Schlagwort-Archiv: Salzburger Prüfungsfragen

Salzburger Antworten

Mit Rückversicherung (bei Reinhard Goebel)

Ich konnte nicht schreiben „Solinger Antworten“, denn manches blieb bei mir ja weiterhin sehr frag-würdig.  Außerdem saß ich hier nicht in Prüfungsquarantäne, sondern mit Büchern in Reichweite. (Daher die korrekten Jahreszahlen). Zur Identifizierung: unmittelbar hinter den Nummern von 1 bis 24 die Ausgangsfragen (siehe auch hier), eingerückt sind dann meine Antworten bzw. Mutmaßungen. In roter Schrift Prof. Goebels Korrekturen oder Bemerkungen, in blauer Schrift meine Reaktion (JR).

1. Auf wen bezieht sich die folgende Aussage, wer machte sie – eventuell auch wann : „Alle Manieren, alle kleine Auszierungen, und alles, was man unter der Methode zu spielen verstehet, druckt er mit eigentlichen Noten aus ….“

Johann Adolph Scheibe 1737 über Bach X

2. Auf wen bezieht sich die folgende Aussage, wer machte sie – und eventuell noch wann: „In seiner Jugend bis zum ziemlich herannahenden Alter spielte er die Violine rein u. durchdringend u. hielt dadurch das Orchester in einer größeren Ordnung, als er mit dem Flügel hätte ausrichten können. Er verstand die Möglichkeiten aller Geigeninstrumente vollkommen.“

Das schrieb Carl Phil. Emanuel Bach 1774 über seinen Vater an J.N. Forkel, den Biographen X

3. Geben Sie eine kurze Beschreibung der drei Violinkonzerte Bachs: BWV 1041, 1042 & 1043. Tonarten, Folge der Tempi und ihrer Taktarten.

A-moll, E-dur, D-moll

A ohne Bezeichnung 2/4 – Andante C – Allegro assai 3/4

E ohne Bezeichnung C – Adagio 3/4 – Allegro assai 3/8

D Vivace C bzw. Alla breve (erläutern Sie das Problem) – Largo ma non tanto –12/8 Allegro 3/4

4. Wer ist der Verfasser einer französischen Violinschule, die inhaltlich Jean Marie Leclair am nächsten steht ? und warum ?

L’Abbé le Fils – „Principes du Violon pour apprendre le doigté de cet Instrument, et les différens Agrémens dont il est susceptible“ (1761) Er hat bei Leclair Geige studiert. treize bien

Nachfrage: ist das Dein Ernst? quatsch: ´türlich muß es Très Bien heißen – ich wollte Dich phoppen…..

Mozart Violinschule Mozart Titelblatt innen JR 24.XII.1969

5. Wieviel Auflagen von Leopold Mozarts Violinschule erschienen zu Lebzeiten des Autors – und wodurch/worin unterscheiden sie sich? Welche Auflagen liegen im faksimilierten Neudruck vor?

1. Auflage 1756, 2. Aufl. 1769 (Notenbeispiele verändert) , 3. Auflage 1787 (Todesjahr), Text identisch, nur neuer Titel. Diese 3. Auflage = Faksimile-Druck seit 1968  die erste Auflage gibt es leider auch…

6. Wer ist der wirkliche Autor des gesamten Teils der Flötenschule von Quantz – und wer sind die „zweene berühmte lombardische Violinisten“ die dort auf Seite 309 erwähnt werden.

a) Johann Fr. Agricola er ist der ghostwriter von Pisendel

b) Pietro Locatelli, Pietro Nardini ?? Vivaldi & Tartini !!

Nachfrage: ghostwriter? Wer für wen? Pisendel war der Aussagende, Agricola der Notierende und Quantz der publisher!

Quantz

7. Nennen Sie den Verfasser einer englischen Violinschule um 1700 und auch den der wichtigsten italienischen Schule des finalen 18. Jhdts.

a) John Lenton: The Gentleman’s Diversion (1693) – Du fuddelst ! woher weißt Du DAS ???

Von hier: https://en.wikipedia.org/wiki/John_Lenton ich habe das Werk nie mit eigenen Augen gesehen…

Lenton Orig-Seite und nun doch!

b) Bartolomeo Campagnoli „Metodo per violino“ op. 21 (1797) Galeazzi, ganz toll, ganz groß, gantz wichtig !!

