Schlagwort-Archiv: Purbayan Chatterjee

Aktuelle Fenster in die Welt

Musik Landschaft Bücher – und was es für mich bedeutet

 Solingen 28. November 2020

 1997 bis heute

Dieses Filmchen gibt nur eine winzige Andeutung dessen, was das Buch bietet. Vor allem die lebendig stille Landschaft und die Musik selbst, die dem Buch in Gestalt der CD und der DVD beigegeben ist, eröffnen die weiten Perspektiven. Niemand, der dem Obertonsänger bei der Produktion seiner Töne auf den Mund geschaut hat, wird der Versuchung entgehen, dergleichen immer wieder selbst auszuprobieren, dem physisch-physikalischen Urgrund der Musik nahezukommen, auch wenn er noch keine Melodien zu produzieren lernt. Man spürt, dass hinter dieser DVD ein Musiker steckt.

Wer ist Wolfgang Hamm? Siehe hier

 Stichwort Folkfestival 1991 (WDR, JR)

 2005 bis heute

Wieso bin ich im JF Club? Das ist eine kurze Geschichte. VAN ist schuld. ⇒ Hier. Hochinteressant und sympathisch. Aber ich verhehle nicht, dass es auch befremdende Momente gibt, wenn ich etwa von maßgeblichen Vorbildern der jungen Musikerin höre, die schon früh auch das Wohltemperierte Klavier in den (Pianisten!-) Fingern hatte. (Wie konnte da Glenn Gould eine positive Rolle spielen?) Und bei aller Verehrung, – braucht man denn wirklich vier Portraits der Interpretin (Fotos: Dirk-Jan van Dijk), – wenn man sie mit Bachs Solissimo-Werken für Violine hören will? Aber das war ja damals…

Und schon damals so vollkommen in Ausdruck, Intonation und Dynamik, dass man es kaum in Worte fassen kann. Jede Idee, dass man es hier oder da anders machen könnte, ist nach wie vor möglich, aber genau genommen doch überflüssig. Abgesehen von wenigen strittigen Lesarten (s.a. hier). Gerade die empfindlichsten Stücke gelingen überwältigend schön und zart, ich warte z.B. auf die Siciliana in der G-moll-Sonata, auf die Loure in der E-dur-Partita, auf die Sarabanden in der h-moll- und d-moll-Partita, traumentrückt die einen, graziös-engelgleich die anderen. Aus irrationalen Gründen hat mich die Ciaccona mit der holländischen Geigerin Janine Jansen mehr erschüttert, und ich könnte dingfest machen, an welcher Stelle, an welchem Übergang (nicht etwa beim Eintritt des pp-Dur-Themas, wo es „fällig“ wäre) das Herz gewissermaßen zerspringen wollte, es ist egal, und überhaupt sind diese Detail-Vergleiche großer Interpretationen absolut sinnlos. Man soll sich der Feinfühligkeit, Anfälligkeit der eigenen Innerlichkeit nicht rühmen, mal ist es hier, mal dort, so ist Musik, so wirkt sie, und vor allem ist sie soviel größer als man wirklich als kleiner Mensch fassen kann…

  von etwa 1000 bis heute

Musik und Gesellschaft / Marktplätze – Kampfzonen -Elysium / Band 1 1000-1839 Von den Kreuzzügen bis zur Romantik / Frieder Reininghaus, Judith Kemp, Alexandra Ziane (Hg.) Königshausen & Neumann Würzburg 2020

Musik und Gesellschaft / Marktplätze – Kampfzonen – Elysium / Band 2 / Vom Vormärz bis zur Gegenwart 1840-2020

Vieles darin von Frieder Reininghaus, der in den 90er Jahren (Bertini!) aus dem WDR-Programm verschwand und (für mich) nun wieder neu zu entdecken ist. Er hat seine Zeit genutzt. Was ich hier zitiere, hätte ich z.B. gern schon früher gekannt (etwa hier).

