert, alles richtig. (Ich habe 30 Jahre lang in einem Orchester gespielt, das keinem Dirigenten unterstand, sondern dem primus inter pares, dem Konzertmeister, – aber natürlich hatte er „Macht“. Oder – wie wärs mit dem Wort „Autorität“ für diesen Herrn der Exekutive? Niemand von uns hätte z.B. – oder nur mit dem allertriftigsten Grund – abbrechen können, niemand hätte aus dem Tutti heraus dem Oboisten einen Rat erteilen können.)

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Die Sängerin Brigitte Fassbaender – jetzt immer noch als Regisseurin tätig – wird am 3. Juli 80 Jahre alt. Das Interview aus diesem Anlass hat mich in einem Punkt erschüttert, dort, wo sie von ihrer Angst spricht. Dabei gehört es zu den typischen Vorurteilen des Publikums, dass es Künstlern vor allem Spaß macht, auf der Bühne zu stehen, – um dann umjubelt zu werden. Kleinere Lichter mögen Angst haben, aber doch nicht die Stars, mögen sie noch so oft ihr Lampenfieber hervorheben: meist folgt ja auch der Hinweis, dass es mit Beginn des ersten Tones in sich zusammenfiel. Brigitte Fassbaender auf die Frage, wie ein typischer Tag in ihrem Leben aussah, etwa vor einem Liederabend:

Na, das war das Furchtbarste! Da wacht man auf: Bin ich heute bei Stimme, bin ich gut disponiert, habe ich alle Texte im Kopf? Meistens war ich mittags schon krank und wollte absagen. Vormittags ging man mit dem Pianisten noch einmal das Programm durch. Essen konnte ich gar nichts, mir wurde von fast allem schlecht. Nachmittags legt man sich hin, mit Herzklopfen, Magendruck, schweißnassen Händen und Füßen, das ganze Nervenkostüm revoltiert. Und irgendwann kommt der Moment, da zieht man die Vorhänge des Hotelzimmers wieder auf, macht sich zurecht – und trottet wie das Lamm zur Schlachtbank. ZEIT: Wovor hatten Sie Angst? Fassbaender: Vor dem Versagen, dem Blackout. Ich bin mir ja ausgeliefert, meinem Innenleben, meiner Physis, meiner Tagesform. Und manchmal konnte ich nicht so, wie ich wollte. Das war bitter – bei Liederabenden übrigens noch viel bitterer als in der Oper. Als Charlotte in Werther, als Wozzeck-Marie, Prinzessin Eboli oder Octavian schlüpfe ich in eine Rolle. Es gibt das Kostüm, die Maske, die Kollegen, das Licht, das Bühnenbild – und den Abstand zum Saal. Bei Liederabenden sitzen sie meist direkt vor einem, das ist auch ein voyeuristischer Prozess. Damit muss man fertigwerden. Und wird es nie.

Brahms „Von ewiger Liebe“ op.43,1 Brigitte Fassbaender mit Irwin Gage, Klavier HIER

Höchst erstaunlich, was die Sängerin zur #MeToo-Debatte sagt. Auf die Frage: Welche Folgen hat sie für das Theater?

Viele gute. Man geht sensibler miteinander um, vorsichtiger. Wenn ich daran denke, was für Tobsuchtsanfälle ein Regisseur wie Otto Schenk hatte! Teilweise war das sicher nur gespielt, weil er künstlerisch was erreichen wollte. Das geht heute nicht mehr, und das ist gut. Wer schreit, ist sowieso in der Defensive. Sexuelle Übergriffe waren früher an der Tagesordnung. Wir haben das einfach nicht so ernst genommen. Mir persönlich hat das auch nie geschadet, wenn ich mich verweigert habe, ich kannte solche Abhängigkeiten nicht. Es sind hauptsächlich Dirigenten, die ihre Macht missbrauchen. Auch Regisseure und Intendanten tun es, aber der Dirigent steht abends am Pult und kann dich fertigmachen. ZEIT: Haben Sie so etwas erlebt oder miterlebt? Fassbaender: Natürlich. Manche Dirigenten waren regelrecht verschrien und versuchten es mit jeder. Ich möchte keine Namen nennen. Es waren ja trotzdem große Könner, sollen sie’s bleiben.