Das wollte ich zuerst auch schreiben, aber dann dachte ich: für das kompositorische Wissen der Zeit JA, aber für die Geige weniger. Allerdings kenne ich auch dies gar nicht richtig, außer vom Durchblättern bei IMSLP. Siehe hier (2. Auflage):

Galeazzi

8. Wann und von wem wird zum ersten Male die Kinn-Klemmhaltung der Violine beschrieben/empfohlen…und in welchem violin-technischenZusammenhang ?

Louis Spohr: Violinschule (1833) Erster Abschnitt, Vom Bau und den einzelnen Theilen der Violine / soll der Erleichterung des Lagenwechsels dienen

Prinner, Musicalischer Schlüssel 1668 !!!

Aber wer ist das denn, um Himmels willen? Seit eben kenn ich’s: Aber – dank IMSLP – nur in einer französischen Übersetzung durch Fabien Roussel 2016

9. In wievielen/welchen Sprachen wurde WANN das Vorwort zu „Florilegium Secundum“ von Georg Muffat publiziert, was ist das Problem des deutschen Vorworts und was können Sie über die Rezeption dieses Druckes im 18. Jhdt. berichten ?

1698 viersprachig: deutsch, italienisch, französisch, lateinisch

Problem des deutschen Vorwortes ???? JR Fehlanzeige

man kann es nicht mehr verstehen, es muß ins moderne Hochdeutsch übersetzt werden…

Muffat Florilegium Titelblatt

10. Was bedeutet „contr´arco“ – und nennen Sie eine prominente Erwähnung dieser Technik.

= „mit umgekehrtem Bogenstrich“ so isset

11. Was bedeutet in vor-metronomischer Zeit „tempo ordinario“ in Bezug auf 3/8, 3/4 und 3/2?

JR ??????????????????????????? Janovka, alle Mannhoch bis Beethoven: schnell, mittel, langsam….

Der genannte Name war mir sowas von unbekannt! Ist es wohl der folgende:

https://cs.wikipedia.org/wiki/Tom%C3%A1%C5%A1_Baltazar_Janovka Hier ???

12. Nennen Sie die für das frühe 18. Jhdt. verbindliche Ordnung der Tempostufen : entweder abwärts vom Allegro – oder aufwärts vom Grave.

adagio – andante – tempo ordinario – vivace – vivace kommt zwischen andante und allegro svp presto

13. Was meint Händel mit „andante allegro“ und „andante larghetto“ ?

????????????? bin nicht sicher…

das gleiche, was Mozart und JChrBach mit dem nächsten meinten – Andante piu tosto

14. Was meint Mozart in der Sinfonie C-Dur KV 338 mit „Andante piu tosto allegretto“ – und JChristian Bach in der Sinfonie g-moll (es gibt nur eine ) mit „Andante piu tosto Adagio“ ?

Ein Andante, das dem Allegretto nahekommt / ein Andante, das dem Adagio nahekommt bene

15. Nennen Sie uns Werke für drei Violinen und Basso Continuo – oder auch Werke für drei Violinen und „Orchester“.

Vivaldi Concerto für 3 Violinen und Orchester F-dur

Telemann Concerto für 3 Violinen und Streicher F-dur (Musique de table)

bitte ein paar mehr : Pachelbel Canon & Gigue, Purcell Fantazia

16. Nennen Sie uns Werke für vier obligate Violinen …in jeglicher  Kombination.

Telemann: 4 Concerti für 4 Violinen RV 551

17. Die Partitur von Bachs „Brandenburgische Konzerten“ wurde in welchem Jahr geschrieben, die „Musique de Table“ von Telemann wann ? (die Urform) von Bachs h-moll-Messe ??

Bach: 1721 / Telemann 1733 / Bach h-moll-Messe 1733 (Kyrie, Gloria) X

18. Beethovens Violinkonzert Opus 61 wurde im Manuskript welchem Geiger dediziert ?

Franz Klement / später: (im Druck) Stephan von Breuning Clement bitte mit C

Ja, stimmt. Ich hatte den Programmzettel der Uraufführung im Sinn, da hat er selber nicht aufgepasst: oben mit K und unten mit C geschrieben.

