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Mystisches Hören?

Nichts für Zweifler

HÖREN Farmer Zitat

Quelle Musikgeschichte in Bildern Band III: Musik des Mittelalters und der Renaissance / Lieferung 2 / Henry George Farmer: ISLAM VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig / ohne Jahr (JR Juni 1967 nach der Orient-Tournee + Wechsel der Studienrichtung). Zitat aus Einleitung Seite 8.

Ich habe in frühen WDR-Sendungen häufig daraus zitiert (z.B. ab „Wir Europäer“), um anzudeuten, dass orientalische Musik eines besonderen Hörens bedarf. Eine gute Ermahnung zweifellos, aber zugleich eine, die zu einer völlig falschen Hörerwartung führen kann (indem sie den Verstand auszuschalten sucht). Das wusste ich auch damals schon, aber ich dachte, es kann nicht schaden darauf hinzuweisen, dass man fremder Musik keinesfalls mit einem Spontan-Urteil begegnen sollte. Im Grunde habe ich vor allem an Geduld, Gewöhnung und Wiederholung (Übung) geglaubt. Mit anderen Worten: an kulturelle Prägung. Nicht mystische Einweihung oder Erleuchtung. Und erst recht keine Trunkenheit. Aber was nur soll denn das sein: Musik per se ???

Was fällt Ihnen zu dem Thema ein – innerhalb unserer Kultur? Vielleicht das berühmte Miserere von Gregorio Allegri.

Eine Zwischenfrage also: macht Sie das folgende Video (samt Audio-Anteil) frömmer … oder musikalischer? Oder beides? Oder beides nicht?

Stichworte:

Suggestion des Raumes und des Lichtes (Vorstoß in höchste Höhen, räumliche Entsprechungen, Koordinaten), mittleres Predigerparlando, Wiederholungen, Erfahrungen des Christentums, Hoch und Tief, Irdische und Himmlische Musik, Ek-stase, Bachs „Musik für die Himmelsburg“… Mozarts, Mendelssohns frühe Begegnung mit dem Miserere von Allegri, Entzauberung = Entschlüsselung der Harmoniefortschreitungen. Mysterium der Geheimhaltung.

Kürzlich erhielt ich eine Mail von Peter Pannke , in der sich der Indien- und Sufi-Kenner kritisch zu einem Blogartikel äußerte und zur Erläuterung ein Gespräch beifügte, das Hinweise zum Musikhören enthält. Zu meiner Überraschung begegnete ich hier auch dem Mystiker wieder, den ich aus  Henry George Farmer’s oben wiedergegebenem Islam-Text kannte: Al-Hujwiri.

ZITAT

Wie weit ist es den außerhalb der Sufi-Tradition Lebenden und mit ihren Inhalten nur wenig oder gar nicht Vertrauten überhaupt möglich, diese Musik und Gesänge „richtig“ hören?

PANNKE: Es geht immer um kulturelle Muster, Hörgewohnheiten und Hörerziehung. Je mehr man durch ständiges Hören mit einer Musik vertraut wird, desto mehr kann man entschlüsseln. Ich habe häufig indische oder pakistanische Musiker zu Gast und gehe mit denen auch in die Philharmonie oder zu Pop-Konzerten und bin jedesmal überrascht, was sie dabei wahrnehmen oder wie sie das entschlüsseln. Es gibt eine Ebene von Hören, die kulturell und lernbedingt ist. Aber gleichzeitig besteht noch eine andere Ebene. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es innerhalb jeder Kultur Menschen gibt, die einen spontanen Zugang haben zu dieser Musik und sie entschlüsseln können, also die kalligrafische Bewegung der Töne in einem dreidimensionalen Raum wahrnehmen. Anderen gelingt das nicht. Sie hören nur eine Monotonie. Dieser Unterschied ist nicht kulturell bedingt, sondern hängt vom Einzelnen ab.

