Schlagwort-Archiv: Einführung Indische Musik

Sitar hören!

Eine Reminiszenz

 Hier hören!

(Skript der Sendung folgt unten)

Und gleich fortfahren : Hören und Sehen ⇓

NACHTRAG:

Skript des Pausenbeitrags Live-Konzert des Sitarmeisters Purbayan Chatterjee, Oetkerhalle Bielefeld am 13. November 2013, produziert im Studio Rheinklang Köln (Technik Timo Ackermann). Am Mikrofon: Jan Reichow.

1) Alap beginnt, geht unter Text weiter

Wenn man mich so fragt, also … wie man indische Musik verstehen lernen soll… ich glaube, um das Wort Raga kommt man nicht herum. Aber wenn ich im Konzert sitze, habe ich davon nicht viel, wie sieht das denn praktisch aus? Ich soll auf jeden einzelnen Ton achten, – das lohnt sich, weil das Material des Ragas dann doch – sagen wir – für eine halbe oder dreiviertel Stunde absolut gleich bleibt. 100 Varianten, aber immer dieselben Töne, in immer neuen Färbungen, Betonungen, Verzögerungen. Man gewöhnt sich dran, man liebt es.

Man weiß: auch ein indischer Zuhörer ist kein wandelndes Raga-Lexikon. Aber… dort hat man den richtigen Nerv dafür, bei uns interessiert es ja den Normalverbraucher auch nicht so brennend, ob eine Sonate in C-dur oder G-moll steht. Man hört aufs Thema. Und was daraus wird.

Bei indischer Musik haben wir das Problem, dass wir womöglich gar kein Thema erkennen, sondern… das ist ein Fluss ohne Ufer.

Es gibt aber Themen! Ich weiß. Der Inder sagt dazu „Composition“ – das ist in etwa ein Thema, das man erfassen kann, es ist nicht lang, wird mehrfach wiederholt und geht in Improvisationen über, aber es kehrt immer wieder. Manchmal auch nur seine Kurzform. Es ist nicht unbedingt spektakulär, es tut einfach seinen Dienst, man freut sich, sooft es auftaucht.

Am einfachsten, man passt besonders gut auf, wenn der Trommler sich fertig macht, der Tablaspieler, dann steht das Thema unmittelbar bevor, man ist dann eigentlich schon ganz glücklich, ich will nicht sagen erschöpft, der Sitarspieler stimmt kurz nach und dann kommt eine schöne klare Melodie.

2) Thema Maru Bihag Tr. 5 0:00 bis 0:28

Purbayan Chatterjee im Jahre 2006 bei einem Konzert in Bonn, im Pantheon. Da gab es dieses wunderschöne Thema im Raga Maru Bihag. Der Anfang, der Alap hatte eine halbe Stunde gedauert und endete in einem rauschenden Jhalla, dem Grundtonklang der leeren Saiten. Und dann dieses herrliche Thema!

3) Thema Maru Bihag (unter folgenden Text) Ende 1:30

Das ergibt sich sozusagen ganz logisch aus dem Vorhergegangenen und lässt sich leicht behalten, man ist erfreut, wenn es unversehens wieder auftaucht, aber es geht keine Fahne hoch, schaut hier bin ich, man hat es ja mit einem fortwährenden Kontinuum zu tun, die Zeit …. könnte man vielleicht sagen …. ist ein Ausschnitt aus der Ewigkeit.

Man sollte einfach möglichst viele solcher Themen hören und sie liebgewinnen und im Sinn behalten. Purbayan Chatterjee ist ein Meister der süßen Töne. Zum Beispiel der andere Raga aus dem Bonner Konzert von 2006? Raga Jogkauns.

4) Thema Raga Jogkauns CD II Tr. 3 0:00 bis 0:48

Und zum Schluss gab es damals noch etwas ganz anderes: ein leichtfüßig aufsteigendes Thema im Raga Sohini, (Musik) es lebt von einem leicht dissonanten Ton in der Höhe, reizend und charmant, – man vergisst es nicht, aber man kann es nicht nachsingen. Angeblich stammt es von den jungen Sängerinnen aus dem höfischen Milieu der vorigen Jahrhundertwende, den Kurtisanen. Unglaublich bezaubernd, wie es sich plötzlich aus den improvisatorischen Girlanden herauswindet. Und die Tabla assistiert ihm, wie aus dem Nichts auftauchend.

5) Thema Sohini (CD II Tr. 6 schon ab 0:00 unter Text, 1:52 hoch, nach Thema drunterlegen)

Ganz wesentlich ist es zu begreifen, dass die Schönheit des Sitarspiels aus dem Gesang kommt. Ravi Shankar hat das immer wieder betont, und auch der große Vilayat Khan, Gayaki Ang nannte er das. Ich vergesse nie, wie mir sein jüngerer Bruder Imrat Khan vor vielen Jahren, ich glaube 1976, gründlich erklärt hat, was es damit auf sich hat: Instrumentalstil und Gesangsstil, über beides verfügt die Sitar. Sie kann ja auch virtuos lärmen und mit atemberaubender Brillanz auftrumpfen, aber Sitarspiel wäre nicht das, was es heute ist, ohne dieses Ziehen der Töne, dieses Singen. Imrat Khan. Ich habe das mal rausgesucht. Über singing style und instrumental style.