Quelle: DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 45 „Was man jagt, ist schon verloren“ Sie war eine Ausnahmesängerin und kann einfach nicht aufhören, kreativ zu sein: Brigitte Fassbaender über Versagensängste, militante Fans und den Trash in der Oper /  Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey

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Einer der unsinnigsten Artikel, die ich in letzter Zeit gelesen habe: manche mögen es für Fantasy halten, ich schalte dann sofort ab: wegen mutmaßlich ausgeklügelter Phantasielosigkeit. Warum habe ich den Artikel trotzdem gelesen? Wahrscheinlich wegen der Katze, ich Naivling! (Natürlich eine aus Stoff, aber aus welchem Stoff? Keine Ahnung, wird schon virtuell sein. Meinetwegen auch irgendwie spirituell.)

Quelle: DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 39 Hurra, ich werde zerfetzt Wie ich in der virtuellen Realität eine ziemlich echte Katze rettete und dabei meinem eigenen Todesmut begegnete / Von Clemens Setz

Irrtum? Eine Stunde später erlebe ich ihn live aus Klagenfurt. Oder vielmehr: Einstieg erst bei  Fuzzman & Fritz Ostermayer im Gespräch über Schlager. Später mehr darüber… siehe hier. Zu einer Klagenfurt-Besprechung bei Faust-Kultur hier 

Zitat FAZ 30.6.19 Autor Jan Wiele:

Dass der beste literarische Text beim Bachmann-Preis nicht einer der vierzehn Beiträge ist, sondern vielmehr die „Rede zur Literatur“ zu seinem Auftakt, war bis zu diesem Jahr noch nicht vorgekommen. Clemens Setz hat das geändert. Mit seiner Rede über „Kayfabe und Literatur“, die einen Begriff aus dem Show-Wrestling vielfach metaphorisch fruchtbar machte, poetisch wie politisch, schlug der 1982 in Graz geborene Schriftsteller die Zuschauer und Jury so sehr in Bann, dass nach Tagen noch darüber gesprochen wurde und Ideen aus der Rede in Diskussionen auftauchten. Dass die Grenzen von poetologischer Rede und Erzählung verschwimmen und eine Zwittergattung gezeitigt haben, die selbst als Literatur betrachtet werden kann, ist insbesondere auf die vielen Poetik-Dozenturen zurückzuführen, die in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet wurden. Aber so triftig wie bei Setz hat man diese Gattung noch nicht verwirklicht gesehen.

Außerdem: Die Rom-Therapie – ein Buch von Simon Strauß, besprochen von Iris Radisch – das würde ich auf jeden Fall nicht mit nach Rom nehmen: „Wie entkommt man der nervigen Gegenwart? Indem man sich in die Ewige Stadt flüchtet und die ‚Römischen Tage‘ von Simon Strauß mit auf die Reise nimmt.“ Warum sollte ich?

Unbedingt lesen (Info mit Leseprobe): DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 43 Wie der Sex zur Sünde wurde / Vor vierzig Jahren hat Michel Foucault mit seinem dreibändigen Werk „Sexualität und Wahrheit“ den Blick auf Macht und Lust revolutioniert. Jetzt ist aus dem Nachlass des französischen Philosophen ein vierter Band erschienen – eine Sensation? Antworten einer Philosophin und eines Theologen / Von Petra Gehring [a]/ Von Christoph Markschies [b]

