Indien komponieren

Eine Entdeckung: Werke des Komponisten Kaufmann 

 

Walter Kaufmann: The Ragas of North India / Indiana University Bloomington 1968

Zur Erkennungsmelodie All India Radio 1936 bis 1948 Komponist: Walter Kaufmann

ZITAT

Kind courtesy of All India Radio. Uploaded for public viewing and to relive nostalgic time where we all grew up in!! All India Radio’s signature tune has been heard by hundreds of millions of people since it was composed in 1936. Somewhat improbably, the melody, based on raga Shivaranjini, was composed by a Czech man: Walter Kaufmann. He was the director of music at AIR and was one of the many Jewish refugees who found a haven in India from the Nazis. Kaufmann had arrived in India in February 1934 and ended up staying for 14 years. Within a few months of landing in Mumbai, Kaufmann founded the Bombay Chamber Music Society, which performed every Thursday at the Willingdon Gymkhana. At the performance pictured here, Kaufmann is at the piano, Edigio Verga is on cello and Mehta – the father of Zubin Mehta – is playing the violin. (Mehta is believed to be the violinist of the AIR tune too.)

Extern hier 0:46 Die Melodie erscheint – leicht persifliert – im Streichquartett Nr.11 wieder, s.u. Anfang Tr. IV.

Hinweis zur Melodik (Link zur Erläuterung des Ragas Shivaranjani hier / Hinweis auf  den pentatonischen Raga Bhupali, jedoch mit vertieftem Ga, bei uns notiert als Es)

Illustrierter Zeitungsbericht über die Geschichte der Erkennungsmelodie hier.

Über das Label CHANDOS hier (die folgende CD auch zu beziehen bei jpc). ARC bedeutet Artists of Royal Conservatory (Toronto, Canada).

! NEU ! 

Den hervorragenden Booklet-Text sollte man sich kopieren und vergrößern, damit er auch leicht zu lesen ist; denn es gibt viel zu lernen über die katastrophale Ära und diesen kreativen Menschen, der die Nazi-Jahre in Indien überleben konnte und aus dieser Begegnung das Beste überhaupt gemacht hat, was man in dieser Zeit als Musiker erreichen konnte. Zudem war er profund vorgebildet, da er in Berlin neben der Absolvierung verschiedenster praktisch-musikalischer Studiengänge (Schreker!) auch bei dem Musikethnologen Curt Sachs in die Lehre gegangen ist. (Ich stelle mir vor, dass mein Vater beiden dort hätte begegnen können…)

Der vollständige Text umfasst über 8 Seiten. Autor: Symon Wynberg (deutsche Übersetzung: Bernd Müller).

Ich stelle mir vor, es hätte nicht diese brutale Zäsur der Naziherrschaft gegeben, und es hätte durch Fluchtbewegungen und psychologische Entweder-Oder-Mechanismen nicht diese Nachkriegs-Entwicklungen gegeben, die schließlich durch den kulturellen und ideellen Nachholbedarf und (vielleicht) durch den systembildenden Übervater Theodor W. Adorno eine absolute Stringenz bekommen haben: Bartók und Strawinsky wären die zukunftsweisenden Komponisten geworden, dazu Persönlichkeiten wie Busoni, Janáček. und Ravel, um nur die bekanntesten hinzuzunehmen. Dieses nur einmal angenommen: Welche Rolle hätte ein Ohrenöffner wie Walter Kaufmann spielen können?  Er hat solche Ansprüche nie erhoben:

In gewisser Hinsicht war Kaufmann ein Opfer seines eigenen Fleißes. Er war unermüdlich produktiv – es ist fast unmöglich sich vorzustellen, wie er vor einem leeren Blatt Papier saß -, aber wenn ein Stück erst einmal fertig und aufgeführt war, wurde es rasch vergessen, wenn er sich dem nächsten Projekt zuwandte. Der Weg vom Komponieren zur Aufführung scheint ihm genug Lohn gewesen zu sein. Seine Produktivität ging einher mit einer großen Portion Selbstkritik. Sein Schwager Bill Lazer erinnert sich an Kaufmanns hintergründige Reaktion auf die Premiere der dreiaktigen Oper The Scarlet Letter, die Kaufmann 1959 fertiggestellt hatte. Als das Ensemble sich verbeugte und das Publikum jubelte, wandte sich Kaufmann zu ihm, zuckte die Achseln und meinte schlicht: „Nu?“

Quelle CD-Booklet Simon Wynberg