Schlagwort-Archiv: Beethoven op 127

Aktuelle Motivation

Heute Morgen

1 Neue Begeisterung für das Prinzip der Gewaltenteilung (Trump und die Gerichte) siehe auch hier („Westliche Werte“) und hier („Gewaltenteilung“ – der Link zum ZEIT-Artikel von Zielcke ist inzwischen nachgetragen!). Zwei Sätze, die den Tag erhellen, im Solinger Tageblatt: „Bleibt der neue Präsident seinem Stil treu (was sehr wahrscheinlich ist), fordert er ein Amtsenthebungsverfahren heraus. Es könnte ein grandioser Sieg für das demokratische Amerika sein.“ (Rolf Eckers)

2 Nachforschung über die Geschichte einer fortschreitenden Schamlosigkeit und die Verlotterung der Sprache (durch Entsinnlichung bzw Verlust der genauen Imagination), Anlass ist eine Floskel beim Eurovision Song Contest (ESC). Ich finde, im sexuellen Zusammenhang kann man über alles reden und alles benennen. Aber wenn jemand im Zusammenhang mit der Liedinterpretation einer jungen Sängerin sagt, sie müsse mehr Eier zeigen, vor einem Millionenpublikum – wie jetzt Tim Bendzko -, so ist das einfach ordinär und dumm, auch wenn es in einem entsprechenden Milieu längst nicht mehr auffällt. (Innerhalb eines Rap oder eines Schlagertextes – der „zum Milieu“ gehört -, wäre die schlampige Redensart längst akzeptabel. Aber im ESC-Kontext zeigt man in Kleidung und Gebaren, dass man – anders als sagen wir beim Wrestling – das Event nobilitieren will).

Zusatz 19.02.2017. Wahrscheinlich bin ich hoffnungslos zu spät mit meinem halbherzigen Aufreger. Nur der Vollständigkeit halber: Bei Markus Lanz am 15. Februar zitiert Waldemar Hartmann zum Gag Oliver Kahn, der gesagt habe: „da brauchen die auch mal ’n paar mehr Eier in der Hose!“ (15:26). Und ein Freund verweist auf die feministische Rapperin Rebecca Lane, die den Macho-Sprüchen des männlichen Publikums in Guatemala entgegenschleuderte: sie als Frau verfüge sogar über 10.000 Eier. Was ja weithin unbekannt ist. (Aber Vorsicht, nicht dass die Männerseite anfängt, mit der Anzahl der Spermien zu prunken.)

3 Wiederentdeckung eines Buches zur Entstehung der „christlich-abendländischen Kultur“ (siehe Artikel HIER im Zitat gegen Ende). Über den Autor bei Wikipedia:

Seine Forschungen beschäftigten sich mit dem Mittelalter (Mediävistik), insbesondere dessen Wirtschafts- und Sozialstruktur. Sein sozialgeschichtlicher Ansatz geht davon aus, dass Menschen innerhalb von sozialen Strukturen handeln, die ihr Handeln mindestens prägen, oft sogar festlegen. Ihn interessierten langfristige Entwicklungen, in die er einzelne geschichtliche Ereignisse und Personen einbettete. Sein Ansatz unterscheidet sich damit vom Ansatz des Historismus, wie er vor ihm üblich war, der mit dem Schlagwort ‚Männer machen Geschichte‘ gekennzeichnet werden kann.

4 Im Blick auf eine Quartettprobe am nächsten Dienstag setze ich die Beschäftigung mit Beethovens op. 127 fort. (Siehe hier und auch hier). Beim sonst so unfehlbaren Gerd Indorf  (2007 Seite 379)  fällt mir eine Bemerkung zum Thema des letzten Satzes auf:

(…) und die reine Diatonik des Themas wird beim dritten Mal (T.7) chromatisch gestört, indem die Themenquarte zum Tritonus gedehnt wird. Dieses Element harmonischer Emphase, das den volkstümlichen Charakter des Satzes in Frage stellt, wirkt noch bis in die allerletzten Takte (T.294ff.) des Satzgeschehens.

Keineswegs wird der „volkstümliche“ Charakter in Frage gestellt, im Gegenteil: er wird mit einer Eigenart echter Volksmusik konfrontiert: der erhöhten (lydischen) Quarte, (vgl. Brahms Sinfonie I alpenländischer Hornruf Einleitung Finale), und ein Ziel dieses Satzes ist vielleicht, dieses „Naturprodukt“, das als scheinbarer Fremdkörper auftritt, gewissermaßen ins Recht zu setzen.

In der phantastischen youtube-Aufnahme dieses Beethoven-Werkes mit dem Belcea-Quartett (https://www.youtube.com/watch?v=rKsuWK8bEtM) findet man den Satz, um den es hier geht bei 31:54, den Takt 7, in dem zum ersten Mal die lydische Quart auftritt, bei 32:02.