[a] Textquellen zur Zeugung, zur Taufe, zu Bußtechniken sowie zur Selbstprüfung als Gehorsamsübung sind exemplarische Praxisfelder, die Foucault im ersten Drittel des Buches abschreitet, um dann die Jungfräulichkeit und das Verheiratetsein als die zwei Pfade zu einem im Sinne der Vorschriften gelingenden Leben beleuchten. Ein Fazit fehlt. Die These wird dennoch deutlich: Was man auf den ersten Blick für eine Verschärfung der sittlichen Pflichten halten könnte, ist vor allem eine „Verlagerung des Wertes der sexuellen Beziehungen“. Eine neue – und im Gelingensfall auch privilegierende – Erfahrung bildet sich heraus. Radikale Selbstbeschämung und Heil, Versagung und auf Gnade beruhende Transformation, Abtötung und Neugeburt gehören als Zielbilder von Selbsttechniken, die zugleich Selbstaufgabetechniken sind, eng zusammen. Denn es geht darum, Gehorsam zu perfektionieren – einen Gehorsam, der das Gemeinschaftswerk Kirche (durchaus im Wortsinn) „erzeugt“. In Ordensgemeinschaften geschieht dies informell, in der Ehe rechtlich gerahmt. Das „Fleisch“ ist dabei Ziel wie auch Mitte. Es ist Sitz der Sünde wie auch des Willens.

[b] Wer lange auf die 556 Seiten wartete, ist nicht nur verwundert, dass in der Ausgabe jeder Hinweis auf den heutigen Forschungsstand fehlt. Es überrascht auch, dass der dicke Band lediglich aus ausführlichen Referaten von Text von rund zehn antiken Autoren besteht, die in einer zugespitzten Perspektive in den Blick genommen werden. Von einigen Zusammenfassungen abgesehen, fehlen ausführlichere Einleitungs- und Schlusskapitel. Sexualität wird aus der Perspektive antiker christlicher Oberschichten und vor dem Hintergrund ihrer theoretischen Reflexionen thematisiert. Archäologische Quellen oder soziologische Analysen fehlen vollkommen. Da Foucault antike Argumentationen nachzeichnet, wirkt sein Text im Vergleich zu heutiger Kommunikation über Sexualität mindestens nüchtern, wenn nicht leicht prüde. So fällt das Wort „Masturbation“ kein einziges Mal, und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden höchstens indirekt behandelt. […]

Durch das Christentum – so die Hauptthese des Bandes – wurde Sexualität erstmals zum Kern des menschlichen Subjektes. Unter Subjekt versteht Foucault ein Selbstverhältnis, genauer ein ständig der Selbstprüfung unterworfenes Wissen des Menschen von sich selbst. Das antike Christentum hat seiner Ansicht nach die Sexualität nicht verdrängt (wie ein im Paris der Studentenrevolutionen gepflegtes Vorurteil lautete), sondern ganz im Gegenteil die Frage, wie man kritisch mit ihr umzugehen hat, in den Mittelpunkt gerückt. Am Ende dieser Entwicklung steht nach Foucault der nordafrikanische Bischof Augustinus, der den Menschen als sujet de désir, als Subjekt des Begehrens, beschreibt, die libido, das Begehren, in das Zentrum seiner Sicht der Sexualität stellt und sie als Sünde bewertet.

Siehe auch bei Perlentaucher HIER.

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 Mönch am Meer

Von selbst wäre ich sicher nicht drauf gekommen, dieses Bild des Malers einzusetzen, der in meiner Geburtsstadt gewirkt hat. Sein Greifswald-Bild, der Blick über die Wiesen,  hing in der Wohnung meiner Eltern, so dass ich auf die Kirche zeigen konnte, in der ich getauft war (in der „dicken Marie“, nicht – wie es mir lieber gewesen wäre – unter dem schlanken, hohen Nicolai-Turme). Die unwillkürliche Beziehung dieses düsteren Bildes auf mein helles Texel-Meeres-Foto wäre mir viel zu demonstrativ erschienen, – als hätte ich sozusagen den Rauterberg-Text, den ich noch gar nicht kannte, vorausgeahnt; aber so ist die Realität:

[…] Bleibt nur das Problem, dass der Mensch in seinem Verhalten eher einer Wolke gleicht, unberechenbar wie ihr Formgewalle. Verlangt man von ihm, er möge bitte einsichtig sein, denn ohne Einsicht werde die Welt kollabieren, füttert man ihn zusätzlich mit zahllosen Fakten und Diagrammen, wird er noch lange nicht handeln wie erhofft und notwendig.