Als Europäer sollte man in Erwägung ziehen, dass es Formen der Vermittlung von Traditionen, von Wissen, von Erkenntnis gibt, die anders sind, als die ihm vertrauten und die eben durch das Hören funktionieren. Wenn mir in Europa jemand eine Geschichte erzählt, stelle ich dabei einen qualitativen Unterschied fest zu dem Empfinden, wenn mir in Pakistan ein Musiker eine Geschichte erzählt, die er wirklich glaubt und die er auch so erzählt, als ob er sie selbst erlebt hätte und in der er lebt und die deshalb eine andere Form von Energie vermittelt. Man spürt das existenzielle Interesse. Die Kommunikation ist in der pakistanischen Kultur, wo Literatur immer als etwas Klingendes betrachtet wird, viel mehr auditiv als in unserer. So ist es zum Beispiel bei uns kaum mehr üblich, Gedichte zu lernen und zu rezitieren. Aber indem wir diese Fähigkeit nicht mehr entwickeln, verlieren wir auch einen gewissen kulturellen Zugang. In Pakistan sind die Texte von Shah Latif ein lebendiges Gut, das die Menschen jederzeit abrufbar haben.

Würden Sie sagen, dass das Hören in der östlichen Kultur generell einen höheren Stellenwert besitzt als in der westlichen?

PANNKE: Es war für mich eine sehr interessante Erfahrung, mich mit dem Phänomen des Hörens und der Einsicht, wie man durch Hören zu Erkenntnis kommt, innerhalb der islamischen Kultur auseinanderzusetzen. Ich machte dabei eine ganz ungewöhnliche Entdeckung. Ali al-Hujwiri, der Stadtheilige von Lahore, dem ein gigantischer Schrein gewidmet ist, den jährlich Millionen Besucher aufsuchen, schrieb ein Buch mit dem Titel „Kashf-al-Mahjub“. Dieses Buch wird in der Literatur häufig zitiert, weil Hujwiri darin viele Details erläutert wie etwa die Bedeutung der Flicken auf dem Derwischgewand und Ähnliches. Unter anderem wird Hujwiri mit der Aussage zitiert, dass es keine Etymologie für das Wort Sufismus gibt. Schlägt man nämlich irgendein Buch über den Sufismus auf, kommt man bereits nach wenigen Seiten an eine Stelle, wo es heißt, Suf bedeute Wolle, das verweise auf das Gewand der Asketen und daher stamme der Begriff Sufismus. Diese Erklärung existierte bereits im 12. Jahrhundert und Hujwiri kritisiert diesen etymologischen Ansatz. Seiner Darstellung zufolge liegt der Ursprung des Begriffs vielmehr auf klanglichem Gebiet. Entscheidend ist also die Klangzusammenstellung des Wortes Suf und nicht seine Bedeutung.

Diese Aussage weckte mein Interesse und so ließ ich mir das Buch über Fernleihe kommen. Es gibt in Deutschland nur ein einziges Exemplar, eine Übersetzung von Nickelsen, die 1923 erschien. Als ich das Buch in Händen hatte, stellte ich fest, dass es vor mir noch niemand gelesen hatte. Die Seiten waren nicht einmal aufgeschnitten. Ich stellte aber auch fest, dass es eines der faszinierendsten Bücher ist, die ich je gelesen habe. Die ursprüngliche Fassung ist in Persisch geschrieben, in einer sehr verschlüsselten Sprache mit vielen Bedeutungsebenen. Offensichtlich geht es um die Vermittlung eines Codes innerhalb eines Ordens. Im Schlusskapitel setzt Hujwiri sich mit dem Erlebnis des Hörens auseinander. Er erörtert das gemeinsame Hören von Tönen als spirituelles Erlebnis der Sufi-Zusammenkunft. Aus dem Indischen kenne ich die ungeheuer komplexe Philosophie über die Entstehung von Gedanken und Sprache durch Hören. Aber ich wusste nicht, dass es eine Entsprechung im islamischen Bereich gibt. Genau wie die Inder klassifiziert Hujwiri das Hören als höchste Sinneserfahrung. Sein Buch ist für mich ein zentraler Text der Menschheitsgeschichte, der eigentlich in jedem philosophischen Seminar gelesen werden sollte. Aber leider kennt ihn niemand.

Quelle privat, ©Peter Pannke

*  * *

Als ich dieses Interview las, schien es mir zunächst wie eine Bestätigung meiner schlichten These von der kulturellen Prägung des Hörens. Um so mehr interessierte es mich, als es dann in eine andere, subjektiv orientierte Richtung weiterging:

 Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es innerhalb jeder Kultur Menschen gibt, die einen spontanen Zugang haben zu dieser Musik und sie entschlüsseln können, also die kalligrafische Bewegung der Töne in einem dreidimensionalen Raum wahrnehmen. Anderen gelingt das nicht. Sie hören nur eine Monotonie. Dieser Unterschied ist nicht kulturell bedingt, sondern hängt vom Einzelnen ab.