5 Mail-Nachricht, dass kommende Woche die „99 nubischen Lieder“ bei mir eintreffen. Siehe hier.

6 Die Blutbuche vor unserem Hauseingang (*1980). Freundlich in die Zukunft weisend. Oder etwa bedrohlich? Stürme der Zukunft… (Im Geäst könnte mehr Luft gemacht werden.) Im letzten Herbst kamen, geschätzt (und übertrieben), 1 Million Bucheckern herunter.

Buche Rotbuche Ulli 1980

Auf Wiedersehen & Auf Wiederhören!

Wie kam ich darauf? Ich hatte im Hotel in Bad Krozingen ein Bild mit einer Felsformation gesehen und fotografiert, bei der ich an eine seltsam abweisende Landschaft von Cézanne gedacht habe; diese wiederum war mir vor vielen Jahren in  einem Buch begegnet, in dem sie als Vergewaltigung der Natur gedeutet wurde. Und das suchte ich eilig (warum nur?) hervor, bevor ich heute morgen zur Quartettprobe abgeholt wurde. Nein, die Landschaften hatten keinerlei Ähnlichkeit, aber dann schlug sich plötzlich wie von selbst dieses ebenfalls nicht ganz angenehme (und dadurch faszinierende) Porträt auf, das ich vor einiger Zeit rekapituliert habe: nämlich hier. Ich ließ es aufgeschlagen … sagen wir … im Badezimmer liegen.

Gainsborough a Gainsborough b

Beethovens Quartett op. 127 ist von seinen späten Werken das, was ich am wenigsten kenne, nein: das ich sogar verdrängt habe, obwohl ich den langsamen Satz besonders liebte; damals, als ich alle Quartette dank des Zyklus mit dem Alban-Berg-Quartett mit Partitur und CDs studierte. Aufführung am 8. März 1989 in der Philharmonie. Es löste sich wahrscheinlich auf hinter meinem absoluten Lieblingswerk, das damals nach der Pause folgte: op. 59 Nr. 1. Jetzt habe ich manches nachgeholt und im Blick auf die Probe während der Krozingen-Reise unentwegt im Auto gehört (CD Auryn Quartet TACET 2004 Vol. 3), und je mehr es mir wieder näherrückte, desto besser verstand ich, weshalb es mir fremd geblieben war. Ich Esel! Ich habe trotz des langsamen Satzes den Gesang, das fortwährend singende Parlando, nicht verstanden. Und die vollkommene Leichtigkeit, den „Frohsinn“. Erst beim Spielen ging mir allmählich ein Licht auf. Und dann durch die Hinweise in der Literatur. Merkwürdig, dass man ohne die verbale Benennung dessen, was geschieht, oft sich selber im Wege steht. Es ist aber wie bei der Bildbetrachtung: man sieht vieles nicht. Sehen Sie zum Beispiel, was ich nie gesehen habe: sehen Sie, dass die vornehme Dame auf dem Bild von Thomas Gainsborough einen toten Vogel im Schoße hält?  (Vorsicht, vielleicht ist dies eine listige Falschinformation; benutzen Sie doch die Klickfunktion!)

Übrigens handelt es sich um ein durchgehendes Bild, die Unterteilung in der Mitte hat nur drucktechnische Gründe.

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Zu Beethovens Streichquartett op.127: Es gibt so viele lesenswerte Interpretationen, dass ich jedes Resümee vorläufig unterlasse. Zu verarbeiten sind neben Gerd Indorfs beiden Veröffentlichungen zu Beethovens Quartetten (abgesehen von den Kapiteln der Monographien von Riezler, Dahlhaus, Solomon) vor allem William Kinderman, Martin Cooper, Basil Lam (!), Joseph Kerman.

Gute Zusammenfassung im Text zu „Auryn’s Beethoven“ von Thomas Seedorf:

In keinem seiner vorangegangenen Quartette hat Beethoven jedoch dem langsamen Satz ein solches Gewicht und eine solche Ausdehnung gegeben wie in den Variationen in op. 127; nie zuvor hatte Beethoven im Kopfsatz eines Streichquartetts auf äußere Dramatisierung des musikalischen Geschenehens zugunsten einer alle Stimmen des Ensembles erfassenden Kantabilisierung verzichtet; kein anderes Scherzo war bislang aus so minimalistisch miteinander verstrickten Kleinstelementen erwachsen, kein Schlusssatz schließlich hatte je eine solche innere Ruhe bei äußerer Bewegtheit.