Quelle DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 38 Schönes Erschrecken Nur mit Fakten und Vernunft wird der Klimawandel nicht gelingen: Was Greta Thunberg von Caspar David Friedrich lernen könnte / Von Hanno Rauterberg

Ehrlich gesagt: der Artikel überzeugt mich nicht, ganz zu schweigen davon, was Greta Thunberg für Augen machen würde. Die Schönheit des künftigen Schreckens zu erfahren – das soll uns locken?

Die Erfahrung des Erhabenen heißt, die eigene Hilflosigkeit wahrzunehmen, sie aber als erhellend und energetisierend zu erfahren, als schöpferischen Antrieb, in dem der Mensch seine Natur neu zu fassen beginnt. Erhabenheit heißt, auch die drohende Katastrophe als bereichernd empfinden zu können – und damit die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Wandels erst möglich zu machen.

Nichts also wäre für die Klimawende produktiver, als es den Romantikern gleichzutun und im Schrecken eine ungeahnte Schönheit aufzutun. Vielleicht passiert das auch bereits, man muss sich nur das viel debattierte Video des YouTubers Rezo anschauen. Dort sind es nicht die Fakten allein, dort ist es nicht nur die Wahrheit des Untergangs, die ungemein fesselnd wirken. Es ist auch der Spaß an der Inszenierung, es ist das quietschig-derbe Sprechen, es ist die Ästhetik, die aus dem Schrecken ein Faszinosum macht. Und so die Zuschauer in jenes innere Wechselspiel verwickelt, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Es sei denn, sie handeln.

Ich finde, das Wechselspiel geht anders aus: hier schießt die Ästhetik ein weithin schallendes Eigentor.

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Was ist mit dem Wetter? Wir haben Tage enormer Hitze. Trotzdem kein Grund, die Sache in aller Kürze mit Klimawandel zu erklären. Interessanter Artikel mit dem Titel Puuuhhh! / DIE ZEIT WISSEN 27. Juni 2019 Seite 33. Nur zwei Zitate:

Die Herkunft der Hitze ist klar: die marokkanische und algerische Sahara. Auch was die extreme Wärme herbringt, weiß man. Es ist ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik, westlich der Iberischen Halbinsel, das sich kaum vorwärtsbewegt, aber die heißen Luftmassen aus dem Süden ansaugt und an seiner Ostseite vorbei nach Europa lenkt. Vor allem nach Spanien und Frankreich, aber eben auch in die Beneluxstaaten und nach Deutschland. Klar ist zudem, dass für die langsame Fortbewegung eine Anomalie in der Höhenströmung, die den Globus umspannt, verantwortlich ist. Schlägt dieser Jetstream größere Schleifen als normalerweise, wird gar eine dieser Schleifen vom restlichen Strom abgeschnitten, erscheinen Druckgebiete, die in tieferen Atmosphärenschichten liegen, oft wie zementiert. Die Meteorologen nennen das „Blockwetterlage“.

[…]

Der Rückblick auf die vergangenen Monate zeigt: Der Winter war etwas feuchter als normal, die Niederschläge des Frühjahrs lagen fast genau im langjährigen Mittel. Und mag der Juni auch deutlich trockener sein, er folgt auf einen kühlen, feuchten Mai. Dieser war der erste Monat seit dem März 2018, der unter dem Temperaturdurchschnitt des Vergleichszeitraums (nämlich 1961 bis 1990) lag, in den Worten der Wetterstatistiker: „nach 13 Monaten in Folge erstmals zu kühl“.

Quelle DIE ZEIT 27. Juni 2018 Seite 33 f Puuuhhh! Was bedeuten die hohen Temperaturen dieser Woche? Tötet die Hitze wirklich Menschen? Was kann jeder tun, für sich und andere? Und wie geht es dem Wald, den Böden, den Gewässern? Sieben Antworten. ( Von Harro Albrecht, Dirk Asendorpf und Stefan Schmitt. (S.a. hier).

