Ein Fallrückzieher, der wie ein Gebet wirkt

„Ich kam als König und ging als Legende“ (Ein Vorbild)

Zuerst ein Märchen und dann? Ja, eine Heiligenlegende zweifellos. Wer bisher geglaubt hat, dass Fußball und Religion nur auf Schalke ineinandergreifen, und lächelt, wenn spanische (oder auch andere) Spieler sich beim Auflaufen bekreuzigen, der hat noch nicht Gunter Gebauers „Poetik des Fussballs“ gelesen. Darin wäre er auf das faszinierende Kapitel gestoßen: „Bewegte Gemeinden / Über das Heilige im Fußball“. (Seite 98 bis 116) Ich zitiere:

Wenn eine Gemeinschaft des Fußballs oder der Popkultur ihre Gesellschaftsvorstellung in den Rang eines religiösen Phänomens zu erheben vermag, dann ist dies ein untrügliches Indiz für ihre soziale Wirksamkeit, so dass ihre eigenen Mitglieder, von der Wirkung, die sie selbst mit hervorgebracht haben, beeindruckt, inbrünstig an sie glauben. Sie ist es, die als Quelle des religiösen Lebens wirkt und Zugang zum Heiligen verschafft.

Im Ernst, es lohnt sich, dort noch einmal nachzulesen (Seite 105)

Und doch war ich erstaunt (und, zugegeben, zunächst belustigt), als ich heute morgen die neue ZEIT durchblätterte, Christine Lemke-Matweys Ausführungen über die Lage der Musik in der aktuellen Weltsituation und eine Buchbesprechung zur sprachlichen Schönheit des Korans gelesen, da verhakte ich mich nolens volens in die folgenden Sätze (Achtung, der Ich-Erzähler wechselt):

Ich weiß nicht, wie oft ich mir dieses Tor schon angesehen habe, Zlatan. Es wirkt bei mir wie ein Gebet: Ich schau es an und schöpfe neue Hoffnung. Der Ball kommt aus Eurer Hälfte. Er fliegt. Du sprintest, Du siehst den Ball in der Luft. Der Ball fliegt und fliegt. Der Torwart stürmt aus dem Strafraum. Hat er Angst? Du stoppst. Der Torwart köpft den Ball weg, viel zu schwach, kleiner Bogen. Du drehst Dich, Rücken zum Tor, 25 Meter Entfernung. Du lässt Deinen Körper nach hinten kippen, Fallrückzieher. Du triffst den Ball, liegst quer in der Luft. Taekwondo: das linke Bein angewinkelt, das rechte gestreckt. Diesen Moment habe ich Dir zu verdanken, Zlatan Ibrahimović, dem schwedischen Fußballspieler mit kroatisch-bosnischen Wurzeln. (….)

Es gibt Menschen, die sagen, Du seist arrogant. Als Du Paris verließest für einen besseren Vertrag bei Manchester United, da hast Du gesagt: Ich kam als König und gehe als legende. Zlatan, ehrlich: Wie lange hast Du nachgedacht für diesen Spruch? (…)

Was hast Du gedacht, als der Ball diesen Bogen machte? Als Du gesprintet bist, der Torwart köpfte? Was hast Du gedacht, als Du am Boden lagst? Als das Stadion leise wurde, für eine Schweigesekunde staunender Ungläubigkeit. Hast Du es geglaubt? Wenn ein solches Tor möglich ist, dann ist fast alles möglich. (…)

Und dieser Blog macht es möglich, alles nur Mögliche nachzuempfinden, sofern es uns gegeben ist. Sofern wenn wir nur religiös musikalisch genug sind. Wir springen im folgenden Film auf Time 4:34 – „Nachspielzeit. Und jetzt passen Sie auf!“

Quelle des Zitates: DIE ZEIT 5. Januar 2016 Seite 20 Wehrhaft und stolz Die Tore von Zlatan Ibrahimović sind wie Kunstwerke. Besonders für einen seiner Treffer gilt das. Als dieser Treffer fiel, hielten die Zuschauer ungläubig inne. Von Felix Dachsel.

Der Artikel gehört zu einer ZEIT-Serie mit dem Titel: Was ist heute noch ein Vorbild? Elf Geschichten von Menschen, die für andere zum Maßstab geworden sind. Schlagzeile, links und rechts Fotos von Brad Pitt über Helmut Schmidt bis Jesus Christus.