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Über die neue Weltordnung

Ein Gespräch mit Bruno Latour

https://www.arte.tv/de/videos/106699-001-A/im-gespraech-mit-bruno-latour-1-2/

Ich höre intensiv zu, wenn er über die Gaia-Theorie spricht (es ist keine Theorie, sondern Realität), es ist so einfach – etwa ab 20:00 : verglichen mit der früheren Vorstellung eines Planeten. Die Erde besteht aus vielen Elementen, und wir können nicht ins Zentrum eindringen, um uns das anzuschauen. Es gibt Instrumente, die uns erlauben, einiges zu verstehen, doch die kritische Zone ist nur eine dünne Schicht an der Oberfläche. Wir sagen, es geht uns um den Planeten Erde, aber wir sind nicht in diesem wunderbaren Planeten, wir leben nur auf einer ganz dünnen Schicht an der Oberfläche.

HIER Gespräch abrufbar bis 25.11.2022 / Wikipedia Artikel über Bruno Latour

(Film ab 49:00) Sie schreiben: Es ist seltsam, einerseits scheint es, als sei alles verloren und vorbei, andererseits, als habe noch nichts wirklich begonnen. Ist das Ihre Sicht der Dinge, für die Philosophie, die Politik, die Religion? Ich finde, wir befinden uns in einer wunderbaren Zeit. Obwohl es eine sehr schwere Zeit ist, in der sich die kosmologische Ordnung ändert. Aber schauen wir uns doch einmal frühere Zeiten an, in denen sich die Kosmologie verändert hat. 16., 17., 18. Jahrhundert, das war eine großartige Zeit. Da passierte sehr viel Interessantes in allen Bereichen der Kunst, der Wissenschaft und der Kultur. Das ist heute ähnlich, auch wenn wir von der Katastrophe etwas erdrückt werden. Denn wir erleben eine wahre Katstrophe, eine Tragödie, weil wir nicht rechtzeitig reagiert haben. Es eröffnet sich aber auch Neues auf wunderbare Art und Weise. (50:10) Der Philosoph soll neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Die Moderne hat uns in eine unbewohnbare Welt transportiert. Dieser Mythos vom Abheben und Davonfliegen, der ist verschwunden. Und das ist wunderbar. Es eröffnet sich eine Landschaft, eine neue Erde!

Die neue Weltordnung (Pressetext ARTE) Regie : Camille de Chenay, Nicolas Truong (2021)

Der französische Philosoph Bruno Latour hat ein Dutzend grundlegender Werke geschrieben, die mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet wurden. Im Laufe seiner Karriere hat Latour lange Interviews gemieden. Ende Oktober 2021 bat er Nicolas Truong, Journalist bei der Tageszeitung Le Monde, mit ihm seine 50-jährige Forschungsarbeit Revue passieren zu lassen.

Mit großer Finesse und einer Prise Humor greift Bruno Latour die wichtigsten Elemente seines Denkens auf und führt sie vor der Kamera weiter. Im ersten filmischen Gespräch erklärt Latour, wie die Welt sich verändert hat und warum die ökologischen Katastrophen uns zwingen, die „Parenthese“ der drei Jahrhunderte nach der Zeit der Aufklärung zu schließen. Bruno Latour stellt die Grundannahmen der klassischen Moderne konsequent in Frage. Die Forschung der Biowissenschaften habe in den letzten 50 Jahren zu neuen Erkenntnissen über die Mechanismen des Lebens auf der Erde geführt, aber das Wissen um die Fragilität der Ökosysteme habe keine Konsequenzen gehabt. Bruno Latour spricht von „Gaia, unserer neuen Erde“ und meint damit die dünne Kruste auf der Oberfläche des Planeten, auf der die Lebewesen in Symbiose leben. Die Bewohnbarkeit Gaias sei bedroht und wir müssten uns dieser Tatsache endlich stellen. Er fordert seit langem, wir müssten die Zerstörung der Erde stoppen, neue Existenzweisen erfinden und unsere Beziehungen zu allen Lebewesen überdenken.
Im zweiten langen Interview durchleuchtet Bruno Latour die Bereiche, die unsere Zivilisation strukturieren und uns Orientierung bieten. Er geht zurück zu den Wurzeln seiner philosophischen Arbeit und seiner Suche nach den menschlichen Mechanismen, die vorgeben, das „Wahre“ hervorzubringen. Bruno Latour bezieht die Wissenschaftssoziologie und Anthropologie mit ein bei seiner Beschreibung der „religiösen Wahrheit“, „theologisch-politischer“ Mechanismen und der Wege zur „wissenschaftlichen Wahrheit“, die sich von der „technologischen Wahrheit“ und der „Wahrheit des Rechts“ unterscheide. Jeder dieser Bereiche bringe Existenzweisen hervor, die sich neu erfinden müssten; und der „Kreislauf der Politik“ müsse in unserer Gesellschaft wieder seinen Platz finden.

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