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Ich muss einen Abschluss finden, in der Tat: heute Morgen, 7:50 Uhr in WDR 3 Choral, die nachfolgende Predigt brauche ich nicht, aber etwas, was wie Bach klingt, eine Fuge darstellt und natürlich ein „Noch einmal!“ erzwingt, sogar mehrmals, also auch eine kleine Recherche, die hiermit angedeutet sei: der Komponist ist Johann Ludwig Bach – aber es ist J.S.Bachs Handschrift!

Nein, es ist nicht J.S.Bachs Handschrift, sondern die des Kopisten J.H.Bach (1707-1783), dem Sohn des Ohrdrufer Bruders (Näheres dazu hier).

Dies alles bringt mich auf ein Buch, das ich vor drei Jahren mit Begeisterung gelesen habe, „Bachs Welt“ von Volker Hagedorn, siehe hier, – und gerade dorthin, wo es um das physikalische Weltbild der Zeit geht (wir waren ja gerade beim Wetter!), und dort ist auch von Johann Ludwig Bach die Rede, wenn auch in seiner Säuglingszeit (1677).

Und auch die folgenden Seiten entdeckte ich aufs neue. Und wie recht ich damals hatte, ein „ja!“ an den Rand zu schreiben, ich hatte offenbar die Aufnahme schon gefunden, die mich jetzt begeisterte wie am ersten Tag! Wie traurig und wie wild, dieser Satz „Meine Bande sind zurissen“! In der Tat, man kann davon nicht lassen, kein Wunder: jetzt habe ich die Konsequenzen gezogen, – die CD ist unterwegs zu mir!! Und nie mehr werde ich den „Meininger Bach“ mit einem anderen verwechseln. Hören Sie, und wenn Ihnen die Musik nicht den Atem raubt, lesen Sie auch! Einzigartig ebenso: dieser Chor und dieses Orchester! HIER.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt / Die Familiengeschichte eines Genies / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2016

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Volker Hagedorn hat übrigens gerade ein neues Buch herausgebracht, – Der Klang von Paris – Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts -, noch befindet es sich nicht in meinen Händen. Eine Leseprobe ist vielversprechend: hier.

Philosophischer Ausblick 1966

Abschrift (s.u.) noch nicht korrigiert

Warum ist mir Foucault wichtig?

 

Ja, könnte jemand sagen, auf das „Thema 1“ waren wir alle scharf, besonders als wir jung waren. Nein, würde ich erwidern, mir war es immer schon ein Problem. Und ganz speziell, als es im Religionsunterricht unter dem Namen „Thema 1“ behandelt wurde, diese eigenartigste Form der Heuchelei. Das Wort „Wahrheit“ aber kannte ich schon als 4- oder 5-Jähriger in Greifswald aus dem Mund meiner Mutter, in der Zeit, als ich noch viel gelogen hatte. Verstehen konnte ich das Abstractum nicht, bei aller Liebesmüh.

 1986

Die Ordnung des Diskurses“ ist ein anderer Titel als der im folgenden Text  als „The Order of Things“ bzw. „Die Ordnung der Dinge“ erwähnte!

If Man is dead, everything is possible!’ – an early interview with Michel Foucault

Einleitungstext (Original aeon)

Roughly a decade before publishing his two most famous treatises on power – Discipline and Punish: The Birth of the Prison (1975) and The History of Sexuality, Volume One (1976) – the French philosopher Michel Foucault rose to prominence with The Order of Things: An Archaeology of the Human Sciences (1966). Written as existentialism fell out of favour among French intellectuals, the ambitious work sought to define a new philosophical epoch in which knowledge could be best understood as arising from ‘large formal systems’ that change over time. In this 1966 interview with the French television broadcaster Pierre Dumayet, Foucault discusses ideas from The Order of Things, including why he believed that Jean-Paul Sartre’s emphasis on the individual made him ‘a man of the 19th century’, and why ‘the disappearance of Man’ presented an exciting opportunity for new moral and political systems to arise.

