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Kunst beschreiben

Oder lieber Wirklichkeit / Wie man besser sieht

Ich packe mir für die Reise manchmal ein Kunstbuch ein, ein Bilderbuch also, nebst Beschreibungen, die ich auch gerne lese. Mich interessiert aber nicht unbedingt das Kunststudium an sich, sondern z.B. das Faktum, inwieweit ich nach dem Lesen des Textes das Bild anders sehe als vorher. Oder ob zum Beispiel in das Bild etwas hineingelegt wird, das ich beim besten Willen nicht erkennen kann. Und das habe ich bei diesem Bilderbuch mehrfach erlebt. Von vornherein hat mich abgestoßen, dass im Titel jeder Bildbeschreibung steht: 30-Sekunden-Kunst. Das Ganze Buch heißt so: „Kunst in 30 Sekunden. Von Giotto bis Warhol: 50 Kunstwerke, die unsere Art des Sehens verändert haben“. So etwas findet man im Internet ja des öfteren, unter oder über Zeitungstexten etwa, die Angabe, wieviel Zeit die Lektüre in Anspruch nehmen wird. Das ist kapitalistisches Denken (Zeit ist Geld). Ich verliere normalerweise viel Zeit beim Lesen. Und in diesem Fall liegt der Fehler zunächst ganz klar auf meiner Seite: da ist von dem violett gekleideten Jünger die Rede, und ich habe mir die Farbe violett mal wieder ganz anders vorgestellt. Das ergibt bei uns immer Diskussionen, weil ich mir gerade diese Farbe viel bläulicher denke, während andere behaupten, sie tendiere mehr ins Rot, worauf ich entgegne, man dürfe sie nicht mit Lila vermischen. Und dann redet man über Lila noch einmal so lange. Farben sind also ein Sache für sich, der ich später vielleicht – wieder einmal – nachgehe. Aber ich stolpere sogleich aus anderem Grund:

Maria Magdalena mit ihren langen roten Haaren (rot??? ihr Gewand ist tatsächlich eher rot, oder sagen wir: altrosa, aber gehen die Haare nicht ins Gelbliche, genannt dunkelblond?) und rotem Gewand sitzt zu seinen Füßen. Damit erinnert sie an den Moment als sie seine Göttlichkeit erkannte, während er ihr die Füße wusch.

Wissen Sie, was ich meine? (Nicht das fehlende Komma nach „Moment“, sondern Gravierenderes.) Ich frage: wer hat hier wem die Füße gewaschen? Er ihr oder sie ihm? Zweifellos ist es jetzt sie, die mit ihren Tränen seine Füße benetzt, – jedoch: zum frommen Ausgleich für die Fußwaschung damals oder vielmehr als Parallele?

Schauen Sie hier bei Wikipedia und dort den Absatz über die „fußwaschende Sünderin“ 3.2. oder etwas später unter „Christliche Ikonographie“. Die Frage bleibt vielleicht: kam der Beiname von der Fußwaschung bei der Beweinung, oder schon von der ersten im wirklichen Leben Jesu, wie wirklich es immer war, – es gilt, was dasteht. Man hat sie gleichgesetzt mit einer fußwaschenden Sünderin von der tatsächlich im Lukas-Evangelium Kapitel 7 die Rede ist:

36 Einer der Pharisäer hatte ihn zum Essen eingeladen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und begab sich zu Tisch. 37 Und siehe, eine Frau, die in der Stadt lebte, eine Sünderin, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch war; da kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl 38 und trat von hinten an ihn heran zu seinen Füßen. Dabei weinte sie und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er zu sich selbst: Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist. 40 Da antwortete ihm Jesus und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!

Undsoweiter… Aber wer hat die Gleichsetzung dieser Frau mit Maria Magdalena betrieben?

Papst Gregor I. setzte im Jahr 591 (darin Hippolytus folgend) in einer Predigt Maria von Magdala mit der anonymen Sünderin gleich, die Jesus die Füße wusch. Diese Identifikation wurde Teil der katholischen Tradition um Maria Magdalena.

So steht es im Wikipedia-Artikel, dem ich durchaus Glauben schenke. (Glauben, – dies ist ja keine wissenschaftliche Arbeit, nur ein seriöser Ansatz, wie ich hoffe.)

Aber wo ist meine Kunstbetrachtung geblieben? Das Vertrauen in den (zugegeben: für wenig Geld erstandenen) Kunstband ist fast erloschen. Ich beginne aufs neue mit dem Wikipedia-Artikel von der Beweinung Christi. Damit komme ich auch nebenbei zu einem weiterführenden Farbenvergleich: was ist mit dem violett gekleideten Diener alias Johannes? Und mit den Engeln, die seine weit ausgebreiteten Arme nachahmen und damit dieser Haltung eine kosmische Bedeutung verleihen?

Zur Farbe violett: ich beginne hierOder hier. Also auch die Etymologie von Violett, Lila und Magenta…

Von „lila“ komme ich schnell auf „purpur“, – ganz unpassend? Oder: hier?