Um welche Musik es sich handelt, wird nicht weiter spezifiziert. Die interkulturellen Begegnungen finden in der Philharmonie statt, oder (!) es sind Popkonzerte. Handelt es sich „in der Philharmonie“ um differenzierte Werke der klassischen westlichen Geschichte? Ein Sinfonie-Konzert zum Beispiel? Auf der einen Seite indische (oder pakistanische) Musiker, die keine Erfahrung mit dem Hören westlicher Klassik haben, auf der anderen Seite – ein typisches Werk dieser Tradition, nehme ich an – sagen wir: die vierte Sinfonie von Brahms, und schon möchte ich schwören: es gibt keinen spontanen Zugang, keine „Entschlüsselung“ durch den fremden Rezipienten. Unmöglich. Könnte es sich nicht um eine allzu euphemistisch projizierte Deutung von Seiten des „Versuchsleiters“ handeln? Zumal schon etwas wolkig von einer kalligrafische[n] Bewegung der Töne in einem dreidimensionalen Raum statt von einem komplexen Musikwerk die Rede ist. Man verzeihe mir, wenn ich gerade von einem erfahrenen Wanderer zwischen den Welten detailliertere Beschreibungen seiner Erfahrungen und Beobachtungen erhoffe.

Im Fall eines Popkonzertes könnte man die Äußerungen, sofern sie sprachlich eindeutig sind, wahrscheinlich positiver einordnen: da gibt es vom Gestischen über den Rhythmus bis zu formal auffälligen Momenten der Musik (Refrains) zahlreiche überkulturell identifizierbare und deutbare Eigenheiten. Zumal die harmonischen Eigenarten der Popmusik – verglichen mit Klassik – zumeist klischeehafter in Erscheinung treten und selten bedeutungstragend sind.

Über das Hören jedoch, das Hudjwiri in seinem Buch offenbar zum Thema macht, kann ich mir kein Urteil erlauben. Ich würde zumindest unterscheiden wollen, ob es sich um Einzeltöne als akustische Erscheinung (von außen) handelt oder ob man sie selbst hervorbringt, vielleicht sogar mit eigenen Körperbewegungen verbindet. Wiederum anders läge der Fall, wenn (s.o.) „das gemeinsame Hören von Tönen als spirituelles Erlebnis der Sufi-Zusammenkunft“ gemeint ist. Daran ist vermutlich fast alles in langen Jahren eingeübt und aufeinander abgestimmt!

Das Hören im westlichen Konzertsaal, in einer gleichgestimmten (?) Gemeinschaft, ist ja ebenfalls eine mit den gesellschaftlichen Konventionen eingeübte Erfahrung, aber wiederum eine andere als etwa das einsame (?) Musikhören mit Kopfhörern, zuhaus in einem stillen Zimmer, nicht unbedingt „völlig losgelöst“, aber vielleicht im verschärften Elitebewusstsein, – wie auch der Eremit. Und all dies ist vorgeprägt durch Erziehung, fremde Einwirkung, durch erworbene oder durch teilweise bzw. weitgehend selbstgesteuerte, ja: erarbeitete Rahmenbedingungen.

So auch die ebenfalls westliche Hörweise, die im nachfolgenden Zeitungsartikel (heute, 6. November) zum Ausdruck kommt. Sie hat mit einer restriktiven Popmusik-Sozialisierung zu tun – die klassischen Erfahrungen fehlen, trotz der studienbedingten Fähigkeit, sie zu etikettieren, – was ich schon aus Fairnessgründen unkommentiert lassen möchte. Hat also wiederum mit einem Gemeinschaftsgefühl zu tun, mit dem jugendlichen Bewusstsein, einer Neuen Welt anzugehören und die klassische Welt mit einem sterilen Akademismus gleichzusetzen, also: auszuschließen. Verständlich die nicht weiter reflektierte Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, „in der tobenden Menge eines Rockkonzerts“ abzugehen. Es geht überall ums Leben.