 über Beethovens Neunte

Ein großes Werk, auch diese beiden Bände, es sind zwei Mal 700 Seiten, und ich erhoffe mir eine Steigerung dessen, was einst von Hans Mersmann, Jacques Handschin, Georg Knepler und Wilfrid Mellers avisiert worden ist. Peter Schleuning nicht zu vergessen. Und – nebenbei – von Leuten wie John Blacking, Mantle Hood und Bruno Nettl ins Universale gewendet wurde. Hier nun sieht man immerhin Japan mit Gagaku, Musik der Sinti und Roma, den Flamenco und die Beatles berücksichtigt, na ja, auch Volksliedsammlungen des Balkan. Man kann nicht alles wollen, muss auch nicht das Lexikon MGG ersetzen wollen.

Fehlt mir noch was? Weiter mit Bach, ebenso mit Indien! Notfalls weiter im Homeoffice. Und hoffentlich eines Tages wieder im wirklichen Leben. ABER: mit dem gleichen Maß an Vorbereitung, nicht vergessen!

Die aktuelle Solinger Initiative HIER (29.11.20) Bach Orgelwerke online mit Wolfgang Kläsener: Sonate I Es-dur BWV 525, Info dazu bei Wiki 2. Satz c-moll Adagio (30.11.20),  und so geht es mit Bach bis Weihnachten weiter, ein schöner Adventskalender. Weitere Beispiele sind hier allerdings nicht aufzurufen, sie erreichen die kleinere Gemeinde derer, die es gratis „abonniert“ haben. Bei mir tut es die erhoffte Zusatzwirkung: ich studiere die Werke aufs neue, z.B. auch anhand greifbarer Youtube-Aufnahmen, in diesem Fall für einige Tage mit Wolfgang Zerer, der hier eine Einführung gibt, und dann die drei Sätze der Sonate spielt, extern hier abzurufen. Im folgenden Link – weils so schön aussieht – auch direkt:

 Orgelspieltisch in Solingen-Ohligs

 Wolfgang Kläsener am 5.12.

Erste Adventswoche – Donnerstag 3.12.2020

Johann Sebastian Bach: Choralbearbeitung „Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 659

Erste Adventswoche – Freitag 4.12.2020

Johann Sebastian Bach: Choralbearbeitung „Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 660

Erste Adventswoche – Samstag 5.12.2020

Johann Sebastian Bach: Choralbearbeitung „Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 661

Es ist nicht so einfach, wie es scheint, – ein bearbeiteter Choral. Und ich kann gar nicht anders: ich muss Bach ernster nehmen, als es vielleicht einem Gemeindemitglied in den Sinn käme. Natürlich: man muss den Choral schon kennen (liebe Katholiken: auch Ihr!), er ist die Hauptsache, ist es aber wieder auch nicht: er hat seinen Auftritt, zweifellos; aber das, was ihn jetzt und hier groß macht, ist das „Beiwerk“, das Bach liefert ; denn dieser inszeniert ihn, unverwechselbar. Ein großes Wort, – wenn man im Schmieder (dem Bach-Werke-Verzeichnis 1950) nachschaut:

 Es ist vielleicht nicht einmal der Forschung letzter Stand. Und ich habe sogar noch eine berühmte Fassung übersehen, hier ist sie:

Mehr über diesen Choral (Wikipedia) HIER

*    *    *

An eine unvergessene Kölner Initiative sei HIER erinnert, – einzigartig schöne Indische WDR-Konzerte, auch in Bielefeld und Bonn. Bleibendes Echo in Holland. If you happen to like ragamusic the WDR-radiotransmission is not-to-be-missed! Vielleicht sogar dokumentiert wie hier, oder im WDR Hörfunkarchiv wie hier ?  Also: WDR 3 in alten Zeiten, die Entdeckung der Sängerin Kaushiki und des Sitarmeisters Purbayan Chatterjee, verfügbar bis zum 30.12. 2099 (!).

„Die Zeit ist ein Ausschnitt aus der Ewigkeit.“

Solingen 4. Dezember 2020 16.40 h

5 Minuten später

Fotos: E.Reichow

Sitar hören!