Nebenentdeckung: die Behandlung von op.128 „Der Kuss“, – ausgerechnet nach Lektüre der heutigen ZEIT betr. Sexualstrafrecht-Diskussion („Nein bedeutet Nein“), sehr besonnen: Sabine Rückert -, woraus folgen könnte: jetzt aber Schluss mit lustig, auch bei der Werk-Betrachtung!!! Wenn es nicht auch lustig wäre, sich dergestalt abzulenken. Bedenken wir doch Beethovens „strukturelles Konzept“.

Beethoven Der Kuss

Originalgedicht  hier

ZITAT

Grundlegender für Beethovens strukturelles Konzept und zugleich von essentieller Wichtigkeit für die Interpretation des Gedichts ist die Wortwiederholung, die Beethoven ausgiebig verwendet. (…) Dieser Vorgang der Ausspinnung einzelner Worte des Gedichts im Sinne einer größtmöglichen musikalischen und dramatischen Wirkung setzt sich in der zweiten Gedichthälfte fort. Vielsagend ist beispielsweise, wie grell und schrill die Worte „trotz ihrer Gegenwehr“ vertont sind.

Am wirkungsvollsten aber ist die Behandlung der beiden Schlußzeilen, die im Gedicht als Motto des gesamten Textes dienen. Chloe macht tatsächlich ihre Drohung wahr und schreit, allerdings erst lange, nach dem der Anlaß der Drohung, nämlich der Kuß, vorbei ist. Sie ist, natürlich, genauso erpicht auf den Austausch von Zärtlichkeiten wie der Dichter selbst, kann es sich aber nicht erlauben, auch so zu wirken. Diese Sprödigkeit und die Entlarvung weiblicher Kniffe enthalten ein ordentliches Quentchen Humor – und zugleich ein beträchtliches Problem für den Komponisten, der die Verse in Musik zu setzen versucht. Denn die Pointe des Gedichts wird weniger direkt durch die Worte erreicht, sondern vielmehr durch den Gedankenstrich, durch den der Dichter die vorletzte und die letzte Zeile voneinander trennt.

Quelle Beethoven Interpretationen seiner Werke (Hrsg. Riethmüller, Dahlhaus, Ringer) Wissensch. Buchgesellschaft Darmstadt 1996 Band 2 Seite 294: Ewan West: Klavierlied „Der Kuß“ op. 128

Der Kuß op 128

Für mich besonders bemerkenswert, weil hier der punktierte Auftakt vorkommt, den ich – jetzt ironisch akzentuiert – im Zusammenhang mit der „Marseillaise“ sehen möchte. Wie auch im dritten Satz von op.127. Von dort ein weiterer Gedankensprung: zu Bartóks Streichquartett Nr.VI, Satz II und darin die „Marcia“…

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Makowski Natur & Mensch Kindler 1983

(Vom toten Vogel S. 64 Autor: Bernhard Buderath)

Die verschlungen auslaufenden Beine des Bänkchens, die knorrigen Wurzeln, die sich in die Erde krallen, die Pfoten des Jagdhundes und Roberts Schnallenschuh zeigen das gemeinsame Formgefühl, dem die künstliche Einheit von Mensch, Tier und Landschaft entspringt. In der Art, wie der Hund, ebenfalls im Wechselschritt überkreuzt stehend und nach dem toten Vogel in Frances Schoß witternd, mit den Formen Roberts korrespondiert, verdeutlicht Gainsborough auch die Unterordnung des Tieres unter seinen Herrn. Die Richtung der witternden Hundeschnauze kreuzt die gesenkte Flinte, die äußerlich Robert als Jäger und damit Beherrscher seines Wildbestandes ausweist. Sie stimmt aber auch mit den verklausulierten erotischen Anspielungen des Bildes zusammen. In Verbindung mit den gebündelten Ähren, die ein Sinnbild der Fruchtbarkeit sind, der lässig geneigten Flinte und dem toten, leider nicht ausgeführten Vogel in Frances‘ Schoß mag der Maler auf die vollzogene Ehe anspielen. Dafür spricht auch, wie zwischen den beiden Bäumen rechts, die auffällig als Entsprechung der Vermählten die Balance des Bildes halten, ein drittes kleineres Bäumchen sich mit den beiden verzweigt und als Aufforderung zu oder Voraussetzung von bevorstehendem Nachwuchs gelten darf. Darin wird der Fortbestand der Familientradition gesichert. Denn auch das noch junge Leben der beiden wird einst hinfällig sein, woran Gainsborough durch den toten Vogel und die beiden abgestorbenen Bäume neben den kräftigen Baumgruppen in der Bildmitte gemahnt.

Quelle Henry Makowski / Bernhard Buderath: Die Natur dem Menschen untertan / verlegt bei Kindler, München 1983 / ISBN 3-463-00869-6 /