6) Imrat Khan Zitat aus 1976 ab 20:20 bis ca. 22:40

Wenn man solche indischen Gesangsmelodien hört, deren Töne so wundersam verschleiert sind, diese grazile Gebärdensprache, weiche Glissandogewänder, dann ahnt man natürlich, dass ein indischer Musiker sich nicht ohne weiteres für karge westliche Melodien begeistern kann.

Ich fand es rührend, wie sich einer der größten Meister mal irrte, – ein melodischer Gedächtniskünstler! -, er wollte seine europäische Lieblingsmelodie zitieren, jeder kennt sie: „Au clair de la lune, mon ami Pierrot“.

7) Chaurasia Wort- und Liedzitat Int. Tr.4 ab 4:17 bis 4:44

Bemerkenswert ist das nur, wenn man weiß, was er aus ganz ähnlichen Motiven in seiner eigenen Musik hervorzaubert, sobald er Flöte spielt. Hariprasad Chaurasia.

8) Chaurasia: CD I Tr. 3 ab 9:45 bis 10:42 (ab hier auf langen Tönen unter Text)

Meditation?

Es wäre leicht, über die mystische, meditative Komponente im Flötenspiel Chaurasias zu sprechen, jeder würde nicken und sagen, ja, das kenne ich, das ist indisch, und gerade bei uns im Westen ist er regelrecht darauf festgenagelt worden. Es gab Einladungen in Meditationszentren, wo er möglichst ohne Tabla spielen sollte und vorwiegend „getragene Melodien“. Das ist aber eine absurde Verkennung der indischen Kunstmusik. Da geht es nicht nur um stille Versenkung, sondern genau so um Ekstase, das hat der große Geiger Yehudi Menuhin einmal ganz richtig betont. Es ist eine höchst kontrollierte Ekstase, zu der meist eine wahnsinnige Virtuosität gehört, und sie muss auch unter Beweis gestellt werden, sie ist ein Schritt auf dem Weg in die Ekstase. Man hört das ja auch von indischen Yogis… das ist nicht nur Atemkontrolle, sondern das ist eine ganz verrückte Körperbeherrschung, bis hin zu sonderbarsten Techniken.

Das gilt auch für Sänger und Sängerinnen, die eine geradezu instrumentale Virtuosität entfalten, während die Instrumentalisten die Kunst des differenziertesten Gesangs entwickelt haben. In Bielefeld hat WDR3 doch einmal die einzigartige junge Sängerin Kaushiki präsentiert. Erinnern Sie sich? Das war ein Musterbeispiel.

9) Kaushiki : CD Maru Bihag Tr. 3 ab vor 8:00 / 9:45 ab 10 / Tr. 4 ab 5:30

Es ist atemberaubend, aber merkwürdigerweise erschreckt diese instrumentale Behandlung der Stimme manche westlichen Zuhörer, während die gleiche virtuose Technik auf einem Instrument uns zum Staunen bringt. Und dann erst das Melodiespiel. (Musik)

Auch Ravi Shankar wurde gerühmt für die Kunst, auf der Sitar zu singen, und alle haben sich auf ihn berufen. Sie erinnern sich bestimmt an das große Projekt „West meets East“, als der große Geiger Yehudi Menuhin bei Ravi Shankar in die Lehre ging und einige Ragas erlernte, Ton für Ton, die Tonverbindungen und die besondere In-tonation. Was ihn faszinierte, war nicht nur der Geist, die Mystik, sondern die Andersartigkeit der Technik, die Feinheit des Gehörs. Ich hatte das Glück, Menuhin einmal zu treffen.

10) Ravi Shankar unter Menuhin Text Raga Jhinjhoti Tr. 1 ab 10:13 bis 12:05

verbinden mit: ab 13:16 bis 14:37

11) Text Menuhin (CD Südind.Violine ab Anfang)

Yehudi Menuhin (CD Südindische Violine 0:00 bis 2:30

In Indien war ich begeistert von der Qualität von Ekstase und Mysterium.. Diese beiden Elemente sind immer da in indischer Kunst, sei es Tanz, Musik, Skulptur, – die indischen Menschen sehnen sich nach Ekstase, ob es physisch oder geistig ist. Und als ich die indische Musik zum erstenmal hörte, schon mit Ravi Shankar und Chatur Lal und Ali Akbar Khan in Delhi in ’52, da war ich hingerissen.

Welche Beziehung gibt es zwischen europäischer und indischer Musikkultur?