Eine Reminiszenz

 Hier hören!

(Skript der Sendung folgt unten)

Und gleich fortfahren : Hören und Sehen ⇓

NACHTRAG:

Skript des Pausenbeitrags Live-Konzert des Sitarmeisters Purbayan Chatterjee, Oetkerhalle Bielefeld am 13. November 2013, produziert im Studio Rheinklang Köln (Technik Timo Ackermann). Am Mikrofon: Jan Reichow.

1) Alap beginnt, geht unter Text weiter

Wenn man mich so fragt, also … wie man indische Musik verstehen lernen soll… ich glaube, um das Wort Raga kommt man nicht herum. Aber wenn ich im Konzert sitze, habe ich davon nicht viel, wie sieht das denn praktisch aus? Ich soll auf jeden einzelnen Ton achten, – das lohnt sich, weil das Material des Ragas dann doch – sagen wir – für eine halbe oder dreiviertel Stunde absolut gleich bleibt. 100 Varianten, aber immer dieselben Töne, in immer neuen Färbungen, Betonungen, Verzögerungen. Man gewöhnt sich dran, man liebt es.

Man weiß: auch ein indischer Zuhörer ist kein wandelndes Raga-Lexikon. Aber… dort hat man den richtigen Nerv dafür, bei uns interessiert es ja den Normalverbraucher auch nicht so brennend, ob eine Sonate in C-dur oder G-moll steht. Man hört aufs Thema. Und was daraus wird.

Bei indischer Musik haben wir das Problem, dass wir womöglich gar kein Thema erkennen, sondern… das ist ein Fluss ohne Ufer.

Es gibt aber Themen! Ich weiß. Der Inder sagt dazu „Composition“ – das ist in etwa ein Thema, das man erfassen kann, es ist nicht lang, wird mehrfach wiederholt und geht in Improvisationen über, aber es kehrt immer wieder. Manchmal auch nur seine Kurzform. Es ist nicht unbedingt spektakulär, es tut einfach seinen Dienst, man freut sich, sooft es auftaucht.

Am einfachsten, man passt besonders gut auf, wenn der Trommler sich fertig macht, der Tablaspieler, dann steht das Thema unmittelbar bevor, man ist dann eigentlich schon ganz glücklich, ich will nicht sagen erschöpft, der Sitarspieler stimmt kurz nach und dann kommt eine schöne klare Melodie.

2) Thema Maru Bihag Tr. 5 0:00 bis 0:28

Purbayan Chatterjee im Jahre 2006 bei einem Konzert in Bonn, im Pantheon. Da gab es dieses wunderschöne Thema im Raga Maru Bihag. Der Anfang, der Alap hatte eine halbe Stunde gedauert und endete in einem rauschenden Jhalla, dem Grundtonklang der leeren Saiten. Und dann dieses herrliche Thema!

3) Thema Maru Bihag (unter folgenden Text) Ende 1:30

Das ergibt sich sozusagen ganz logisch aus dem Vorhergegangenen und lässt sich leicht behalten, man ist erfreut, wenn es unversehens wieder auftaucht, aber es geht keine Fahne hoch, schaut hier bin ich, man hat es ja mit einem fortwährenden Kontinuum zu tun, die Zeit …. könnte man vielleicht sagen …. ist ein Ausschnitt aus der Ewigkeit.

Man sollte einfach möglichst viele solcher Themen hören und sie liebgewinnen und im Sinn behalten. Purbayan Chatterjee ist ein Meister der süßen Töne. Zum Beispiel der andere Raga aus dem Bonner Konzert von 2006? Raga Jogkauns.

4) Thema Raga Jogkauns CD II Tr. 3 0:00 bis 0:48

Und zum Schluss gab es damals noch etwas ganz anderes: ein leichtfüßig aufsteigendes Thema im Raga Sohini, (Musik) es lebt von einem leicht dissonanten Ton in der Höhe, reizend und charmant, – man vergisst es nicht, aber man kann es nicht nachsingen. Angeblich stammt es von den jungen Sängerinnen aus dem höfischen Milieu der vorigen Jahrhundertwende, den Kurtisanen. Unglaublich bezaubernd, wie es sich plötzlich aus den improvisatorischen Girlanden herauswindet. Und die Tabla assistiert ihm, wie aus dem Nichts auftauchend.