From the Library of Human Sciences we present „The Order of Things“ by Michel Foucault.

Quelle: aeon / abrufbar als Film HIER .

 Screenshot

Das Interview / Abschrift der englischen Untertitelzeilen JR 4. Februar 2019

Pierre Dumayet: Mr. Foucault, you ‚ve done work as an ethnologist, an ethnology of our culture you say. What do you mean?

Michel Foucault: Well, I would like to consider our own culture to be something as foreign for us as, for example, the cultur of the Arapesh, Zuñi, Nambikwara, or Chinese. Of course, we’ve been trying for a long time through the work of historians or sociologists to grasp our culture as an object, as a thing there in front of us. But historians mainly study economic phenomena, sociologist study emotional, political, sexual behaviour. I believe that, until now, we ‚ve never considered our own knowledge a foreign phenomenon. And what I tried to do was deal with it as if it was sonething before us as a phenomenon just as foreign and distant as the culture of the Nambikwara or Arapesh, for all Western knowledge formed since the Greek age. And it’s this ethnological situation of knowledge which I wanted to reconstruct.

Like looking at yourself in a mirror, as if a stranger to yourself?

There is a difficulty here that’s obviously very great, because, after all, how can we know ourselves if not with our own knowledge? It’s only by using our own categories of knowledge that we can know ourselves. And if we wish to precisely know these categories we ‚re in a situation that’s obvously very complex. It takes a complete twisting of our reason of itself to able to re-examine itself as a foreign phenomenon. It requires going outside itself in some way and returning… And it is the beginning of this endeavour I ultimately undertook.

What ethnicity or nationality would the ideal ethnologist be?

Well, we could say a good ethnologist of our own culture might be Chinese, Arapesh or Nambikwara. However, with what category and framework of thought could this Chinese or Arapesh know us if not with frameworks of thought hat are ours? So perhaps we could still do this best. If we could thus twist at ourselves as through a mirror. We might, after all, be capable of doing this task and undertake this ethnology of our own culture. We could obviously dream of a Martian whose thougt would be able to entirely capture our own. This Martian could undoubtedly know us best. But this probably isn’t possible since, as far I know, Martians don’t exist.

You teach philosophy, is this a philosopher’s outlook or the contrary?

It’s quite difficult to define what philosophy is currently. For a long time, I think we can say basically up to Sartre … (Sartre included?) Yes, Sartre included. Philosophy was an autonomous discipline, I was going to say closed in on itself, but that’s not right, since philosophy has always thought about cultural subjects that were proposed to it from elsewhere. It thought about God because theology proposed it. I also thought it about science because the whole system of our knowledge proposed this. Philosophy was an open discipline, but it had iits own methods, its own forms of reasonings and deductions. It seems to me philosophy is now disappearing. When I say it’s disappearing, I don’t mean we are coming upon an age where all knowledge eventually becomes positive. But I believe philosophy is being dissolved and dispersed into a whole series of activities of thought of which it’s difficult to say whether they are strictly scientific or philosophical. We are reaching an age perhaps of pure thought. After all, a discipline as abstract and general as linguistics, a discipline as fundamental as logic, an activity like literature, since Joyce, for exemple… Well, all these activities activities are perhaps of thought and they serve as philosophy. No that they take the place of philosophy, but they’re the very unfolding of what philosophy once was.

What is your idea of Man? 5:36

I believe that Man has been, if not a bad dream, a spectre, at least a very particular figure, very much historically determined and situated in our culture.

You mean it’s an invention?

