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Melodram der NS-Ästhetik

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Die aufdringlich-sentimentale Filmmusik fiel mir auf als Wagner-„Plagiat“, bis hin zum Tristan-Zitat. (Und dann – musste ich zuschauen, bis zum bitteren Ende. Und lange darüber hinaus.) Komponist: Hans-Otto Borgmann. Wikipedia hier.

Immer mal wieder gibt es unverhoffte Gelegenheit, den Geist der NS-Zeit zu rekonstruieren. Kürzlich geriet ich also in den obigen Film, dessen Titel – bei Information im Teletext – mich sofort an meine Mutter denken ließ: sie geriet ins hohe Pathos, wenn sie vom „Opfergang“ sprach. Binding! Ihre erste Schwiegertochter bekam 1962 die dem Film zugundeliegende Novelle geschenkt, die auch seit Urzeiten im Bücherschrank zu finden war. Ich habe nie reingeschaut, weil es für mich der Kitschthematik angehörte, die mir suspekt war. (Wie ein Buch von Emil Peters: „Strahlende Kräfte“. Nicht unbedingt als Nazi-Literatur kenntlich. Aber als Gedanken-Kitsch, samt der handgeschriebenen Widmung darin.) Aber seit wann denn? Vielleicht seit der ersten Nietzsche-Lektüre, „Jenseits von Gut und Böse“ (1956). Allmählich ordnete ich auch die von meiner Mutter oft beschworene Szene vom „Gang nach Canossa“ ins entsprechende Generationen-Fach ein, ebenso bestimmte Lieder („Waldeslust“) und Lebensweisheiten („Lernen durch Leiden“). Frühe Demütigungen durch ihren wilhelminischen Vater, die jahrelangen Krankheiten, so traurig sie waren. Und ähnelte sie nicht auch den Schönheiten ihrer Zeit: Ingrid Bergmann, Kristina Söderbaum? Wohl nur in den Augen des mit Begeisterung kritischen Jugendlichen, der ganz andere Idole entdeckte und vom eigenen Vater zum erstenmal das amerikanische Wort „Sex Appeal“ hörte, das ihn – aufgrund eines Missverständnisses – beunruhigte. Später sah ich überall politisch-gesellschaftliche Hintergründe. Und nun dieser ARTE-Abend am 11. Dezember!

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Davon später mehr. Denn inzwischen ist die DVD eingetroffen, die ich unbedingt besitzen musste.

Hitlers Hollywood DVD

Aus dem ARD-Text zum Programm:

„Hitlers Hollywood“ erzählt von einer der dramatischsten Epochen deutscher Filmgeschichte, dem Kino des Nationalsozialismus. Etwa 1.000 Spielfilme wurden 1933-1945 in Deutschland hergestellt. Nur wenige waren Propagandafilme, die meisten waren aber auch nicht harmlose Unterhaltung. Das NS-Kino verstand sich als Alternative zu Hollywood. Intendiert war eine deutsche Traumfabrik auf höchstem technischen Standard, deren Produkte gleichermaßen unterhalten wie erziehen sollten. Wie wieviel daran war Wunschvorstellung der Machthaber, was wurde eingelöst? Wieviel Hollywood steckt in Hitlers Traumfabrik?

Das NS-Kino war ein staatlich gelenktes, rigider Zensur unterworfenes Kino. Zugleich wollte es „großes Kino“ sein; eine deutsche Traumfabrik, die Hollywood in jeder Hinsicht Paroli bieten wollte. So entstand ein staatliches Studiokino, das sein eigenes Starsystem etablierte und das sich nach modernsten Mitteln vermarktete. Auch im Ausland sollte der deutsche Film ideologisch wirken und kommerziell erfolgreich sein, wie mit Blockbustern à la „Münchhausen“.

Das nationalsozialistische Kino dachte groß und war technisch perfekt gemacht. Die Filme weckten Sehnsüchte und boten Zuflucht; das Kino der NS-Zeit gab sich volkstümlich. Breite Massen fühlten und fühlen sich weiterhin von diesen Filmen angesprochen. Nur so ist die Wirkungskraft des NS-Kinos zu erklären. Wie funktionierten diese Filme im Sinne des Systems? Was verraten sie über das Publikum und seine Träume?

Rüdiger Suchsland nimmt sich die Spielfilmproduktion der Jahre 1933-45 vor. Von den 1.000 hergestellten Filmen waren ca. 500 Komödien und Musik-Filme, ca. 400 Melodramen, Abenteuer- und Detektivfilme. Zum unheimlichen Erbe der NS-Kinos gehören auch die Propagandafilme, die heute noch unter Vorbehalt stehen.
„Hitlers Hollywood“ erzählt Geschichten von Tätern und Opfern, Rebellen und Überläufern. Der Film zeigt Stars wie Zarah Leander und Veit Harlan, wie auch diejenigen, die unfreiwillig zu Ikonen des NS-Kinos wurden wie Hans Albers, Gustaf Gründgens und Ilse Werner. Vorgestellt werden Filme, die voll auf Linie lagen, wie auch Regisseure, die untypische Filme inszenierten wie Helmuth Käutner, Werner Hochbaum und Peter Pewas.

Quelle hier.