5) Thema Sohini (CD II Tr. 6 schon ab 0:00 unter Text, 1:52 hoch, nach Thema drunterlegen)

Ganz wesentlich ist es zu begreifen, dass die Schönheit des Sitarspiels aus dem Gesang kommt. Ravi Shankar hat das immer wieder betont, und auch der große Vilayat Khan, Gayaki Ang nannte er das. Ich vergesse nie, wie mir sein jüngerer Bruder Imrat Khan vor vielen Jahren, ich glaube 1976, gründlich erklärt hat, was es damit auf sich hat: Instrumentalstil und Gesangsstil, über beides verfügt die Sitar. Sie kann ja auch virtuos lärmen und mit atemberaubender Brillanz auftrumpfen, aber Sitarspiel wäre nicht das, was es heute ist, ohne dieses Ziehen der Töne, dieses Singen. Imrat Khan. Ich habe das mal rausgesucht. Über singing style und instrumental style.

6) Imrat Khan Zitat aus 1976 ab 20:20 bis ca. 22:40

Wenn man solche indischen Gesangsmelodien hört, deren Töne so wundersam verschleiert sind, diese grazile Gebärdensprache, weiche Glissandogewänder, dann ahnt man natürlich, dass ein indischer Musiker sich nicht ohne weiteres für karge westliche Melodien begeistern kann.

Ich fand es rührend, wie sich einer der größten Meister mal irrte, – ein melodischer Gedächtniskünstler! -, er wollte seine europäische Lieblingsmelodie zitieren, jeder kennt sie: „Au clair de la lune, mon ami Pierrot“.

7) Chaurasia Wort- und Liedzitat Int. Tr.4 ab 4:17 bis 4:44

Bemerkenswert ist das nur, wenn man weiß, was er aus ganz ähnlichen Motiven in seiner eigenen Musik hervorzaubert, sobald er Flöte spielt. Hariprasad Chaurasia.

8) Chaurasia: CD I Tr. 3 ab 9:45 bis 10:42 (ab hier auf langen Tönen unter Text)

Meditation?

Es wäre leicht, über die mystische, meditative Komponente im Flötenspiel Chaurasias zu sprechen, jeder würde nicken und sagen, ja, das kenne ich, das ist indisch, und gerade bei uns im Westen ist er regelrecht darauf festgenagelt worden. Es gab Einladungen in Meditationszentren, wo er möglichst ohne Tabla spielen sollte und vorwiegend „getragene Melodien“. Das ist aber eine absurde Verkennung der indischen Kunstmusik. Da geht es nicht nur um stille Versenkung, sondern genau so um Ekstase, das hat der große Geiger Yehudi Menuhin einmal ganz richtig betont. Es ist eine höchst kontrollierte Ekstase, zu der meist eine wahnsinnige Virtuosität gehört, und sie muss auch unter Beweis gestellt werden, sie ist ein Schritt auf dem Weg in die Ekstase. Man hört das ja auch von indischen Yogis… das ist nicht nur Atemkontrolle, sondern das ist eine ganz verrückte Körperbeherrschung, bis hin zu sonderbarsten Techniken.

Das gilt auch für Sänger und Sängerinnen, die eine geradezu instrumentale Virtuosität entfalten, während die Instrumentalisten die Kunst des differenziertesten Gesangs entwickelt haben. In Bielefeld hat WDR3 doch einmal die einzigartige junge Sängerin Kaushiki präsentiert. Erinnern Sie sich? Das war ein Musterbeispiel.