It’s an invention! In the 19th and first half of the 20th century it was believed that Man was the fundamental reality of our interest. One had the impression that the search for the truth about Man since the Greek age had animated all research, perhaps of science, certainly of morality, and for sute of philosophy. When we look at things more closely, we have to wonder if this idea of Man as basically always existing and as there waiting to be taken up by science, by philosophy, by us. We habe to wonder if this idea isn’t an illusion, an illusion from the 19th century. Actually, until the end of the 18th century, roughly until the French Revolution we never dealt with Man as such. It’s curious that the notion of Humanism that we attribute at the Renaissance is a very recent notion. You can’t find the term ‚Humanism‘ earlier because Humanism is an invention of the 19th century. Before the 19th century, it can be said Man didn’t exist. What existed was a number of problems, a number of forms of knowledge and reflection, where it was a question of nature, a question of trooth, a question of movement, a question of order, a question of imagination, a question of representation, etc. But it wasn’t actually a question of Man. Man is a figure constructed near the end of 18th and beginning of the 19th century, whichb gave rise to what has been and still are called the human sciences. This new notion of Man invented at the end of 18th century also gave rise to Humanism, the Humanism of marxism, of Existentialism, which are the most obvious expressions currantly. But I believe that, paradoxically, the development of the human sciences is now leading to a disappearing of Man rather than an apotheosis of Man. Indeed, this is happening now with the human sciences. The human sciences did not discover the concrete core of the individual, positive kinds of human existence. On the contrary, when you study, for example, the behavioral structures of the family, as Lévy Strauss did, or when you study the great Indo-European myths, as Dumézil, or when you study the very history of our knowledge, you discover not the positive truth of Man. What one discovers are great systems of thought, of large formal structures which are like the soil in which individualities historically appear. This is why thought nowadays has entirely reversed from a few years ago. 9:22

I think we are currently experiencing a great break with the 19th and early 20th century. This break at bottom is experienced as not a rejection, but a distance from Sartre. I think that Sartre, who is a really great philosopher, but Sartre is still a man of the 19th century. Why? Because Sartre’s whole enterprise is to make Man in some way adequate to his own meaning. Sartre’s whole enterprise consists in wanting to find what in human existence is absolutely authentic. He wants to bring Man back to himself, to make Man the possessor of meaning, that could escape him. Nevertheless, Sartre’s thought is situated in philosophy of alienation. Whereas, we wish to do the opposite. We want to show not what is individual, what is singular, what is truly experienced as human, but a kind of glittering surface on top large formal systems and thought must now reconstruct these formal systems on which float from time to time the foam and image of human exístence.

 

Let me ask a question. How can any political outlook stem from your work?

Of course, this is probably the question posed to all forms of reflection that are destroying a myth and haven’t yet reconstructed a new mythology. For example, for a very long time, philosophy and theology maintained a kinship, where the role of philosophy was to define what morality or what policy we can and should deduce from the existence of God. When philosophy and the culture discoveres that God was dead, it was immediately proclaimed „If God is dead, all is permitted“ and „morality isn’t possible“. „If God is dead, what policy should we adopt or hope for?“ But experience has proven that moral and political reflection never had been more alive, more rich and more abundant than it had the moment we kne God was dead. And now that Man is disappearing, the same question is being raised, that had been formerly raised for God’s death: „If Man is dead, everything is possible!“ Or more precisely, we’ll be told that all is necessary. Whart was discovered by the death of God, what was discovered by this great absence of a supreme being was the very spave for freedom. What’s now being discovered by the disappearance of Man is a small gap left by Man which arises in the frame of a kind of necessity, the grat web of systems towhich we belong and are said to be necessary. Well, it’s probable that just there’s a space for freedom left by the death of God for grand political systems, grand moral systems, like Marxism, like Nietzsche, like Existentialism, to be build, so, we may see arise above this grid of necessities we’re now trying to navigate great political options, great moral options. I must say, even if wie don’t see it arise, after all, no one can prejudgethe future, it doesn’t matter if we don’t. It is being discovered in recent years that literature is no longer made to amuse, nor music just to provide visceral sensations. Well, I wonder if we won’t notice that thought can do something other than prescribe to people what they have to do. It would be quite nice if thought could come to entirely think itself, if thinking could unearth what is unconscious in the very depth of what we think.14:14