Klement Clement

19. Geigende Frauen des 17. und 18. Jhdts svp.

Anna Maria dal Violin (unter Vivaldi), Regina Strinasacci (siehe hier), die Tochter von Biber, Magdalena Sirmen (siehe hier)

20. Welches Instrument konnten Frauen problemlos spielen – ohne gesellschaftliche Ächtung zu erfahren ?

Klavier (Pianoforte)

21. Warum siegte im Kampf zwischen Violine und Viola (da gamba) die Violine?

Wegen wachsender Professionalisierung der Musik im frühen Bürgertum. Bundlose Instrumente siegten, die eines flexiblen, starken, sauberen und virtuosen Spiels fähig waren.

wegen der Quintstimmung und der Tatsache, daß jede Dur-Tonleiter grifftechnisch in zwei absolut identische Hälften zerfällt… deshalb hat Dur den Sieg auch über alle Kirchentonarten davongetragen…

Meinst Du wirklich, dass die Grifftechnik der Streicher einen Einfluss auf den Untergang der Kirchentonarten hatte?

aber Un-Be-Dingt !! Tonleitern auf Gambe: jede hat nen anderen Fingersatz, gebrochene Akkorde: jedesmal was anderes…unmögliches Instrument ! Kadenz auf Violine D – G – A – D : 3 – 3 – 0 – 0

22. Wer spielte im orchestralen Regelfall „um Bach“ die Sonder-Instrumente wie Violine Piccolo, Viola d´amore und Viola pomposa/Violoncello piccolo ?

J.B. Volumier (Woulmayer) / J.G. Pisendel nein!

Immer der Konzertmeister, womöglich he himself…

23. Warum widersprechen sich moderne „Urtext-Ausgaben“ in genau jenen Details, die dem Ausführenden so wichtig sind ?

weil jeder Musikwissenschaftler anders  „liest“…

24. Ist „Stimmtonhöhe“ generell ein Kriterium – oder nur in spezieller Anwendung – wenn ja: warum ?

????????

für Sänger ja, für Instrumentalisten eher nein, für Hörer manchmal….

Dank an Reinhard Goebel für die Geduld!

Goebel Website Screenshot zur Website hier!

Nachwort JR

Wie trocken ist diese Materie eigentlich? Muss man das alles wirklich wissen, um begeistert Musik zu machen und um andere für diese Musik zu begeistern?

Wer das Feuer nicht hat, dem nutzt das Wissen wenig. Aber das Problem ist, dass heute jeder in etwa weiß (zu wissen glaubt), wie „Alte Musik“ klingt, und zwar aufgrund von tausend Aufnahmen zahlloser Alte-Musik-Ensembles. Aber nicht aus der Kenntnis der Quellen und aus eigenem Nachdenken über den Geist und die Praxis der damaligen Zeit. Was bedeutete Kunst damals und was haben wir heute dagegen- oder daneben-zu-setzen? Welche gedankliche Übersetzungsarbeit ist zu leisten, und welche Zusatz-Energie müssen wir investieren, um das heutige Publikum zu erreichen, wenn kaum noch jemand mit Hilfe eines Instrumentes in die klassische Musik hineingewachsen ist. Da helfen keine Überredungskünste. Das schreckliche Defizit darf durchaus empfunden und nicht schöngeredet werden. Aber man redet heute viel von Emotionen, als kämen sie aus dem Nichts und aus dem Nichtstun. Es darf kein Zweifel daran bestehen, dass der Eifer des Wissens und der Erkenntnis für die allergrößten Emotionen sorgt.

Neulich habe ich den Text gelesen, den Reinhard Goebel zur Neuaufnahme der Brandenburgischen Konzerte geschrieben hat (siehe hier). Und wenn mich jemand nach der ersten Seite gefragt hätte, was ich denn da gelesen habe, es wäre des Stammelns kein Ende gewesen. Ja, welcher Markgraf nochmal … und welche … Cembalo-Werkstatt … und überhaupt????

Und erst am Ende weiß ich recht, was diese Leute antreibt, jetzt und damals! Hören Sie nur diese riesige Cembalo-Kadenz im V. oder dieses tödlich-traurige Adagio im Jagdgetümmel des I., und bedenken Sie, was hinter solcher Musik und solchen Interpreten steckt.

Die Verve, die mich im Umgang mit diesem Zyklus immer ergriff, wurde seitens der Musiker grandios beantwortet: es waren nahezu orgiastische Aufnahmesitzungen, immer wieder sprühten die Funken und verglühten die Probleme… Möge diese Hitze für die nächsten 30 Jahre ausreichen, um die Menschen von der alles überstrahlenden Kraft dieser einzigartigen Konzerte zu überzeugen!

(R.G. am Ende des Booklettextes)