9) Kaushiki : CD Maru Bihag Tr. 3 ab vor 8:00 / 9:45 ab 10 / Tr. 4 ab 5:30

Es ist atemberaubend, aber merkwürdigerweise erschreckt diese instrumentale Behandlung der Stimme manche westlichen Zuhörer, während die gleiche virtuose Technik auf einem Instrument uns zum Staunen bringt. Und dann erst das Melodiespiel. (Musik)

Auch Ravi Shankar wurde gerühmt für die Kunst, auf der Sitar zu singen, und alle haben sich auf ihn berufen. Sie erinnern sich bestimmt an das große Projekt „West meets East“, als der große Geiger Yehudi Menuhin bei Ravi Shankar in die Lehre ging und einige Ragas erlernte, Ton für Ton, die Tonverbindungen und die besondere In-tonation. Was ihn faszinierte, war nicht nur der Geist, die Mystik, sondern die Andersartigkeit der Technik, die Feinheit des Gehörs. Ich hatte das Glück, Menuhin einmal zu treffen.

10) Ravi Shankar unter Menuhin Text Raga Jhinjhoti Tr. 1 ab 10:13 bis 12:05

verbinden mit: ab 13:16 bis 14:37

11) Text Menuhin (CD Südind.Violine ab Anfang)

Yehudi Menuhin (CD Südindische Violine 0:00 bis 2:30

In Indien war ich begeistert von der Qualität von Ekstase und Mysterium.. Diese beiden Elemente sind immer da in indischer Kunst, sei es Tanz, Musik, Skulptur, – die indischen Menschen sehnen sich nach Ekstase, ob es physisch oder geistig ist. Und als ich die indische Musik zum erstenmal hörte, schon mit Ravi Shankar und Chatur Lal und Ali Akbar Khan in Delhi in ’52, da war ich hingerissen.

Welche Beziehung gibt es zwischen europäischer und indischer Musikkultur?

Es ist stilistisch wenig, was sie gemeinsam haben. Natürlich die Quinte, aber die Intervalle sind vielmehr so wie bei uns im Mittelalter, ganz rein, sie sind nicht temperiert, und darum hat die indische Musik abgelehnt unsere Harmonie, weil natürlich unsere Harmonie ist nicht möglich ohne eine temperierte Skala. Das ist auch fabelhaft für einen Musiker, für einen Streicher, mit indischen Musikern zu spielen, weil die spielen absolut rein. Ihr Ohr ist viel feiner als das unsrige. Die sind immer von einer perfekten Quinte begleitete, the drone, wie man so sagt. Darum sind die Intervalle auch so unglaublich fein, bis in Vierteltöne, sondern noch ganz kleinere Intervalle, die sie als Verzierungen der Skala benützen. es ist überhaupt von der Verzierungsseite her, von der akuten, präzisen Tonhöhe her, Intervalle, wie auch – wie auch das Inspirierende von der Spontaneität und Improvisatorischem her, das ist sehr stimulant, sehr gut, ich finde, jedes Mal, dass ich mit Ravi Shankar spiele, bin ich … irgendwie … als ob ich … erfüllt, als ob ich Vitamine genommen hätte.

Ja, wunderbar, er sprach damals von Vitaminen, er meinte die belebende Wirkung der indischen Musik. Vilayat Khan dagegen, der große Gegenspieler Ravi Shankars, war im Alter von Krankheit gezeichnet, ohne an Inspiration zu verlieren. Und wer das Glück hatte, sein letztes Konzert in Deutschland zu erleben, am frühen Morgen nach der Indischen Nacht in Stuttgart 1997, der wird das nie im Leben vergessen. Er sprach von Gayaki Ang, seinem Vermächtnis, vielmehr dem Vermächtnis seiner Schule, seiner Musikerfamilie, die sich bis zu dem legendären Amir Khusrau zurückverfolgen lässt, fast 800 Jahre. Und dann singt der alte Mann, dessen Bronchen schon schwer angegriffen waren, es war erschütternd.