Rheinische Post Klassik bzw Gegw a

Sufis, Mystik und Musik

Von der Süddeutschen Zeitung hätte man sich am 6. August  leicht (allzu leicht) überzeugen lassen können, „Warum der Sufismus gar nicht so friedlich ist“, in einem Artikel von Stefan Weidner, nachzulesen HIER. Und ich erinnerte mich bei der Lektüre, dass ich die Mystik in meinen jungen Jahren für einen unanfechtbaren Bereich gehalten habe, nicht ahnend, welche Bundesgenossen man sich damit unvermerkt einhandeln kann. Sachliche Grundlagen für eine Selbsttherapie, die auch die deutsche Romantik und die eigenen 50er und frühen 60er Jahre einbezog, lieferte erst Rüdiger Safranski mit seinem Buch zur Romantik als „einer deutschen Affäre“. Viel später auch die Behandlung des Themas „Mystik und Totalitarismus“ in den Böhme-Studien des Weißensee-Verlags.

All dies im Sinn, hätte ich mich dennoch nicht auf eine Verdächtigung des Sufismus im oben angegebenen Artikel einlassen dürfen, zumal ich schon an anderer Stelle die Position Stefan Weidners fragwürdig gefunden hatte (siehe hier).

Nun ist glücklicherweise eine Entgegnung aus berufenem Munde erschienen. Ilija Trojanow schrieb in der FAZ über den Sufismus als den größten Feind des islamischen Extremismus; er beschreibt ihn als undogmatisch, friedfertig, künstlerisch: „Der Sufismus ist ein Gegenmittel zu Gewalt und Engstirnigkeit der Orthodoxie. Warum der Westen die noch vielerorts lebhaften Traditionen unterstützen und fördern sollte.“ Man kann auch diesen Artikel, der sich explizit auf Weidners Invektiven bezieht, im Internet nachlesen: HIER.

Ich habe Peter Pannkes 1999 erschienene Dokumentation über die Sufis im Industal und ihre Musik wieder durchgeblättert, finde alles ebenso beeindruckend wie damals und im Text des Nachwortes unverändert gültig, zumal auch Grenzen der Identifizierung angedeutet sind. Und wir haben inzwischen zur Genüge gelernt, dass die lebendige Kraft der Sufis nichts gegen blinde Bombenleger ausrichtet:

Wir allerdings könnten von ihnen etwas lernen. Daß es ein Land gibt, in dem die Lehre der Sufis eine lebendige Kraft darstellt, ist im Westen nahezu unbekannt. Einerseits erscheinen sie in westlichen philologischen und literaturhistorischen Darstellungen als Relikt einer fernen Vergangenheit, die für die Gegenwart nicht mehr relevant ist. Dabei wird vergessen, daß es sich um eine vorwiegend mündliche Überlieferung handelt, die nicht in Büchern weiterlebt, sondern im Gedächtnis der Menschen. Die Verse der historischen Sufi-Dichter haben deshalb keine endgültige Gestalt, sondern verändern sich immer wieder; deshalb sind sie hier auch so wiedergegeben, wie sie gesungen werden. Andererseits ist das Umfeld der Schreine gerade in den letzten Jahren auch in Pakistan mehr und mehr Gegenstand der Kritik geworden. Feudale Strukturen wurden und werden nicht nur von Politikern und Großgrundbesitzern, sondern oft auch von den Nachfolgern der Pirs und Sufi-Heiligen weitergetragen, und diese werden mit recht in Frage gestellt. Doch dies ist nicht das Thema dieses Buches. Eine mißliche Folge dieser berechtigten Kritik ist allerdings, daß westliche Journalisten, ohne den kulturellen und sozialen Hintergrund wirklich recherchiert zu haben, bisweilen die Sufi-Kultur im allgemeinen und die Urs-Festivals im besonderen als eine völlig degenerierte Angelegenheit darstellen, die jede geistige Substanz verloren hat. Ich hoffe, daß dieses Buch dazu beitragen kann, auch dieses Zerrbild zu korrigieren.