Auf der Suche nach einer Psychologie (oder Physiologie?) der Farbwirkungen bin ich auf eine schöne Schule für Anfänger gestoßen und habe zum erstenmal den Satz verstanden: Die Primärfarben sind Cyan, Gelb und Magenta.  Und kurz danach auch diesen: Rotorange, Grün und Violette sind die Sekundärfarben. Und dann ist noch von den unbunten Farben Weiß und Schwarz die Rede. Bin ich damit nicht auf dem rechten Weg, Ihr Maler?! Ich bin ein Glückspilz. Jetzt nur noch schnell die Mischungen… 

Ich breche ab (jemand meinte: mach es Dir nicht zu leicht!)… das folgende gilt auch in der Musik.

ZITAT

Meisterwerke enthalten eine hochgradig verdichtete Vielheit von Traditionslinien und neuen Einfälle, von raffinierten Schachzügen oder auch simplen Ausführungen der Anweisungen von Auftraggebern oder Markterwartungen. Sie sind von der ersten Stunde an zugleich evident und kommentarbedürftig, Vergils „Aeneis“ und Dantes „Göttliche Komödie“ ebenso wie Raffaels „Schule von Athen“.

Der Laie wiederum stellt die Dinge auf den Kopf, wenn er meint, die Zeitgenossen hätten einen unmittelbaren Zugang zu den großen Werken, erst im Laufe der Zeit würden diese unverständlich und würden aus dem Horizont der späteren Generationen immer neu interpretiert, jedoch niemals wirklich verstanden. Das Gegenteil ist richtig: Die großen Werke sind von einer derartigen Komplexität, daß nur die Forschungsleistung vieler Generationen langsam das höchst kunstvolle Mit- und Ineinander der vielen Motive zu sichten und zu erkennen vermag. Der unglaubliche Reichtum unserer Wirklichkeit, wird erst durch mühevolle gelehrte Analyse erkennbar.

Quelle Meisterwerke der Malerei / Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol / von Reinhard Brandt (Hg. und Einführung) / Reclam Leipzig 2001 (2013) Zitat Einführung Seite 8f

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Inzwischen hat sich unterderhand meine Einschätzung der Tonka-Erzählung von Musil völlig verändert, ich hatte sie oberflächlich auf das Geschlechterverhältnis reduziert, fand auch die Mystifizierung der Schwangerschaft unglaubwürdig. Ist es die Aufsplitterung der Welt in Einzelphänomene, die beziehungslos nebeneinanderstehen? Die Betrachtung des alten Bildes und der Farben kam mir in den Sinn, als ich die folgende Stelle wiederlas:

Das kann man begreifen; jedoch er vermochte in seinem Zimmer zu sitzen, von Eifersucht gequält zu sein und sich zu sagen, daß er gar nicht eifersüchtig war, sondern etwas anderes, Entlegenes, merkwürdig Erfundenes; er, dessen eigene Gefühle das waren. Wenn er aufsah, fehlte nichts. Die Tapete des Zimmers war grün und grau. Die Türen waren rötlich braum und voll spiegelnder Lichter. Die Angeln der Türen waren dunkel und aus Kupfer. Ein weinroter Samtstuhl stand im Zimmer und hatte eine braune Mahagonirahmung. Aber alle diese Dinge hatten etwas Schiefes, Vornübergeneigtes, fast Fallendes in ihrer Aufrechtheit, sie erschienen ihm unendlich und sinnlos. Er drückte seine Augen, sah umher, aber es waren nicht die Augen. Es waren die Dinge. Von ihnen galt, daß der Glaube an sie früher da sein mußte als sie selbst; wenn man diese Welt nicht mit den Augen der Welt ansieht; wenn man die Welt nicht mit den Augen der Welt ansieht und sie schon im Blick hat, so zerfällt sie in sinnlose Einzelheiten, die so traurig getrennt voneinander leben wie die Sterne in der Nacht.

Quelle Robert Musil: Drei Frauen, daraus: Tonka / Zitat Seite 100 / rororo Rowohlt Reinbeg bei Hamburg 1964 (1952)

Nachtrag 13. Oktober 2020 Ein guter Rat von Holger Noltze

Als Best Practice stellst Du die Digitale Sammlung des Frankfurter Städel Museums vor. Warum? Und was lässt sich davon eventuell auf die Musik übertragen?

Das tolle an dem Städel-Konzept ist die unendliche Verlinkung und die Bereitstellung mehrerer Zugangsweisen zum Inhalt. Da sehe ich zum Beispiel eine Winterlandschaft von Lucas van Valckenborch, und ein Klimaforscher erzählt mir parallel etwas über die Kleine Eiszeit. Beides wird so elegant miteinander verwoben, dass ich danach wirklich eine andere Assoziation habe als vorher. Für die Musik müssen wir uns fragen, wie wir das Feld über das Konzert hinaus erweitern können. Wir gehen in der klassischen Musik oft von diesem perfekten Bild aus: Der perfekt vorbereitete Musiker betritt eine perfekt mit zwei Blumensträußen garnierte Bühne, spielt perfekt seinen Chopin-Abend und geht wieder. Es gibt keine Fehler. Mich interessiert aber doch eigentlich nicht die Perfektion, sondern das, was schief geht, der Weg zum Außerordentlichen. Darum gibt es dieses Bedürfnis, auch mal zu wissen, was vorher, nachher und dahinter ist: Backstage-Einblicke, Gespräche mit Musiker:innen, da sehe ich ein riesiges Potential.

Quelle: VAN Magazin 7.10.2018 Alter Wein in neuer Leitung / „Wir haben das Internet noch nicht verstanden“ Holger Noltze über Möglichkeiten des Musikerlebens im Netz / Abrufbar hier