12) Vilayat Khan 18:50 bis (nach) 20:49

Please, try to understand my broken English: what is the Gayaki Ang, which your humble servant has invented on Sitar in last 800 years after Amir Khusrau. I am a very humble man, it is not my power, someone else has done this. Actually the Gayaki Ang is… (singt) Sitar is (spielt) but: (zieht die Töne, singt wieder) bis 20:49 (Sitar auf Bhairavi-Grundton, weitere Passagen in der Höhe).

Vilayat Khan starb 2004, Ravi Shankar 2012, zwei Welten der indischen Musik, die untergingen. Übrigens auch zwei verschiedene Verhaltensmuster gegenüber der westlichen Welt.

Wer will sich im Westen heute noch der Hördisziplin einer strengen Raga-Aufführung unterwerfen? Wer will in Indien Jahrzehnte seines Lebens opfern, um in der Kunst der Raga-Interpretion zur Meisterschaft zu kommen?

Doch! Es sind erstaunlich viel interessierte Menschen geblieben, die sich weiterhin der physischen und geistigen Spannweite klassischer Raga-Musik aussetzen wollen.

Es ist auch letztlich gar nicht so schwer, sich diese Spannweite stufenweise zu erschließen, wenn man sich nur an den Stufen des Themas orientiert: vom absoluten Nullpunkt der vollkommenen Ruhe bis zur äußersten Ekstase.

Oder – als nützliche Übung für Anfänger – in umgekehrter Richtung: vom Kurzthema am Höhepunkt des Ragas zurück zur längeren Version, und immer ausgebreiteter bis hin zum Anfang, dort wo die ersten schönen Perioden in das Geschehen hineinlocken. Ich habe das mal nach Purbayan Chatterjees Konzert in Bonn geübt, angefangen mit der schnellsten Version vom Schluss aus, und dann rückwärts gehend:

13a) Thema 20:41 bis 20:48 + Tr. 5

und etwas früher, langsamer…

13b) Thema 17:35 bis 17:48 +

noch ein Zeitsprung, wieder etwas früher….

13c) Thema 12:12 bis 12:40 +

die Aufmerksamkeit wächst automatisch, und wir haben schließlich das Thema in Originalgestalt….

13d) Thema 00:00 bis (nach Bedarf) Musik unter Text

… wir sind also rückwärts zum Ausgangspunkt gekommen, zum Thema, zur „Main Composition“.

Es wäre wunderbar, wenn man aus diesem Stadium der Ruhe heraus tatsächlich in ein indisches Konzert eintauchen könnte und dann den ganzen Zyklus erleben würde, mit allen Zwischenstufen, in allen Details: bis hin zu dem ekstatischen Finalzustand, – man könnte auch sagen: dem Zustand äußerster Lebendigkeit. Da braucht man keine Vitamine mehr! (Musik ausgeblendet)

Dank an Dr. Werner Fuhr und Kanak Chandresa !

Preis der Deutschen Schallplattenkritik

Indien bestens bewertet

Es lohnt sich immer, einen Blick auf die Bestenlisten (vierteljährlich) und auf die Jahrespreise sowie Ehrenpreise zu werfen. Es ist auch kein Geheimnis, dass ich einer Jury angehöre, und zwar der Jury 20 „Traditionelle ethnische Musik“. Logischerweise freue ich mich über bestimmte Preise ganz besonders, z.B. den Ehrenpreis 2014 für den indischen Künstler Hariprasad Chaurasia oder den Platz auf der Bestenliste 4/2014 für die Dokumentation Magic Kamanchah, den ich mit einer offiziellen Begründung versehen durfte:

Magic Kamancheh: Die Streichlauten 1: Asien. Diverse. 4 CDs & DVD, NoEthno GMV037 (Galileo)