Peter Pannke

Pannke Pakistan Sufi

Ilja Trojanow im oben verlinkten Beitrag:

Die sufistischen Meister haben bei aller pluralistischen Differenz stets betont, dass Wissen sich ewig verändert und wandelt und die wahre Natur der Realität hinter dem Sichtbaren zu suchen ist, hinter den herrschenden Annahmen, Urteilen und Regeln. Eine unideologischere Haltung kann man sich kaum vorstellen. Passend dazu die intellektuelle Waffe des Humors, anhand der Lehrgeschichten des Schelms Nasreddin Hodscha etwa, der eines Tages gefragt wurde, wie sein religiöses Dogma laute. „Das hängt davon ab“, antwortete er, „welche Häretiker gerade an der Macht sind.“

Bei der Wendung über „die wahre Natur der Realität hinter dem Sichtbaren“ kommt mir einiges in den Sinn, was ich versucht habe, hier zu thematisieren. Zugleich sei der allerletzte Satz des Trojanow-Artikels hervorgehoben:

Denn die baldige Säkularisierung der islamischen Welt ist eine Fata Morgana.

Nachtrag 8. Sept. 2016

„Faustkultur“ (siehe hier)

Ein sehr interessantes Gespräch in diesem Zusammenhang betrifft die neue Situation in Indien. Die Journalistin und Indienkennerin Claire Lüdenbach (CL) befragt den Schriftsteller Pankaj Mishra (PM):

CL: Wenn ich die Musiker gefragt habe, ganz gleich, ob Hindu oder Muslim, keiner machte einen Unterschied zwischen den Religionen. Sie verstanden sich als Sufis, wurde mir häufig gesagt. Da nun aber ein Sufi-Musiker in Pakistan ermordet wurde, fragt man sich, wie lange diese Einheit noch dauern wird.

PM: Die Welt war immer schon ein Ort, auf dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen sich vermischten und Kunsttraditionen gründeten. Der moderne Nationalismus hat neue rassische, ethnische Unterschiede eingeführt und betont mit dem Begriff der Staatsbürgerschaft eine bestimmte Form der Identität. Das ist für manche Leute ein Fortschritt. Aber wenn man sieht, was im 19. Jahrhundert passierte, als die Idee der Staatsbürgerschaft entstand: Die größten Opfer waren die Juden. Obwohl sie eingeladen wurden, Staatsbürger zu werden, wurden sie gleichzeitig stigmatisiert. Denn in dem ganzen Prozess der Nationalisierung wurde die Identität wichtig. Wie wir wissen, baut Identität vor allem auf die Identifizierung des anderen. Erst dann identifizierst Du Dich selbst. Mit diesem etablierten Beziehungssystem, glaube ich, so etwas wie die Sufitradition, die aus Vermischung und unbefangener Beziehung zur Religion und der Welt im Ganzen besteht, diese Traditionen sind unmittelbar bedroht von Fundamentalisten auf beiden Seiten.

Das ganze Gespräch und die Hinführung zu den Büchern des Autors Pankaj Mishra ist höchst aufschlussreich, vor allem was den Blick auf Indien in der heutigen Weltsituation (Beispiel Brexit) betriff. Noch einmal der Link: hier.

Nachtrag 31. Okt. 2017

Am 31.10.2017 um 17:57 schrieb Peter Pannke:

Lieber Herr Reichow,

selten im Netz, stieß ich erst jetzt auf ihren Blog, der faszinierende Lektüre verspricht. Die Kontroverse zwischen Weidner und Trojanow, die Sie erwähnen, beruht auf einem terminologischen Mißverständnis. „Sufismus“ ist eine deutsche Wortprägung vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Es gibt „den Sufismus“ oder „die Sufis“ ebenso wenig wie „die Christen“, „die Muslime“ etc. In der Tat gab es Sufiorden, die eine zweifelhafte politische Rolle gespielt haben und weiter spielen. Erdogan ist z.B. ein Mitglied des Nakhshbandi-Ordens, wie auch Musharraf. Die „Sufisten“ – welch groteskes Wort – als Bundesgenossen des Westens im Kampf gegen den Extremismus gewinnen zu wollen, beruht m. E. auf Überheblichkeit und Unkenntnis der Lage.

Herzliche Grüße

Peter Pannke

HINWEIS JR

Im Zusammenhang mit diesem Mailwechsel hat mir P.P. freundlicherweise noch das Skript eines Interviews zukommen lassen, das er zum Thema „Spirituelles Hören“ gegeben hat. Ich habe einen Teil davon in einem neueren Artikel abgedruckt und mich damit beschäftigt, siehe HIER.