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Afghanistan heute. Und vor 41 Jahren

Selten erlebt man ein Déja Vu ganz unvorbereitet. Vorgestern im Kölner Hauptbahnhof, Wartezeit im PRESSE- und Buchladen, nach einem Treffen mit WDR-Kollegen, einem Gang über den Domplatz, Dom-Hotel zur Rechten, Römisch-Germanisches Museum zur Linken, langer Blick aufs Bürohaus von einst, durch die schmale Gasse an Sion-Kölsch vorbei, Alter Markt, Lintgasse, Ostermannplatz und nach 4 Stunden zurück. Wie gesagt, schönes Wiedersehen, Wartezeit, und dann dies:

Afghanistan THEMA 2015 kl  Detail:  Afghanistan Detail

Erinnerung und ein kleiner Schrecken, – wie war es denn damals, als der König noch in seinem Palast wohnte und der Bürger sanftmütig und freundlich vor der Lehmhütte saß? Daneben ein Redakteur aus Köln? Und es ging um nichts als Musik?

Mazar April 1974 k JR Farbe kl

Afghanistan CD Text kl  Diese CD erschien genau 20 Jahre später.

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Afghanistan Spotify Screenshot 2015-08-11 07.32.09 Die Musik ist abrufbar auf Spotify!

Eine gute Nachricht per Mail: ich darf das Editorial der oben abgebildeten Zeitschrift wiedergeben! Abgeschrieben hatte ich es schon längst: es geht um die Situation HEUTE.

SVEN HANSEN :

 „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, lautet der bekannteste Spruch der Taliban. Als hätte es dafür noch einen weiteren Beleg gebraucht, ist Ende 2014 auch der Nato, die Afghanistan mit ihrem „Krieg gegen den Terror“ unter Kontrolle bekommen wollte, die Zeit davon gelaufen. Das westliche Verteidigungsbündnis hat den Großteil seiner Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen, ohne die dortige Situation nachhaltig stabilisiert zu haben. Im Gegenteil: Die Taliban sind heute wieder stärker denn je seit 2001.

In den Hauptstädten der Nato-Staaten, die Truppen entsendet hatten, ist der Frust groß. Die Bevölkerungen stehen einem weiteren Engagement ausgesprochen skeptisch gegenüber; das Gefühl, gescheitert zu sein, ist weit verbreitet.

In einem asymmetrischen Krieg müssen überlegene Armeen nicht auf dem Schlachtfeld verlieren, um politisch als Verlierer dazustehen. Es reicht, dass der militärisch schwächere Gegner eben politisch nicht besiegt ist und den längeren Atem hat. Der Kontrast zwischen den Erwartungen der Interventionisten und der Realität vor Ort wird dann so groß, dass die „gefühlte“ Niederlage zur realen wird. Genau das hat die Nato in Afghanistan erlebt, auch weil Ende 2001 der Optimismus in den westlichen Staaten allzu groß war.

Dabei hätte schon damals klar sein können und müssen, dass einige tausend, ja sogar einige zehntausend Soldaten der Nato und ihrer Verbündeten nicht automatisch eine Befriedung des Landes erreichen. An der sind schließlich auch schon Generationen von Afghanen selbst gescheitert.

Die stolzen Afghanen mögen sich ihrer – oft berechtigten – Klage über das Leid, das ihnen von außen angetan wird, einig sein, weiter geht die Einigkeit aber nur selten. Vielmehr nutzen sie die äußeren Kräfte gern zum eigenen Vorteil. Auch die Nachbarländer, die sich in Afghanistan einmischen, verfolgen damit natürlich ihre ganz eigenen Ziele und nehmen die entstehenden Konflikte mit anderen Nachbarn oder Teilen der afghanischen Bevölkerung in Kauf.

Wie der Blick in die Geschichte des Landes zeigt, konnten sich wichtige Teile der Elite zur Abwehr äußerer Feinde meist doch verbünden und diese schließlich vertreiben. Doch bei der Gestaltung des Friedens sind die Afghanen oft wieder uneins. Wenngleich sich noch nie eine Gruppe tatsächlich vom gemeinsamen Staat abspalten wollte, überwiegt zwischen den Stämmen und Ethnien das Misstrauen, das eine entwicklungsorientierte Politik zum Wohle der ganzen Nation noch immer verhindert hat.

Mit der Volksrepublik China tritt nun ein neuer Akteur am Hindukusch auf. Vielleicht hat die Regierung in Peking aus den Fehlern gelernt, die Moskau und Washington gemacht haben. Immerhin geht sie bislang äußerst behutsam vor. Auch die Taliban werden, wenn sie denn regieren oder mitregieren wollen, lernen müssen, weniger ideologisch und mehr zum Wohl der Menschen zu agieren. Militärisch gewonnen haben sie noch längst nicht.

Der neue Präsident Aschraf Ghani hat im Wahlkampf 2014 viel versprochen, gehalten hat er davon bisher fast nichts. Ein halbes Jahr nach seiner Vereidigung hatte er noch nicht einmal ein vollständiges Kabinett zusammen. Die große Unruhe wird wohl noch länger anhalten, und die Nachbarn werden noch weiter mitmischen.

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Aus: „Chronik der afghanischen Geschichte“ (Sven Hansen)

Afghanistan Geschichte 1938 bis 2015 a

Mein Moment jenseits der afghanischen Geschichte: Frühlingsfest Mazar-e-Sherif April 1974

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Mazar April 1974  Zorna & Dhol Farbe

Alle Fotos: ©Jan Reichow 1974

Quelle des Textes von Sven Hansen & Titelseite ganz oben: EDITION LE MONDE diplomatique, abrufbar HIER.