Hinter dem Titel „Magic Kamancheh“ verbirgt sich eine veritable Enzyklopädie der Streichlauten,  also all dessen, was der Volksmund hierzulande „Geige“ oder „Fiedel“ nennt, und zwar in einer überwältigenden Vielfalt der Darbietung: in Konzertmitschnitten und Studioproduktionen, auf vier Compactdiscs plus DVD. In dem fast 100-seitigen Büchlein öffnet sich ein Reichtum an Bildern und Informationen. Das Wort „magisch“ ist dabei nicht zu hoch gegriffen – ein Zauberland der Weltmusik erschließt sich hier, das reicht von Asien über die  Türkei mit Kurzausflügen nach Europa (abgesehen von Rudolstadt auch nach Finnland, Bulgarien, Irland). Ein unentbehrliches Kompendium, das die Vorgängeralben (Magic Banjo, Clarinet, Flute, Harp) noch einmal übertrifft. (Für die Jury: Jan Reichow)

Ich hebe in diesem Zusammenhang besonders gern die CD 2 dieser Kompilation hervor: sie ist der Violinspielerin Kala Ramnath gewidmet.

Kala Ramnath SPY4158-940x470

Kala Ramnath Maru Bihag

Kala Ramnath SPY4113-940x470

Ich möchte mich verpflichten, diese Aufnahmen des Ragas Maru Bihag besonders liebevoll zu analysieren und das Ergebnis in diesem Beitrag nachzutragen. Es ist nicht das erste Mal, dass mich dieser Raga beschäftigt und bezaubert. Im Jahre 2007 habe ich ein Konzert des Sitaspielers Purbayan Chatterjee im Radio kommentiert; es betraf im Hauptteil den Raga Maru Bihag, nachzulesen HIER. Später bin ich Purbayan Chatterjee noch einmal begegnet, und zwar in den Mittwochskonzerten der WDR-Redaktion Musikkulturen (Dr. Werner Fuhr) in der Bielefelder Oetkerhalle. Wollen Sie es nachvollziehen? Die heutige Technik macht allerhand möglich, schauen Sie nur HIER

Dieser Blogeintrag wird also später vervollständigt.

Und noch eins nicht zu vergessen: es gibt diese eindrucksvolle Filmaufnahme eines Konzertes mit Kala Ramnath, live am 23. März 2006, aufgenommen von Pieter de Rooij im RASA in Utrecht: HIER.

Die Auflistung des Inhalts sei wiedergegeben (an Ort und Stelle auch anklickbar) :

00:00 – 57:48 Raag Madhuvanti
58:13 – 1:27:40 Raag Dinki Puriya
1:27:54 – 1:39:45 Composition in Raag Des

Was die diesjährigen Jahrespreise angeht, so ist immerhin schon eine Longlist anzuklicken, aus der sie gekürt werden, nämlich HIER.

Aber wie gesagt: ich bin vorläufig wieder auf Indien fixiert, insbesondere weil es um mein Instrument, die Violine, geht. Aber die Umgebung könnte auch nicht atemberaubender sein als auf dieser Dokumentation „Magic Kamancheh“, – fast die ganze Welt!

Nachtrag 26. November 2014

Die neue Jahrespreis-Liste ist jetzt da! Bzw. HIER.

Ich darf einen eigenen Text zitieren:

Deeyah presents: Iranian Woman

iranian_woman

Was für eine glänzende Idee: Fuuse Mousiqi, ein von der norwegisch-pakistanischen Filmemacherin, Musikproduzentin und politischen Aktivistin Deeyah ins Leben gerufenes Projekt, lässt für das Album „Iranian Woman“ alle jene, die in ihrem Land keine Stimme haben, nun weit draußen, in Norwegen, einzeln aus einem imaginären Chor hervortreten und ausrufen: Wir sind noch da, die großen weiblichen Stimmen des Iran. Mahsa Vahdat, Yasna, Parissa, Naghmeh Gholami und viele andere – eben die „Iranische Frau“, die sich mit ihrer Kunst hier in berückender melodischer Schönheit zeigt. Am Ende der Liederreihe steht das uralte Bild des Schmetterlings, der vom Licht nicht lassen kann. Die Kompilation hervorragend produzierter Aufnahmen bietet einen repräsentativen Stand zeitgenössischer iranischer Musik und übermittelt ohne politisches Pathos eine wichtige Botschaft. (Für die Jury: Jan Reichow)