Es ist stilistisch wenig, was sie gemeinsam haben. Natürlich die Quinte, aber die Intervalle sind vielmehr so wie bei uns im Mittelalter, ganz rein, sie sind nicht temperiert, und darum hat die indische Musik abgelehnt unsere Harmonie, weil natürlich unsere Harmonie ist nicht möglich ohne eine temperierte Skala. Das ist auch fabelhaft für einen Musiker, für einen Streicher, mit indischen Musikern zu spielen, weil die spielen absolut rein. Ihr Ohr ist viel feiner als das unsrige. Die sind immer von einer perfekten Quinte begleitete, the drone, wie man so sagt. Darum sind die Intervalle auch so unglaublich fein, bis in Vierteltöne, sondern noch ganz kleinere Intervalle, die sie als Verzierungen der Skala benützen. es ist überhaupt von der Verzierungsseite her, von der akuten, präzisen Tonhöhe her, Intervalle, wie auch – wie auch das Inspirierende von der Spontaneität und Improvisatorischem her, das ist sehr stimulant, sehr gut, ich finde, jedes Mal, dass ich mit Ravi Shankar spiele, bin ich … irgendwie … als ob ich … erfüllt, als ob ich Vitamine genommen hätte.

Ja, wunderbar, er sprach damals von Vitaminen, er meinte die belebende Wirkung der indischen Musik. Vilayat Khan dagegen, der große Gegenspieler Ravi Shankars, war im Alter von Krankheit gezeichnet, ohne an Inspiration zu verlieren. Und wer das Glück hatte, sein letztes Konzert in Deutschland zu erleben, am frühen Morgen nach der Indischen Nacht in Stuttgart 1997, der wird das nie im Leben vergessen. Er sprach von Gayaki Ang, seinem Vermächtnis, vielmehr dem Vermächtnis seiner Schule, seiner Musikerfamilie, die sich bis zu dem legendären Amir Khusrau zurückverfolgen lässt, fast 800 Jahre. Und dann singt der alte Mann, dessen Bronchen schon schwer angegriffen waren, es war erschütternd.

12) Vilayat Khan 18:50 bis (nach) 20:49

Please, try to understand my broken English: what is the Gayaki Ang, which your humble servant has invented on Sitar in last 800 years after Amir Khusrau. I am a very humble man, it is not my power, someone else has done this. Actually the Gayaki Ang is… (singt) Sitar is (spielt) but: (zieht die Töne, singt wieder) bis 20:49 (Sitar auf Bhairavi-Grundton, weitere Passagen in der Höhe).

Vilayat Khan starb 2004, Ravi Shankar 2012, zwei Welten der indischen Musik, die untergingen. Übrigens auch zwei verschiedene Verhaltensmuster gegenüber der westlichen Welt.

Wer will sich im Westen heute noch der Hördisziplin einer strengen Raga-Aufführung unterwerfen? Wer will in Indien Jahrzehnte seines Lebens opfern, um in der Kunst der Raga-Interpretion zur Meisterschaft zu kommen?

Doch! Es sind erstaunlich viel interessierte Menschen geblieben, die sich weiterhin der physischen und geistigen Spannweite klassischer Raga-Musik aussetzen wollen.

Es ist auch letztlich gar nicht so schwer, sich diese Spannweite stufenweise zu erschließen, wenn man sich nur an den Stufen des Themas orientiert: vom absoluten Nullpunkt der vollkommenen Ruhe bis zur äußersten Ekstase.

Oder – als nützliche Übung für Anfänger – in umgekehrter Richtung: vom Kurzthema am Höhepunkt des Ragas zurück zur längeren Version, und immer ausgebreiteter bis hin zum Anfang, dort wo die ersten schönen Perioden in das Geschehen hineinlocken. Ich habe das mal nach Purbayan Chatterjees Konzert in Bonn geübt, angefangen mit der schnellsten Version vom Schluss aus, und dann rückwärts gehend:

13a) Thema 20:41 bis 20:48 + Tr. 5

und etwas früher, langsamer…

13b) Thema 17:35 bis 17:48 +

noch ein Zeitsprung, wieder etwas früher….

13c) Thema 12:12 bis 12:40 +

die Aufmerksamkeit wächst automatisch, und wir haben schließlich das Thema in Originalgestalt….

13d) Thema 00:00 bis (nach Bedarf) Musik unter Text

… wir sind also rückwärts zum Ausgangspunkt gekommen, zum Thema, zur „Main Composition“.

Es wäre wunderbar, wenn man aus diesem Stadium der Ruhe heraus tatsächlich in ein indisches Konzert eintauchen könnte und dann den ganzen Zyklus erleben würde, mit allen Zwischenstufen, in allen Details: bis hin zu dem ekstatischen Finalzustand, – man könnte auch sagen: dem Zustand äußerster Lebendigkeit. Da braucht man keine Vitamine mehr! (Musik ausgeblendet)

Dank an Dr. Werner Fuhr und Kanak Chandresa !