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EE 2018 – eine Methode der Erinnerung

Anstelle guter Vorsätze

Ein ziemlich groß angelegtes Experiment, aber nicht so groß, dass ein Blick auf meine verhältnismäßig kleine Zukunft mich lähmen könnte, – ein Selbstversuch. Man müsste ja eigentlich nicht drüber reden (oder schreiben); ich tue es dennoch, weil auf diese Weise eine stärkere Selbstverpflichtung stattfindet. EE heißt bei mir Exerzitium, ein Wort, das an religiöse Praxis erinnert, bei mir aber sehr metaphorisch gemeint ist, etwa im Sinne Hans von Bülows, der Bachs Wohltemperiertes Klavier als Altes Testament bezeichnete, dem als Neues Testament die Klaviersonaten Beethovens folgten. Ich nehme mir also vor, diese gewaltige Bibel der Musik fortwährend zu rekapitulieren, aber so, dass sie mich nicht gegen die Neuigkeiten des Tages abschließt. Also wird diese Übung sinnvoll aufs ganze Jahr verteilt, und auch regelmäßig durch Parallelwerke ergänzt. Etwa durch die Solissimo-Werke für Violine, die 6 Sonaten und Partiten, die man auf je 2 Monate ansetzen könnte, – keine unlösbare Aufgabe in meiner gegenwärtigen Situation. Nicht Konzertreife ist das Ziel, sondern: „jeden Ton aufs neue in den Fingern gehabt zu haben“. Das gleiche mit den Praeludien und Fugen des WTK: es sind 48 Paare, die sich gut auf 12 Monate verteilen lassen. Übrigens in umgekehrter Reihenfolge, zuerst Band II h-moll, erst ganz am Ende anlangend bei C-dur Band I, damit jede Routine ausgeschaltet ist. Ähnlich ist zu verfahren mit den Beethoven-Sonaten, also mit op. 111 beginnend, die ich nie studiert, aber oft gehört habe, während später die mir auch vom Spielen her vertrauten Sonaten op.110 und 109 folgen würden. Etwa 3 pro Monat. Aber klar zeitlich begrenzt, sonst wird man nie damit „fertig“. Es muss ein Kalender erstellt werden, der das imaginäre Knochengerüst des ganzen Jahres fixiert.

Alle anderen Felder der Musik, die mir wichtig wären, z.B. die Wiederauffrischung indischer Ragas, arabischer Maqamat, iranischer Dastgaha, ließen sich anhand eines bestimmten Buches (incl. CDs) betreiben, das mich schon vor Jahren begeistert hat, ohne dass ich es lerntechnisch ausloten konnte: Bruno Nettl – „Excursions in World Music“.

Der wichtigste Punkt aber kommt erst jetzt, hat weniger mit Musik als mit Leben zu tun. Er besteht genau genommen aus 101 Punkten und lässt sich sozusagen gut dreimal auf die Tage des Jahres verteilen. Die Realisierung hat bereits begonnen, denn nichts ist leichter als das: ein praktisch-theoretisches Brevier sozusagen, das heute z.B. den Begriff ICH auf den Tagesplan gesetzt hat. Morgen den Begriff BEWUSSTSEIN („Wie fühlen sich Farben an?“).

vasek-101philosophie-b Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt

Ein solcher „Tagesordungspunkt“ lässt sich morgens nach dem Erwachen durchlesen und einprägen; er bleibt dann gewissermaßen abrufbar, um jeden langweiligen Moment des Tages zu inspirieren. Er dient dazu, den sinnlosen Kreislauf der Gedanken, in den wir oft verfallen, einzudämmen und mit gezielteren Assozitionsketten einzufangen.

Langeoog JR 180102 WOLKEN A

Der WDR-Philosoph Jürgen Wiebicke hat diesen Kreislauf der Gedanken im Alltag – in seinem Fall beim Wandern durch deutsche Lande – treffend beschrieben:

Jeder Wegweiser lehrt mich, dass ich ganz schnell zu Hause sein könnte, wenn ich wollte, aber innerlich bin ich schon ziemlich weit weg. Das hat vermutlich mit der Ereignislosigkeit zu tun. Wenn um einen herum gar nichts geschieht, außer dass permanent Autos vorbeibrausen, und man in leerer Landschaft unterwegs ist, wenn man auch nicht nach dem Weg gucken muss, weil es immer nur geradeaus geht, rutschen die Gedanken weg. Die Beine laufen von allein, und der Kopf ist im Irgendwo. Der Geist ist auf eigensinnige Weise selbst auf Wanderschaft. Gedanken ziehen vorbei wie Wolken am Himmel.

Langeoog JR 180102 WOLKEN B

Diese Erfahrung machen wir ja im Alltag ständig, allerdings in kürzeren Sequenzen. Beim Zwiebelschneiden oder Geschirrspülen, vornehmlich bei Tätigkeiten, die wir mit Routine erledigen. Es läuft ein innerer, aber wir haben ihn nicht bewusst gestartet. Beim Wandern wird diese Erfahrung, so scheint mir, noch intensiver. Man läuft und läuft, und plötzlich wacht man auf und fragt sich, womit man die zurückliegenden Kilometer verbracht hat. Streng genommen mit gar nichts, was eine vernünftige Struktur hätte. Kein Film mit innerer Dramaturgie und ordentlichem Finale, sondern lose Gedankenketten, Träume am helllichten Tag.

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Fotos Langeoog 2. Januar 2018 morgens. Handy Huawei (JR)

Quelle des Textes Jürgen Wiebicke: Zu Fuß durch ein nervöses Land / Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält / Kiepenheuer & Witsch / Köln 2016 / Seite 45 f.

Was Wiebicke hier beschreibt, gilt im Alltag ganz allgemein. Jeder wird diese Erfahrung gemacht haben, wenn er nicht gerade ein Buch liest oder einen zweckbestimmten Text schreibt. (Man lese auch Gottfried Benns Begründung zu Anfang seines Rönne-Textes: „damit nicht alles so herunterfließt“.)

* * *

Bei allen künftigen Blogbeiträgen dieser Reihe sollte am Ende die Rubrik „EE 2018“ stehen, die mich (und andere) über den Fortgang des Experimentes orientiert.

EE2018, 1 – Ich (Wikipedia) 2 – Bewusstsein (Wikipedia) s.a. ZEIT-Artikel von Saskia Gerhard hier. 3 Wahrnehmung (Wikipedia).

Die ersten 31 Stichworte des Inhaltsverzeichnisses wären also das Pensum für den Januar mit seinen 31 Tagen:

philosophie 31 Stichworte nach Anklicken deutlicher und schöner…

Zugleich: Bach (wird ab 4.1. beginnen)

Bach WTK II Ende h-moll BWV 893 bis 10.1. / H-dur BWV 892 bis 17.1.

Zugleich: Beethoven (wird ab 4.1. beginnen) op.111 ab 4.1. bis 13.1. /

Beethoven letzte Klaviersonaten  op.110 ab 14.1. bis 23.1. / op.109 ab 2.2.

Zu BACH: Vergleich zweier Fugenthemen

Bach Fuge h Thema BWV 893

Bach Fuge F Thema BWV 856