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Menschen bei Munch

Drei Stunden in Düsseldorf

  

26.01.2020 Ankunft 12 Uhr s.a. hier

Es begann damit, dass wir uns in die gewundene Menschenschlange einreihten, die vor der Zugangstür des ersten Saales wartete, wie im Flughafen. Wenn zwei oder drei herauskamen, ging die entsprechende Anzahl hinein. Drinnen werden sie sich traubenförmig sammeln vor einzelnen Bildern. Im Konzertsaal ordnen sie sich als ein Ganzes, und die tönenden Bilder ziehen vorüber. Ginge es auch anders? Hör-Nischen, aus denen jeweils – sagen wir – 30 Takte tönen, sich wiederholend, bis man sie in allen Feinheiten verstanden hat; dann ginge man weiter, um die Fortsetzung zu hören, und am Ende machte man einen Rundgang durch den ganzen Saal, um die ganze Sinfonie im Zusammenhang zu hören. Was tun die Menschen, um die Bilder wahrzunehmen? Wirken sie auch unter sich, aufeinander, verteilt sich eine allgemeine Konzentration des Schauens im Raum? Ich glaube: ja. Obwohl ich nur einen einzigen Satz – abgesehen von einer kundigen Führerin vor dem Bild Nr. 1 mit der riesigen Sonne – gehört habe, der in Baritonlage unmittelbar beim Betreten des Raumes mit den hohen Portraitbildern ertönte und mich irritierte: „… na, das gefällt mir schon besser…“ Übrigens fand ich, obwohl ich allein der Bilder wegen gekommen war, dass alle Menschen, die sich auf ein Bild konzentrieren, in ihrer Körpersprache ebenso interessant wirken wie dieses selbst. Auch in ihrer Gruppendynamik. Und der Punkt, wenn der ägyptische oder nubische Wachmann sich dezent nähert und flüstert: „Dies ist das einzige Bild, das Sie nicht fotografieren dürfen!“ Warum? „Der Besitzer möchte es nicht.“

 

ZITAT Knausgård (Seite 157 f / s.u.)

Munch interessierte sich für das Serielle, sein Leben lang sortierte er Bilder in die Reihe ein und wieder aus, die er Der Lebensfries nannte; ihn beschäftigte, wie die Bilder in Beziehung  zueinander wirkten. Dazu schrieb er Folgendes:

„Am besten habe ich immer an meinen Gemälden über mich gearbeitet. Ich stellte sie zusammen und fühlte, dass einzelne Bilder in einer inhaltlichen Verbindung miteinander standen. Wenn sie zusammengestellt wurden, lief augenblicklich ein Klang durch sie hindurch, und sie waren ganz anders als jedes einzelne für sich. Es wurde eine Symphonie.

So kam ich auf die Idee, Friese zu malen.“

Sieht man in Ekely entstandene Fotos von Munch, ist er meistens von Bildern aus allen Schaffensphasen umgeben, wodurch der Eindruck eines work in progress entsteht, einer zusammenhängenden malerischen Bewegung, in deren Mitte er sich befindet. Als lebte er in seiner Malerei, ähnlich wie Proust, der in seinen letzten Jahren im Roman lebte.

ZITATende

Zur Idee LEBENSFRIES bei Munch siehe Wikipedia  HIER

ZITAT Knausgård (Seite 160 / s.u.)

Munch selbst schrieb über seine Bilde aus den neunziger Jahren:

„Ich malte Bild auf Bild nach den Eindrücken, die mir in bewegten Augenblicken ins Auge gefallen waren – malte die Linien und Farben, die ich vor meinem inneren Auge sah – auf der Netzhaut.

Ich malte nur das, woran ich mich erinnerte, ohne etwas hinzuzufügen – ohne Einzelheiten, die ich nicht mehr sah. Daher die Einfachheit dieser Bilder – die scheinbare Leere.

Ich malte Eindrücke aus meiner Kindheit – die ausradierten Farben aus dieser Zeit.

Indem ich die Farben und Linien und Formen malte, die ich in einer bewegten Stimmung gesehen hatte – wollte ich die bewegte Stimmung wie in einem Phonographen von Neuem vibrieren lassen.

So entstanden die Bilder im Lebensfries.“

   

 

Elisabeth Förster-Nietzsche 1906 und Ludvig Meyers Kinder 1894

Selbstbildnisse 1923-26 und 1888 (?)

Mittsommerabend 1942

 Zurück ins Düsseldorfer Tageslicht

 

 Heimfahrt

Bis 1.3.! Neue Motivation. Vor einem zweiten Besuch werde ich dies Buch durchgelesen haben:

Karl Ove Knausgård: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche / Edvard Munch und seine Bilder / Aus dem Norwegischen von Paul Berf / Luchterhand Literaturverlag München 2017 ISBN 978-3-630-87589-7

Alle Handy-Fotos JR

Neuer Besuch (mit Rainer Prüss) 8. Februar 2020 11 Uhr

Inzwischen ist George Steiner gestorben, am 3. Februar 2020

oben: Carl Hanser Verlag München Wien 1990

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Exkurs zur Dreizahl

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